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StartseiteBüchermarktEin Rucksack voller Erinnerungen07.03.2013

Ein Rucksack voller Erinnerungen

Lisa Kränzler: "Nachhinein", Verbrecher Verlag

Die 30-jährige Autorin ist auch Malerin. In ihrem zweiten Roman beschwört sie wortgewaltig die Macht der Bilder, in denen wir unsere Erfahrungen abspeichern und die uns als Erinnerungen nicht mehr loslassen. Im Juli 2012 erhielt sie den 3sat-Preis beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb für einen Auszug aus diesem Roman.

Von Detlef Grumbach

Im Mittelpunkt des Romans steht die Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher Mädchen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Im Mittelpunkt des Romans steht die Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher Mädchen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
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Vom Schnee verhüllt

Lisa Kränzlers Debüt, der vor einem Jahr erschienene Roman "Export A", handelt von der 16-jährigen Elisabeth Kerz, die aus dem wohlbehüteten Elternhaus ausbricht und als Austauschschülerin nach Kanada geht. In der winterlichen Einöde will sie das Leben spüren – und gerät in einen Albtraum. Elisabeth erzählt die Geschichte zehn Jahre später, weil sie immer wieder eingeholt wird von der Gewalt, die ihr angetan wurde, von der Schuld, die sie auf sich genommen hat. "Nachhinein" nennt die 1983 geborene Freiburger Autorin ihren zweiten Roman. Wieder steht der Zwang, sich erinnern zu müssen, im Zentrum. "Rucksäcke voll Erinnerung" lasten auf den Schultern der Erzählerin, "mein inneres Auge", sagt sie, "hat kein Lid. Ich muss hinsehen."

"Es sind Bilder, die nicht loslassen, die da sind, für die es aber erst einmal keine Worte gibt. Und solange es keine Worte gibt und man nur mit den Bildern konfrontiert ist, ist man immer ein Stück weit hilflos und den Bildern ausgeliefert. Und diese Bilder zu beschreiben, ich weiß nicht, ob es tatsächlich befreiend wirkt, aber man kann auf jeden Fall aktiv werden. Man kann etwas tun, indem man Worte dazu schafft."

Die Geschichte geht zurück in die Kindergartenzeit und reicht bis in die Pubertät. LottaLuisaLuzia wächst wohlbehütet auf, wechselt nach der Grundschule aufs Gymnasium und träumt davon, Pianistin zu werden. Ihre Freundin, JasminCelineJustine, kommt aus asozialen Verhältnissen, erlebt schon früh, wie der Vater die Mutter schlägt, wird vom großen Bruder bedrängt und später vom Vater missbraucht. Doch erst einmal stolpert man bei der Lektüre über diesen Dreiklang der Namen.

"Also eigentlich sagen die Namen ja mehr aus über die, die sie ausgesucht haben, und lassen eben wieder auf die Herkunft schließen. Und dadurch, dass das verdreifacht ist, bekommt das noch mal einen anderen Ton, einen anderen Sound. Man kann einerseits denken, es könnte eine Dutzendgeschichte sein, also es könnte die Jasmin oder die Justine oder die Celine sein, aber andererseits könnte es auch heißen, es ist genau diese Person, genau diese eine, die diesen Namen bekommen hat und keinen anderen hätte bekommen können."

LottaLuisaLuzia erinnert sich 24 Jahre später daran, wie sie JasminCelineJustine im Kindergarten kennengelernt hat. Nach einem Unfall hatte diese einen geschorenen Schädel. Sie spürt noch heute, wie sie ihr über das stoppelig nachwachsende Haar streicht – eigentlich kaum denkbar, aber die Erinnerung schert sich einen "Dreck um Wahrscheinlichkeiten", heißt es, dafür orientiert sie sich um so stärker an "wenigen unzerstörbaren Säulen", die ihr ein enges Korsett geben.

"Das ist das Geheimnis allgemein der Erinnerung. Warum prägen sich manche Dinge ein? Warum hat man manche Bilder im Kopf und die gehen nicht weg? Und es gibt ja tatsächlich auch Bilder, die man abgespeichert hat, die man gar nicht erlebt hat. Viele Leute machen ja auch die Erfahrung, dass sie eine Geschichte erzählt bekommen aus der Kindheit, an die sie sich persönlich gar nicht erinnern, aber man bekommt sie so oft erzählt, dass man dann ein ganz starkes Bild gespeichert hat von dieser Situation. Das ist auch das Rätsel der Erinnerung: Was bleibt, was nicht, was wird ausgesiebt, was kommt in bestimmten Momenten zum Vorschein?"

LottaLuisaLuzia sieht sich als ein ganz normales egoistisches Mädchen, das aus der Beziehung zu seiner Freundin seinen Vorteil zieht, das zu ihr geht, wenn es ihm langweilig ist, das vom Leid und der Verzweiflung JasminCelineJustines wenig spürt. Sie lässt nichts an sich herankommen, trägt einen Panzer, der sie unabhängig und stark macht. Die Hilferufe der Freundin prallen an ihr ab, sie stößt sie zurück, wenn sie ihre Nähe braucht, und hasst sie schließlich sogar. Die Leserinnen und Leser sehen aber auch ein Mädchen, in deren Leben die Eltern kaum präsent und vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Die Mutter hat nur einen starken Auftritt, als JasminCelineJustine nach einem Selbstmordversuch in die Psychiatrie gekommen ist. Hat LottaLuisaLuzia sich schuldig gemacht? Eigentlich hat sie nur die Muster reproduziert, die ihr vorgelebt wurden. Während sie jede freie Minute vor dem Klavier gesessen hatte, hatte sich JasminCelineJustine in die Fantasiewelt ihrer Spielkonsole geflüchtet – bis sie nicht mehr weiter wusste.

"Naja, sie sind eben innerlich voneinander getrennt. Und sie bleiben das auch. Sie sind nicht nur äußerlich voneinander getrennt. Die eine bleibt mit ihrer Leidenschaft für Musik allein, die andere mit ihrem Leid, mit ihrer Angst, mit ihrer Verzweiflung, mit all dem. Sie können sich über das, was sie am meisten lieben oder hassen, nicht wirklich verständigen. Und dieses innere getrennt Sein, das besteht ja grundsätzlich zwischen den Menschen, meiner Meinung nach auch dann, wenn sie aus derselben Schicht stammen. Die unterschiedliche Herkunft ist ja wie ein Farbkontrast, sie unterstreicht das noch einmal."

In wenigen Passagen dieses genau durchkomponierten Romans fällt LottaLuisaLuzia ins Du, hat sie ein Gegenüber, das sie tatsächlich etwas angeht. Das erste Mal handelt es sich um ein kleines Kätzchen. Sechs Kätzchen eines Wurfs hat der Bauer schon brutal zerschmettert, das siebte rettet sie heimlich, umsorgt und streichelt es in ihrem Bett. Sie wird überwältigt von ihren Gefühlen, die Distanz bricht zusammen. Später greift sie dieses "Du" auf, wenn sie JasminCelineJustine nicht ausweichen kann, wenn sie ihr Leid spürt. Es bedeutet, so Lisa Kränzler,

"dass die Nähe plötzlich größer ist. Gerade in dem Kätzchen-Kapitel ist es ja so, dass eigentlich fast eine Gefahr besteht zu verschmelzen. Sie fasst sie an und sie merkt, ich bin so drin in diesem Akt, sie zu berühren, und sie ist mir so nah, dass ich mich selbst verlieren könnte in dem Moment. Also dass die Hingabe so groß ist, dass man sich selber verlieren könnte. Und dagegen wehrt sie sich ab einem bestimmten Punkt und dann wird sie auch aggressiv, weil sie will sich nicht verlieren."

"Sehnsucht nach einer Kante, einer Härte überfällt mich." Man spürt diese Kante, zuckt zusammen angesichts der Kälte, mit der LottaLuisaLuzia auf Nähe reagiert. Die junge Autorin arbeitet auch als Malerin. Sie könne nur schreiben, was sie sieht. Sie übersetzt Bilder in Sprache, so wie LottaLuisaLuzia Bilder am Klavier in Musik übersetzt, von Farbtönen und Klangfarben spricht. Bei aller Dramatik, die der Text zu bieten hat, übt er seinen unwiderstehlichen Sog nicht durch die geschilderten Ereignisse aus, sondern dadurch, dass die Sprache wiederum Bilder evoziert, wie das Bild dieser Kante.

LottaLuisaLuzias unbekümmertes, aber auch ins Rücksichtslose oder Kaltschnäuzige übergehendes Verhalten und ihre Gefühle werden in einer Intensität sichtbar, die die Leserin oder den Leser anfasst, zum "Du" dieses Romans macht, der einem nahe geht, gegen den man sich aber auch wehrt. Was ist mit diesem ganz normalen Mädchen aus gutem Hause geschehen? Für Augenblicke spürt es, dass es sich schuldig macht, doch wie schon im ersten Roman Lisa Kränzlers fällt Neuschnee und deckt alles zu. Sie kommt davon, wo man ihr wünscht, einmal innezuhalten, über sich selbst zu erschrecken. Das kommt dann später, wenn die Erinnerung sie nicht loslässt, wenn sie im Erzählen damit fertig werden will.

"Ich denke, das hat auch viel mit Einsamkeit zu tun. Dieser Kontakt mit der Außenwelt hat nicht so funktioniert, wie er hätte funktionieren sollen, nicht so, wie man es sich erwünscht hätte, sondern es ist zu viel passiert, was nicht hätte passieren sollen in einer idealen Welt sozusagen. Also besser nichts mehr hoffen und unabhängig sein, so wie LottaLuisaLuzia das formuliert, und etwas Sehnsucht haben, weil die Sehnsucht lässt sich nicht abstellen, aber die Hoffnung kann man abstellen. Da geht es ja auch wieder darum, worüber hat man die Kontrolle. Die Hoffnung, denke ich, kann man abstellen. Aber die Sehnsucht? Das ist schwieriger."

Lisa Kränzlers Schreiben ist ganz auf den Mikrokosmos einer einzigen Figur konzentriert, und doch hat es mit Nabelschau nichts zu tun. LottaLuisaLuzia, wie auch Elisabeth Kerz im ersten Roman, ist aufgewachsen, hineingewachsen in eine Familie, eine Gesellschaft, die gerade durch ihre Abwesenheit mit einer nicht zu übersehenden Bedeutung aufgeladen wird. Lisa Kränzler sieht sich zwar nicht als politische Autorin oder gar als Stimme einer Generation, aber sie hat etwas zu sagen, das ihre Leser etwas angeht.

"Ich interessiere mich für das Spezifische, ich interessiere mich nicht für das Allgemeine, denn ich glaube nicht, dass man etwas über das große Ganze, über die Gesellschaft, über die Generation, dass man da adäquate Aussagen machen kann. Ich glaube aber, dass, wenn man sich auf das Spezifische konzentriert und da versucht, so klar wie möglich zu sein, dass man dann dadurch den Effekt erzielen kann, dass sich durchaus andere auch damit identifizieren können und dass es dadurch für die Allgemeinheit wiederum eine Bedeutung bekommt."

Lisa Kränzler: Nachhinein
Verbrecher Verlag 2013, 269 Seiten, 22 Euro

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