Freitag, 15.12.2017
StartseiteBüchermarktEin Mensch mit konsequenter Haltung29.01.2006

Ein Mensch mit konsequenter Haltung

Buch der Woche: "Dietrich Bonhoeffer" von Ferdinand Schlingensiepen

Kann man ein mit 39 Jahren zwar kurz gebliebenes, aber schon in seinen äußeren Verstrickungen hoch komplexes Leben auf knapp 400 Seiten beschreiben? Dazu noch einen Aufriss der Geschichte der Evangelischen Kirche im Dritten Reich liefern, das intellektuelle Innenleben des Portraitierten und seine theologischen Schriften ausmessen und schließlich auch noch eine ausführliche Schilderung des politisch-militärischen Widerstands gegen Hitler abliefern? Dass man es kann, beweist Ferdinand Schlingensiepen in seiner Biographie von Dietrich Bonhoeffer.

Von Florian Felix Weyh

Eine von Fritz Fleer geschaffene Bronzestatue des Pastors Dietrich Bonhoeffer an der St. Petri-Kirche in Hamburg. (AP)
Eine von Fritz Fleer geschaffene Bronzestatue des Pastors Dietrich Bonhoeffer an der St. Petri-Kirche in Hamburg. (AP)

" Ich bin nicht gern und hoffnungsfroh nach Schlönwitz gekommen. (...) Es ist dann alles anders gekommen, als ich gefürchtet hatte. Statt in die muffige Luft theologischen Muckertums kam ich in eine Welt, die vieles vereinte, was ich liebe und brauche: saubere theologische Arbeit in einer kameradschaftlichen Gemeinsamkeit, ... wahrhafte Bruderschaft unter dem Wort, die alle einte "ohne Ansehen der Person" - dabei doch Aufgeschlossenheit und Liebe zu allem, was auch diese gefallene Schöpfung noch liebenswert macht: Musik, Literatur, Sport und die Schönheit dieser Erde - ein großzügiger Lebensstil ... Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, so liegt vor mir wie ein schönes klares Bild: ... die Brüder sitzen schon beim Nachmittagskaffee und Marmeladenbrot. Der Chef ist nach längerer Abwesenheit wieder zurückgekehrt. ... Und nun gibt es die neuesten Nachrichten, schlägt die Welt in die Stille und Einfachheit eines pommerschen Gutslebens. (Ein gefallener Seminarist, S. 228)"

Motive, wie sie einen besonderen Menschen charakterisieren: Der Drang nach Literatur, Musik und Sport, ein großzügiger, den Möglichkeiten großbürgerlicher Herkunft abgewonnener Lebensstil, und natürlich der Wunsch nach theologischem Gedankenaustausch ohne Anpassungen an den mörderischen Zeitgeist. Man atmete die Luft der Freiheit in Groß Schlönwitz, einem winzigen hinterpommerschen Flecken, in dem 1938 ein paar Verschworene der Bekennenden Kirche illegale Sammelvikariate abhielten. Was hier aus der Feder eines wenig später gefallen Seminaristen überliefert wird, steht stellvertretend für viele Gemeinschaftserlebnisse unter dem "Chef" - Dietrich Bonhoeffer. 32 Jahre ist er zu diesem Zeitpunkt alt, kaum älter als seine Schüler, doch blickt er bereits auf ein bewegtes Leben zurück: Mit 21 promoviert, mit 24 habilitiert; dazwischen liegt noch ein Auslandsvikariat in Barcelona, danach folgt ein USA-Aufenthalt mit Abstechern nach Mexiko und Kuba. Heimgekehrt aus der weiten Welt in die brodelnde deutsche Reichshauptstadt Anfang der 30er-Jahre, wird er zunächst Studentenpfarrer an der Technischen Universität - schon damals im Würgegriff nationalsozialistischer Studentenverbände -, arbeitet am Prenzlauer Berg mit proletarischen Jugendlichen, hält Vorlesungen an der Universität und riecht die heraufziehende Gefahr förmlich. Im Frühjahr 33 ist er einer der ersten evangelischen Christen, die unbeugsamen Widerstand gegen den neuen Staat für nötig halten - und überfordert damit sichtlich seine Brüder, die doch seit Luthers Zeiten ihre Glaubensfreiheit mit distanzierter Loyalität zum Staat bezahlen:

" Der Staat hatte nach traditioneller lutherischer Auffassung Recht und Ordnung im "Reich der Welt" aufrechtzuerhalten. Er durfte als von Gott eingesetzte Obrigkeit seine Macht ausüben, ohne dass ihm die Kirche hineinzureden hatte. Die Kirche war "für die Verkündigung des Reiches Gottes zuständig", ohne dass der Staat sich in die geistlichen Aufgaben der Kirche einmischen durfte. Er hatte aber für den rechtlichen Rahmen zu sorgen, innerhalb dessen die Kirche ihren Auftrag ungehindert erfüllen konnte, und darüber zu wachen, dass sich die kirchlichen Amtsträger in Fragen rechtlicher Art an die Gesetze des Landes hielten. So hatte es Bonhoeffer auf der Universität gelernt. dass der Staat zum Unrechtsstaat werden könnte, kam in dieser Theologie nicht einmal als theoretische Frage vor. (S. 143)"

So fasst Ferdinand Schlingensiepen jenes Dilemma der Evangelischen Kirche im Dritten Reich (und später auch in der DDR) zusammen. Nur für Dietrich Bonhoeffer und seine Getreuen war von Anbeginn klar, dass mit Hitler die lutherische "Zwei-Reiche"-Lehre endgültig passé sein müsse, weil selbst das größte Wohlwollen staatlichem Wirken gegenüber vor einer Mordmaschinerie ende. Zur Integration in seiner Kirche trug es allerdings kaum bei, denn die evangelischen Pfarrer, in der Mehrheit pflichtbewusste Staatsbürger, wenn nicht gar glühende Patrioten, hatten einen weiteren Weg vor sich als der auch politisch aufgeklärte Dietrich Bonhoeffer - und sie fanden ihn in der Mehrheit nicht. Auch zu Beginn des Dritten Reiches, als zumindest symbolischer Widerstand gegen die noch nicht gefestigte neue Staatsmacht möglich erschien, verhallten die Vorschläge der Protestanten in der protestantischen Kirche ungehört:

" Bonhoeffer und Franz Hildebrandt schlugen damals ein "Interdikt", eine Art Streik der Pfarrerschaft, vor. Es solle in Deutschland keine kirchlichen Beerdigungen mehr geben, bis das Recht durch den Staat wieder hergestellt sei. Der Augenblick für eine solche Entscheidung hätte nicht besser gewählt werden können. Hitler wollte dem Ausland beweisen, dass er seine "deutsche Revolution" erfolgreich zu Ende gebracht hatte, darum passte zu der feierlichen Unterzeichnung des "Konkordats" am 20. Juli 1933 zwischen der Reichsregierung und dem Vatikan ein Aufruhr in der evangelischen Kirche nun wirklich nicht. Hitler hätte sich einem solchen Druck damals wohl noch beugen müssen. Aber alle, denen Bonhoeffer und Hildebrandt ihren Plan vortrugen, waren schockiert und wiesen den Schritt weit von sich. (S. 151)"

Nun ist es immer problematisch, rückblickend zu bewerten, was in einer bestimmten historischen Situation die einen handelnden Kräfte "wohl" getan hätten, hätten ihnen andere die Stirn geboten, doch markiert das nur die Schwierigkeiten, mit denen sich der neue Bonhoeffer-Biograph Ferdinand Schlingensiepen bei diesem Projekt konfrontiert sieht. Er steckt ein riesiges Feld ab, das den Klüften im Lebenslauf seines Portraitierten zwar entspricht, doch das Genre beinahe überfordert. Kann man ein mit 39 Jahren zwar kurz gebliebenes, aber schon in seinen äußeren Verstrickungen hoch komplexes Leben auf knapp 400 Seiten beschreiben? Dazu noch einen Aufriss der nicht minder komplexen Geschichte der Evangelischen Kirche im Dritten Reich liefern, dazu das intellektuelle Innenleben des Portraitierten ausmessen, seine theologischen Schriften analysieren, und im zweiten Teil des Buches auch noch eine ausführliche Schilderung des politisch-militärischen Widerstands gegen Hitler abliefern? Man kann, und Schlingensiepen tut es, doch es kostet einen deutlichen Preis: ein hohes Maß an Vorwissen beim Leser und eine starke Komprimierung im Stoff. Interessant aber an diesem 100. Geburtstag Dietrich Bonhoeffers ist jenseits innerkirchlicher Konflikte und fachlicher Diskurse rund um seine Person der Mensch, der zu einem der wenigen unbefleckten deutschen Helden des 20. Jahrhunderts zählt und seit seinem Tode vor sechzig Jahren zahllosen Jugendlichen als Vorbild anempfohlen wurde:

" Ein Mensch, dessen hundertster Geburtstag feierlich begangen wird und der vor sechzig Jahren als Märtyrer gestorben ist,"

schreibt Schlingensiepen zu Beginn,

" kann leicht zum Gegenstand allgemeiner Verehrung werden - schon gar, wenn er ein Leben geführt hat wie Bonhoeffer und es von ihm ein Gedicht wie "Von guten Mächten" gibt. Aber Bonhoeffer wollte nicht verehrt, sondern gehört werden. Wer ihn einsam auf ein Podest stellt, entschärft das, was bis heute die Auseinandersetzung mit ihm lohnend macht. "

Im Zentrum lässt sich dies wohl am besten mit dem Wort "Unbeugsamkeit" ausdrücken, einem Charakterzug, der sich schon früh bemerkbar machte. Der im Umgang mit Jugendlichen stets als charismatisch geschilderte Bonhoeffer, verhielt sich vor Autoritäten ganz anders. Bereits als Student strotzte er vor selbstverständlichem Standesbewusstsein eines Intellektuellen, dem man nichts vormachen kann. So erzählt ein ehemaliger Berliner Kommilitone:

" Schon bei den ersten Sitzungen fiel mir Dietrich Bonhoeffer auf. Nicht nur, dass er uns an theologischem Wissen und Können fast alle überragte, war mir das eigentlich Eindrückliche, sondern was mich an Bonhoeffer leidenschaftlich anzog, war die Wahrnehmung, dass hier einer ... selbständig dachte und schon wusste, was er wollte und wohl auch wollte, was er wusste. Ich erlebte (mir war das etwas beängstigend und großartig Neues!), dass da ein junger blonder Student dem verehrten Polyhistor, der Exzellenz von Harnack, widersprach, höflich, aber bestimmt sachlich-theologisch widersprach. Harnack antwortete, aber der Student widersprach wieder und wieder. (S. 47)"

So etwas lernt man nicht, sondern bekommt es in die Wiege gelegt. Es ist das Herkunftsmilieu des liberalen Großbürgertums (mit etlichen adligen Vorfahren), das sich in diesem Mut vor Königsthronen widerspiegelt. Jahre später, bei Auseinandersetzungen mit dem nationalsozialistischen Staat, benutzte Bonhoeffer dieses "soziale Kapital" trickreich, um Vorwürfe der "Volkszersetzung" zu kontern, denn:

" Ich gehöre mit Stolz einer Familie an, die sich um das Wohl des deutschen Volkes und Staates seit Generationen verdient gemacht hat. Zu meinen Voreltern gehört der Generalfeldmarschall Graf Kalckreuth und die beiden großen deutschen Maler gleichen Namens, gehört der in der gesamten wissenschaftlichen Welt des vorigen Jahrhunderts bekannte Jenenser Kirchenhistoriker Karl v. Hase, die Bildhauerfamilie Cauer. Mein Onkel ist der Graf v. d. Goltz, der das Baltikum befreite, sein Sohn, der Staatsrat Rüdiger Graf v. d. Goltz, ist mein Vetter ersten Grades; der im aktiven Heeresdienst stehende Generalleutnant v. Hase ist mein Onkel. Mein Vater ist seit fast 30 Jahren ordentlicher Universitätsprofessor der Medizin in Berlin und steht bis heute in ehrenvollen Staatsämtern, seine Vorväter haben jahrhundertelang als hochangesehene Handwerker und Ratsherren der damaligen freien Reichsstadt Schwäbisch Hall gelebt und noch heute zeigt man dort ihre Bilder mit Stolz in der Stadtkirche. (S. 18)"

Hier nun, in seiner Herkunft, liegt ein verblüffendes Moment dieses ungewöhnlichen Lebens, denn kirchlich gebunden ist sein Elternhaus schon lange nicht mehr, als der kleine Dietrich 1906 geboren wird, auch wenn unter den Vorfahren in Schwäbisch Hall Pastoren zu finden sind. Als Vierzehnjähriger emanzipiert sich der Jugendliche, indem er mit tiefem Ernst für die Kirche plädiert, was weder unter seinen Geschwistern noch bei den Erwachsenen auf Gegenliebe stößt. Der geradlinige Weg hinaus aus dem Elternhaus rundet sich allerdings über die Jahre zur Ellipse, die wieder hinein in die Familie führt. Denn sich dass drei bestenfalls neutral gegenüberstehende Sphären - Politik, Militär und Kirche - in der Person Bonhoeffers berühren, verdankt sich der vielfältigen Kontakte und Vernetzungen seines Clans mit den Eliten von Kaiserreich, Weimarer Republik und, notabene, Drittem Reich. Der erwähnte Onkel v. Hase ist Stadtkommandant Berlins, als sein Neffe 1943 verhaftet wird - und kann ihm, bevor er nach dem 20. Juli 44 selbst hingerichtet wird, etliche Erleichterungen verschaffen. Der für viele - auch äußerst engagierte - Mitglieder der Bekennenden Kirche kaum nachvollziehbare Schritt Bonhoeffers in den aktiven militärischen Widerstand, bei dem es nicht mehr um geistige Freiräume, sondern um praktischen Tyrannenmord ging, lässt sich nur vor diesem Hintergrund von Aufbruch und Heimkehr verstehen. Bonhoeffer war in seinem Pflichtbewusstsein so preußisch wie seine Offiziersverwandten. Doch durch die Auseinandersetzung mit dem Glauben transzendierte dieser Pflichtbegriff von den Niederungen weltlicher Mächte zur ethischen Herausforderung: Handeln auf Befehl eines übergeordneten, universalen Glaubensprinzips. Dem Bruder Karl-Friedrich schreibt er 1935 auf dessen Vorhaltung, er exponiere sich im Kirchenkampf zu sehr:

" Es mag ja sein, dass ich in manchen Dingen Dir etwas fanatisch und verrückt erscheine. Und ich habe selbst manchmal etwas Angst davor. Aber ich weiß, wenn ich "vernünftiger" würde, so müsste ich am nächsten Tag ehrlicherweise meine ganze Theologie an den Nagel hängen. Als ich anfing mit der Theologie, habe ich mir etwas anderes darunter vorgestellt - doch vielleicht eine mehr akademische Angelegenheit. Es ist nun etwas ganz anderes draus geworden. Aber ich glaube nun endlich zu wissen, wenigstens einmal auf die richtige Spur gekommen zu sein - zum ersten Mal in meinem Leben. Und das macht mich oft sehr glücklich. (...) Es gibt doch nun einmal Dinge, für die es sich lohnt, kompromisslos einzustehen. Und mir scheint, der Friede und soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus, sei so etwas. (S. 112)"

Da schimmert immer noch derjenige durch, der oft unduldsam und hochfahrend mit sich und anderen gewesen sein muss - Preis für die Tugend der Unbeirrbarkeit. So erinnert er sich später schamvoll an seine Anfangsjahre auf der Universität:

" Ich stürzte mich in die Arbeit in sehr unchristlicher und undemütiger Weise Ein wahnsinniger Ehrgeiz, den manche an mir gemerkt haben, machte mir das Leben schwer und entzog mir die Liebe und das Vertrauen meiner Mitmenschen. (S. 113)"

Oder im Hinblick auf die eigenen Studenten:

" Ich habe oft das Gefühl, das wohl die Hausfrauen haben müssen, wenn sie mit großer Mühe etwas Besonderes gekocht haben und nachher sehen, wie man es so unter anderem mitfrisst. Aber ein schlecht vorbereitetes Kolleg könnte ich einfach noch nicht halten; ich würde rettungslos stecken bleiben. (S. 118)"

Den Gipfel der Schroffheit - in weniger ernsten Zeiten würde man Selbstgerechtigkeit sagen - erreicht der Theologe auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung mit innerkirchlichen Gegnern Ende der 30er-Jahre:

" Bonhoeffer schrieb einen Aufsatz von 29 Seiten, in dem die Worte "Scheidung", "Entscheidung" und "entscheiden" 53mal vorkommen. Der Aufsatz machte ihn mit einem Schlage in allen Landeskirchen bekannt und löste eine heftige Diskussion aus. Einen Satz fanden die Kritiker so empörend, dass sie erklärten, wer so etwas schriebe, dem müsse die Leitung der Bekennenden Kirche die Aufgabe, junge Theologen auszubilden, entziehen. Der Satz, über den sich ältere Theologen noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg empören konnten, lautet: "Wer sich wissentlich von der Bekennenden Kirche trennt, trennt sich vom Heil." Das ist dem jahrhundertealten Satz extra ecclesiam nulla salus - außerhalb der Kirche gibt es kein Heil - nachgesprochen, den Bonhoeffer in diesem Zusammenhang auch ausdrücklich zitiert. Sehr rasch kursierte stattdessen die verballhornte Fassung: "Wer keine rote Karte hat, kommt nicht in den Himmel." Gemeint war die Mitgliedskarte der Bekennenden Kirche. (S. 207)"

Ferdinand Schlingensiepen unterschlägt diese Hinweise auf einen im Umgang wohl manchmal schwierigen Charakter nicht, wohl wissend, dass das furchtbare Ende Dietrich Bonhoeffers eine andere Leseart nahe legt als es ein friedlicher Ausgang getan hätte. So wie den Verschwörern des 20. Juli oft angekreidet worden ist, sie hätten reaktionäre Vorstellungen von einem Staatswesen nach Hitler gehabt und seien für den demokratischen Neuanfang kaum geeignet gewesen, kann man sich Dietrich Bonhoeffer nur schwer in einer befriedeten Nachkriegskirche vorstellen, in der bloß ein Teil der Pfarrer gegen die Nazis opponiert hatte. Diese Vorstellung verkennt aber in beiden Fällen die Voraussetzungen für militanten Widerstand: Wer konziliant, gesprächs- und verhandlungsbereit, ja vielleicht sogar aus Sorge um die Angehörigen ein bisschen opportunistisch ist, wird niemals sein Leben für den Tyrannenmord verpfänden. Nur mit absoluten, unhinterfragbaren Wertmaßstäben geht man in den möglichen Tod. So war es genau diese charakterliche Disposition, die Dietrich Bonhoeffer von der redenden Kirche weg, zu den handelnden Offizieren hin brachte. Ende Juli 1940 schließt er sich als V-Mann der Auslandsspionage Admiral Canaris an - wohl wissend, dass hier eine aktive Widerstandszelle mit weit reichenden Möglichkeiten am Sturz des Hitler-Regimes arbeitet. Was Schlingensiepen in der Schilderung dieses letzten Lebensabschnitts an fatalem Misslingen, dummen Zufällen und unglaublichen Schicksalsbegünstigungen des Diktators in Erinnerung ruft, grenzt an eine Tragikkomödie. Verhaftet wird Bonhoeffer wegen einer Devisenlappalie, die ihn gar nicht direkt betrifft, und der ermittelnde Nazirichter, der für die Mitwirkung an zahllosen Todesurteilen nach dem Krieg nie zur Verantwortung gezogen wurde, ahnt nicht, wie nahe er einer sensationellen Enthüllung ist:

" Er hatte zwei Regimegegner in der Hand, die nicht nur über alle Attentatsversuche unterrichtet waren, sondern mit Dohnanyi, der den Sprengstoff für Schlabrendorff beschafft hatte, auch einen der aktiv Beteiligten, und hat nicht den kleinsten Hinweis darauf gefunden, dass es eine Verschwörung gegen Hitler gab. (S. 346)"

Erst nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli fliegt auch Bonhoeffers Mitwisserschaft auf, und die Hinrichtung in der letzten Kriegswoche hätte an vielen Stellen aufgehalten werden können, wenn nicht mitten im Chaos das fatale Räderwerk aus Dienstbeflissenheit und Gehorsam bei den Untergebenen noch funktioniert hätte. Bonhoeffer selbst scheint da schon mit dem Leben abgeschlossen zu haben. Er bezahlte für Taten, die er wohl bereit gewesen wäre zu begehen, aber nie begangen hat. Genau dies macht ihn in den Augen der Nachwelt zum Märtyrer, wenngleich sich aus der neuen Biographie keine Anregung zur Nachfolge herauslesen lässt, was auch gar nicht ginge, weil ein Mensch mit solch konsequenter Haltung in einer liberalen Gesellschaft vollkommen isoliert wäre. Das eben markiert den Grundwiderspruch unserer aufgeklärten Welt: Wir erkennen leichter als die im Kaiserreich autoritär sozialisierten Menschen, wann es geboten ist, sich gegen Autoritäten zu erheben - aber wir haben zugleich die nötige Haltung eingebüßt, die man zu dieser Erhebung braucht. Von dieser Unbeugsamkeit besaß Bonhoeffer mehr als genug, dafür fehlte es ihm lange Zeit über am mildernden weiblichen Einfluss. Erst in den Tegeler Haftjahren erfährt er von der deutlich jüngeren Maria von Wedemeyer, was irdische Liebe heißt. Unermüdlich schickt ihm seine Verlobte herzenswarme Briefe ins Gefängnis:

" Neben mir bleibt immer ein großes Loch. Und über ein Loch hinweg unterhält es sich so schlecht, da schreibt man besser hinein. (S. 353)"

Dieser kurze Abschnitt im Buch zeigt einen anderen Bonhoeffer, nicht mehr den über alle Anfechtungen erhabenen Vordenker, Widerstandskämpfer, Weltkirchenfunktionär, sondern einen beinahe zaghaften Liebenden. Als es brieflich zu einer Krise kommt, gesteht er - wohl zum ersten Mal in seinem Leben -, einen anderen Menschen zu brauchen. Da versiegt für einen Moment die immerwährende Kraftquelle, der aus Glauben gespeiste Optimismus. Aber nur für einen Moment, denn trotz anderweitiger intellektueller Einschätzungen ist Optimismus für Bonhoeffer in jeder Lebenslage geboten:

" Es ist klüger, pessimistisch zu sein; vergessen sind die Enttäuschungen, und man steht vor den Menschen nicht blamiert da. So ist Optimismus bei den Klugen verpönt. Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt. Es gibt gewiss auch einen dummen, feigen Optimismus, der verpönt werden muss. Aber den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt. Er ist die Gesundheit des Lebens, die der Kranke nicht anstecken soll. (S. 312)"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk