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StartseiteInterviewEin neuer Blick auf Stalingrad01.02.2013

Ein neuer Blick auf Stalingrad

Historiker über den 70. Jahrestag des Endes der Schlacht um Stalingrad

Der deutsche Historiker Jochen Hellbeck kritisiert, dass bei der Darstellung der Schlacht von Stalingrad "überwiegend eine recht einseitige Beschäftigung mit den Deutschen" vorherrsche. Auch dank neu aufgetauchter Quellen sowjetischer Augenzeigen sei es an der Zeit, den Dialog zu stärken. Hellbeck hat gemeinsam mit russischen Wissenschaftlern die "Stalingrad-Protokolle" herausgegeben.

Jochen Hellbeck im Gespräch mit Christoph Heinemann

Sowjetische Artillerie im Nordwestabschnitt von Stalingrad. (picture alliance / dpa)
Sowjetische Artillerie im Nordwestabschnitt von Stalingrad. (picture alliance / dpa)

Christoph Heinemann: Wie viele Menschen in Stalingrad ums Leben gekommen sind, lässt sich nach wie vor schwer einschätzen. Eine halbe Million auf sowjetischer Seite und rund 190.000 Soldaten der Wehrmacht, diese Zahlen nennt Dr. Jochen Hellbeck, spricht aber von vorsichtigen Schätzungen. Der Historiker und Slawist, der in New York lebt, hat jüngst "Die Stalingrad-Protokolle" herausgegeben, sowjetische Augenzeugenberichte aus der Schlacht, die in der Endphase aufgenommen und dokumentiert wurden. Diese Unterlagen schlummerten jahrzehntelang in Archiven. Jochen Hellbeck hat sie zusammen mit russischen Kollegen ausgewertet und veröffentlicht – etwa die Aussage des Generalmajors Burmakow. Er war Kommandeur der 38. Schützenbrigade und schildert die Gefangennahme des Oberbefehlshabers der Sechsten Armee. Hitler hatte Friedrich Paulus "sicherheitshalber" zum Generalfeldmarschall befördert. Der Marschallstab enthielt die unmissverständliche Aufforderung zum Selbstmord, denn bis zum Februar 1943 war noch kein so hochrangiger General in die Hände der Alliierten gefallen. Paulus ließ sich aber gefangen nehmen und der russische Generalmajor berichtet darüber.

O-Ton Burmakow: "Paulus war unrasiert, hatte Bartstoppeln, trug aber seine Kreuze, wie es sich gehörte. Die Waffe hatte man ihm schon dort abgenommen. Er wurde befragt. Man fragte ihn, ob er den Befehl zur Kapitulation gegeben habe. Er sagte, ja, die Truppen ergäben sich. Er wurde gefragt, warum sie kapitulierten. Er sagte, es gäbe keine Munition, keine Lebensmittel, weiterer Widerstand sei zwecklos. Wir führten sie hin, sagten, setzen sie sich, essen sie, und wir haben einfach zwei Stunden miteinander geredet. Ich stellte ihm die Frage, warum sie nicht aus dem Kessel ausgebrochen waren, als der Weg noch frei war. Er antwortete, das wird die Geschichte ergründen."

Heinemann: Vor dieser Sendung habe ich den Historiker Jochen Hellbeck gefragt, warum die Sechste Armee nicht den Ausbruch wagte, solange dies noch möglich erschien.

Jochen Hellbeck: Na ja, die Sechste Armee wollte ja ausbrechen. Das war im Grunde der einhellige Beschluss verschiedener Kommandeure bis auch einschließlich Paulus. Das ist an Hitler gescheitert, der ausdrücklich befahl, Stalingrad zu halten.

Heinemann: Gab es denn schon Präzedenzfälle, in denen auf deutscher Seite Armeen oder Teile einer Armee aus einer Umzingelung befreit wurden?

Generalfeldmarschall Friedrich Paulus nach der Kapitulation der Wehrmacht bei Stalingrad. (picture alliance / dpa / A0009)Die bis Stalingrad vorgestoßene deutsche 6. Armee unter Generaloberst Friedrich Paulus wurde Ende November 1942 von der sowjetischen Armee eingekesselt. (picture alliance / dpa / A0009)Hellbeck: Ja, das gab es. Es gab eben auch wiederum aus dem gleichen Winter 41/42 einige Fälle, etwa den Kessel von Demjansk, wo deutsche Truppen von sowjetischen Truppen umzingelt worden waren, aus der Luft erfolgreich dann versorgt wurden und einen Ausbruch nach einiger Zeit dann auch starteten, der ihnen dann auch gelang. Wiederum sieht man: Vor dem Horizont praktisch dessen, was die Zeitzeugen damals sahen, könnte man sagen, macht es wiederum einen gewissen Sinn zu sagen, wir halten Stalingrad, wir fahren wieder mit diesem Rezept.

Heinemann: Was wussten die sowjetischen Befehlshaber über den Zustand der Sechsten Armee?

Hellbeck: Ja wenn man die Dokumente liest, die ich in den russischen Archiven sichten konnte, in den Stalingrad-Protokollen, dann ist es überraschend, wie viel sowjetische Offiziere, Nachrichtenoffiziere, Offiziere in der Feindpropaganda über den Zustand der Deutschen wussten. Sie konnten ganz detailliert die landsmannschaftliche Zusammensetzung der Sechsten Armee erklären. Sie waren sogar stolz darauf, dass sie es dort in der Sechsten Armee überwiegend mit, wie sie selber sagten, reinblütigen Ariern zu tun hatten, die besser kämpften in ihren Augen als Österreicher, geschweige denn Rumänen oder Italiener, und das ist natürlich aus der Perspektive des Sieges gesprochen. Sie wollten sich damit schmücken, dass sie gegen einen so hochklassigen Gegner gekämpft hatten.

Insgesamt bin ich beeindruckt davon, wie viel sie wussten und wie sie auch versuchten, dieses Wissen umzusetzen – etwa mit persönlichen Appellen an einzelne Regiments- oder Bataillonskommandeure, die sie namentlich mit Lautsprecher ansprachen über den Schützengräben und aufforderten aufzugeben. Ich habe auch unabhängig davon mit einigen deutschen Veteranen gesprochen und ein ehemaliger Kommandeur erinnert sich, was für ein Schauder ihn überfuhr, als er so namentlich angesprochen wurde. Das machte Eindruck und hier wiederum sieht man, wie wenig die Wehrmacht in dieser entsprechenden Lage sich im Grunde um die Verfassung der Roten Armee kümmerte, wie wenig Gedanken sie sich darüber machte, die Kommandeure psychologisch in ähnlicher Form zu zersetzen – wahrscheinlich, weil man gar nicht ihnen zutraute, für solche Sachen empfänglich zu sein.

Heinemann: Stichwort Psychologie. Was trieb die sowjetischen Soldaten in die Schlacht? War das Opferbereitschaft, war das Angst vor Strafen?

Hellbeck: Die Angst vor Strafen war natürlich ein ganz gewaltiger Antrieb und drakonische Strafandrohungen sind natürlich ein großes Thema in der Schlacht um Stalingrad. Aber sie sind nicht das alleinige Thema und ich glaube möglicherweise auch nicht das erste und wichtigste Thema. Ich glaube, dass da die Forschung häufig sehr unscharf und mit pauschalen Darstellungen operiert. Da geistert eine Zahl in der Forschung umher von 13.500 Soldaten, die alleine der 62. Armee – das ist also nur eine Armee, die Stalingrad hielt, eine von vielen Armeen -, dass allein in dieser Armee über 13.000 Soldaten von der eigenen Armeeführung exekutiert worden seien. Diese Zahlen halte ich für schlichtweg erfunden, die sind in den Archiven, die ich gesichtet habe, nicht belegt. Dort geht man von sehr, sehr viel geringeren Zahlen aus, immer noch eindrucksvollen, schlimmen Zahlen, aber etwa 2000 Soldaten, die hingerichtet wurden.

Genauso auch das Bild, das wir aus dem Kino kennen, "Enemy at the Gates" beispielsweise, dass die Sperrabteilung des NKWD wahllos in den Rücken der Soldaten schossen, beziehungsweise als die sich umdrehten und flüchten wollten, sie erschossen. All diese Bilder muss man sehr genau prüfen und treffen wohl auf Stalingrad nicht zu. Da wurde genau geguckt und da wurden im Grunde die Soldaten, die zurückwichen, zunächst festgehalten und verhört, und die meisten, 98 Prozent, kann man in Statistiken lesen, wurden dann wieder an die Front zurückgeschickt.

Belehrung ist das Stichwort. Also im Grunde die sowjetische Erziehungsdiktatur, die schon seit 25 Jahren am Werk ist, ist natürlich auch in der Schlacht um Stalingrad, ist in der Roten Armee sehr präsent mit Kommissaren, Politruks, Agitatoren, die immer wieder den Soldaten klar zu machen versuchen, worum es eigentlich geht, wofür sie kämpfen und wogegen sie kämpfen und mit diesen Zielen werben und auch glauben, dass das der entscheidende Antrieb sein muss.

Heinemann: Das heißt, die Kommunistische Partei kämpfte mit?

Hellbeck: Auf jeden Fall. Die Rote Armee war eine durch und durch kommunistische Armee, also eine Armee, die mit zwei verschiedenen Strängen, wenn man so will, operierte. Da gab es zunächst mal das militärische Kommando, aber parallel dazu geschaltet neben das Militär ein politisches Kommando, parallel nebeneinander agierende Kommandeure, ein militärischer und ein politischer Kommandeur, und damit versuchte die Kommunistische Partei eben die Rote Armee zu steuern, und den Einfluss darf man nicht unterschätzen.

Heinemann: Herr Hellbeck, in welchem Tenor berichten die russischen Kämpfer über die deutschen?

Hellbeck: Man sieht – das ist auch wiederum in den Stalingrad-Protokollen so eindrucksvoll zu sehen; die sind so zeitnah zum Schlachtgeschehen entstanden, insofern, glaube ich, sehr zuverlässig -, man sieht doch, wie viel Hass auf den Gegner zu spüren ist, ein sehr gegenständlicher Hass. Viele der Soldaten können berichten von dem Schicksal von Angehörigen, die in den besetzten Gebieten leben, oder sie ahnen, wie es ihnen geht. Viele haben auch aufgrund der kommunistischen Propaganda Vorstellungen vom Gegner. Viele sehen in Stalingrad auch den Gegner und kommentieren das Verhalten der Deutschen, die rücksichtslos sind, die sich an der Zivilbevölkerung vergehen, die stehlen, die plündern. Im Grunde sieht man auch aber eine Grundanerkennung und Hochachtung vor den Deutschen. Der Deutsche ist ja in der russischen, auch sowjetischen Kultur eine sehr hoch stehende Figur, ein Vertreter einer kultivierten Nation, und umso größer dann die Bestürzung und auch der Vorwurf gegen die Deutschen, dass sie sich so verhalten.

Heinemann: Konnten beziehungsweise durften die russischen Soldaten unterscheiden zwischen Faschisten und Deutschen?

Hellbeck: Ja. In den Interviews zumal, da haben wir eine ganze Bandbreite von Darstellungen der Deutschen. Ich würde sagen, die verbreitetste Darstellung ist gar nicht einmal der Faschist beziehungsweise der Deutschfaschist, sondern einfach nur er, auf Russisch on, der Gegner, der also nur mit dem Namen er wiedergegeben wird, und das signalisiert ja auch eine gewisse entweder Neutralität, eine Knappheit des militärischen Zeitzeugen, der da spricht, aber auch möglicherweise eine unterschwellige Anerkennung der Kampfkraft dieses Gegners.

Heinemann: Gibt es einen Bruch zwischen der sowjetischen und der postsowjetischen Stalingrad-Geschichtsschreibung?

Hellbeck: Eindeutig. Die sowjetische Stalingrad-Geschichtsschreibung ist eine sehr heroisierende, die in ihrer Heroisierung auch dazu neigte, die einzelnen sprechenden Zeitzeugen zu unterdrücken, und das führte auch dazu, dass die von mir studierten Gesprächsprotokolle im Archiv dann verschwanden. Das galt als subjektivistisch und unzuverlässig. Aber man wollte im Grunde die große Geschichte immer wieder erzählen, und diese Geschichte hat dann viele Brüche erfahren in der späten Sowjetzeit und vor allem in den 90er-Jahren. Man begann dann, die sogenannten Weißen Flecke der Geschichtsschreibung auszuleuchten, und hat dann eben vieles an den Strafmaßnahmen, die Strafbataillone in Stalingrad untersucht, im Grunde die Schattenseiten versucht auszuleuchten.

Bis heute, würde ich sagen, ist das geschichtliche Bild aus diesem Verlauf ein ganz interessantes und durchaus ein breites Spektrum an historischen Forschungen entstanden, das freilich im Schatten der Politik sein Dasein fristet, denn jetzt hat die Politik wieder die Oberhand gewonnen, was Stalingrad angeht. Putin sprach ja auch davon, dass er die WM, die ja nach Russland kommt, auch nach Wolgograd holen möchte, und die Begründung war dann, wie können wir denn ohne Stalingrad siegen, also wir müssen im Grunde ein Stalingrader Spiel haben. Er bringt das so spielerisch, scheinbar spielerisch in Umlauf, aber es wird auch gemunkelt, dass er zum jetzigen Jahrestag jetzt am Wochenende die Stadt wieder in Stalingrad umbenennen will. Das zeigt doch, wie sehr die politische Führung damit spielt, mit dem Mythos.

Heinemann: Wie ist es auf der anderen Seite? Hat der nationalsozialistische Mythos Stalingrad, der so stilisierte Opfergang, der ja ein Höhepunkt des Angriffskrieges war, hat dieser Mythos in der westlichen, nicht nur in der deutschen, in der westlichen Geschichtsschreibung überlebt?

Hellbeck: In gewisser Weise ja, wobei man auch sehen kann, wie stark sich die Darstellung von Stalingrad über die Jahre, über die Jahrzehnte verschoben hat. Ich habe gerade jetzt vor einigen Tagen in der ARD eine Darstellung gesehen, eine Dokumentation mit dem Namen "Der Weg nach Stalingrad", und das ist ein Thema oder ein Titel, der im Grunde ein Thema aus der Wehrmachtsausstellung der 90er-Jahre aufgreift, die sich genau mit dem Weg nach Stalingrad beschäftigte, mit dem blutigen Weg, wo man sieht, wie die Sechste Armee in viele Verbrechen –Stichwort Babyn Jar bei Kiew, verwickelt war. Das ist neu und auch auf jeden Fall zu begrüßen.

Aber es bleibt doch überwiegend eine recht einseitige Beschäftigung mit den Deutschen, oder eine überwiegende Beschäftigung mit den Deutschen und im Grunde auch eine deutsche Choreografie der Darstellung von Stalingrad, der Angriff im Kessel, der Untergang, und auch diese Dokumentation hörte mit dem Schicksal der Gefangenen, der deutschen Gefangenen von Stalingrad auf.

Ich denke, es wäre jetzt auch an der Zeit, mal dialogisch oder stärker dialogisch zu verfahren. Jetzt sind auch mehr Quellen vorhanden. Aber jetzt ist auch, glaube ich, politisch die Zeit gekommen. Stalingrad hieß ja damals schon das rote oder das Zweite Verdun und es ist ganz interessant zu sehen, was ja aus Verdun passiert ist nach der Schlacht, nach dieser großen und schrecklichen Schlacht des Ersten Weltkrieges: zunächst mal zwei unversöhnlich gegeneinanderstehende nationale Gedenkkulturen, deutsche und französische, aber die sich ja dann nach dem Zweiten Weltkrieg vereint haben hin zu einer integrierten europäischen Gedenkkultur, und Verdun steht jetzt stellvertretend für dieses geteilte Drama, für diese geteilte Tragödie, und mir gibt das eine gewisse Hoffnung – vielleicht ist das eine naive Hoffnung, aber ich hoffe dennoch, das noch zu erleben -, dass sich dann einmal ein deutscher und ein russischer Politiker über den Kriegsgräbern von Wolgograd, ähnlich wie Verdun 1984, wo Kohl und Mitterand sich trafen, die Hand reichen und dass auch begleitend dazu gemeinsame Schulbuchkommissionen kreiert werden.

Heinemann: Der in New York lebende Historiker Dr. Jochen Hellbeck, der zusammen mit russischen Kollegen gerade die Stalingrad-Protokolle herausgegeben hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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