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Ein Pionier der Atomforschung

100. Geburtstag des Kernphysikers Heinz Maier-Leibnitz

Von Andrea Westhoff

Heinz Maier-Leibnitz war Mitbegründer des Forschungsreaktors in Garching bei München (AP)
Heinz Maier-Leibnitz war Mitbegründer des Forschungsreaktors in Garching bei München (AP)

Zeit seines Lebens war Heinz Maier-Leibnitz ein Verfechter der friedlichen Nutzung von Kernenergie. Das "Atom-Ei" im bayrischen Garching - die 30 Meter hohe Betonkuppel des ersten deutschen Reaktors - erinnert bis heute an den Kernphysiker der ersten Stunde.

In dem berühmten proustschen Fragebogen in der "FAZ" gab Heinz Maier-Leibnitz als "Lieblingsbeschäftigung" an:

"Alles, was vielleicht zu etwas führt."

Tatsächlich war Maier-Leibnitz zeit seines fast 90-jährigen Lebens sehr umtriebig und erfolgreich: Am 28. März 1911 geboren, machte er schon in jungen Jahren die private Bekanntschaft berühmter Physiker wie Niels Bohr, Max von Laue oder des Nobelpreisträgers James Franck, bei dem er später in Göttingen auch Physik studierte und promovierte. Die seiner Ansicht nach wesentlichen Bedingungen eines erfolgreichen Forscher-Daseins waren also von Anfang an gegeben:

"Ich glaube, eins, das wahnsinnig wichtig ist, dass man Vorbilder hat, dass man in eine Atmosphäre hinein kommt, wo sehr gute Forschung gemacht wird."

Heinz Maier-Leibnitz spezialisierte sich auf die noch junge Kernphysik und kam nach einer kurzen Professur in Heidelberg an die TU München, wo er ein weltweit anerkanntes Zentrum für Atomforschung aufbaute. Unter seiner Leitung wurde in Garching auch der erste deutsche Kernreaktor in Betrieb genommen, wegen der 30 Meter hohen ovalen Kuppel "Atom-Ei" genannt. Hier sollte jedoch kein Strom erzeugt werden. Maier-Leibnitz beim Einweihungsrundgang:

"Der Reaktor dient für uns einfach als eine Quelle von Neutronenstrahlen, und wir wollen diese Neutronenstrahlen nutzen, um neuartige Untersuchungen über alle möglichen Probleme der Physik und vielleicht anderer Wissensgebiete zu machen."

Noch allerdings bedurfte es kaum solcher Rechtfertigung, denn die Atombegeisterung in der Bevölkerung war groß im Oktober 1957, und alle amüsierten sich, als das Festmenü zur Einweihung des kleinen Reaktors vorgestellt wurde:

"'Uranstäbe mit Brezen', Weißwürschte, 'Vorfluterbrühe mit Kerneinlage', Leberknödelsuppe und 'radioaktives Kühlwasser' gegen den Durst."

Auch Heinz Maier-Leibnitz war ein vehementer Befürworter der Atomenergienutzung - der Friedlichen. Er gehörte zu jenen deutschen Atomwissenschaftlern, die als "Göttinger Achtzehn" schon im April 1957 ein Protestschreiben an Bundeskanzler Adenauer geschickt hatten. Darin hieß es:

"Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, dass es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichnenden bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen."

Mögliche Gefahren durch die friedliche Nutzung der Kernenergie – mehr Krebserkrankungen etwa oder das Problem der Atommüllendlagerung – hielt Maier-Leibnitz für beherrschbar. Selbst nach dem Reaktorunfall in Harrisburg und sogar nach dem GAU in Tschernobyl 1986 blieb er bei seiner grundsätzlich positiven Haltung:

"Also ich seh einen wirtschaftlichen Vorteil in der Atomenergie, das begrüße ich schon, und ich glaub ja, dass die Gefahren der Atomenergie - damit haben wir uns sehr ausführlich beschäftigt - kleiner sind als eigentlich bei fast allen anderen Energieformen."

Anders als einige seiner Physiker-Kollegen, Robert Jungk zum Beispiel, lehnte Heinz Maier-Leibnitz ein direktes politisches Engagement von Wissenschaftlern ab. Dennoch verstand er es als seine Aufgabe, Politiker zu beraten, zeitweise kräftig unterstützt von seiner zweiten Ehefrau, der Allensbacher Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann. Als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft aber - von 1974 bis 1979 - machte er sich wiederum für die Freiheit der Forschung stark, für ihn eine Garantie für wissenschaftlichen Fortschritt:

"Neues, das kann nicht dem Aufseher einfallen, das kann bloß dem einfallen, der die Arbeit macht."

Dieser Devise war Maier-Leibnitz auch schon als Hochschullehrer gefolgt und konnte auf eine Reihe sehr erfolgreicher Schüler zurückblicken. 1978 - noch zu seinen Lebzeiten - wurde ein Preis gestiftet, der seinen Namen trägt, und mit dem herausragende junge Forscher geehrt und gefördert werden.

Heinz Maier-Leibnitz starb im Dezember 2000. Er war ein Pionier der Atomforschung, aber auch Lehrer, Wissenschaftsmanager und sogar Autor eines Kochbuchs für Füchse – getreu seinem Motto, alles gern zu tun, "was vielleicht zu etwas führt".

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