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StartseiteBüchermarktEin Leben zwischen Dutschke und Khomeini17.11.2011

Ein Leben zwischen Dutschke und Khomeini

Bahman Nirumand: "Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste". Rowohlt

Das Leben von Bahman Nirumand ist eng mit Deutschland verwoben, und das schon seit Jahrzehnten. Wegen des iranischen Autors hätte der Schah im Juni 1967 seine Reise in die Bundesrepublik fast abgesagt: Nirumand sollte am Abend vorher in Berlin einen Vortrag halten, und das war der iranischen Führung alles andere als recht.

Von Jörg-Christian Schillmöller

Bahman Nirumand kritisiert 1967 an der Freien Universität Berlin den Schah von Persien. (picture alliance / dpa)
Bahman Nirumand kritisiert 1967 an der Freien Universität Berlin den Schah von Persien. (picture alliance / dpa)

Der Grund: das schonungslose Buch mit dem Titel "Persien. Modell eines Entwicklungslandes", das zur Pflichtlektüre für die deutsche Studentenbewegung wurde und in dem Nirumand Einblicke in die Schah-Diktatur lieferte.

Bis heute kritisiert der Autor die Menschenrechtsverletzungen in seiner Heimat - und darum lebt er auch bis heute im Exil in Berlin. Bahman Nirumand hat jetzt seine Autobiografie geschrieben - über sein Leben zwischen Rudi Dutschke und Ayatollah Khomeini. Ein höchst spannendes und lesenswertes Buch, findet Jörg-Christian Schillmöller, der den iranischen Exilanten in Berlin besucht und gefragt hat, was geschähe, wenn er in seine Heimat zurückkehren würde.

"Ich denke, dasselbe, was Tausenden passiert ist, die sich im Iran befinden: Man würde mich festnehmen, foltern und vermutlich auch hinrichten. Das ist ganz normal im Iran heutzutage."

Es überrascht, mit welch ruhiger Stimme Bahman Nirumand davon berichtet, dass ihm in seiner Heimat der Tod droht. Doch in dieser Ruhe, mit der er über ernste Dinge spricht, liegt eine Geisteshaltung, die das Leben des iranischen Autors prägt: Bahman Nirumand sucht die kritische Distanz, er ist ein scharfsinniger, pragmatischer Beobachter - der immer dann Mut zum Risiko beweist, wenn es um Freiheit und Menschenrechte geht.

"Ich habe natürlich viel riskiert in meinem Leben. Ich denke jeder, der politisch engagiert ist und sich gegen das Regime stellt, der muss einiges riskieren, das ist selbstverständlich."

Ich habe viel riskiert: Der Satz bringt die knapp 400-seitige Autobiografie von Bahman Nirumand treffend auf den Punkt. Das Buch ist ein politischer Abenteuer-Roman und auf keiner Seite langweilig. Nirumand erzählt sein Leben, und das klar und verständlich. Es ist die Geschichte eines Aktivisten und Publizisten, der als Jugendlicher zum ersten Mal nach Deutschland kommt, der später zwischen den Schauplätzen Iran und Deutschland hin und her reist und der die Studentenunruhen in Berlin ebenso miterlebt wie die Rückkehr von Ayatollah Khomeini nach Teheran Anfang 1979. Zum Glück verliert Nirumand nie die kritische Distanz gegenüber sich selbst. Ganz offen räumt er ein, dass dieser oder jener seiner Einfälle nicht gut, vielleicht sogar peinlich oder ganz einfach falsch war. Das beste Beispiel dafür stammt aus der deutschen Studentenbewegung: Bahman Nirumand war befreundet mit Rudi Dutschke, und gemeinsam schmiedeten die beiden einst den Plan, einen Sendemast des amerikanischen Militärsenders AFN zu sabotieren. Beide fuhren mitsamt einer Bombe im Gepäck Richtung Saarland, dort sollte der Dichter Franz Josef Degenhardt herausfinden, wo der betreffende Mast genau stand. Doch Degenhardt bekam kalte Füße, das Vorhaben platzte. Zum Glück, findet Nirumand heute.

"Hätten wir das gemacht, oder wären wir erwischt worden, hätte das ganz große Konsequenzen für die 68er-Bewegung gehabt, denn plötzlich wäre sie in eine kriminelle Ecke gedrängt worden. Deswegen war es eine sehr riskante Geschichte, deren Ausmaß uns überhaupt nicht klar war. Wir dachten, naja, ein bisschen Sachschaden, das gönnen wir den Amerikanern."

Im Buch selbst liest sich die Begebenheit wie ein Krimi, bei dem Nirumand nicht versäumt, schwere Vorwürfe zu erheben: Die Bombe, so der Autor, habe ihnen der Handwerker Peter Urbach besorgt - der sich später als V-Mann des Verfassungsschutzes entpuppte. Nirumand bezieht hier eindeutig Stellung, und das liest sich so:

"Dass ein demokratischer Staat wie die Bundesrepublik Deutschland von dieser Taktik Gebrauch machte und dies auch noch in einer so riskanten Weise, konnte ich mir damals nicht vorstellen. Urbach hat nicht nur nach dem Dutschke-Attentat die Demonstranten mit Molotowcocktails versorgt, sondern später auch sämtliche radikalen Gruppen mit Waffen und Munition beliefert. Damit hat der Verfassungsschutz den Verlust von Menschenleben in Kauf genommen und zu der Entstehung und Entwicklung bewaffneter Gruppen in der Bundesrepublik einen nicht zu unterschätzenden Beitrag geleistet."

Die Frage drängt sich auf: Hat Nirumand selbst bei seinen Aktivitäten den Verlust von Menschenleben ausgeschlossen?

"Ja, sowohl ich als auch Dutschke, wir haben jede Art von Gewalt gegen Menschen verurteilt."

Einige Eckdaten: Bahman Nirumand wird 1936 in Teheran geboren. Er studiert in München, Tübingen und Berlin - und zwar Germanistik, Philosophie und Iranistik, er promoviert über Bertolt Brecht. Bahman Nirumand gründet die "Konföderation Iranischer Studenten", die sich zum Dachverband der damaligen iranischen Auslandsopposition entwickelt. Gleich zweimal muss Nirumand aus seiner Heimat fliehen, einmal vor dem Schah-Regime, ein zweites Mal vor der Diktatur der Mullahs. Das Thema Exil ist darum auch eines der Leitmotive in seiner Autobiografie.

"Wer diese Gefühle nicht kennt, dem kann man das auch gar nicht vermitteln, weil das sehr tief geht. Das ist ein Gefühl des Verlorenseins, ein ständiges Provisorium, ein ständiges Warten. Als die Revolution ausbrach und ich zurückkehrte, war ich so glücklich, dass ich mich frei in meiner Heimat bewegen konnte - und jetzt musste ich schon wieder das Land verlassen: Diese Niederlage, die ich auch als persönliche Niederlage empfang, das war schon eine harte Geschichte."

Zum Glück traf Bahman Nirumand damals auf einen Menschen, der ihm aus der Krise half: seine große Liebe und spätere Frau Sonia. Ihr habe er auch politisch viel zu verdanken, sagt der Autor, weil sie - ander als er selbst - völlig frei von Ideologie gewesen sei. Fest stehe, so Nirumand, dass die Opposition im Ausland nach der Revolution einen schweren Schlag erlitten habe, und dass viele Iraner der Politik frustriert den Rücken gekehrt hätten.

"Deswegen gibt es heute verschiedene, unzählige, kleine Organisationen, von ganz links bis ganz rechts, aber eine einheitliche Organisation wie damals, die gibt es nicht mehr."

Nur ein Thema fehlt in Nirumands Autobiografie: Es sind die Unruhen des Jahres 2009, die zwar brutal niedergeschlagen wurden, die aber von der iranischen Jugend dennoch als Vorbild für den Wandel in der arabischen Welt gesehen werden. Darüber findet sich kaum etwas in Nirumands Buch. Das wisse er, entgegnet der Autor. Er habe aber nicht über etwas schreiben wollen, an dem er selbst nicht beteiligt gewesen sei. Eine Meinung hat Nirumand aber trotzdem zur Lage im Iran: Das Regime, sagt er, hat es geschafft, die Aufständischen durch Repression, durch Folter und Schauprozesse von den Straßen zu vertreiben. So wurde das Jahr 2011 zwar zum Jahr des arabischen Wandels, nicht aber zu dem eines Wandels im Iran. Das Ausland müsse aktiv werden, allerdings nicht mit dem Einsatz von Militär.

"Eine militärische Option wäre das Verheerendste, was passieren könnte. Nein, der Westen sollte den ganzen Druck auf den Iran bei den Menschenrechten ausüben. Chamenei und Ahmadinedschad wären sicher bereit, in der Wirtschaft Zugeständnisse zu machen, wenn es um ihre Macht ginge. Aber nicht bei den Menschenrechten. Denn sie wissen genau, wenn sie die Menschenrechte zulassen, dann werden sie von heute auf morgen hinweggefegt. Die Zeit für Reformen im Iran ist längst vorbei."

Die Hoffnung hat Bahman Nirumand trotz allem nicht verloren: auch das ein Leitmotiv seiner lesenswerten Autobiografie. Hoffnung, sagt er: Davon lebe ich.

"Figuren wie Chamenei, wie Mubarak, Ben Ali und Gaddafi: Das sind Leute aus einem absurden Theater im 21. Jahrhundert. Sie gehören in den Mülleimer der Geschichte."

Zum Schluss noch eine besonders schöne Anekdote aus der abenteuerlichen Autobiografie des Bahman Nirumand. In Köln erhielt er einst, in den späten 50er-Jahren, ein Angebot, das er kaum ablehnen konnte. Der Chef des iranischen Auslandsgeheimdienstes schlägt ihm und seinen Freunden vor, eine Zeitung herauszugeben, und zwar mit Unterstützung der iranischen Regierung und persönlicher Audienz beim Schah - offensichtlich ein Versuch, den kritischen Denker an das Regime zu binden. Nirumands bemerkenswerte Reaktion steht stellvertretend für sein Leben als unbeugsamer Exil-Iraner.

"Ich war so verärgert, dass ich einfach den Tisch umwarf und sagte: Wir sind unkäuflich, du Bastard. Und dann sind wir abgehauen."


Bahman Nirumand: "Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste". Autobiografie. Rowohlt Verlag. 384 Seiten. 19,95 Euro.

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