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StartseiteBüchermarktEin schmalziges und unglaubwürdiges Happy End09.01.2012

Ein schmalziges und unglaubwürdiges Happy End

Irvine Welsh: Crime, Kiepenheuer und Witsch

Inspektor Ray Lennox ist die Hauptfigur von Irvine Welshs neuem Roman. Lennox, ein Spezialist für Sexualstraftaten wird im Urlaub in Miami mit dem Missbrauch von Kindern konfrontiert. Welsh, dem Autor von Trainspotting, Ecstasy oder Klebstoff, ist kein menschlicher Abgrund fremd.

Von Brigitte Neumann

Ein Schatten zeigt ein kleines Mädchen an der Hand eines Erwachsenen. (dpa picture alliance / Markus C. Hurek)
Ein Schatten zeigt ein kleines Mädchen an der Hand eines Erwachsenen. (dpa picture alliance / Markus C. Hurek)

Weil es tatsächlich genau so funktioniert, muss man sich vor dem neuen Roman Crime von Irvine Welsh fürchten. Denn die Welt, die der Autor da in uns auferstehen lässt, ist die Welt eines 10 jährigen Mädchens, das von einem geschäftsmäßig organisierten Ring Pädophiler regelmäßig missbraucht wird.

"Ich fühlte mich sehr unbehaglich, als ich an dem Buch schrieb. Ich brauchte drei Mal so lang wie für andere Bücher. Als ich daran schrieb, kam gerade der Fall Madeleine McCann an die Öffentlichkeit, das englische Mädchen, das in Portugal gekidnappt wurde und nie wieder auftauchte. Ich konnte damals nicht mehr weiterschreiben. Es war, als wäre mein Buch von der Wirklichkeit überholt worden. Ich legte das Manuskript sechs Monate zur Seite und begann, an etwas anderem zu arbeiten. Ich nahm die Arbeit wieder auf, weil ich mir sagte, verdammt, du bist nun mal Schriftsteller. Du kannst jetzt nicht kneifen. In Deinen Büchern geht es nun mal um solche Sachen."

Irvine Welsh, dem Autor von Trainspotting, Ecstasy oder Klebstoff, ist kein menschlicher Abgrund fremd. Seine Bücher erzählen von Heroin-Höhlen, Pornodrehs, Saufgelagen und überlaufende Klos in schimmligen Kaschemmen - es ist beinahe unmöglich, einen Satz von Irvine Welsh zu zitieren oder eine Geschichte von ihm nachzuerzählen, ohne dabei herbe Empfindlichkeiten auszulösen. Irvine Welsh scheint es immer zu einem mörderischen Kern des Erzählens zu treiben.
"Das, was nur der Roman kann, und keine andere Form der Kunst, er kann vordringen bis ins zutiefst Menschliche seiner Charaktere und kann den Leser dazu bringen, sich mit ihnen zu identifizieren. Wenn Sie sich einen Dokumentarfilm über Kindesmisshandlung anschauen beispielsweise, dann sitzen Sie da und sagen sich, mein Gott, wie schrecklich. Aber was soll‘s, mit meinem Leben hat das doch nichts zu tun. Ein Roman lässt diese Distanzierung überhaupt nicht zu, denn Romane handeln von der Macht der Gefühle und der Leser ist gezwungen, genau da anzudocken."

Die Hauptrolle in "Crime" spielt der 35-jährige Polizist Ray Lennox aus Edinburgh, ein Spezialist für Sexualstraftaten und gleichzeitig ein Mann, der verwundet und gewaltbereit wirkt wie "ein gebrochener Kindersoldat". Auf einer halb von seinem Chef verordneten, halb von ihm selbst gewünschten Erholungsreise nach Miami, die nebenbei auch der Vorbereitung der Hochzeit mit seiner Verlobten Trudi dienen soll, will Lennox Abstand gewinnen. Abstand zu Sucht und Nervenzusammenbruch, zu Fällen, die ihn in der Erinnerung immer wieder heimsuchen, und Abstand zu den Gespenstern seiner Kindheit, von denen wir erst im letzten Drittel des Buches erfahren. Bis dahin aber folgen wir Lennox in einen Sturm aus Schuld und Qual.

Er sollte sich nicht so gehen lassen,
heißt es im Buch.

Aber er kann nicht anders, als sich mit seinen Gedanken immer wieder selbst zu schaden.

Lennox, und das kann man selten so gut beschrieben finden wie bei Welsh, Lennox ist ein Mann, der Angst hat vor sich. Er lässt Trudi kurzerhand im Hotel allein, denn er muss aus seiner Haut und weiß, das schafft er, auch im sonnigen Miami, nur mit Hilfe von Wodka und Koks. In einer zwielichtigen Kneipe nimmt er die ersten Drinks und trifft dort auf zwei Frauen, die sich ihm unverhohlen anbieten. Er geht mit ihnen nach Hause und erlebt dort, wie sich ein weiterer Besucher an der zehnjährigen Tochter der einen vergreift.

"Ich stellte mir die Umstände vor, in denen ein Kind in eine solche Gefahr gerät. Als ich mich mit einigen Überlebenden von sexuellem Missbrauch traf - ich ging in deren Selbsthilfegruppen, das war Teil der Recherche für das Buch - da wurde allgemein nicht nur vom Täter gesprochen, sondern meist auch von einem Unterstützernetzwerk für den Täter, die Mitglieder der schwachen Familien. Gemeint sind Familien, die dem Kind nicht die Fürsorge angedeihen lassen, die es bekommen sollte. Das war ein Aspekt, der immer wieder genannt wurde. Also gab ich der Mutter Tiannas einen Charakter, Halb- Schutzengel und halb überwältigt von ihrem eigenen Elend, sodass sie nicht sehen konnte, was ihrem Kind passierte."

Robyn, die stets unter Drogen steht, liefert ihre Tochter Tianna wechselnden Liebhabern aus, weil sie eine Sterbensangst vor dem Alleinsein hat. Robyn hofft, die Männer würden sie meinen. Zaghafte Beschwerden der Tochter wiegelt sie ab. Dabei hat sich längst ein straff organisierter Ring von Pädophilen um Tianna gebildet. Während die Mutter von Pillen sediert im Schlafzimmer liegt, bedienen sich die Erwachsenen nebenan am Körper einer Zehnjährigen.

An der Spitze des Rings steht ein Cop aus Miami: der Mann, der sich an Tianna zu schaffen macht, als Lennox in die Wohnung kommt. Der schnappt sich das Mädchen und flieht mit ihm zu einem Onkel nach Fort Lauderdale. Der aber, stellt sich heraus, ist auch nur ein Profiteur des perfiden Geschäfts mit den Körpern kleiner Mädchen.

"Als ich das Buch schrieb, lebte ich in Irland. Es basiert auf Millionen von wahren Geschichten, die sich dort zugetragen haben. Damals hatte das ganze Land im Grunde nur ein Thema, der sexuelle Missbrauch durch Priester. Und ich wusste, wenn ich in Irland bleiben würde, dann könnte ich nicht anders, als das Buch da spielen zu lassen. Dann müsste ich der katholischen Kirche eine große Rolle einräumen. Ich wollte aber nicht, dass das eigentliche Thema von davon an die Seite gedrückt würde. Ich wollte über sexuellen Missbrauch schreiben, und zwar so, dass die, die das überstanden haben, im Mittelpunkt stehen. Mir war der Moment der Erlösung wichtig. Die Geschichte sollte ein positives Ende haben, ein besseres jedenfalls, als ich das eigentlich in Büchern mag."

Crime hat ein Happy End. Mag dieses Happy End pädagogisch noch so wertvoll sein, erzählt ist es schmalzig und unglaubwürdig. Lennox , der einen Privatkrieg gegen Kinderschänder führt, fühlt sich aufgerufen, wenigstens Tinna zu retten. Und es ist, als ob Irvine Welsh seinen Helden Lennox aus dem Fegefeuer seiner Schuldgefühle zu befreien versucht, indem er ihm dieses Roman-Happy-End schenkt. Aber abgesehen davon hat Crime seine Stärken da, wo der Roman Menschen in ihrer ganzen Labilität und Widersprüchlichkeit zeigt.

Irvine Welsh
Crime. Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann, Kiepenheuer und Witsch, 470 Seiten, 19,99 Euro

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