• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteBüchermarktEin Rätsel02.04.2004

Ein Rätsel

Maxim Biller über die Bernsteintage

Es ist einfach nicht mehr nachzuvollziehen. Da schreibt einer seit bald zwanzig Jahren in deutscher Sprache. Seine Geschichten sind einfach und klar erzählt, es fehlt alles Verquaste oder Schwere, er schreibt mit Drive und steuert direkt auf den Punkt zu. Trotzdem ist der Grundton nicht lärmend oder sonst wie modisch sondern von weltfremder, fast altmodischer Melancholie.

von Peter Michalzik

"Bernsteintage", Coverausschnitt (Kiepenheur & Witsch)
"Bernsteintage", Coverausschnitt (Kiepenheur & Witsch)

Fast immer geht es in den Geschichten um Juden und Deutsche, aber nicht aus historischer Verpflichtung, sondern weil ihr Erzähler Jude und Deutscher ist. Das atmet Schicksal, Leben, Wirklichkeit. Und das ist, alles in allem, doch das, was viele sich für die deutsche Literatur erträumen. Ein Schriftsteller, der etwas zu erzählen hat, der seiner Sprache mächtig ist und der verständlich schreibt. Trotzdem wird Maxim Biller nicht so richtig ernst genommen. Und von einem breiteren Publikum gelesen wird er auch nicht. Es ist wirklich nicht mehr zu verstehen.

Nur über Billers Provokationen regt man sich ab und an auf. So wie letztes Jahr. Da gab es die Klage gegen seinen gerade veröffentlichten Roman "Esra" und es begann ein lachhaftes Verfahren, das immer noch anhängig ist und das möglicherweise bis zur obersten Instanz durchgefochten werden wird. Billers ehemalige Geliebte und ihre Mutter hatten geklagt, weil sie sich in dem Roman wiederkannt hatten. Das Buch ist vom Markt genommen, die Fronten sind verhärtet, Aufrufe zum Vergleich verhallten. Es war Billers bisher bestes: zornig und zart, traurig und grotesk. Mit einem Wort: herzzerreißend.

Jetzt folgt, ein Jahr später, Bernsteintage , ein Band mit sechs Erzählungen. Dieses Buch ist sicher kein Hauptwerk, aber: Billers eigentliches Genre ist die Kurzgeschichte. Kann es also ein - vorläufiger - Ersatz für "Esra" sein? Es geht um Kindheit und Jugend. Kindheit, gesehen mit den Augen von Erwachsenen, Kindheit im Rückblick. Der ist – man weiß es – meist ein melancholischer, verklärender. Was aber ist das Ding selbst, auf das man zurückschaut?

Keine Ahnung. Vielleicht kann man sie umschreiben. Kindheit ist der kürzeste Abschnitt im Leben eines Menschen, der aber gleichzeitig der längste ist, zum einen weil die Kindheit so ewig dauert, zweitens weil sie, auch wenn wir Erwachsene sind, immer noch da ist, während viele andere Phasen unseres Lebens vergehen. Die Kindheit vergeht nie.

Biller wortkarg geworden.

Es gibt nichts Langweiligeres als Autoren, die ihre eigenen Sachen interpretieren. Deshalb habe ich Probleme mit solchen Interviews, ich wünsche mir sie schneiden die Stelle nicht raus, ich gebe ihnen nicht gern dieses Interview, weil ich mich nicht gern erklären will, weil ich weiß nicht, warum wir das machen, ich weiß nicht, warum Leser wollen, dass Autoren ihnen irgendetwas erklären über ihre Arbeit.

Aber geht es zur Kindheit vielleicht doch noch etwas spezifischer?

Weiß ich nicht. Ich will jetzt nicht klugscheißen. Kann sein, ja, nein. Es ist halt so langweilig, solche Sachen irgendwie groß zu erklären. Ja, als Kind lernt man alles und dadurch, dass man alles lernt, ist man für alles viel offener. Man lernt ja auch als Kind eine Sprache in einem halben Jahr, als Erwachsener wahrscheinlich überhaupt nicht. Man ist das totale Medium fürs Leben und wahrscheinlich dieser mediale Charakter dieser Phase im Leben eines Menschen, der ist so unheimlich, der hat diese Tiefe, der hat diese Schicksalhaftigkeit.

Mehr ist vom Autor über sein Thema nicht zu erfahren. Und es reicht ja auch, denn so viel ist klar. Es geht um das ganz große Gefühl. Es soll – wieder – um das gehen, was man Herzzerreißen nennt.

Die erste Erzählung, "Bernsteintage", gibt dem Band den Titel und macht das deutlich. Ein vielleicht zehnjähriger tschechischer Junge, David, kommt in den Sommerferien in ein Sanatorium: Es war einmal in Luzienbad. Dort lernt er zwei gleich alte Jungens kennen, ebenfalls zur Kur. Und seine Schwester hat ihm ein Heft mitgegeben, in das er für sie eine Geschichte schreiben soll. BITTE NUR EINE KLEINE GESCHICHTE LIEBLING hatte sie auf den Umschlag geschrieben. Der fünf Jahre jüngere schreibbegabte Bruder ist für die Schülerzeitungsredakteurin so etwas wie ein literarischer Junghengst, dessen Aufzucht und Training sie übernommen hat.

Der Sommer war trotzdem wunderschön gewesen. Dann aber, wir schreiben das Jahr 1968, kommen die Panzer. Die schönen Tage von Luzienbad sind nun vorbei, abgeschlossen, unerreichbar geworden, "Bernsteintage" eben. Da ist es, das Zerreißen des Herzes, das im Zentrum von Billers Poetik steht.

Also mir läuft es immer noch selbst kalt den Rücken runter, wenn ich an eine zentrale Stelle dieser Geschichte komme, die ich jetzt natürlich nicht verraten werde.

Das muss er auch nicht, denn natürlich ist es dieser Moment in der Nacht, als David auf ist, um das Heft der Schwester wegzuwerfen, und dann das metallische Kreischen der Ketten hört, als er die Reihe der Fahrzeuge mit dem Roten Stern sieht und sie zu zählen beginnt. Und als dann die Freunde aufwachen. Da werden Kinder in einem Moment erwachsen, sie müssen etwas ins Auge schauen, das größer ist als sie. Sie wissen nicht viel, aber sie spüren, dass etwas vorbei ist.

Biller erzählt das wortkarg und schwebend. Kurze einfache Sätze beschreiben kleine Gesten, mehr nicht. Wie David Seite um Seite aus dem Heft reißt. Wie ihn sein Freund fragt warum er nicht schläft und er nur mit einem Kopfnicken zum Fenster zeigt. "Sind sie es?" sagte er. "Ja", sagte David. Wie der Dritte erwacht und seine Arme auf die Schultern der Freunde legt. Das ist schaurig-schön und das ist das, was Biller am besten kann. Manchmal spürt man schon im Anfangssatz, wie es um diese Spannung geht: "Vor der Abreise nach Luzienbad sah David ein letztes Mal in seinen Rucksack. Das Heft, das Jarka am Tag vorher hineingelegt hatte, war immer noch da."

Oder: "Eines Tages tauchte Henry Halperin mit seinem Bild auch bei mir auf." Die Erzählung heißt "Der echte Liebermann" und ist wie alle anderen auch ein echter Biller. Ein Jude, geboren kurz nach dem Krieg, als sein Vater, ein Kleingangster, in Deutschland Geschäfte machte. Der hatte eine Sammlung von Bildern, wo unklar war ob sie echt oder falsch waren. Jetzt will der Sohn eines davon verkaufen, weil er einen Film über die Juden in Deutschland nach dem Krieg machen will. Viel Geschichte, Betrug, Ambition - und unerreichbar, irgendwo dahinter das, was in der Kindheit von Henry Halperin wirklich geschehen war.

Eine schöne Erzählung. Aber sie ist nicht so berührend wie "Bernsteintage" oder "Esra", sie ist verspielter, funkelnder, intellektueller und das zentrale Thema, die Kluft zwischen dem Erwachsenenleben heute und dem Kinderleben damals, die Erinnerung, die Sehnsucht, die Unmöglichkeit, sie sind gesuchter.
Ein anderes Beispiel, wie Biller das Muster "Leben damals, Leben heute und die Kluft dazwischen" durchspielt, ist "Elsbeth und Ernst".

... ein Deutscher und eine Jüdin sind verheiratet, irgendwann in den 80er oder späten 70er Jahren. Und es stellt sich heraus, dass er mit den Nazis kolaboriert hat, ohne jetzt wirklich ein Schwerverbrecher gewesen zu sein, aber er hat schon Hörspiele gemacht, die im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie waren. Er sitzt Zuhause und wartet darauf, dass sie kommt, weil gerade an diesem Morgen, als sie rausgegangen ist, wusste das noch keiner und dann kauft er die Zeitung des Tages und dann steht das da drin, er weiß, sie wird in der Stadt auch Zeitungen kaufen und das wissen und er wartet, darauf, dass sie kommt, was passiert. Naja, es wird einfach in Rückblenden erzählt, wie er sie kennen gelernt hat und vor allem wie er dazu gekommen ist, diese Hörspiele zu machen und die Geschichte spielt mehr oder weniger heute, das ist ganz klar, wir haben die Vergangenheit und die Gegenwart und die berühren sich.

Sind das nicht Ilse Aichinger und Günter Eich?

Verehrtester, nein, sie sind es nicht. --- Darf ich Ihnen dazu erzählen, als Franz Marc von einer entrüsteten Dame gefragt wurde, warum diese Pferde denn blau seien und er antwortete, Verehrteste, das sind keine Pferde. --- Nein sie sind es nicht. Aber ich habe natürlich Motive aus dem Leben dieser beiden Leute schon verwendet, ja, es gab tatsächlich um Günter Eich, ich weiß gar nicht wann das war, war das in den Neunzigern oder den Achtzigern, irgendwann kam raus, dass er, der große Kahlschlagpoet, er schrieb Nazihörspiele.

"Bernsteintage" ist ein schönes Buch, aber das Schema "Gegenwart trifft Vergangenheit" wird auf Dauer überstrapaziert. So ist es insgesamt nicht so überzeugend wie "Esra" aber doch ein echter Biller, eine Verteidigung des Gefühls, mit melancholischem Resümeé: Kindheit endet nie, die Schatten der Vergangenheit hören nicht auf zu existieren.

Nein, das ist ein so furchtbar langweiliges Resümee, nein, das Leben ist schön, keine Ahnung, Literatur ist schön und das Leben ist schön und wir sollten alle nicht so furchtbar tiefsinnig über Literatur reden. Das sind ganz leichte Geschichten. Ja.

Schön ist in jedem Fall Billers Zurückhaltung. Er erklärt nichts. Er lässt die Erzählung für sich sprechen, er sagt - im Interview und im Buch - lieber zu wenig als zu viel. Und Biller berührt: Sanft, aber so, dass man dabei Gänsehaut bekommt.

Maxim Biller
Bernsteintage. Sechs neue Geschichten
Kiepenheuer & Witsch, 208 S., EUR 16,90

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk