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Ein Publikumsmagnet

Ausstellung "Die Staufer und Italien" im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim

Im Mannheimer Zeughaus ist die Megaschau "Die Staufer und Italien" eröffnet worden. Drei Bundesländer mit 41 Kooperationspartnern stehen dahinter. Gezeigt wird eine faszinierende Herrschaftsepoche des Mittelalters und die damit verbundene kulturelle Blüte.

Von Martina Wehlte

Die Rhein-Main- Neckar-Region: eine Innovationsregion des Mittelalters. (Stock.XCHNG / Robert Linder)
Die Rhein-Main- Neckar-Region: eine Innovationsregion des Mittelalters. (Stock.XCHNG / Robert Linder)

Die Stuttgarter Staufer-Ausstellung von 1977 ist legendär und wer das Thema in großem Rahmen wieder aufgreift, wird sich an dem Erfolg von damals messen lassen müssen. Die gerade im Mannheimer Zeughaus eröffnete Ausstellung "Die Staufer und Italien" ist in ihrer Konzeption, der Qualität ihrer Exponate und der Inszenierung so überzeugend, dass sie zweifellos ein Publikumsmagnet wird. Schon jetzt liegen über tausend Gruppenanmeldungen vor. Das belegt nicht nur das grundsätzliche Interesse des Publikums am Mittelalter und hier speziell die Faszination einer mit Macht, wirtschaftlichem Aufschwung und kultureller Blüte verbundenen Herrschaftsepoche sondern auch das Renommee der veranstaltenden Reiss-Engelhorn-Museen. Dem damit verbundenen Erwartungsdruck hält die Ausstellung in jeder Hinsicht stand. Der Untertitel "Drei Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa" - gemeint sind die Rhein-Main-Neckar-Region, die Lombardei und Süditalien mit Sizilien - fasst die ganze Diversität des riesigen Stauferreiches zwischen 1150 und 1250 und entspricht dem neuen transnationalen Blick auf diese Zeit, als deren Kennzeichen die Ausstellung ein hohes innovatives Potenzial, einen ständigen Kulturtransfer, aber auch die Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen vor Augen führt.

Auf drei Ebenen sind 530 Exponate zu sehen, von denen unglaubliche 70 Prozent bisher nicht gezeigt wurden. Ihre Europa-Premiere hat die Symbol- und Werbefigur der Ausstellung aus dem New Yorker Metropolitan Museum: ein steinerner Weltenherrscher auf einem architektonisch gestalteten Thron. Diesem Idealtypus gegenüber ist in der Ausstellung ein Barbarossa-Relief des 12. Jahrhunderts aus Mailand platziert. Es ist eindeutig als Spottbild Friedrichs I. zu verstehen, der die Stadt in seinen Auseinandersetzungen mit dem Lombardenbund mehrfach belagert, erobert und zerstört hatte. Im Erdgeschoss des Zeughauses wird der Besucher durch thematisch Bekanntes wie den Kyffhäuser-Mythos in die stimmungsvoll inszenierte mittelalterliche Welt der Staufer eingeführt. Zu den spektakulären Leihgaben gehört zweifellos der als Reliquie verehrte Zahn Barbarossas. Eindrucksvoll sind auch neben einer wandfüllenden Aufnahme von der Grablege Konstanzes von Aragona ihre Ringe und die Borten ihres Gewandes, die aus konservatorischen Gründen aber auch wegen ihres symbolischen Wertes Sizilien kein zweites Mal verlassen dürften.

Im ersten Stock ist das konkrete Wirken der Staufer in den benannten Innovationsregionen dokumentiert. Durch goldgelbe Torbögen gelangt der Besucher zunächst in die oberrheinische Region als der größten Kraft des Reiches. Filmische Überlandaufsichten stecken das Herrschaftsgebiet ab, der Wormser Dom wird inmitten der damaligen Stadtansicht aus der Vogelperspektive umkreist, stauferzeitliche Burgen sind in 3D-Animation rekonstruiert. Die thematische Struktur fokussiert die Pfalzen als wechselnde Herrschaftssitze des Wanderkönigtums, die Ministerialenburgen und Bischofskirchen, macht traditionelle politische Ordnungssysteme gegenüber den eigenständigen modernen Stadtverwaltungen in Oberitalien deutlich. Der kulturelle Austausch wird beispielhaft an Bauskulpturen vom Wormser Dom ersichtlich, die den lombardischen Stil aufgreifen, wie er in der nächsten Ausstellungssektion präsent ist. Immer wieder ist es den Kuratoren gelungen, Sinnzusammenhänge anschaulich zu machen: sei es in dem angedeuteten Nachbau eines Carrocios, eines sogenannten Fahnenwagens mit einem schützenden Reliquienkreuz, der im Kampf mitgeführt wurde, sei es im effektvollen Arrangement der überlebensgroßen Büsten vom Brückentor in Capua, dessen Figurenprogramm Friedrich II. selbst entworfen hatte..

Auf der dritten Ausstellungsebene werden höfisches Leben, Tisch- und Essgepflogenheiten vorgeführt, das Durchdringen abendländischer und orientalischer Kultur sowie die Etablierung der Wissenschaft aufgrund empirischer Erkenntnisse - etwa an der Medizinschule von Salerno. Und welcher Machtanspruch wird im Motiv des von einer Gloriole umfangenen Adlers auf dem Krönungsmantel Friedrichs II deutlich! Welches kulturelle Amalgam in den mehrsprachigen Verwaltungs- und Widmungsschriften! Eine Weltläufigkeit, ein Geben und Nehmen, wie es für die europäische Idee historischer Bezugspunkt und von identitätsstiftender Aktualität sein kann.

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