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StartseiteBüchermarktEin Prozess konzentrierter Zerstreuung29.03.2012

Ein Prozess konzentrierter Zerstreuung

Christoph Türcke über sein Buch "Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur"

Es beunruhige ihn, wie sich in den vergangenen Jahrzehnten die Aufmerksamkeitsstandards geändert hätte, sagt der Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Christoph Türcke. Er sieht einen "Prozess konzentrierter Zerstreuung" - es gebe aber auch Gegenstrategien.

Christoph Türcke im Gespräch mit Angela Gutzeit

Christoph Türcke schlägt die Einführung eines neuen Schulfachs "Ritualkunde" vor. (AP)
Christoph Türcke schlägt die Einführung eines neuen Schulfachs "Ritualkunde" vor. (AP)
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Am Bodensatz des Denkens
Ohne Rituale keine Konzentration

Angela Gutzeit: Prof. Christoph Türcke, Sie beschäftigen sich schon länger mit dem offensichtlich um sich greifenden Phänomen des Aufmerksamkeitsdefizits in unserer Gesellschaft. Das tun Sie auch und speziell in Ihrem neuen Buch "Hyperaktiv", was besonders auf Kinder orientiert ist. Es gibt ja dafür einen Begriff: ADHS, "Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom". Man schiebt das gern in die medizinische Ecke. Sie dagegen werten die Auffälligkeit als einen unheilvollen Vorboten für einen drohenden Kulturverfall. Ist das nicht eventuell eine etwas steile These, eine Schockthese, mit der man zunächst einmal Aufmerksamkeit erringen kann?

Christoph Türcke: Darauf habe ich nicht spekuliert. Ich hab mir schon die Phänomene angesehen und ich bin beunruhigt, wie in den letzten Jahrzehnten die Aufmerksamkeitsstandards sich geändert haben. Und zwar gesamtkulturell und zwar in erster Linie bei Erwachsenen. Und wenn wir diesen Kontext nicht hinzu nehmen bei der Analyse und Beurteilung des ADHS-Phänomens bei Kindern - also bei Kindern, die sich auf nichts so richtig konzentrieren können, die bei nichts bleiben können, die es also sehr schwer haben, Freundschaften aufzubauen etc., dann kann ich das einfach nicht isolieren davon, wie gesamtgesellschaftlich, seit unsere Bildmaschinen in die Arbeitswelt eingedrungen sind, unser aller Aufmerksamkeit hin- und hergeworfen wird, ruckartig. Das Prinzip der Bildmaschinen ist der Bildschock, eigentlich keimhaft enthalten im Bildschnitt des Films, der für sich genommen erst einmal eine tolle technische Errungenschaft war und der als einzelner Schnitt vollständig harmlos ist. Nur als ein Massenphänomen, wenn er nicht hundert und tausend Mal, sondern Millionen Mal vorkommt, und anfängt, die Wahrnehmungsmuster zu prägen, selber zu formen, und nicht von einer schon geformten Wahrnehmung in der Freizeit angeschaut wird, dann haben wir eine neue Situation. Diese Situation haben wir seit der sogenannten mikroelektronischen Revolution in den 70er-Jahren. Und seitdem haben Bildschirme eine Form von Autorität bekommen, die sie vorher noch nicht hatten. Und in dieser Situation ist das in einer Weise ernst geworden mit dem sogenannten Bildschock oder mit dem, was ich die "konzentrierte Zerstreuung" nenne, wie vorher noch nicht. Die Differenz von Freizeitvergnügen - man sieht sich schöne Filme an, wunderbar, tolle technische Errungenschaften, eine neue Dimension der Bildwelt ist eröffnet wurden. Dieses alles leugne ich überhaupt nicht. Ich bin selber davon fasziniert. Aber die Kehrseite ist die unheilvolle, aufmerksamkeitszermürbende Funktion des Bildschocks.

Gutzeit: Sie gehen ja in Ihrem Buch so weit, dass Sie sagen, diese Prozesse, die da stattfinden, die ihren Niederschlag finden im menschlichen Gehirn und in seiner Aufmerksamkeit oder seiner mangelnden Möglichkeit, noch aufmerksam zu sein, zeigen einen Einschnitt insofern, als die Menschwerdung, die menschliche Entwicklung des Verstandes, des Begreifenkönnens sich zurück entwickelt. Das ist natürlich eine dolle These!

Türcke: Na ja, die Zurückentwicklung geht, wenn sie stattfindet, nicht einfach linear. Das ist kein eindeutiger Prozess. Insofern kann ich zunächst einmal nur Tendenzen aufzeigen. Es gibt ganz eindeutig zum Beispiel eine Tendenz der Selbstverstärkung der sogenannten Sensation. Also, man kann ohne Aufsehen zu erregen, ohne Sensation, kaum noch auf sich aufmerksam machen und je mehr dieser Zwang herrscht, desto mehr sind die Einzelnen gezwungen, irgendwelche Strategien zu entwickeln, um schockhaft diese Aufmerksamkeit zu gewinnen. Das bekommt geradezu ökonomische Qualitäten und Dimensionen: Wer seine Waren auf dem Markt verkaufen will, sei es die eigene Arbeitskraft oder Produkte, muss über die entsprechenden Blickfangstrategien verfügen oder sie entwickeln, damit er sein Zeug los wird. So! Da kann man sagen, das ist eine strukturelle Verstärkungstendenz und da ist erst einmal für mich auch kein Ende abzusehen. Aber eine Tendenz ist nie einlinig. Sondern es gibt auch Gegenreaktionen. Und natürlich reagieren wir irgendwie alle darauf. Wir sind keine Maschinen. Wir sind zwar insgesamt erschreckend konformistisch. Es wird erschreckend viel mitgemacht und auch für selbstverständlich gehalten in diesem Prozess konzentrierter Zerstreuung, aber es gibt Gegenstrategien, Verlangsamungsstrategien.

Gutzeit: Gut! Sie machen ja eine ganze Menge Vorschläge in Ihrem Buch. Der zweite Teil besteht daraus, dass Sie schildern, was im Elternhaus und in der Schule dagegen gemacht werden kann. Ich habe allerdings das Gefühl, da Sie ja sehr auf die Schule schauen, dass da vielleicht ein bisschen viel an Verantwortung auf die Schule zukommen würde. Da ich die Probleme - wie Sie auch - in Schulen ganz gut kenne, nämlich zum Beispiel die Unterfinanzierung - übrigens fängt das ja schon beim Kindergarten an und nicht erst bei der Schule - sehe ich eine ganze Menge Schwierigkeiten, da den Hebel umzulegen.

Türcke: Aber wo, wenn nicht dort? Und meine Vorschläge sind ja vergleichsweise kostenneutral.

Gutzeit: Ich denke auch, dass Kindern in den Elternhäusern nicht mehr genug Aufmerksamkeit entgegen kommt. Und Sie beschreiben das ja auch, dass zum Beispiel die Eltern gleichzeitig Fernsehen, wenn sie ihr Kind auf dem Schoß haben, dass den Kindern kaum noch vorgelesen wird. Aber ich glaube nicht, dass das ein Massenphänomen ist, sondern eher ein soziales Problem ist. Dass es also in dieser Hinsicht Unterschiede gibt, in welcher Familie das stattfindet. Welche Familien haben die Kompetenz dazu, dies zu vermitteln. Also, das müsste man vielleicht auch stärker dabei berücksichtigen - was Sie ja nicht unbedingt tun!

Türcke: Ich tue es schon, ich differenziere nur noch ein bisschen anders! Es ist ein Gesamtphänomen einerseits, und dieses Gesamtphänomen ist, und da stimme ich Ihnen vollständig zu, in verschiedenen sozialen Lagen unterschiedlich ausgeprägt. So würde ich sagen. Und Sie finden selbstverständlich in den sogenannten "bürgerlichen Elternhäusern", wo die Eltern Manager, Prokuristen, Ärzte und sonst etwas sind, ebenfalls, nur nicht im gleichen Maße, diese Aufmerksamkeitsdefizit-Verhaltensweisen gegenüber ihren Kindern. Ich würde also beides akzentuieren: Die Gesamttendenz und die Ausprägung dieser Tendenz in den verschiedenen sozialen Schichten.

Gutzeit: Vielleicht sollten wir jetzt konkret werden: Was ist das Gegengift? Was ist die Möglichkeit der Immunisierung? Da werden Sie ja ganz traditionell!

Türcke: Ja und Nein! Also, mein Vorschlag, den ich in meinem neuen Büchlein gemacht habe, ist ein neues Schulfach namens "Ritualkunde". Da erschrickt man zunächst und denkt, oh weh, Kirche und Tradition und alles verstaubte Alte soll wieder aufgewärmt werden. Ganz so ist das natürlich nicht. Sondern Ritual ist zunächst einmal begriffen worden in diesem Zusammenhang als geronnene, kodifizierte Wiederholung. Und geronnene, kodifizierte Wiederholung wird in dem Maße wichtig und muss eingeübt werden wie eine Gesellschaft ihre Wiederholungsstrukturen durch ihre konzentrierte Zerstreuung tendenziell auflöst. Rituale sind dabei für mich nicht etwas an sich Gutes. Ich mache also keineswegs ein Lob des Rituals. Nostalgie ist mir einigermaßen fremd, wenn man mit in Betracht zieht, dass ich sehr deutlich gesagt habe, dass durch Rituale die Hominiden überhaupt erst zu Menschen geworden sind, dass die Rituale erst einmal sehr blutige Opferrituale gewesen sind. Man kann sich eben die Menschwerdung ohne Menschenopfer nicht denken. Und da haben die Rituale ihren Ursprung. Sie sind nicht das Hübsche, Traditionelle, Alte, das ich weihnachtsstimmungsmäßig wieder aufkochen möchte. Wohl aber ist umgekehrt richtig, dass Rituale als Wiederholungsstrukturen so etwas sind wie die Bedingung dafür, dass ein Boden da ist, auf dem freie Entfaltung in verschiedenster Hinsicht stattfinden kann. Darum geht es mir. Und wenn ich für ein neues Schulfach plädiere namens "Ritualkunde" - der Name ist mir übrigens sekundär, ich habe das jetzt versuchsweise so genannt -, dann geht es nicht darum, einen übervollen Stundenplan noch mit weiteren Fächern zuzupflastern. Sondern es geht um eine Umstrukturierung des gesamten Schulalltags in der Form, dass ihm eine beruhigende Achse eingezogen wird. In der Grundschule würde das dadurch geschehen, dass der gesamte Unterricht um Aufführungen herum zentriert wird. Dass also kindliche Aufführungen nicht abgeschoben werden auf die Seite von musischer Erziehung und darstellendem Spiel, sondern dass man sämtliche Fächer in Aufführungen integriert, vom Werkunterricht bis zum Deutschunterricht, und Kinder, indem sie Aufführungen einstudieren müssen, genötigt sind, zu wiederholen, genötigt sind, sich auf andere zu beziehen, einen gewissen Druck erleben. Mn kann sich nämlich bei einer Aufführung blamieren, man kann den anderen die Tour vermasseln, man muss also auch solidarisch sein mit den anderen. Und wenn man dies alles beherzigt, dann setzt man sich einem Druck aus - aber das ist nicht einfach der von außen aufgesetzte Konkurrenzdruck, sondern einer, der aus einer Sache heraus entsteht, durchaus was Disziplinierendes hat und trotzdem nicht einfach das heutzutage so hochgehängte "Lob der Disziplin" ist. Als ob Disziplin an sich etwas Gutes wäre! Und in den späteren Schulklassen schwebt mir dann vor, wenn die Kinder dann so weit sind, dass sie selber über Rituelles reflektieren können, dass zwei Schulfächer gleichsam zusammen genommen werden, nämlich das, was traditionell Sozialkunde heißt - was sind denn soziale Strukturen anderes als geronnene, kodifizierte Wiederholungen! Jede Institution, jede soziale Struktur entsteht durch Wiederholungsprozesse. Strukturen fallen nicht einfach, wie es der Strukturalismus gerne gehabt hätte, vom Himmel, sind immer schon da, sondern sind etwas Gewordenes! So! Und wenn man nun das Fach Sozialkunde gleichsam rituell reformuliert und auf der anderen Seite zusammen nimmt mit dem Fach Religionskunde, Werte und Normen, Ethik - wie immer diese Dinge heißen - und daraus ein Großfach macht mit der entsprechenden Stundenzahl, dann hat man Theorie und Praxis des Rituals, und zwar so, das die Rituale selber selbstverständlich nicht nur eingeübt werden, sondern sie werden kritisch reflektiert. Und man hat dann ein Forum, dass einerseits diese Reflexion leistet und auf der anderen Seite trotzdem den Charakter einer beruhigenden, sich durchziehenden Achse haben könnte.

Gutzeit: Sie müssten ja mit Ihrem Buch offene Türen einrennen. Sie sagten ja zu Anfang unseres Gespräches, dass es durchaus eine Empfindsamkeit dafür gebe, dass alles zu schnell geht und viele Menschen sich eine Verlangsamung wünschen. Da passt ganz gut ein Zitat aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - ein Artikel mit der Überschrift "Hilfe, wir wollen zurück zu den Alten!" Und da steht: "Wo nichts mehr von Dauer ist, jedes Wissen sofort von anderen dementiert wird und jedes Ereignis, kaum hat es stattgefunden, schon wieder vergessen ist, wendet die verunsicherte Mehrheit sich instinktiv dem Bewährten zu. 'Gib mir irgend etwas, was bleibt!' bettelte - bejubelt von Millionen 2009- die Rock-Pop-Gruppe Silbermond." Das passt ja ganz gut in Ihr Konzept!

Türcke: Ja, aber wobei ich eines noch einmal sagen darf: Ich plädiere ja für alles andere als für einen neuen Fundamentalismus! Und deshalb mein Nachdruck darauf, dass das Fach Ritualkunde nicht einfach als Lob des Rituals, als Wiedereinrichtung des Rituals, koste es, was es wolle, gemeint ist, sondern als dieser doppelte Prozess von Theorie und Praxis und auch eben einer Theorie, die die Dinge kritisch reflektiert. Mein Ansatz ist nach wie vor einer der Gesellschaftskritik.

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