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StartseiteEssay und DiskursEs gab ein Leben vor dem Wachstum06.09.2015

Ein Plädoyer für PolitikEs gab ein Leben vor dem Wachstum

Postwachstum - unter dieser Parole entwerfen Wissenschaftler Blaupausen für eine zukunftsfähige Gesellschaft und Pioniere erproben neue, nachhaltige Weisen des Konsums, des Wohnens, des Arbeitens. Aber die Politik setzt, unbeirrt von Krise und Klima und ökologischer Vernunft, weiter auf Wachstum. Eine Abkehr vom Konsumismus - der Lebenshaltung, die darauf ausgerichtet ist, das Bedürfnis nach neuen Konsumgütern stets zu befriedigen - bleibt beschränkt auf privilegierte Eliten und Randgruppen. Hier gibt es einen allmählichen Bewusstseinswandel zu beobachten. Lippenbekenntnisse oder wahre Anstrengung? Und selbst wenn, reicht die aus?

Von Mathias Greffrath

Fünf  Stühle in verschiedenen Farben und Größen stehen nebeneinander. Von links nach rechts werden die Stühle immer größer. (imago / Westend61)
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Vor fünf Jahren sagte Angela Merkel, das 21. Jahrhundert werde von uns verlangen, dass wir in neuer Form über Wachstum nachdenken, über ein Wachstum, das nachhaltigen Wohlstand sichert. Nicht nur sie forderte 2010 auf dem Welttreffen der kapitalistischen Eliten in Davos den Übergang zu einem Wachstum, in dem es nicht nur um steigendes Bruttosozialprodukt, sondern um Größen wie Lebensqualität, Sicherheit, Gesundheit und Ökologie geht.

Die Finanzkrise ging in ihr zweites Jahr, die Kopenhagener Klimakonferenz war gerade grandios an der finanziellen Hartleibigkeit der reichen Nationen gescheitert, es war damals populär, von Verstaatlichung der Banken, Schließung der Kapitalparadiese, Kontrolle der Hedgefonds zu reden und das Wachstum in Frage zu stellen.

Es begann das große Nachdenken. Eine Handvoll Nobelpreisträger entwickelte einen Wohlstandsindex, der soziale Gleichheit, Umwelt und Lebensqualität messen könnte. In den Qualitätszeitungen las man zehnteilige Aufsatzfolgen, die die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Kapitalismus diskutierten. Im Berliner Parlament konstituierte sich, angeregt von den Grünen, eine Enquetekommission „Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität". Sie tagte zwei Jahre lang und verfasste einen dicken Bericht, der die Folgeprobleme des kapitalistischen Wachstums erschöpfend auflistete - vom Klima über Rohstoffe, globale Ungleichheit, Erschöpfung der Böden bis hin zum Zerreissen sozialer Netze und der kulturellen Lebensqualität, aber die Kommission konnte sich zu keiner gemeinsamen politischen Empfehlung durchkämpfen. Die Bekenntnisse aller Parteien, das „Wachstum nicht alles sei" fanden ihre Grenze an ihrem - vermeintlichen - Zwang, die Besitzstände ihrer Wählerklientele zu sichern.

Nur auf einigen Seiten dieses 800 Seiten dicken Berichts aus dem Mai 2013, der inzwischen in Abgeordnetenbüros lagert, findet sich, schamhaft in Fußnoten versteckt, der Begriff Postwachstum. Aber dieser Begriff - er klingt nicht ganz so schlimm wie „Schrumpfen" - hat seither eine erstaunliche Karriere gemacht. Freilich nicht im parlamentarischen Raum, sondern in den Analysen und Gedankenskizzen von Wissenschaftlern in allen Ländern der OECD-Welt. Dutzende von Büchern über „Wachstum ohne Wohlstand" wurden geschrieben, Konferenzen abgehalten; und die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert seit 2012 mit sechs Millionen ein „Postwachstumskolleg" in Jena.

Die Zahl der großräumigen Blaupausen für eine demokratische Postwachstumsgesellschaft, für Green Growth - Grünes Wachstum , für einen Globalen Gesellschaftsvertrag, ist inzwischen unübersehbar geworden.

Postwachstum, das ist der Zustand, in dem Europa seit Jahrzehnten lebt

Von all diesen intellektuellen Anstrengungen unberührt rufen die Regierungen Europas unisono nach Wachstum. Die Debatten über die Zukunft und der Alltag der Politik finden in verschiedenen Arenen statt, kaum je berühren sie sich.

Ölschock, Grenzen des Wachstums, Waldsterben, Energiekrise, Klimawandel, Währungs-, Finanz- und Schuldenkrisen - keiner dieser Warnschüsse hat den Glauben der Mehrzahl der Bürger und der Eliten an immerwährendes Wachstum nachhaltig erschüttert. Fast scheint es, als sitze der Wachstumsglauben fester in den politischen Seelen der ökonomischen und politischen Entscheider als vor der Krise.

Es ist eine Wahrnehmungsstörung. Denn der Rückgang der Wachstumsraten ist keine Idee aus Seminarräumen, keine Illusion von Kulturkonservativen, und keine alarmistische Prognose aufgeregt Puberierender. Postwachstum ist nichts, das wir in Zukunft zu erwarten oder zu befürchten hätten. Postwachstum, das ist der Zustand, in dem Europa seit Jahrzehnten lebt.

„Praktiker, die sich ganz frei von intellektuellen Einflüssen glauben, sind gewöhnlich die Sklaven irgendeines verblichenen Ökonomen. Wahnsinnige in hoher Stellung zapfen ihren wilden Irrsinn aus dem, was irgendein akademischer Schreiber ein paar Jahre vorher verfasste." Man muss es nicht ganz so böse sagen, wie es John Maynard Keynes, der große Gegenspieler der neoklassischen Marktidealisten, formulierte. Und es sind nicht so sehr die Formeln von Modellökonomen, in denen Wasser, Erde, Luft, Rohstoff und Menschen nur nach ihrem kapitalisierbaren Wert vorkommen, die die Wahrnehmung der Praktiker vernebeln. Vor allem fällt einer ganzen Generation von Europäern der Abschied von ihren Erfahrungen schwer.

Der Ausnahmezustand abnehmender Ungleichheit und moderater Demokratie

Geprägt wurden diese Erfahrungen von der außerordentlichen Nachkriegskonjunktur, den „Goldenen Dreißigern", wie es in Frankreich heißt, dem „Wirtschaftswunder", wie wir es in Deutschland zu nennen gewohnt waren. Die hohen Wachstumsraten dieser Zeit - in den 50er-Jahren sieben bis acht Prozent - waren nur auf der Grundlage der ungeheuren Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg möglich. Überdies sorgten der deutsche historische Kompromiss der „Sozialen Marktwirtschaft", in dem die Nachkriegslinke ihre Sozialisierungsforderungen gegen Mitbestimmung und Sozialstaat eingetauscht hatten, und die relativ starken Gewerkschaften ein paar Jahrzehnte lang für Vollbeschäftigung und moderate Lohnzuwächse. Die Ausweitung des Massenkonsums von Haushaltsgeräten, Automobilen, Unterhaltungsgütern und Telekommunikation erzeugte eine lange Konjunktur mit hohen Investitionsraten. Und der steuerliche „fall-out" dieses Aufschwungs finanzierte den Ausbau der Infrastrukturen und des Sozialstaats.

Der politische Gewinn dieser Entwicklung war hoch. Der Konsum, so schrieb es schon Mitte der 50er-Jahre der liberalkonservative Soziologe Helmut Schelsky nicht ohne kulturkritisches Bedauern, werde zur „wirksamsten Überwindung des Klassenzustands und des Klassenbewußtseins" führen. Und so kam es, für eine Weile jedenfalls. Für ein paar Jahrzehnte herrschte - wie es jüngst die erschöpfende Untersuchung des französischen Ökonomen Thomas Piketty zeigt - ein Ausnahmezustand leicht abnehmender Ungleichheit und moderater Demokratie. Die Bürger machten die Erfahrung, dass jedes Jahr mehr brachte. Sicher, für einige sehr viel mehr und für die meisten nur etwas mehr - aber immerhin regelmäßig mehr. Das dämpfte die Verteilungskonflikte.

Als sich dann Mitte der Sechziger eine erste Marktsättigung ankündigte und auch die Lohnnachforderungen der Gewerkschaften die Profitmargen sinken ließen, ging es mit dem Konsumieren erst so richtig los. Der Anteil des „frei verfügbaren Einkommens", also das, was nicht für Wohnen, Essen und Energie auszugeben war, stieg rasant. Dabei war die Industrialisierung der Landwirtschaft der entscheidende Beitrag zu dieser letzten großen Wachstumsblüte des 20. Jahrhunderts: Die Einkommensanteile, die vorher für Lebensmittel aufgewendet werden mussten, schrumpften innerhalb von 50 Jahren in Deutschland von 40 auf unter 15 Prozent. So entstand die Kaufkraft für all das, was die Kultur- und Wachstumskritiker nun seit Jahrzehnten bejammern: die werbegetriebene Ausdifferenzierung und Ausweitung der Konsumsphäre: schnellerer Moden- und Modellwechsel bei Autos, Textilien, Möbeln, Unterhaltungselektronik, die Durchkapitalisierung der ehedem marktfernen Bereiche von Familie, Haushalt und Freizeit durch die wachsenden Unterhaltungs-, Dienstleistungs- und Tourismusindustrien.

Das Leben wurde komfortabler, aber die Wachstumsraten sanken weiter. Waren es m Durchschnitt der Sechziger noch viereinhalb Prozent, so fiel die Rate in den nächsten 20 Jahren auf zweieinhalb, und in weiteren 20 Jahren auf ein Prozent im Durchschnitt des Jahrzehnts. Und das war beileibe keine deutsche Entwicklung allein, sie zeigte sich in allen europäischen Staaten ähnlich. Sättigung der Märkte, die neue Konkurrenz der Schwellenländer, schließlich die Globalisierung der Produktion wirkten dabei zusammen. Die Regierungen der Mitte gerieten in die Klemme: einerseits mussten sie die Profiterwartungen der Industrie und die Exportchancen gewährleisten; zum anderen den sozialen Frieden bewahren, sprich den Druck auf die Arbeitsbedingungen nicht zu stark werden lassen und den Abbau des Sozialstaats diskret und nicht zu offensichtlich in Angriff nehmen.

Die Balance gelang nur durch die Abfolge von zunächst Inflation, dann wachsender Staatsverschuldung und schließlich Reduzierung der sozialen Errungenschaften. Die alte Güterfülle blieb, die soziale Sicherheit schwand nur allmählich - aber es geschah auf Pump. Die Arbeitslosigkeit wurde chronisch, das schwächte die Kraft der Gewerkschaften und damit die Binnennachfrage.

Bei all dem ging es den Deutschen - wie ungleich auch immer - vergleichsweise besser als den europäischen Nachbarn. Am Ende des Jahrhunderts stabilisierte die schönfärberisch „Lohnzurückhaltung" genannte Stagnation der Reallöhne das Wachstum. Und es half der Euro, vor allem der Exportindustrie: Wenn Länder so unterschiedlicher Produktivität wie Deutschland und Italien, Portugal, Spanien oder Griechenland eine Währung haben, dann spielt der Markt perfekt: Er stärkt den Starken und schwächt den Schwachen. Auch hier wurde die Diskrepanz zwischen den Nord und den Südstaaten der Eurozone durch Pump übedeckt: in der Folge stieg die private und öffentliche Schuldenlast weiter. Bereitwillig vergab die Finanzindustrie Kredite, kaufte Infrastrukturen auf, finanzierte die Konzentration der Kapitale. Und als die Konstruktion zusammenbrach, wurden die Verluste von Banken und Finanzspekulanten auf die Bürger Europas umgelegt.

Die Sollbruchstellen der Wachstumsdemokratie

An der Stelle sind wir heute. Der Ärger der europäischen Bürger wächst: über verschärfte Arbeitsbedingungen, gelockerte Tarifordnungen, stabile Arbeitslosigkeit, und mit diesem Ärger wächst die Enttäuschung über eine politische Klasse, die ihnen all dieses aufzwingt. Europamüdigkeit, nationale Rückzüge, Wahlenthaltung und der Aufstieg von fundamentalkritischen Parteien sind die Quittung.

Wo die Sollbruchstelle dieser medial unterstützten Wachstumsdemokratie liegt, das wird unter dem offenen Himmel der Geschichte entschieden. Aber die Unruhen in Südeuropa, der Aufstieg undemokratischer und rassistischer Parteien im Norden, die steigende Wahlenthaltung in vielen Staaten und nicht zuletzt die beginnende Völkerwanderung der Armen sind beunruhigende Symptome.

Aber es geht mir hier nicht um Politikerschelte. Eigentlich geht es um eine tiefere Spaltung, und die hat eher die Züge einer Tragödie: die Spaltung zwischen wirtschaftlicher Vernunft und kapitalistischer Wachstumsökonomie. Was seit den 70er-Jahren, als die besorgten Eliten des Club of Rome ihren Bericht Grenzen des Wachstums vorlegten, über Jahrzehnte verleugnet, was in den 80er-Jahren, als die ersten Erkenntnisse über die globale Erwärmung veröffentlicht wurden, bestritten wurde – das ist heute Allgemeingut geworden. Berichte von OECD, Weltbank oder Unternehmensberatungsfirmen dokumentieren, wie ein unregulierter globaler Kapitalismus Armut und Elend auf Dauer stellt. Und dass nicht ein Mangel an Kapital das Problem ist, sondern ein billionenschwerer Überhang von Profiten, der nach Verzinsung schreit und so auf die Realwirtschaften drückt und ein Wachstum aus ihnen herauspresst, das ökologisch und sozial zerstörerisch ist.

Der alte Witz, dass es nur zwei Menschengruppen gibt, nämlich Idioten und Ökonomen, die glauben, dass unendliches Wachstum in einer endlichen Welt möglich sei, dieser Witz sticht schon lange nicht mehr. Denn der Zweifel an der Globalisierung der Unvernunft schwelt nicht mehr nur in den politischen Gefühlen der Normalbürger; er hat auch die Eliten erfasst. Aber auch diejenigen unter ihnen, die von der Notwendigkeit radikaler Veränderungen überzeugt sind, sind gelähmt. Warum das so ist - darüber belehrt der flüchtigste Blick auf die beiden Treiber des Wachstums: die Bedürfnisse und der Wachstumszwang des Kapitals.

Wie die Dinge liegen, ist schon eine Deckelung der Konsumgewohnheiten aller Schichten nicht ohne schwere politische Verwerfungen vorstellbar, geschweige denn ihre Beschneidung. Eine demokratische „Postwachstumsgesellschaft" aber könnte die Verteilungsfrage nicht mehr durch Wachstum neutralisieren. Damit aber kämen die in den Wachstumsjahrzehnten verdrängte Gerechtigkeitsfrage in neuer Schärfe auf die Tagesordnung.

Große gesellschaftliche Veränderungen oder Projekte sind in einer Gesellschaft mit beschränktem Wachstum und schrumpfendem Konsum demokratisch nur mit mehr Gleichheit durchsetzbar.

Für sieben Milliarden Menschen auf unserem Konsumniveau braucht man ein paar Erdbälle

Erst recht stößt die Idee einer Wachstumsbeschränkung außerhalb der OECD-Welt an politische Grenzen: Die Regierungen des globalen Südens würden hinweggefegt werden, wenn sie ihren Bürgern die nachholende Modernisierung - sprich ein Leben wie im Norden - verweigern. Und außerdem: Es gibt keinen moralisch legitimierbaren Einwand gegen dieses Begehren der Massen, solange die Regeln des kapitalistischen Weltmarkts und die Konsummuster des Nordens gelten. Ja, es wäre zynisch, ihnen vorzuhalten: Wohlstand, das heißt nicht, mehr zu haben, sondern weniger zu brauchen - solange die Rohstoffe für unsere Flachbildschirme, Handys und SUVs aus ihren Ländern kommen, solange ihre Frauen und Kinder unseren exorbitanten Bedarf an T-Shirts weben, solange ihre Bauern bankrott gehen, weil Deutschland zum Vizeweltmeister auch des Schweineexports geworden.

Für eine Welt von sieben Milliarden, die auf unserem Konsumniveau leben, braucht man ein paar Erdbälle - auch diese Erkenntnis ist inzwischen trivial. Eine globale Postwachstumswelt - und eine solche Welt ist nur global vorstellbar - müsste eine Welt mit regionalen Wirtschaftskreisläufen sein - oder ein Weltmarkt, auf dem die Löhne der Textilarbeiter in Bangladesh und der Landarbeiter in Brasilien nicht nur das Überleben, sondern Wohlstand ermöglichen, auf dem nicht nur die Kakaobohnen, sondern auch die Kakaoprodukte aus Ghana kommen, auf dem nur global gehandelt wird, was regional nicht produziert werden kann. Es ist eine schöne Vorstellung, und viele Szenarien der Postwachstumstheoretiker malen sie aus. Ihre Verwirklichung aber setzte eine neue globale Welthandelsordnung voraus - und Regierungen in aller Welt, die eine solche Lenkung und Beschränkung durchsetzen gegen die global agierenden Rohstoff- und Textil- und Lebensmittel- und Elektronikkonzerne. Und zu allererst: eine Kontrolle der Finanzmärkte, der überbordenden Menge an Geldkapital, dessen Zinserwartungen das Wachstum immer weiter anpeitschen. Angesichts der ungebrochenen Macht der Geldmärkte, der schütteren Chancen auf eine gelingende Weltklimakonferenz in Paris im November 2015 scheint es unrealistisch, dass eine solche Weltordnung in der Lebenszeit auch nur unserer Kinder zustande kommt.

Das Gegenbild freilich ist gruselig: Es wäre eine Ordnung mit gedoptem Wachstum, mit noch mehr Ungleichheit, in der eine Handvoll global agierender Großkonzerne die kapitalistische „Landnahme" zum Ende treibt, gestützt von einem wie auch immer gearteten und unterschiedlich reichen Verbund von „Marktstaaten" mit demokratischer Fassade, die ihre Massen mit abgestuften Zuteilungen von industrieller Nahrung versorgen und mit gruppenspezifisch ausdifferenzierten Rationen von Entertainment und inszenierten Bürgerdialogen ruhigstellen. Es wäre eine Ordnung, in der die Wohlstandsgrenzen am Mittelmeer und in Mexiko mit Drohnen gesichert werden, und die Zäune, die in Europa, China und Russland die Verarmenden von den Profiteuren des Systems trennen, mit polizeilicher Gewalt.

Postwachstum eine Utopie?

Ist der Gedanke vom Postwachstum also eine Utopie? Eine intellektuelle Ausgeburt satter postmaterialistischer Akademiker, von Bildungsbürgern in gesicherter, zumeist öffentlicher Beschäftigung, von moralisch motivierten Aktivisten in NGOs, von Kirchentagen oder neuerdings von Päpsten?

Man muss da wohl differenzieren, denn die Postwachstums-Szene hat höchst unterschiedliche Formen.

Da sind zum einen die großflächigen Blaupausen und Manifesten für einen Globalen Gesellschaftsvertrag oder Globale Gemeingüter. Aber die meisten von ihnen haben keine Ausführungsbestimmungen, keinen Werkzeugkasten zur Umsetzung. Sie appellieren an die Vernunft und die Moral. Damit erinnern sie an die Theorien, Modelle und Pamphlete der frühen, utopischen Sozialisten, vor der Entstehung der Arbeiterbewegung. Es sind Ideen, denen alle Menschen guten Willens zustimmen, aber die sich, wie Marx sagte, blamieren, solange kein starkes Interesse, keine machtvolle Bewegung sie trägt. Und ob die Gedankenblitze, die sie schleudern, etwas nicht nur entzünden, sondern am Brennen halten, das steht in den Sternen, einstweilen steht die Phalanx der Weitermacher noch fest und ohne Lücken.

Dann sind da die Praktiker der Konsumbeschränkung. Sie plädieren nicht nur für den individuellen Ausstieg aus der Kultur des Konsums, für Zeitwohlstand statt fragwürdiger Steigerung der Gütermenge, für eine Besinnung auf kulturelle Werte und Selbstbetätigung - sondern sie erproben diesen Ausstieg. Es gibt sie in der Luxusvariante: Menschen, die aus einer Mischung von Überdruss am Wohlstand und ökologischer Einsicht ihre Überzeugungen und ihren Konsum in Einklang bringen wollen, aber doch der Marktwelt nicht entkommen, wenn sie im Bioladen Ökotomaten kaufen, in hippen Markthallen Designerklamotten aus pestizidfreier und fair gehandelter Baumwolle anprobieren, Car-Sharing betreiben, und 120 Kilometer fahren, um im Boden ihres Zweitgrundstücks zu buddeln und zu pflanzen. Das ist eine schön anzusehende Askese, die nicht schadet, aber durchaus wachstumstreibend ist: richtiges Leben on top der falschen Gesellschaft, schicke Verweigerung.

Gesellschaften verändern ihre Lebensweise nicht aufgrund von vernünftigen Argumenten

Aber andere machen ernst - aus Überzeugung, aus Not oder einer Kombination von beidem. Sie leben asketisch, reduzieren die Quadratmeter, die Fleischrationen und die Zahl der T-Shirts, sie kochen mit dem, was andere wegwerfen, gründen Tauschringe, radeln in ihrem Bundesland statt auf die Kanaren zu fliegen. Ihr ökologischer Fußabdruck ist so klein wie ihr Finanzbedarf. Sie engagieren sich für fair trade, blockieren am Wochenende die Bauplätze von Hühnerfabriken. Sie ziehen als Biobauern aufs Land, sie gründen Produktionsgenossenschaften, sie opfern Jahre, um ihre Kommune oder gar ihre Region energieautark zu machen. Ingenieure und Bastler entwerfen Toiletten, die mit Brauchwasser arbeiten, Passivhäuser oder neuartige Batterien; Aktivisten bepflanzen Stadtgärten oder recyceln kaputte Geräte in Reparaturcafés. So entstehen Inseln der Vernunft im großen Strom des Wachstums, die mit großem Einsatz an Lebenszeit und oft mit existenziellen Risiken aufgeschüttet werden. Aber bislang liegt ihre Wachstumsrate unter des des Bruttosozialprodukts. Die Ansteckungswirkung der Appelle und der existenziellen Experimente bleibt quantitativ und subkulturell begrenzt. Diese Avantgarde des Postwachstums wartet noch auf ihre Kampftruppen.

Alle historische Empirie spricht dafür - vielleicht mit der Ausnahme religiöser oder quasireligiöser Gemeinschaften - , dass ganze Gesellschaften ihre Lebensweise nicht aufgrund von vernünftigen Argumenten, voraussschauender Planung oder moralischer Einsicht verändern, sondern nur unter dem normativen Druck der Rahmenbedingungen. Und solange der nicht stark genug ist, werden auch die Debatten über „Postwachstum" akademisch bleiben und die Inseln der Praktiker sich nicht zu einem neuen Festland vereinigen.

Aber alle historische Empirie spricht auch dafür, dass Menschen ihre besten Eigenschaften und ihre produktivsten Fähigkeiten unter dem Druck der Rahmenbedingungen entwickeln, dass sie flexibel und kreativ auf Notlagen und Mangel reagieren können, fantasievolle Formen von Selbsthilfe entwickeln, solidarisch handeln. Urban Gardening, Regiogeld, Tauschringe und Volksküchen, die Sammlung von Wertstoffen, Carsharing, Radfahren, sparsamer Umgang mit Energie und Wasser, saisonales und regionales Essen, Secondhand-Kleidung - aber auch Zeitwohlstand, Spielabende in Mehrgenerationenwohnungen, Nachbarschaftshilfe und Alternativmedizin - all das ist ja nicht neu. Vieles von dem, was die ökologischen Aktivisten oder die alternativen Animateure in den letzten Jahren neu erfunden haben, das kennen die Älteren aus der Alternativökonomie der Nachkriegszeit. Die Menschen damals stellten sich um, nicht aus intellektueller oder moralischer Überzeugung, nicht freiwillig, sondern von den Rahmenbedingungen gezwungen. Den Rahmenbedingungen einer Post-Kollaps-Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die aus einem Krieg kam. Aus einem Krieg, der aus einer Weltwirtschaftskrise wuchs, aus Verteilungskonflikten und aus der Torheit der herrschenden wirtschaftlichen und politischen Eliten und aus der Not der Massen.

Historische Vergleiche greifen meist zu kurz, aber die Krisen und die Kriege der Vergangenheit können unseren Blick für die langfristigen Folgen unseres Handelns, oder unseres Unterlassens schärfen. Die Einsicht, „dass es so nicht weitergeht", breitet sich seit den 70er-Jahren aus. Eine andere Welt ist möglich - nicht nur in Gedanken: Die materiellen Voraussetzungen für den Übergang in eine neue Stufe der Zivilisation sind gegeben. Aber die politischen Rahmenbedingungen für diesen Übergang - so sagt es der Sozialpsychologe Harald Welzer, ein kreativer Vordenker der Grassroots-Bewegung, liegen derzeit „jenseits des Gegebenen". Und er propagiert die tausend Arten, „bei uns selbst anzufangen", denn: „Das geht sofort".

Ein Abschied der Intellektuellen wäre fatal

Ist der Eindruck falsch, dass der Zunahme zivilgesellschaftlicher Aktivitäten ein abnehmendes Interesse, ja eine Verachtung von Politik entspricht? Nichts gegen die Fluchtbewegungen und alles Verständnis für Resignation und Privatisieren - jeder Blick in die Zeitung legt so etwas nahe; aber eine Flucht der Informierten und der Intellektuellen vor der Härte der politischen Materie, die wäre fatal. Ja, es wäre ein Verrat, zumindest ein Abschied der Intellektuellen von dem, was sie 200 Jahre lang als ihre Aufgabe betrachtet haben: die Herrschenden mit den Tatsachen zu konfrontieren und sie zu zwingen, in der Wahrheit zu leben. „Wir wissen genau, was wir zu tun hätten", sagte der EU-Präsident Juncker vor einiger Zeit, „aber wir wissen auch genau, dass wir dann abgewählt würden".

Alle Überlegungen über die Konturen einer „Degrowth-Ökonomie", einer „Postwachstumsgesellschaft", alle Pioniertaten und Experimente, alle Bestrebungen zur Ökologisierung der Politik könnten Übungen in Vergeblichkeit sein, wenn sie nicht - gleichgewichtig - mit einer Politisierung der ökologischen Aktivisten, mit einer Ablösung der Eliten, mit einer Instandbesetzung der politischen Institutionen einhergeht. Denn noch stehen die, aber ihre Fundamente schwanken und ihre Fassaden sind durchlöchert. Die über den Wohlstand wie über die Demokratie der Zukunft entscheidende Frage lautet: Mit welchen Institutionen kann die Klimakatastrophe eingedämmt, die ökonomische Entwicklung des globalen Südens auf einem anderen Pfad als dem des Konsumwachstums gesichert werden? Mit welchen politischen Allianzen kann die verheerende Gewalt der Profitwirtschaft kontrolliert werden? Und für uns, in den Wohlstandsregionen, heisst das: Wie können - unter Bedingungen von Wachstumsraten, die gegen Null gehen und einer immer noch wachsenden Population „überflüssiger Menschen" - Arbeitsplätze, soziale Sicherheit, Alterungsprobleme, Bildung, Wissenschaft, medizinische Versorgung in Europa organisiert werden? Mit welchen Hebeln könnten die Ess- und Mobilitätsgewohnheiten einer ganzen Bevölkerung verändert werden? Wie sehen die Lehrpläne für eine Gesellschaft des „Weniger" aus? Derart vertrackte, technische und institutionelle Fragen werden in der alternativen Öffentlichkeit eher am Rande behandelt, in der „Qualitätspresse" und im Parlament spielen sie kaum eine Rolle - aus Ermüdung, aus Resignation oder aus dem unaufgeklärten Eigeninteresse arrivierter Mittelschichtler.

Wenn die Verleugnung der Fakten zum Modus der Politik geworden ist, helfen keine Blaupausen, keine Appelle und kein Kleinklein mehr. „Wenn Eure Repräsentanten nicht auf das hören, was Ihr Ihnen sagt, dann müsst Ihr selber kandidieren" - so sagte es vor Jahren Al Gore. Ohne einen Wechsel der politischen Eliten und ohne eine kräftige Belebung der parlamentarischen, gewaltengeteilten Demokratie müsste sich die Hoffnung auf eine wachstumsbefriedete Welt auf unbestimmte Zeit umdatieren; sie kann sich dann nur noch auf eine quasi-evolutionäre Entwicklung stützen: darauf nämlich, dass auf lange Sicht das ökologisch destruktive Wachstum im globalen Süden mit dem zweifelhaften Wohlstand, der Emanzipation der Frauen und wachsender Bildung langfristig die Geburtenraten fallen lässt. Nach sechs oder sieben Generationen führte ein solcher Entwicklungspfad - so hat es Reiner Klingholz in seinem Buch Sklaven des Wachstums skizziert - in eine Welt, in der die Fortpflanzungsrate der Menschheit auf das heutige westliche Niveau geschrumpft wäre und drei Milliarden Menschen der Erde nicht mehr so viel antun könnten. Aber dieser Pfad würde durch das Fegefeuer ungebremsten globalen Wachstums und die Vorhölle der Erderwärmung führen, durch ökologische Katastrophen, kriegerische Auseinandersetzungen um Rohstoffe und Wasser und aller Wahrscheinlichkeit nach durch Glaubenskriege aller Art.

Die Landschaft, durch die er führen würde, hätte - wenn auch auf völlig anderer Grundlage - große strukturelle Ähnlichkeit mit der Welt „vor dem Wachstum", vor dem Siegeszug des Kapitalismus und vor der Herausbildung der bürgerlich kapitalistischen Epoche. Die Integrationsmechanismen der feudalen und absolutistischen vorkapitalistischen Gesellschaften hießen Gewalt und Religion. Es dauerte Jahrhunderte und bedurfte einiger Revolutionen, bis Wissenschaft und Aufklärung die Religion zurückdrängten, bis das - zunächst christliche - Naturrecht die Demokratieforderungen hervortrieb, bis Technik und Wissenschaft das Leben der Massen leichter und länger werden ließen. Bis heute aber bricht sich die Forderung nach einem nachhaltigen Wirtschaftssystem wie die nach Wirtschaftsdemokratie am Primat des Privateigentums. Die Zukunft der Menschheit - man muss es wohl so dröhnend sagen - hängt daran, dass genug Menschen sich daran machen, die Aufklärung zu vollenden.

Als Jimmy Carter vor 35 Jahren den Report Global 2000 vorstellte, eine der ersten politischen Reaktionen auf die kommenden Krisen, verbunden mit der Aufforderung, die notwendigen institutionellen Veränderungen in Angriff zu nehmen, da sagte er: „What we need, is a moral equivalent to war" - eine Moral, die wir sonst nur aus Kriegen kennen. Er meinte damit die Bündelung aller gesellschaftlichen Kräfte zur Abwendung kommender Katastrophen, das gesellschaftliche Gesamtkunstwerk einer demokratischen Konstruktion normativer Zwänge, die eine große Wende ermöglichen - vor der Katastrophe und zur Rettung einer unwahrscheinlichen Kultur.

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