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StartseiteForschung aktuellEin Leck mit Folgen07.08.2013

Ein Leck mit Folgen

Radioaktives Grundwasser aus Fukushima fließt in den Pazifik

Aus dem Katastrophenreaktor von Fukushima fließt tonnenweise radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer. Der Betreiber Tepco hat das Problem bislang nicht in den Griff bekommen. Die Folgen sind noch nicht abzusehen.

Von Dagmar Röhrlich

Noch immer gibt es eine Sperrzone um die Atomkraftanlage Fukushima. (picture alliance / dpa)
Noch immer gibt es eine Sperrzone um die Atomkraftanlage Fukushima. (picture alliance / dpa)

Tepco macht immer noch Schlagzeilen: Hatte im April eine Ratte für einen Kurzschluss und damit für einen stundenlangen Ausfall des notdürftigen Kühlsystems gesorgt, als sie in einem Schaltschrank ein Kabel durchnagte, machen nun Dampf und vor allem kontaminiertes Grundwasser Schlagzeilen. Nachdem Tepco über Wochen erklärt hatte, dass kein radioaktiv verseuchtes Wasser aus der Anlage in den Pazifik dringe, musste das Unternehmen Mitte Juli dann doch zugeben, dass das so ist. Man könne es nicht kontrollieren, musste ein Konzernsprecher zugeben. Und nun ist die Lage so ernst, dass die Regierung Hilfe zugesagt hat.

Was ist derzeit los?
Zunächst einmal hat jetzt gerade eine von Tepco beauftragte, international besetzte Expertenkommission ihren Bericht vorgelegt. Danach hat sich die Informationskultur des Unternehmens seit der dreifachen Kernschmelze in Fukushima Daiichi nicht verbessert. Als Grund für mangelnde Transparenz vermutet die Kommission unter Leitung von Dale Klein, dem frühen Vorsitzenden der US-amerikanischen Atom-Aufsichtsbehörde, dass Tepco wohl keinen rechten Plan hat, wie es Menschen und Umwelt schützen kann - und dahinter stecke am ehesten Inkompetenz. Auf der Pressekonferenz äußerten einige der Experten auch ihre Sorge darüber, dass Tepco wieder KKW betreiben möchte.

Diese PK ist ja dann sozusagen die Bühne, auf der sich die Enthüllungen der vergangenen Tage abspielen. Was ist denn da eigentlich alles ans Licht gekommen?

Nehmen wir den Dampf als Beispiel. Mitte Juli war aus Block 3 radioaktiver Dampf ausgetreten. Tepco erklärte, das wohl keine neue Kettenreaktion in Gang gekommen sein könnte, denn man habe weder das kurzlebige Spaltprodukt Xe entdeckt, noch sei die Temperatur scharfangestiegen. Auf jeden Fall sei der Dampf nicht stark belastet gewesen, so Tepco. Nur was dahinter steckt, weiß niemand. Und inzwischen soll kein Dampf mehr austreten.

Die Erklärung Tepcos: Vielleicht ist Regenwasser in das zerstörte Gebäude eingedrungen, auf den heißen Sicherheitsbehälter gelangt und dann verdampft. Das kann passieren, weil Block 3 konnte immer noch nicht von einer vollständigen Hülle umgeben ist, denn noch konnte der hoch radioaktive Abfall nicht ferngesteuert vom Gebäudedach geholt werden. Solange der dort liegt, können die Arbeiter nicht dorthin.

Besteht denn die Gefahr einer erneuten Kritikalität?

Die besteht durchaus, denn irgendwo am Grund der Sicherheitsbehälter liegt eine Masse aus geschmolzenen Brennelementen im Wasser. Auf jeden Fall zeigt der Dampf, wie fragil die Lage ist. Das gilt auch für das radioaktive Wasser, das immer noch ins Meer dringt.

Was hat es denn mit dem Wasser auf sich?
Leckagen gibt es dort anscheinend überall: bei den Leitungen, den Lagerbehältern, den Gruben. Die Anlage gleicht einem vollgesogenen Schwamm, aus dem das Wasser läuft. Jetzt musste Tepco zugeben, dass vielleicht schon seit der Havarie 2011 kontaminiertes Wasser die Anlage verlässt und ins Meer gelangt.

Aktuell geht es darum, dass seit dem 22. Mai an Beobachtungsbohrungen für das Grundwasser hohe Konzentrationen an Tritium, Radiostrontium und Radiocäsium gemessen werden. Um diesen Strom aufzuhalten, hat Tepco im Juni Chemikalien in den Untergrund injiziert. Die härten im Boden aus und bilden eine Barriere. Theoretisch zumindest, denn anscheinend ging dieser Versuch nach hinten los. Anstatt als Barriere zu funktionieren, bildet der ausgehärtete Boden mehr einen Damm, hinter dem sich das kontaminierte Wasser sammelt. Inzwischen ist der unterirdische Spiegel so hoch, dass täglich 300 Tonnen kontaminiertes Wasser darüber fließen und in der Nähe des Anlagenhafens in den Pazifik gelangen. Und wenn dieser "See" weiter ansteigt, kann er die Oberfläche erreichen und für die Arbeiter zur Gefahr werden. Auf das Problem angesprochen, erklärte Tepco nun, man sei bereits sehr damit beschäftigt, die Reaktoren zu kühlen, da habe man nicht schnell genug auf die Grundwasserprobleme reagieren können.

Woher stammt dieses Wasser?
Das weiß man nicht. Die Aufsichtsbehörde geht davon aus, dass es aus den Pools hoch kontaminierten Wassers stammt, die sich in den Leitungen und Gängen unterhalb der Anlage angesammelt hat. Zwar hat man die Gänge und Rohre mit Zement verschlossen, aber nun könnte sich das Wasser seinen Weg durch die Risse suchen und sich im Boden mit dem Grundwasser mischen. Das dauert dann seine Zeit, seit dem 22. Mai wird die Belastung gemessen - und seitdem breitet sie sich aus. Die Werte, die in den Bohrlöchern gemessen werden, übersteigen die Grenzwerte um ein Vielfaches.

Welche Gefahr besteht denn?
Was da herauskommt, ist zwar nur ein Bruchteil der Belastung während der ersten Tage und Wochen, und angeblich - jedenfalls laut Tepco - werden im Meer außerhalb des Hafens auch keine Grenzwerte mehr überschritten. Aber weil niemand weiß, wie lange die Leckage dauert und was alles passieren kann, ist man doch sehr besorgt.

Was will man machen?
Um die Lage zu entschärfen, möchte Tepco zunächst einmal noch noch mehr chemische Barrieren im Untergrund errichten und etwa 100 Tonnen Grundwasser am Tag abpumpen, um einen weiteren Anstieg des Wasserniveaus zu verhindern. Die Frage ist nur, wohin mit diesem Wasser. Schon heute warten mehr als 1000 große Speichertanks auf dem Gelände, die voll sind mit dem kontaminierten Wasser, das aus den Reaktorgebäuden gepumpt wird.

Außerdem hat der japanische Premierminister Shinzo Abe jetzt erklärt, dass dieses ausfließende Wasser ein dringendes Problem sei und die Aufgabe so groß, dass man Tepco nun helfen müsse. Eine Idee ist, den Untergrund um die Anlage 30 Meter tief einzufrieren. In dem Ausmaß ist das noch nie versucht worden. Kostenpunkt 400 Millionen Dollar - das will dann die Regierung bezahlen.

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