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StartseiteBüchermarktEin Leben ist kein Kinderzirkus08.09.2008

Ein Leben ist kein Kinderzirkus

André Heller: "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein", Erzählung, S. Fischer, 138 Seiten, EUR 16,90

Revue-Impresario und Spektakel-Zampano, weltweit erfolgreicher Kulturmanager und gefeierter Chansonnier: Der Wiener André Heller hat viele Talente. Immer wieder ist der 61jährige auch als Autor hervorgetreten, 2001 etwa mit dem Erzählband "Als ich ein Hund war". Jetzt hat André Heller im Verlag S. Fischer eine autobiographische Erzählung vorgelegt. "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein".

Rezensiert von Günter Kaindlsdorfer

André Heller, österreichischer Multimedia-Künstler, Entertainer (AP)
André Heller, österreichischer Multimedia-Künstler, Entertainer (AP)

Eine Erzählung von André Heller: gut denkbar, dass manch ein kritischer Leser den bei S. Fischer erschienenen 140-Seiten-Band mit spitzen Fingern und skeptischem Gesichtsausdruck zur Hand nimmt. Kann das etwas Gescheites sein?
Es kann.
André Heller hat eine zart-melancholische Geschichte mit groteskem Touch geschrieben, eine traurige und amüsante Geschichte, die Einblicke in die kindliche Seele ihres Protagonisten und in die Bizarrerien der österreichischen Nachkriegszeit gewährt.
"Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein": André Heller berichtet von seinen frühen Jahren, wobei er - Meister der Mystifkation, der er nun einmal ist - die Fährten mit Bedacht verwischt. So heißt es in einer Vorbemerkung:

"Diese Erzählung greift einige Themen und Begebenheiten auf, die meine Kindheit für mich bereithielt. Die Oberhand beim Schreiben hatte allerdings die Phantasie."

Was nun? Autobiographie oder Nicht-Autobiographie? André Heller will sich nicht so recht festlegen:

"Das ist so ein Spiel zwischen meiner Erinnerung und dem, was ich an Bildern und Ergänzungen und kreativen Vorstellungen, die man halt so unter Phantasie subsummiert, zusammengefügt hat. Mir kommt dieses Buch so vor wie diese surrealistischen Bilder, bei denen einer was zeichnet, und dann faltet er's um und gibt die Zeichnung an den nächsten weiter, der dann weiterzeichnet. Manchmal zeichnet meine Erinnerung etwas, und dann geb' ich's weiter an die Phantasie."

Paul Silberstein - so heißt Hellers pueriler Ich-Erzähler - wächst als Spross einer Süßwaren-Dynastie in der eher trostlosen Wiener Nachkriegszeit auf. Sein Vater, ein sadistischer Exzentriker, besitzt eine Zuckerlfabrik im Stadtteil Favoriten, seine Mutter, eine ebenso traurige wie schöne Frau, muss die Launen des Dragee-Dynasten ebenso über sich ergehen lassen wie der 12jährige Sohn Paul und dessen Bruder. Das alles sind Ingredienzien, man weiß es, auch aus der Hellerschen Familienhistorie.

"Ich hab Bilder, ich hab Dämonen, ich hab Verstörungen, ich hab Freuden und Jubelszenen in meinem Kopf, und die versuche ich in der Wirklichkeit auf ihre Statik zu überprüfen. In dem Fall halt, indem ich sie aufschreibe."

"Am 1. Mai 1954 brannte ich - mit Lebkuchen, all meinen Ersparnissen und einer Landkarte von Niederösterreich - in Richtung Gloriette nach Schönbrunn durch. Am Haupteingang hatte ich elf große Firmungsluftballons gekauft. Sie sollten mich forttragen, hoch hinauf. Ein Bruder der Amseln wollte ich sein, um Vater einmal - ein einziges Mal - von hoch oben herab ganz klein zu sehen. Ich scheiterte kläglich."

"Überall rennen Leute herum und jammern, schuld ist die Kindheit, und die Kindheit hat mich deformiert, und die Kindheit ist der Stachel in meinem Fleisch. Ich glaube schon, dass man sich von seiner Kindheit befreien kann. In meinem Leben, das glaube ich ohne Erröten sagen zu können, ist es mir bis zu einem hohen Grad gelungen, mich noch einmal selber in die Welt zu bringen ohne Vater und Mutter. Es gibt keine SCHULDIGEN mehr in meinem Jetzt. Ich habe für mich die Verantwortung übernommen. Wie hat der Peter Altenberg einmal formuliert: "Und wenn du stürzest, so sei's dein eigener Abgrund, in den du fällst, und nicht der anderer Leute." So ist es: Ich bin für mich zuständig, und beschweren kann ich mich nur bei mir."

In eleganter, an den Vorbildern der klassischen Wiener Moderne orientierter Prosa erzählt André Heller von der Kindheit Paul Silbersteins. Wien nach dem Krieg: Die Industriellenfamilie Silberstein bewohnt eine Villa im Nobelstadtteil Hietzing. Der Vater, ein nach Bergamotte-Wässerchen duftender, opiumsüchtiger Tyrann mit monarchistischen Neigungen, war nach dem Einmarsch der Nazis zunächst nach Paris und dann nach London geflohen und hatte General de Gaulle als Verbindungsoffizier zum Weißen Haus gedient. Jetzt hockt Silberstein senior als misanthropischer Familienvater im grauen Nachkriegs-Wien und malträtiert seine Mitwelt, während die Schulden der Süßwarenfabrik wachsen und wachsen.

"Vater war korpulent, mit sehr blasser Haut... Manchmal wirkte er wie ein stark parfümierter Schwamm, der etwas unbeholfen durch die von ihm mit Abscheu beäugte Wirklichkeit trieb. Ich glaube, er hat das meiste, und mit Sicherheit sich selbst, verachtet."

Paul Silberstein, der Sohn, wird vom Vater in das Jesuitenkolleg Attweg - in Wirklichkeit: Kalksburg - verbannt, eine Elite-Zuchtanstalt des katholischen Österreich. Hier werden künftige Kirchenfürsten, Generaldirektoren bürgerlicher Großbanken und christdemokratische Minister auf ihre mehr oder weniger glanzvolle Zukunft vorbereitet, mit humanistischer Bildung und eisernem Drill. Der Knabe leidet.

"Abends, nach dem Auslöschen der Lichter, lagen die vom frommen Leben erschöpften Buben in ihren Militäreisenbetten. Fünf Reihen mit je zehn Zöglingen, die häufig aus ihren Träumen aufschrien oder in dem hohen Schlafsaal eine Kuppel aus Seufzern errichteten."

Es ist eine aus "Grobheit und Kälte gemachte" Welt, der Hellers Protagonist nur kraft seiner Phantasie entflieht. Zuflucht findet er in seinen exzentrischen Tagträumen: Weltmeister im Unsichtbarsein möchte er werden; zudem würde er gern als erster Mensch in einem Asbest-Anzug in das Innere des Vesuv steigen, um in der glühenden Lava nach Feuerfischen zu suchen. Typische André-Heller-Einfälle...
War das auch in Hellers Leben so: dass Imagination und künstlerische Arbeit ihm gewissermaßen als Überlebensmittel dienten?

"Ich glaub' nicht, dass mich diese Arbeit überleben hat lassen, sondern dass die mich gelehrt hat, was Leben überhaupt sein könnte. Ich bin kein geborener Mensch in dem Sinn, ich glaube, dass wir alle immer Entwürfe zu Menschen sind, und die müssen wir dann durch intensiven Einsatz zum Leuchten bringen und weiterentwickeln und fördern."

Ende gut, alles gut: André Hellers, pardon, Paul Silbersteins diktatorischer Vater stirbt 1958. Der präpubertäre Sohn trauert keine Sekunde lang, im Gegenteil. Er fühlt sich frei, endlich frei, ein Bruder der Amseln, wie er sich's immer erträumt hat.
Erstaunlich, wie souverän André Heller von den Verwandlungen und Metamorphosen seiner - seiner? - frühen Jahre berichtet.

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