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Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteGesichter EuropasEin Platz für die Toten, ein Ort für die Lebenden01.11.2008

Ein Platz für die Toten, ein Ort für die Lebenden

Friedhöfe in Europa

Friedhöfe haben viel mit dem Leben zu tun: Sie sind ein Ort der stillen Zwiesprache mit verstorbenen Angehörigen und Bekannten, Freundinnen und Freunden - ein Ort, um sich mit der eigenen Vergangenheit zu verabreden, ein Ort der Erinnerung, um anderen, aber auch sich selbst nahe zu sein. Mehr noch: Friedhöfe sind das Spiegelbild einer Gesellschaft und ihres Umgangs mit dem Tod.

Eine Sendung mit Reportagen von Hans Woller, Martin Alioth, Sabine Adler, Karl Hoffmann und Antonia Kreppel, am Mikrophon: Thilo Kößler

Friedhöfe - Orte der Erinnerung. (Stock.XCHNG / Linda Mcnally)
Friedhöfe - Orte der Erinnerung. (Stock.XCHNG / Linda Mcnally)

In seiner Studie über die Geschichte des Todes beklagte der französische Soziologe Philippe Aries Anfang der achtziger Jahren den Umgang der modernen Gesellschaften mit Sterben und Tod: Dort, wo Leistung, Jugendlichkeit und Konsum die Leitwerte bestimmen, werde das Schlusskapitel des Lebens nurmehr als Fußnote wahrgenommen, meinte er: tabuisiert, verdrängt, verleugnet, abgeschoben in die Anonymität steriler Klinikräume.

Und doch betrifft dieses Thema jeden - an Allerheiligen, am Totensonntag und dem Volkstrauertag, in diesen Novembertagen also, wird der Toten gedacht: Mit einem Gang auf den Friedhof, dorthin, wo man sich erinnern kann und stumme Zwiesprache halten.

Friedhöfe haben viel mit dem Leben zu tun - sie sind der Ort unserer Verabredungen mit verstorbenen Freundinnen und Freunden, mit Bekannten und Verwandten, der Ort unserer Vergangenheit, mit der wir leben.

Friedhöfe in Europa - ein Platz für die Toten, ein Ort für die Lebenden: Gesichter Europas mit einem Spaziergang über Friedhöfe in Paris, in Irland, in Moskau und Venedig. Und mit einem Abstecher nach Wien.

Friedhöfe sind das Spiegelbild einer Gesellschaft und ihres Umgangs mit dem Tod: Unsere Ahnen bekamen Essen und Trinken mit auf die Reise ins Reich der Toten, damit sie gut hinüberkamen. Im Mittelalter schmiegten sich die Gräber an die Kirchen oder drängten sich im Kircheninneren zusammen - man wollte den Heiligen im Tode nahe sein und den Lebenden nicht ferne: Die Kirchen standen mitten in der Stadt, der Tod war öffentlich, das Trauern kollektiv.

Auf dem Land ist das mitunter noch immer so. Unter dem Einfluss von Reformation und Aufklärung verlor der Tod seine alltägliche Präsenz. Und mit der Industrialisierung und dem Wachsen der Metropolen wurden die Friedhöfe im 19. Jahrhundert in die Vorstädte verbannt, der Tod vom Leben getrennt - wer am Fließband steht, der trauert nicht mehr öffentlich; und in der Anonymität der Großstädte wird das Sterben zur Privatangelegenheit.

Das Gedenken gerät freilich mehr und mehr zur prestigeträchtigen Sache - im Zeitalter des aufkommenden Bürgertums wird der Friedhof zum Museum der schönen Künste, zur Galerie der illustren Persönlichkeiten und zur symbolischen Darstellung der Gesellschaft im verkleinerten Maßstab einer Totenstadt.

Der Liedermacher Wolf Biermann und sein Spaziergang über den Hugenottenfriedhof - der Besuch an den Gräbern der Großstadt als Begegnung mit der Geschichte: Man trifft Bekannte wieder, ohne sie jemals gekannt zu haben, geschweige denn gesehen oder gar gesprochen - es gibt Friedhöfe, die geradezu quicklebendig sind, weil sie zu Pilgerstätten wurden:

Der Père Lachaise in Paris etwa: dort trifft man die ganze Pariser Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Den Schriftsteller Honoré de Balzac zum Beispiel - in seinem Roman "Vater Goriot" hat er diesen Friedhof literarisch verewigt.

Der Friedhof Père Lachaise ist aus der Not geboren worden - Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich die Grabstätten im Bauch von Paris zur stinkenden Eiterbeule der Stadt entwickelt; Ärzte redeten der Hygiene das Wort und forderten den kollektiven Auszug der Toten aus der Stadt.

Als Pere Lachaise 1804 eröffnet wurde, lag er als ehemaliger Garten der Jesuiten weit vor den Toren von Paris - und die Pariser dachten zunächst gar nicht daran, sich nach ihrem Ableben so entschieden von der Gesellschaft der Lebenden zu trennen. Doch dann wurden die ersten Prominenten zur letzten Ruhe gebettet, jeder Bürger und Bettelmann bekam sein Einzelgrab und aus dem Friedhof wurde ein Park der Besinnung - und so nahm der Friedhof Pere Lachaise einen geradezu blühenden Aufschwung.

Heute ist Pere Lachaise ein Ort der schönen Künste auf 44 Hektar Grünfläche mit 15 Kilometern Fußwegen. Tausende kommen täglich, um die Toten zu besuchen - und es gibt Menschen, die verbringen in dieser Totenstadt ihr Leben: Einen von ihnen, der sich selbst als Nekrosoph bezeichnet und sein Geld als freiberuflicher Friedhofsführer verdient, hat Hans Woller getroffen.


Die Stadt der Toten als Mittelpunkt des Lebens: Mit einem Friedhofsführer auf dem Père Lachaise in Paris

Am Wochenende, zwei Mal täglich, findet man ihn am oberen Ende der Rolltreppe an der Metro-Station: Bertrand Beyern, Ende 40, das wandelnde Lexion des Pere Lachaise. Ein dicker roter Schal als Erkennungszeichen für die interessierte Kundschaft, ein früh ergrauter Haarschopf und sein Auftreten so zurückhaltend, wie seine Stimme sanft ist: Wenn es einen Ort gäbe, der mit Sicherheit Teil seiner selbst sei, dann dieser Friedhof Pere Lachaise.

"Ich bin zum ersten Mal im Alter von sechs mit meinen Eltern hergekommen, so als wäre ich in den Zoo oder ins Museum gegangen, und ich war sehr schnell fasziniert von dieser Art Schatzsuche hier. Nach und nach, als ich größer wurde, bin ich dann in meinem Leben all den Namen begegnet, die hier vertreten sind. Daraus entwickelte sich langsam eine grenzenlose Neugierde, der Wunsch, so viel wie möglich zu erfahren, denn man findet hier auf dem Friedhof Informationen, die es nirgendwo sonst gibt, in keiner Bibliothek mehr, und ich versuche letztlich hier aus dem Friedhof möglichst viel für das Leben mitzunehmen, ich komm nicht hierher, um meinen Zeitgenossen zu entfliehen - aber: All diese Monumente hier beweisen uns, dass die Dauer des Lebens eben nicht von uns abhängt."

Bertrand Beyerns Gedächtnis muss dem eines Schachspielers gleichen; Er vermittelt den Eindruck, als hätte er zu jedem der 80.000 Grabmäler, viele kleinen und größeren Häusern ähnlich, eine Anekdote im Kopf - jede Grabinschrift studiert, jedes Graffiti gelesen. Seit ein paar Jahren hat er seine Faszination für diesen Ort, für dieses Abbild der Stadt Paris zum Vollzeitberuf gemacht.

"Ich hab mich selbst zum Nekrosophen erklärt, der Begriff steht in keinem Wörterbuch. Ich organisiere Entdeckungsreisen für das Publikum, nekropolitanische Safaris von drei bis vier Stunden zu unterschiedlichsten Themen, ich schreibe Bücher, Artikel, bin bei Dreharbeiten dabei, um diesen Ort, den wir offensichtlich nicht wirklich fassen können, besser bekannt zu machen."

Monsieur Bertrand, wie man ihn hier nennt, gehört zum Inventar des Pere Lachaise, wie rund zwei Dutzend andere, zum Teil recht schrullige Personen.

"Der Pere Lachaise hat seine Liebhaber, Rentner, die fast jeden Nachmittag kommen und zum Beispiel die Grabsteine, die ganz schwarz sind, energisch mit getrocknetem Brot abreiben, um die Inschriften herauszuholen, und so findet man regelmäßig die eine oder andere vergessene Berühmtheit wieder."

Es sind Rentner, Mütter von kleinen Kindern, Studenten, die anfänglich eher aus historischem Interesse kommen, nach und nach aber ein wenig neurotisch werden. Es ist ja eher ein beruhigender Ort, niemand stirbt hier, weil ja alle schon tot sind, und jeder hat so seine kleine Beschäftigung - eine Frau macht hier täglich Gartenarbeiten, weil sie selbst zu Hause keinen Garten hat, oder es gibt einen sehr besinnlichen Mann, der liest seit 40 Jahren jeden Tag Gedichte auf dem Grab von Gerard de Nerval.

Arn Ort der Toten, fasziniert ihn das Leben, das Leben der Metropole, das sich hier fortsetzt: Im Pere Lachaise fielen Bomben, hier wurden 1871 die letzten Kommunarden niedergemetzelt, hier gab es in den 70er Jahren bei Beerdigungen Demonstrationen mit roten Fahnen und auch sogar schon insgesamt drei Bombenanschläge, der letzte galt dem Grab von Marcel Proust.

"Ganz nebenbei erfährt man, dass der Pere Lachaise seit Jahrzehnten eine Hochburg der Homosexuellen in Paris ist und die Grabmäler selbst - so wird einem gewahr, dank des Blicks von Bertrand Beyern - tragen zahlreiche erotische Spuren"

Bertrand Beyern, der sich hier bewegt, als könnte ihm jeden Moment nochmals etwas Neues unter die Augen kommen, er ist unter anderem auch Mitglied einer Jury, die alljährlich einen Preis für Schwarzen Humor vergibt, und sein Humor kann ganz schön bissig werden, wenn er etwa auf die Ästhetik der Grabstätten zu sprechen kommt

"Ob das hier wirklich Kunst ist? Gibt es wirklich so etwas wie Grabkunst? Letztlich ist das alles doch sehr funktional, es sind Auftragsarbeiten. Für mich ist das eine schichtweise Ablagerung des Absurden, und ich kann den Pere Lachaise nicht wirklich als Museum betrachten. Ich halte es lieber mit dem Soziologen Edgar Morin, der bezeichnet all diese Monumente, Zitat, "als schauderhafte Warzen, die sich auf menschlichem Leben vermehren". Und wenn ich dann noch die Grabinschriften sehe typisch für das 19. Jahrhundert: vorbildlicher Vater, Modell einer Ehefrau, perfekte Tochter. Ich möchte seit Jahren, dass man am Eingang des Pere Lachaise eine Tafel anbringt mit dem bekannten Satz: "Jede Ähnlichkeit mit Personen, die gelebt haben, ist rein zufällig.""

Die Begeisterung für diesen Ort hat aus Bertrand Beyern eine Art ewigen Studenten gemacht - Musik- und Kunstgeschichte, Philosophie und vor allem Literatur - überall ist er zu Hause.

"Man lernt hier enorm viel, aber auf Umwegen und in einem fröhlichen Durcheinander, wie in einem Wörterbuch, in dem man die Seiten vertauscht hätte. In derselben Allee finden wir eine Kurtisane, einen gefallenen Priester, einen Physiker und einen Schriftsteller, die gesamte Gesellschaft hat sich hier zum letzten Rendezvous eingefunden. Ich gehe vor allem zu den Grabstätten, die heute von allen vergessen sind, dort ist der Schmerz über den Tod nach und nach verschwunden und hat etwas anderem Platz gemacht, und gerade dieses Andere interessiert mich: Was bleibt von einer Schauspielerin, die vor 160 Jahren gestorben ist? Liebesgeschichten vielleicht, sicher Geschichten um das Theater - das Leben eben, immer wieder das Leben."



Der Dichter Georges Brassens besingt in diesem Chanson das Begräbnis alter Zeit:

" Früher gab es, wenn einer starb, üppige Schwelgereien,
dazu lud man auch die Kumpel des Abgängers ein
Aber die Lebenden heut sind so großzügig nicht,
wer einen Toten hat, hält ihn für sich, außer Sicht"

So schildert der Irische Schriftsteller John Mc Gahern in seinem Roman "Unter Frauen" ein Begräbnis auf der Grünen Insel: Leben und Tod - gleichsam ein symbolischer Tausch, ein Geben und Nehmen: Die Toten bleiben präsent - als gäbe es gar keinen Abschied.

Der Tod ist den Iren vertraut, die große Hungersnot vor hundertfünfzig Jahren nicht vergessen: Damals stirbt ein Viertel der Bevölkerung auf grauenvolle Weise. Viele wandern aus. Die Überlebenden sind traumatisiert - ein Mantel des Schweigens legt sich über die kollektive Todeserfahrung: Das Diesseits hat seinen Kredit verspielt, die Lebenden nehmen Anleihen im Jenseits auf. Das ist die Stunde der Kirche im katholischen Irland - wie stark ihr politischer Einfluss war, zeigt die irische Verfassung aus dem Jahre 1937, die der damalige Premier zunächst vom Vatikan absegnen ließ, ehe er sie dem Parlament vorlegte.

Inzwischen ist der politische Einfluss der Kirche auch in Irland zurückgegangen - doch geblieben ist, zumindest bei den Älteren, eine tiefe Volksfrömmigkeit. Gerade auf dem Land bieten Kirche und Religion Halt im Leben - und im Tod. Martin Allioth ging nach Tullyallen, einer kleinen Pfarrei etwa fünfzig Kilometer nördlich der irischen Hauptstadt Dublin an der Ostküste.


Der gelassene Umgang mit dem Abschied: Der Dorffriedhof von Tullyallen an der irischen Ostküste

Der Dorfpriester Larry Caraher ruft einen zeitlosen Gott an, der den Bewohnern von Tullyalllen seit je her beisteht. Er bittet um Gnade für Eileen Murphy, die im hohen Alter von 90 Jahren verstorben ist.

"In den Tagen vor ihrem Tod habe sie die Lippen zu den Gebeten bewegt, sie habe das Kruzifix geküsst und zuletzt noch nach dem Rosenkranz auf ihrer Bettdecke gegriffen."

Fünf weißgewandete Priester stehen am Altar, davor knien vier Kinder, ebenfalls in weiß, und darüber erheben sich die gotisierenden Türmchen des Altarbildes - es wirkt ganz wie ein mittelalterliches Triptychon.

Larry Caraher ist ein großgewachsener älterer Herr mit schneeweißem Haar. Etwa zweieinhalbtausend Mitglieder betreut er in seiner Pfarrei, und man gewinnt den Eindruck, dass er sie alle persönlich kennt. Er strahlt Gütigkeit, Verständnis und Wärme aus - selbst ein Heide würde ihn ohne zu zögern "Vater" nennen, wie das hierzulande üblich ist. Etwa 150 Menschen sind zu Eileen Murphys Beisetzung erschienen, aber das ist bloß der Endpunkt eines langen Abschiedsrituals.

"Eileen gehörte zum Laienorden der Kinder Marias. Deshalb trug sie auf ihrem Leichenbett das weiße Hemd des Ordens. Da liegt sie dann für zwei Tage und eine Nacht, das ist der "Wake", die Totenwache. Da kommen dann die Nachbarn, knien sich betend neben ihr Bett und versprühen Weihwasser. Zur Überführung der Leiche von ihrem Haus in die Kirche versammeln sich alle Nachbarn, Verwandten und Bekannten zur Prozession. Nach einem gemeinsamen Gebet in der Kirche gehen alle schlafen, tags darauf kommt dann das Begräbnis, das letzte Geleit."

Irland geht ernsthaft, aber auch wesentlich gelassener mit dem Tod um als andere Europäer. Der ländliche Geist der gegenseitigen Hilfe durchdringt das Leben selbst in den Städten noch, denn auch Dublin ist gesinnungsmäßig ein Dorf geblieben, die Bewohnerschaft oft nur eine Generation vom Pflug entfernt.

Aus diesem Anlass wird gerade der Glockenturm gebaut, den man sich damals nicht leisten konnte. Jeder gehauene Stein wurde für 250 Mark verhökert, das Projekt ist solide finanziert.

"Die Anlage von Tullyallen allerdings ist viel älter; mitten im Friedhof, dessen älteste Grabsteine auf das 16. Jahrhundert zurückgehen, stehen noch ältere Gebäuderuinen. Die Zisterzienser von Claîrveau gründeten die Pfarrei im Jahre 1129. Der erste Abt hier war Sankt Christian, und der war auch der erste Pfarrer von Mellifont - das ist der Name der Abtei wie auch des Kirchspiels. Das heißt "Der schöne Hügel". Und hier bauten sie ihre Kirche. Von hier sehen wir über weite Teile des irischen Ostens hinweg."

Der alte Priester räumt ein, dass die Zeiten sich ändern. Er meint, das Fernsehen habe die Werte verändert, junge Leute, so formuliert er vorsichtig, orientierten ihr Leben weniger an Gott, als ihre Vorfahren.

Aber das Gemeindeleben von Tullyallen bleibt aktiv. Jeden Sommer trifft sich die ganze Gemeinde einmal auf dem Friedhof, um die Gräber zu segnen, und diese Andacht findet in Tausenden von irischen Friedhöfen statt. Pfarrer Caraher liest jeden Morgen die Messe, und jene älteren Gläubigen, die das Haus nicht mehr verlassen können, hören an einem kleinen Funkgerät mit; die Messe wird über eine Antenne auf der Kirche ausgestrahlt.

Aber kommen denn andere Leute in die tägliche Messe? Es könnte besser sein, lacht er. Außer den Alten arbeiten alle. Manchmal verlegt die Messe auf den Abend, dann kommen mehr Leute, gerade jetzt im November, wenn der Heiligen Seelen gedacht wird, und die Gemeinde für die Verstorbenen betet.



Die russische Liedermacherin Schanna Bitschéwskaja besingt die drei Schwestern:

"Ziehen Sie die blauen Vorhänge zu, Schwester, und geben Sie mir keine Mittel mehr. Die drei Gläubigerinnen stehen schon an meinem Bett. Schweigend: Glaube, Liebe, Hoffnung"

In Russland ist das Sterben bis heute kein Tabu, die öffentliche Trauer nicht verpönt. Am offenen Sarg wird der Abschied bis zum letzten Moment hinausgezögert, der Platz am gemeinsamen Tisch bleibt frei. Nach 40 Tagen trifft sich die ganze Familie wieder in der Wohnung, um dann am Grab noch einmal gemeinsam zu essen und zu trinken.

Auch Ludmilla Medwjedjewa holt den Tod ihrer Angehörigen ins Leben. Gemeinsam mit Sabine Adler ist sie mit der Metro und dem Bus weit aus der Moskauer Innenstadt hinausgefahren in die südwestlichen Vororte - dort liegt der Friedhof Chawanskoje, die Bäume sind kahl, der Moskauer Winter kündigt sich bereits über den eingezäunten Gräbern an. Der Friedhof ist ungepflegt, geradezu heruntergekommen - denn bei aller Liebe: Das bisschen Geld brauchen die Lebenden.

Den Tod ins Leben holen: Das letzte Picknick auf dem Friedhof Chawanskoje in Moskau

Normalerweise kommen wir zum Todestag und zum Geburtstag hierher.

Bei meiner Mutter ist es so, dass wir auch am Tag des Lehrers ihr Grab besuchen, sie war Lehrerin und für sie war es immer ein wichtiger Tag.

Die Hochzeit und das Begräbnis - das sind die beiden Ereignisse im Leben, die sehr viel Geld kosten. Bei der Hochzeit hält es sich sogar noch im Rahmen, denn es kommt nur eine bestimmte Anzahl von Gästen, 50 vielleicht. Aber bei einer Beerdigung können es unendlich viele sein, man kann es gar nicht vorhersagen, da kommen alle Nachbarn, es geht über mehrere Tage, alle muss man natürlich bewirten, sich mit ihnen zusammensetzen, mit ihnen essen, trinken. Und die Nachbarn sind bei Beerdigungen eine wirkliche Hilfe, denn das Waschen des Toten, das Ankleiden machen in der Regel nicht die Angehörigen, sondern Nachbarn. Meist sind es zwei Frauen. Bei meiner Mutter war es meine Freundin und eine Nachbarin.

Die Nachbarn, die nicht zum engen Bekanntenkreis gehören, bekommen eine spezielle Gelegenheit, Abschied zu nehmen, denn bei uns wird der Sarg nach den drei Tagen, in denen der Tote zu Hause aufgebahrt wurde, herausgebracht. Der Sarg steht dann auf der Straße vor dem Haus auf einer Bank, er ist immer noch offen, und alle aus der Nachbarschaft nehmen Abschied. Der Tote verabschiedet sich von seinem Ort, an dem er gelebt hat.

Dann wird der Sarg in den offenen Leichenwagen geladen und die Bank, auf der er stand, wird umgedreht, mit den Füßen nach oben. Das ist das Zeichen dafür, dass der Tote gegangen ist, und nicht mehr zurückkehrt. In der Wohnung sind alle Spiegel verhängt, die schwarzen Tücher bleiben solange hängen, bis der letzte Gast des Leichenschmauses gegangen ist.

Beim Leichenschmaus ist es so, dass das erste Glas für den Toten eingeschenkt wird. Darauf wird eine Scheibe schwarzes Brot gelegt. So hoch wie es geht, wird ein Porträt des Verstorbenen aufgehängt, das lässt man meist extra dafür anfertigen, und bei dem Wodka ist wichtig, dass nur 50 Gramm Wodka eingeschenkt werden, nicht wie sonst 100 Gramm, denn bis zum 40. Tag muss der Wodka verschwunden sein. Der 40. Tag nach dem Tod ist ein wichtiger Tag. Die Angehörigen kommen noch einmal zusammen, um des Toten zu gedenken, und genau an diesem 40. Tag verlässt die Seele den Körper und steigt zum Himmel hinauf. Das Glas ist leer genau an diesem 40. Tag.

Jetzt müssen wir nur noch ein bisschen gerade aus gehen und dann nach rechts und eines dieser Gräber dort ist unseres. Normalerweise kommen wir mit frischen Blumen auf den Friedhof. Künstliche Blumen bringe ich nie mit, sie sind ohnehin ständig auf den Gräbern: Kränze und Zweige und einzelne Blumen. Hier bei meiner Mutter habe ich eine Vase mit künstlichen Herbstblättern hingestellt, denn sie liebte den Herbst. Sie liebte ihn, weil sie Puschkin liebte und dessen Gedichte. Mit fällt auch eins ein, Moment: Ich hab's gleich.

Schön nicht wahr? Meine Mutter war eine Lehrerin der Extraklasse! Sie unterrichtete russische Sprache und Literatur. Nachts zum Beispiel wanderte sie bis drei Uhr morgens durch das Zimmer und deklamierte Gedichte. Sie stellte sich vor den Spiegel, nicht wie eine Schauspielerin, sondern um zu prüfen, wie das wohl auf die Schüler wirkt, wenn sie eine Stelle so oder so betont. Und meine Großmutter, also ihre Mutter, schimpfte dann morgens mit ihr und sagte, Tanka, du hast doch schon wieder die ganze Nacht nicht geschlafen, du bist schon wieder mit diesem Puschkin herumgezogen!

Sehen sie mein kleines Zäunchen, das ist nicht so wie diese riesigen hier überall. Aber warum man überhaupt einen solchen Zaun herumzieht, ist mir nicht klar. Wahrscheinlich um zu zeigen, dass das unser Platz ist, den man nicht betreten und in Ruhe lassen soll. Wir haben sogar ein Schloss angebracht, denn permanent wird irgend etwas zerstört, Gräber werden beschädigt, man stiehlt Platten und frische Blumen sowieso. Ich schneide die Stiele deshalb immer so kurz, dass man sie nicht herausreißen und dann noch mal verkaufen kann.

Der Eimer ist voller Blätter, ich war so lange nicht hier. Und hier habe ich immer auch eine kleine Schaufel, einen Basthandschuh zum Wischen und der Besen, der sollte eigentlich auch hier sein, ich lasse immer alles hier am Grab. Der Herbst hat schon seine Spuren hinterlassen, die verwelkten Blumen müssen weg, dann sieht alles schon besser aus. Und das alles muss man wieder gut verstecken, damit die Leute das nicht sehen. Wenn es jemand entdeckt, kehrt es nie mehr an diesen Platz zurück.

Die Einmachgläser hier nehme ich im Sommer, um die Blumen zu gießen. Und hier habe ich auch eine Tisch und ein Bänkchen stehen. Denn wenn wir hierher kommen, dann trinken wir mit dem Toten. Setzen wir uns doch einen Moment.

Wir schenken nur ein kleines Schlückchen ein, denn das ist nur symbolisch gemeint, keiner kommt her und fängt an, wer weiß wie zu trinken. Wir schauen auf die Fotografie, das ist meine Mutter. Und dann sage ich immer zu ihr: Möge dir die Erde leicht wie eine Feder sein.

Das Glas mit dem Brot darauf lassen wir dann stehen, bis zum nächsten Mal, aber wenn wir dann nach drei Monaten oder einem halben Jahr wiederkommen, ist das Glas jedes Mal verschwunden.

Wenn ich den Friedhof besuche, dann ist das anfangs immer eine solche Trauer, mir ist so schwer ums Herz. Aber wenn du dann nach Hause gehst, fühlst du dich viel leichter.



Aus der Psalmensinfonie - Musik von Igor Strawinsky: Der russische Komponist ist in Sankt Petersburg geboren, doch geblieben ist er dort nicht lange. Noch vor dem Ersten Weltkrieg verließ er Russland - lebte fortan in Paris, in Kalifornien, wieder in Paris; doch begraben ist er in Venedig: auf der Friedhofsinsel San Michele, gemeinsam mit seiner Frau Eva - dort, wo noch am meisten Platz ist auf diesem Friedhof, der Mitte der Neunziger schon mal wegen Überfüllung geschlossen werden musste: im russisch-orthodoxen Teil, gleich an der Friedhofsmauer, unter zwei schlichten Marmorplatten.

Der Tod in Venedig - er ist nicht nur literarisch besetzt. In Venedig ist der Tod ausgegrenzt, der Friedhof auf eine Insel verbannt. Das freilich war kein Einfall der Venezianer - Napoleon kam auf die Idee, weil ihm die Stadt krank erschien. Bis die Franzosen Venedig einnahmen, hatten die Bürger der Serenissima ihre Toten auf zahllosen Kirchhöfen beerdigt. Napoleon hatte wohl noch den Leichengeruch der Pariser Innenstadt in der Nase und den gerade erst geschaffenen Friedhof Pere La Chaise im Sinn, als er Venedig dasselbe Hygiene-Rezept verordnete: Die Toten mussten raus aus der Stadt - der Zentralfriedhof kam auf eine Insel. San Michele liegt zwar nur 300 bis 400 Meter vor der Lagunenstadt, aber es liegt viel Wasser dazwischen - genug, um das venezianische Stadtleben nicht zu stören und vor allem: um Krankheiten fernzuhalten.

Den Tod ins Leben holen: Das letzte Picknick auf dem Friedhof Chawanskoje in Moskau

Früher trugen die Gondeln Trauer, als sie die Toten nach San Michele brachten. Heute hat der Fährmann den Finger am Gashebel des Außenbordmotors - Karl Hoffmann auf der Fahrt vom Reich der Lebenden ins Reich der Toten, mit dem Fährmann über den venezianischen Styx.

Venedig im Spätherbst. Nebel liegen über der Lagune, nur schemenhaft ist der Glockenturm von San Michele zu erkennen. Die Insel auf halbem Wege zwischen Venedig und Murano ist das reich der Toten, das auf dem leicht bewegten Wasser zu schwimmen scheint. Ein grauer, kalter Novembertag, wie geschaffen für die Toten und das Gedenken der Lebenden.

" Nebel kommt auf, trotzdem darf man sich nicht mit allzu viel Wein aufwärmen, sonst landet man dort in den Untiefen und wenn man dort erst mal stecken bleibt, dann bleibt nichts anderes, als zu warten, dass das Wasser steigt und man wieder freikommt. Und zu hoffen, dass das Boot nicht beschädigt ist und sinkt."

Durch den Kanal der Fondamenta Nuove, dann steuerbord Richtung San Michele. Maurizio Piasenti kennt die Strecke wie seine Westentasche. Er fährt sie seit 25 Jahren, jeden Werktag ein paar mal. Trotzdem muss er immer aufpassen, auf die anderen Boote, den Nebel, die Strömungen - auch den Kompass braucht er manchmal, wenn die Sicht gar zu schlecht ist. Hier ist alles anders als auf dem Festland, meint Piasenti irgendwie aufregender, jeden Tag ein Abenteuer:

"Auf dem Festland ist diese Arbeit viel monotoner. Ich bin lieber hier in der Lagune, auf dem Wasser, das mal steigt, mal fällt, Hochwasser, Niedrigwasser, die Brücken - nie ist es langweilig."

Er drückt auf den Hebel und beschleunigt, die 130 PS im Dieselmotor fallen in einen lärmenden Galopp. Der Fährmann ins Jenseits hat kein Ruder in der Hand, sondern ein richtiges Lenkrad. Piasenti, dessen Führerstand direkt am Bug ist, schaut kurz zurück ins Boot, in dem sich Blumenarrangements, Gestecke und Corone, Kronen stapeln. Das sind riesige flache Räder mit breiten grünen Schärpen, in denen kunstvoll hunderte von Blüten angebracht sind. Gehalten werden sie von den drei Männern der Besatzung. Im hinteren Teil des Bootes sitzen zehn dunkelgekleidete Personen, in einer Glaskabine, geschützt vor dem eiskalten Novemberwind.

Kurz vorm Abbiegen Richtung San Michele blitzt es von der Kaimauer her. Touristen schießen Bilder ins Zwielicht. Piasentis tiefblaues Boot mit den vielen Blumen ist ein auffälliger Farbtupfer in der Gräue der Lagune

"Für die Touristen ist das immer was besonderes. Manchmal stellen sich vor mein Boot und lassen sich fotografieren und nicht nur die Japaner, auch die Besucher aus anderen Ländern. Die wissen nicht, dass das ein Leichentransport ist, die sehen nur die Blumen und die Gestecke und die Girlanden."

Die verdecken den Sarg, der auf einem Eisengestell genau in der Mitte des Bootes liegt. Über dem Dieselmotor und unter freiem Himmel. Der Weg über das Wasser ist nicht weit, höchsten eine halbe Stunde, je nachdem, aus welchem Stadtteil die Überführung stattfindet.

Den Friedhof auf der Insel haben die Venezianer Napoleon zu verdanken. 1807 hatte er angeordnet, die Toten auf dem Eiland San Cristoforo della Pace zu bestatten. Als kein Platz mehr da war, wurde der schmale Kanal, der S. Cristoforo von San Michele trennte, zugeschüttet und es entstand der heutige Friedhof.

Früher war die Fahrt ins Reich der Toten anstrengend. Sogar Maurizio Piasenti erinnert sich noch , wie sein Vater, der ebenfalls Leichenbestatter war, mit der Gondel hinüberfuhr, nach San Michele. Damals gab es Beerdigungen erster, zweiter und dritter Klasse. Mit Löwen und Totenwache und Fackeln für die Adeligen, im einfachen Sarg mit wenig Aufwand für die Armen.

Heute tragen die Gondeln nur noch in Ausnahmefällen Trauer, wenn ein Gondoliere stirbt, oder eine alte Contessa, die sich ein Begräbnis im alten Stile wünscht. Den Transport übernehmen in diesem Fall die Gondolieri, aber das Ein- und Ausladen des Sarges besorgen Piasenti und seine Kollegen. Das muss gelernt sein, damit der Tote nicht ins Wasser fällt.

Das blaue Boot legt am Hintereingang des Friedhofs an. Drei Mann packen den Sarg, Maurizio Piasenti duckt sich darunter, und stützt ihn, zwei Kollegen springen an Land und nehmen den Sarg, ein dritter Helfer springt aus dem Boot und nun gleitet der Leichnam auf Piasentis Rücken auf die kleine Mole. Alles passiert in Sekundenschnelle, der Fährmann hat seine Last in San Michele abgeliefert. Doch damit ist sein Dienst noch nicht beendet.

Nach der Totenmesse in der kleinen Renaissancekirche wird der Leichnam zur letzten Ruhestätte gefahren, auf einem kleinen eisernen Karren, vorbei an den vielbesuchten Gräbern von Igor Stravinski und Ezra Pound und jenen von vielen tausend unbekannten Venezianern.

Maurizio Piasenti lässt es sich nicht anmerken, aber er hat es eilig. Bis Mittag muss er noch eine weitere Fuhre schaffen. Er ist Unternehmer, muss Geld verdienen, eine Familie ernähren. In der ständigen Trauer, die ihn umgibt hat er sich ein dickes Fell zugelegt

" Man muss einfach Abstand wahren. Wenn ich um jeden Toten trauern müsste, der mir unter die Augen kommt, dann müsste ich ständig nur heulen. Ich gehe an die Arbeit ran wie ein Arzt, ich mache sie so gut es geht. Und die Hinterblieben denken in dem Moment sowieso nur an den Leichnam und an ihre eigene Trauer. Da wäre es schon zum Lachen, wenn der Leichenbestatter auch noch zu weinen anfinge."

Maurizio Piasenti sieht sich nicht als antiker Fährmann. Er befördert die Menschen nicht vom Leben zum Tod, sondern bringt einfach nur Särge nach San Michele. Er tut das mit Eleganz und Zurückhaltung, zwei-, dreimal am Tag, seit einem Vierteljahrhundert. Als typischer Venezianer lebt er, ohne sich viel Gedanken um das Morgen zu machen. Er denkt an die nächste Tour, daran, dass der Dieselmotor einen Ölwechsel braucht, das Salz am Bootsdeck abgewaschen werden muss. Der Tod?

"An den Tod und solche Sachen denke ich nicht. Warum sollte ich auch. Da habe ich besseres zu tun. Also ehrlich."



Joseph Roth - ein Auszug aus seinem Roman Die Kapuzinergruft: Einen seltsamen Hang zur Profanisierung des Todes sagt man den Wienern nach, eine geradezu innige Vertrautheit mit dem Sujet des Endgültigen. Wien, der Tod und seine Friedhöfe - das Thema füllt Bände, Konzertsäle, Theaterabende: Keiner anderen Stadt ist die Kunst des Abschied-Nehmens derart als künstlerisches Leitmotiv angedichtet worden, nirgendwo anders wird die Endlichkeit der menschlichen Existenz so scharfzüngig-distanziert besungen und beschrieben: Wien gleich Zentralfriedhof - die Grube dieses Klischees haben sich die Wiener schon selbst gegraben.

So erspart sich denn die entsprechende Seite im World Wide Web auch dieses Klischee nicht: Dass nämlich der Tod ein Wiener sei - weshalb es sehr verwunderlich wäre, wenn man dem Totenkult in Wien nicht ein eigenes Museum gewidmet hätte: Es heißt ja, dass dem Wiener nichts wichtiger ist als "a schöne Leich", also eine angemessene Begräbnisfeier. Und so wurde denn das Wiener Bestattungsmuseum in den Räumlichkeiten der Städtischen Bestattung eingerichtet, wo Antonia Kreppel Bekanntschaft mit Heinz Riedel schloss.


Der Tod, das muss ein Wiener sein: Besuch im Wiener Bestattungsmuseum

"Nun, ich darf mich vorstellen, mein Name ist Heinz Riedel. Es ist so, dass ich in diesem Haus der Bestattung Wien schon seit 33 Jahren ein- und ausgehen darf. Ich war davon mehr als 20 Jahre Diensteinteiler in der Abteilung Bestattungsdienst, die sich speziell mit Totentransporten befasst, und ich leite das Wiener Bestattungsmuseum nun bereits zwölf beziehungsweise 13 Jahre."

Heinz Riedel ist auf den ersten Blick so ganz und gar nicht ein Beamter, den man aus den Wiener Amtsstuben kennt. Distinguiert, mit nahezu vornehmer Würde empfängt er seinen Gast bereits am Eingang des Museums. Nein, hier werden keine Geschichtln erzählt in der "Verkaufts-mei-Gewand-i-fahr-in-Himmel-Mentalität". Die legendäre und vielbesungene Lust der Wiener am Sterben ist hier eine todernste Angelegenheit und wird präzise dokumentiert.

"Es werden auf einer Fläche von circa 350 Quadratmetern mehr als 600 Objekte zum Wiener Totenkult gezeigt. Ich bin fast sicher, es war Georg Kreisler, der das Chanson geschrieben hat, und ja, es tut ein bisserl charakterisieren, wie man hier in unserer Stadt mit dem Ableben beziehungsweise Begräbnis eines Menschen umgeht."

Je reicher der Tote, um so "schöner die Leich", wie der Wiener sagt.

"Na ja, umsonst ist der Tod und der kost das Leben."

Und so verdienten bei besonders prominenten Begräbnissen nicht nur die Kostümverleiher für Trauermoden, sondern auch Wohnungsinhaber mit besonders intimer Lage zur Kapuzinergruft, die beispielsweise beim Begräbnis Kaiser Franz Josephs Logenplätze für sieben bis acht Personen anboten.

Gar keine "schöne Leich" sah Sparefroh Kaiser Joseph II. für seine Untertanen vor: Den wiederverwendbaren Klappsarg, den Heinz Riedel mit unbeweglicher Miene vorführt.

"Der Sarg wurde an Stricken über der Grube gehalten, der Totengräber hat die Klappe geöffnet, der Tote ist ins Grab hineingefallen und das war mit Sicherheit kein schöner Anblick. Ein Proteststurm hat sich förmlich erhoben und bereits nach einem halben Jahr musste er diese ungeliebte und höchst umstrittene Maßnahme wieder zurücknehmen."

Gemma schaun', ob der Kaiser wirklich tot ist, ob sein Hemd auch blutig rot ist, oder ob er tachiniert.

Die Angst vor dem Scheintod trieb im 19. Jahrhundert seltsame Blüten. Heinz Riedel präsentiert mit stoischer Ruhe das skurrilste Objekt seiner Sammlung: den Rettungswecker für Scheintote.

" Man hat damals die Toten am Friedhof in der Kapelle im Sarg aufgebahrt. Sie bekamen ans Handgelenk eine Schlinge, und von dieser Schlinge führte eine unterirdische Leitung in Tonröhren bis ins Totengräberhaus zu einer dort angebrachten Glocke. Und wenn nun in der Kapelle jemand von den Toten wieder aufgewacht ist und sich bewegt hat und am Schnürchen gezupft hat, dann hat es beim Totengräber geläutet."

Pompe Funebre: Die Gesellschaft für vornehme Leichenbestattung wurde im kaiserlichen Wien "Entreprise des pompes funebres" genannt.

"Und das Wort "Pompefuneberer", das ist ein Spitzname, den die Wiener Bestatter, Gott sei es geklagt, auch heute noch tragen. Und wir hier in der Goldegggasse 19 befinden uns im Stammhaus der Wiener Pompefuneberer. 1907 hat die Gemeinde Wien und der Bürgermeister Doktor Karl Lueger dieses Unternehmen angekauft und hier die Zentrale der Städtischen Leichenbestattung - wie es damals hieß - eröffnet. So wie einst werden auch heute von hier aus sämtliche Wiener Totentransporte durchgeführt."

Totentransporte sind das Spezialgebiet von Popmefuneberer Heinz Riedel, hat er doch diese selbst Jahre lang organisiert. Von der dampfbetriebenen Wiener Leichentramway bis zum unteririschen Sargkanal, vom imperialen Belvedere direkt zum Zentralfriedhof konnte sich das goldene Wiener Herz erwärmen.

" Ich möchte betonen, das hat nichts mit dem Kanalnetz für Abwässer zu tun. Und in diesem Schacht, diesem Kanal, sollten kleine Wägelchen verkehren, auf denen eben die Särge Platz finden. Ein Projekt, dem der Wiener Gemeinderat aus Pietätsgründen die Zustimmung versagt hat."

Bestattungsreferent Heinz Riedel eilt zielstrebig und beschwingt durch sein Museum. Interessierte Gäste haben seine volle Aufmerksamkeit, solange sie keine bösen Wiener Witze hören wollen, über den Tod und so.

"Nein, tut mir leid, tut mir leid, da ist das ganze zu ernst, mit Witzen kann ich nicht dienen. Geben tut sie es, ich kenn einige, aber so etwas kann ich nicht wiederholen."

Geht es einem nicht zuweilen ans Gemüt, Tag für Tag seit dreißig Jahren mit dem Tod so nah konfrontiert zu sein?

"Nein, sonst hätte ich mir müssen eine andere Tätigkeit suchen. Und wenn Sie mir noch ein Wort erlauben, ich spreche ja von dem Tod der anderen und nicht vom eigenen Tod. Also, ich möcht möglichst lang auf dieser schönen Welt bleiben, das ist mein Herzenswunsch. Und das wollen wir ja alle so ziemlich, aber wenn es schon sein muss, nicht, und der liebe Gott beruft mich von dieser Welt ab, nun, es gibt ein Familiengrab, in dem meine Eltern bestattet sind, und falls ich noch Platz finde, würde ich gerne dorten dann beigesetzt werden."



Und das waren Gesichter Europas - ein Platz für die Toten, ein Ort für die Lebenden: Friedhöfe in Europa. Eine Sendung von Hans Woller, Martin Allioth, Sabine Adler, Karl Hoffmann und Antonia Kreppel. Musik und Regie: Erhard Gehl. Am Mikrofon war Thilo Kößler. Gesichter Europas am nächsten Samstag wieder - mit Porträts und Szenen aus Neapel: Leben im Schatten des Vesuv.

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