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StartseiteBüchermarktEin Leben in Königsberg12.02.2004

Ein Leben in Königsberg

Zwei neue Kant-Biographien

200 Jahre nach dem Tod Immanuel Kants scheint über ihn noch immer nicht alles gesagt zu sein. Nach Zigtausenden von Titeln über den ostpreußischen Denker bricht der Strom keineswegs ab. Zahlreiche Biographien sind neu erschienen. Die einzige, die sich wirklich auf neues Material zu stützen vermag, hat Steffen Dietzsch geschrieben. Denn er arbeitet seit Jahren an einem Forschungsprojekt, das die Akten des königsberger Universitätsarchivs auswertet. Vor Kriegsende in das ostpreußische Allenstein ausgelagert, geriet es in Vergessenheit und wurde überhaupt erst Anfang der neunziger dort im heute polnischen Ort wieder entdeckt. Es erlaubt Einblicke sowohl in die Geschichte Königsbergs als auch in das Wirken Kants an der königsberger Universität als Professor, Dekan und Rektor.

Hans-Martin Schönherr-Mann

Manfred Kühn, "Kant – Eine Biographie", Coverausschnitt (C.H. Beck Verlag)
Manfred Kühn, "Kant – Eine Biographie", Coverausschnitt (C.H. Beck Verlag)

Während Manfred Kühn eine umfängliche Biographie Kants vorlegt, die akribisch auch die Werkentwicklung nachzeichnet und diese in das Leben und die Zeitgeschichte integriert, beschreibt Dietzsch primär Kants Leben im Zusammenhang mit der Sozial- und Kulturgeschichte Königsbergs. Steffen Dietzsch bemerkt:

Seit 1701 wurden die preußischen Könige dort gekrönt und diese Funktion als Krönungsstadt hatte sie bis 1867. (. .) Aber in Königsberg selbst gab es keinen Hof. Es gab ein Schloß, aber es gab keine Hofbeamten, jedenfalls nicht die Menge von Hofbeamten wie in Berlin. Insofern war dieses Hofschranzentum, was eine Residenzstadt immer verheert, eigentlich für Königsberg relativ gering gehalten. Es gab in Königsberg eine Regierung, eine ostpreußische Regierung. Aber die war mit allem, mit Schreibern mit Kopisten nicht mehr als 20 Leute. Man muß das überlegen. Mit 20 Leuten hat man diese riesige Provinz Ostpreußen verwaltet und das zeigt doch die Effektivität der altpreußischen zumal der fridericianischen Verwaltung.

In diesem Sinne war Königsberg eine recht moderne Stadt, eine Seestadt, die sich zu Zeiten Kants durchaus mit Städten wie Riga, St. Petersburg, Amsterdam, Lissabon oder Neapel vergleichen konnte. Da der Hofadel weitgehend fehlte, dominierte das städtische Bürgertum, Händler und Handwerker. Hatte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Aufklärung Königsberg noch kaum berührt, so herrschte zumindest ein kaufmännisches Effizienzdenken:

Dagegen war Berlin ein verschlafenes, kleines Provinznest. Es gab in Berlin keine Universität. Es gab keine Handelsinstitutionen, die es natürlich in Königsberg gab. Königsberg hatte immer schon durch die Handelsbeziehungen eine internationale Dimension, also eine europaweite Ausstrahlung. Und sie hatte europaweit ständige Gäste und zwar nicht nur Leute, die wie in Berlin den Hof besucht haben. (. .) Sie ist eine Ausnahmestadt im ganzen Königreich gewesen, die Stadt Königsberg.

Ein enger lutheranischer Geist dominierte Königsberg andererseits. An der Universität verhinderte er lange, dass sich aufklärerische Gedanken ausbreiten konnten. Erst Kant und seine Generation von akademischen Gelehrten verhalf der Aufklärung zum Durchbruch. Derart fand auch die königsberger Universität Anschluß an die große europäische Geistesbewegung des 18. Jahrhunderts:

Bis dahin war es so, dass die Universität Königsberg eher einen verschlafenen Eindruck machte und der Kronprinz, der dann später Friedrich II. Wurde, hat mal gesagt: Dieses Land Ostpreußen ist reich an Pferden. Aber es bringt keinen einzigen denkenden Geist hervor.

Als Privatdozent und als junger Professor wohnte und lehrte Kant in den Häusern von verschiedenen Kollegen. Denn die Universität stellt keine Hörsäle zur Verfügung. Dafür mußten die Professoren selber sorgen. Erst in den achtziger Jahren erwarb Kant ein eigenes Haus mit einem Hörsaal, der etwa 80 Personen Platz bot. Seit dieser Zeit stellte er auch eine Köchin an und lud häufig mittags Leute aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis zum Essen ein. Das waren keineswegs nur Professorenkollegen, sondern Geschäftsleute, Offiziere, Ärzte, die Notabeln der Stadt wie der Bürgermeister. Über Kants Tischgesellschaft bemerkt Steffen Dietzsch:

Einer der Grundsätze der Einladung war der: Die Zahl der Eingeladenen darf nicht unter der Zahl der Grazien liegen und nicht über der Zahl der Musen, also nicht weniger als drei und nicht mehr als 9. Und es waren in dieser Gesellschaft, die Kant bei sich eingeladen hatte, nie Frauen dabei und bei den Gesprächen in dieser Tischgesellschaft ging es nie um Philosophie. Es ging immer um ein Palaver über die Angelegenheit der Stadt und der Universität. (. .) Und es wurden natürlich - es waren alles ältere Herrschaften, das darf man nicht vergessen - auch Krankheitsgeschichten ausführlich besprochen. Deshalb waren die bestgelittenen Gäste an dieser Tischgesellschaft Ärzte.
Als einzige der neuen Biographien zu Kant enthält Steffen Dietzschs Buch ein Kapitel über Kants Verhältnis zum Judentum. Im Alltagsgerede benahm sich Kant diesen gegenüber keineswegs politisch korrekt. Doch er hatte zahlreiche jüdische Studenten, die sich allerdings nicht der Freiheit des Studiums und des Berufs erfreuten. Überhaupt unterlagen die Juden in Preußen im 18. Jahrhundert zahlreichen speziellen Auflagen, wie beispielsweise einer strengeren polizeilichen und juristischen Ordnung. Sie wurden auch vielfältig kontrolliert. Von ethnischen Spannungen in Königsberg zeugt auch folgende Einrichtung:

Es gab an der Universität einen Lehrstuhlinhaber für morgenländische Sprachen, der den Studenten Hebräisch und Griechisch beibringen mußte. Er hatte in Königsberg eine merkwürdige Aufgabe, die gab es im ganzen Königreich nur in Königsberg. Als sogenannter Judeninspektor mußte er immer zum Sabbat in die Synagoge und mußte darauf achten, dass ein ganz bestimmtes Gebet nicht gesprochen wird, ein Gebet, wo es das Gerücht gab, dass die Juden darin Jesus lästerliche Verse verwenden würden.

Kants jüdische Schüler waren zumeist Medizinstudenten; denn im 18. Jahrhundert wurden Juden in Preußen überhaupt erst langsam zum Studium zugelassen. Die meisten bürgerlichen Berufe blieben ihnen verschlossen, so auch die universitäre Lehre, zu der man in Königsberg Lutheraner sein mußte. Sogar Kalvinisten, allemal Katholiken waren davon explizit ausgeschlossen. Vergeblich versuchte Kant einen jüdischen Übersetzer auf einen Lehrstuhl an der Universität zu hieven. Der Arztberuf aber stand Juden offen. Dabei hörten viele jüdischen Studenten auch gerne bei Kant Philosophie. Denn natürlich kam Kants aufklärerisches Denken diskriminierten Juden entgegen. Der Selbstherrlichkeit der christlichen Religion konnten sie mit Kant antworten, dass man sich nicht mit Gewißheit auf eine bestimmte Gottesvorstellung berufen dürfe. Steffen Dietzsch bemerkt:

Wenn man an Markus Herz denkt, der bei der Entwicklung seiner Lehre ganz am Anfang eine Rolle spielt, oder wenn man an Leute wie Salomon Maimon denkt, die auf Basis Kants eine eigene Fortentwicklung der Transzendentaltheorie geleistet haben, oder in Berlin wo jüdische Freunde es waren, die dafür gesorgt haben, dass die kantischen Theorien auch in die hauptstädtischen Kreise und Salons hineingereicht haben. Da kann man doch sehen, dass es gar keine Berührungsprobleme gab seitens der jüdischen Welt mit Kant, ganz im Gegenteil. Ich glaube Schleiermacher hat mal gesagt: von drei gebildeten jüdischen Hausvätern sind zwei Kantianer. Kant war in Berlin der achtziger und neunziger Jahre eine Mode auch der jüdischen Damenwelt. Jüdische Damen haben gern selbst die kritischen Schriften Kants gelesen.

Das war um so wichtiger als die deutschen Aufklärer Kant weitgehend ablehnten, allen voran der wichtigste preußische Aufklärer, der Verleger Friedrich Nicolai aus Berlin. Im Sinne dieses vorherrschenden Denkens sollte die Aufklärung den Menschen vor allem Bildung und Wissen vermitteln, um die Welt richtig zu verstehen. Den Glauben an moralische und religiöse Autoritäten wollte man dadurch gar nicht erschüttern, eher festigen. Just dem hält Kant sein berühmtes Wort entgegen: "Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.”

Kant geht es bei der Aufklärung also weniger darum, Wissen über die Welt anzuhäufen. Vielmehr will er die Menschen auffordern, selber zu denken und nicht bloß den Autoritäten zu glauben. Als Selbstdenker sollen die Menschen mündig werden. Sie sollen sich selbst und freiwillig ohne Rekurs auf Autoritäten, sondern ausschließlich durch die jedem Menschen eingeborene Vernunft zu moralischen und sittlichen Prinzipien bekennen. Das Wissen von der Welt stellt Kant dabei auch noch unter den grundsätzlichen Vorbehalt, dass der Mensch die Welt nur soweit erkennen kann, wie es ihm seine Erkenntniskräfte und Fähigkeiten erlauben, dass er daher niemals die Welt an sich erkennen kann. Auch dieser Subjektivismus hat Kant bei den zeitgenössischen Aufklärern geschadet. Steffen Dietzsch bemerkt.

Die kantsche Theorie der Erkenntnis hat ein Stichwort provoziert bei den Zeitgenossen, ein verhängnisvolles Stichwort, das hieß Nihilismus. (. .) Ein weiteres Stichwort hieß Atheismus und ein Großteil der deutschen Aufklärung hat sich dann antikantianisch artikuliert und (. .) es gab sogar preußische Universitäten, wo die kantische Lehre verboten worden ist - noch zu Kants Lebzeiten.

Doch Kant ist keineswegs der Auffassung, dass das was man von der Welt erkennt, bloße Fiktion sei. Auch als Subjekt begegnet der Mensch einer harten Realität, die vor allem seine moralischen Fähigkeiten herausfordert. Er stellt auch nicht die Religion als solche in Frage. Aber zum moralischen Handeln hält er sie nicht für nötig. Damit antwortet Kant natürlich auf das soziale und politische Geschehen um ihn herum, was die Biographie von Manfred Kühn noch intensiver und ausführlicher als die von Dietzsch herausarbeitet.

Kant, der der französischen Revolution mit großer Sympathie begegnet, sieht sich beispielsweise in diesen Jahren doch selbst vor allem durch eine antirationalistische, von der Sekte der Rosenkreuzer beeinflusste Religionspolitik Friedrich Wilhelms II. bedroht. Dessen Auffassung, dass Religiosität die Sittlichkeit fördert, beantwortet Kant 1793 mit seiner Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Ihre Vorrede beginnt mit dem Satz: "Die Moral, so fern sie auf dem Begriffe des Menschen als eines freien, eben darum aber auch sich selbst durch seine Vernunft an unbedingte Gesetze bindenden Wesens gegründet ist, bedarf weder der Idee eines anderen Wesens über ihm, um seine Pflicht zu erkennen, noch einer andern Triebfeder als des Gesetzes selbst, um sie zu beobachten.”

Steffen Dietzsch
Immanuel Kant – Eine Biographie
Reclam, 368 S., EUR 24,90

Manfred Kühn
Kant – Eine Biographie
Verlag C.H. Beck, geb., 639 S., EUR 29,90

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