Kommentar /

Ein neues Kapitel für Muslime wie Nicht-Muslime

Islamisches Zentrum in Tübingen eröffnet

Von Mathias Gierth, Deutschlandfunk

An der Eberhard-Karls-Universität Tübingen wurde das bundesweit erste Zentrum für Islamische Theologie eröffnet.
An der Eberhard-Karls-Universität Tübingen wurde das bundesweit erste Zentrum für Islamische Theologie eröffnet. (picture alliance / dpa)

Ob der Islam zum kulturellen Erbe Europas gehört oder nicht - darüber wird in der deutschen Politik reichlich gestritten. Allein schon deswegen war es ein gutes und richtiges Signal Berlins, die Etablierung von vier Universitäts-Zentren für Islamische Studien voranzutreiben und finanziell zu unterstützen.

Gut ein Jahr nach der Empfehlung des Wissenschaftsrates zum Aufbau islamisch-theologischer Lehrstühle hat mit der heutigen offiziellen Eröffnung des Zentrums in Tübingen tatsächlich ein neues Kapitel für Muslime wie Nicht-Muslime in Deutschland begonnen.

Die Bundesregierung hofft, mithilfe der Zentren die Integration des Islams in Deutschland zu stärken. Doch das ist ein Missverständnis der neuen Institute. Dort soll und muss es vor allem darum gehen, islamische Theologie als wissenschaftliche Disziplin zu etablieren. Der theologische Diskurs darf nicht aufgrund noch so honoriger Überlegungen verzweckt werden. Mit Recht wehren sich zahlreiche muslimische Wissenschaftler gegen solche Begehrlichkeiten der Politik.

Das heißt nicht, dass die Zentren in ihrer Ausrichtung und Ausbildung an den Bedürfnissen der deutschen Gesellschaft, Muslimen wie Nicht-Muslimen, vorbeigehen dürften. Deshalb muss dort - neben der theologischen Forschung - die Ausbildung von Imamen groß geschrieben werden.

Bislang kommen die meisten Prediger in deutschen Moscheen aus dem Ausland. Predigen dort künftig Geistliche, die Deutsch sprechen und die deutsche Kultur kennen, ist dies ganz automatisch ein entscheidender Beitrag zur Integration.

Das gleiche gilt für die Ausbildung von Religionslehrern. Für etwa 700.000 muslimische Schüler werden in den kommenden Jahren rund 2000 islamische Religionslehrer benötigt. Allen voran gilt das für Nordrhein-Westfalen, das als erstes Bundesland ab dem nächsten Schuljahr flächendeckend islamischen Religionsunterricht einführt. Allein an Rhein und Ruhr leben rund 320.000 muslimische Schüler. Für sie stehen bislang kaum mehr als 140 Islamkundekräfte zur Verfügung.

Den muslimischen Gemeinschaften steht indes ein kaum zu bewältigender Kraftakt bevor. Denn die Universitäten allein sind mit der Lehrer- und Imamausbildung überfordert. Sie sind auf die Zusammenarbeit mit Moscheen und islamischen Verbänden angewiesen. Über Beiräte sind die Verbände an der personellen wie inhaltlichen Ausrichtung der universitären Zentren beteiligt. Doch das inhaltliche Spektrum des Islams ist weit gefächert, innerislamische Ökumene wenig ausgeprägt. Ohne ein breites Gespräch der Muslime untereinander, das zu Kompromissen bereit ist und Einigkeit über Lehrinhalte herstellt, wird es nicht gehen.

Die heutige Eröffnung des bundesweit ersten Zentrums für Islamische Theologie in Deutschland ist daher ein wichtiger Schnitt. Den weitaus entscheidenderen müssen die Muslime jetzt selbst gehen.

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