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Ein Schriftsteller schreibt zurück

Bodo Kirchhoff: "Erinnerungen an meinen Porsche". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.

Als kalt und emotionslos wurde Kirchhoffs frühe Prosa oft beschrieben. Und doch kommen auch diese frühen Annäherungen an sexuelle Dramen ihren Figuren wenigstens einen Moment auf unmittelbare Weise nahe. Dass es einen wie Kirchhoff aufregen muss, wenn ein oberflächlicher Roman wie "Feuchtgebiete" plötzlich als neu, befreiend, sensationell gehandelt wird, dass er sich an den Rand gedrückt fühlt, liegt nahe. Wenn dann auch die Finanztitel nicht mehr halten, was sie versprechen, sieht Kirchhoff eine Situation von "Notwehr" gegeben: Ein Schriftsteller schreibt zurück.

Rezensiert von Detlef Grumbach

"Es müssen schon Krisen zusammenkommen, damit man selbst die Krise kriegt, ja."

Die Krisen des Jahres 2008 – das waren für Bodo Kirchhoff das Loch, in das er nach seinem 60sten Geburtstag gefallen ist, die Oberflächlichkeit des Literaturbetriebs, in dem es eher um populäre Themen oder Prominenz als um Substanz geht, der Rummel um Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete" und dann auch noch der Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte. Sex, Erfolg und Geld, aber auch das Desaster des Scheiterns stehen deshalb im Zentrum des Romans, mit dem Kirchhoff sich mit Verve aus seiner Krise herausgeschrieben hat. Daniel Deserno, der Ich-Erzähler, ist Investmentbanker. "Erinnerungen an meinen Porsche" heißt das Buch. Der "Porsche" meint den Schwanz des Helden, "Erinnerung" heißt so viel wie "Da läuft nichts mehr." In ein Loch gefallen auch der Held, beruflich ebenso wie sexuell. Unterleibsgeschichten männlicher Art. So spielt Kirchhoff durchaus gewagt mit der Kolportage, bewegt sich mit parodistischem Eifer und böser Ironie auf dem Terrain literarischer und tatsächlicher Falschmünzer.

"Der sexuelle Quickie und der Finanzquickie haben natürlich Parallelen, weil man irgendwie meint, unter Vernachlässigung aller sonstigen Umstände auf schnelle Weise zu irgendeinem Erfolg zu kommen und auf eine illusorische Weise letzten Endes. Und dazu gehört, dass man sprachlich schlampt, dass man Schuldscheine Wertpapiere nennt und dass man Vögeln mit Lieben verwechselt und all solche Sachen."

Andererseits bleibt Kirchhoff auf dem ureigenen literarischen Terrain. Denn wie kaum ein anderer hat er sich in seinen Romanen, Erzählungen, Stücken und Drehbüchern den versteckten Dramen der Sexualität genähert, hat er sich auf ein Gebiet vorgetastet, das in den letzten Jahren allzu oft Gegenstand marktgängiger Trends und oberflächlicher Moden gemacht wurde. Das Aufsehen und die erregte Debatte um einen Roman wie "Feuchtgebiete" treffen ihn deshalb.

"Der Autor, also ein Schriftsteller, hat für mich geradezu die Pflicht, empfindlich zu reagieren, auch auf das Risiko hin, dass man ihn dann für überempfindlich hält. Ich hätte ja ein solches Buch nicht schreiben können, wenn nicht in mir auch ein kleiner Investmentbanker wäre. Buchkäufer sind ja Anleger in eine Fiktion."

Daniel Deserno hat, knapp 40 erst, bei einem skurrilen Sexunfall seine Potenz verloren, und weil ihm in seinem diffusen Leiden auch noch die Beine wegknicken, sitzt er im Rollstuhl, lässt sich in der luxuriösen Privatklinik "Waldhaus" behandeln. In dieser Mischung aus Zauberberg und Schwarzwaldklinik, wo der Oberkellner sich zwar Guiseppe rufen lässt, aber doch nur ein Josef aus Leipzig ist – Falschmünzer auch hier –, trifft er auf andere Versehrte der Finanz-, Medien-, und Promiwelt, auf merkwürdige Existenzen, die mal berühmt waren und irgendwie abgestürzt sind. Der eine erinnert an den ehemaligen Chef der Deutschen Post, eine andere an die ehemalige Literaturtalkerin aus dem ZDF, wieder eine an den schwulen Star der Volksmusik-Szene. Deserno lässt sich umsorgen, beobachtet den Zusammenbruch der Finanzwelt und kommt auf eine Idee. Er schreibt ein Buch.

"Das ist die übliche Geschichte, dass wenn eine Karriere scheitert, dann fängt man an, ein Buch zu schreiben. Das ist dieser normale Rhythmus, an den wir uns inzwischen gewöhnt haben. Oder man macht erst etwas im Fernsehen und macht dann ein Buch, das läuft nach diesem Schema. Und dann natürlich durch seine Chuzpe. Mit der Chuzpe, mit der man sozusagen Schuldscheine zu Wertpapieren erklärt und den Ölpreis manipuliert und Milliarden um die Welt schickt per Mausklick – mit dieser Chuzpe kann man natürlich auch ein Buch schreiben. Und wenn man dann noch intelligent ist ..."

Deserno erzählt von den vier Frauen, die in seinem Leben wichtig sind: von Ursel, seiner alt-linken und feministischen Mutter, die ihn in einer Frauen-WG zur Welt gebracht hat und heute noch "Dannymann" ruft; von Selma, die in der Bank, in der er für die Schweinereien zuständig war, die Kulturstiftung leitet, für den guten Ruf sorgt, dann von Helen, der Autorin des berühmten Hämorrhoiden-Romans, die schwermütig und ebenfalls in der Klinik ist, und schließlich von Zaibunissa, seinem dienstbaren Geist, einer persönlichen Assistentin, die per BlackBerry und E-Mail von Indien aus alle möglichen organisatorischen und privaten Probleme für ihn löst. Deserno hat sich in Helen verliebt. Ursel und Selma wollen ihn besuchen, Selma kommt dazu mit dem berühmten Autor Truchseß, der einen Roman über den alten Goethe und seine junge Geliebte Anna Amalia geschrieben hat. Truchseß lebt darüber hinaus von den Geldern der Kulturstiftung, von Desernos Profiten also, und wird in der Kurklinik aus dem Goethe-Roman lesen. Kolportage vom Feinsten.
Es geht zu wie im Irrenhaus, ist aber nichts anderes als das Abbild der großen Welt in der kleinen. Ein bisschen Bodo Kirchhoff steckt auch in diesem Daniel Deserno, und wer sich an Kirchhoffs "Schundroman", eine vergleichbare literarische Konstruktion aus dem Jahr 2002, erinnert, weiß, was ihn erwartet. Wie im Bankgeschäft geht Daniel Deserno auch beim Schreiben planmäßig und professionell vor, stellt nebenbei peu à peu zehn goldene Regeln für gutes Schreiben auf, die es wirklich bin sich haben. "Wer ein Buch schreiben will, muss Zeit und Geld haben und wenigstens einen guten Grund", so lautet gleich die erste, die zweite: "... nur sollte sich einer, der's ernst meint, nicht gleich bei allen beliebt machen wollen." Spätestens bei Regel vier ist klar, dass hier Kirchhoff spricht: "Schreiben ist Handwerk plus eigener Sumpf, das eine ohne das andere ist nichts." Deserno erzählt die erst sparsam anmoderierte, dann aber zum dramatischen Höhepunkt strebende Geschichte seines Sexunfalls, verknüpft den oft absurden Alltag in der Klinik mit der Geschichte seiner Kindheit, seinen Geschäften in der Bank. Wenn er über Sex und Erfolg erzählt, bewegt er sich auch auf dem Niveau der "Schweineabteilung", wie sein Ressort dort genannt wird. Die Geschichte des Sexunfalls kann beim Leser Verkrampfungen und Phantomschmerzen auslösen, anderes kann ihn peinlich berühren, aber wenn einer wie Deserno erzählt, muss das so sein. So fragt man sich während der Lektüre, wie Kirchhoff einen Ausweg aus der verrückten Geschichte finden, wie Deserno seine Potenz zurückerlangen und das Buch auch literarisch zum guten Ende kommen wird. Das Kunststück gelingt. Denn neben den Regeln für gutes Schreiben zieht sich ein fein gesponnenes Netz literarischer Subtexte durch den Roman. Zu allererst ist hier der Verweis auf Marguerite Duras' Erzählung "Der Mann im Flur" zu nennen. Deserno hat sie von der Frauen-WG seiner Mutter geschenkt bekommen. Er liest sie in der Klinik, der ungeheuer sparsame Umgang mit den Worten, die gerade dadurch erreichte Intensität und die Art, wie hier einer Situation um Macht und Sex nachgegangen wird, beeindruckt den Banker tief – und das gilt auch für Bodo Kirchhoff:

"Das ist schon eine gewissen Anknüpfung daran, weil ich glaube, dass man über die dunklen Seiten der Sexualität nur so schreiben kann, in dem man die Dinge zwar aus der Dunkelheit herausholt, ohne ihnen aber das Dunkle zu nehmen und sie in ein billiges und grelles Licht zu rücken. Und das ist auch eine gewisse Hommage an eine Autorin oder an ein kleines, vergessenes Werk dieser Autorin, und ich denke einfach, wenn man über ein Buch wie "Feuchtgebiete" spricht, dann muss man einfach sagen, das gibt es schon."

Neben dem großen Vorbild Duras schimmert der leidenschaftliche junge Werther und sein in "Ordnung und Emsigkeit" gefangener Konkurrent Albert durch, kommt aber auch der alte Goethe ins Spiel, dem der an Walser erinnernde Autor Truchseß im berühmten Gartenhaus zu letzten Leidenschaften mit seiner Anna Amalia verholfen hat. Im Gartenhaus der Waldklinik – während ein vortrefflich gezeichneter Truchseß noch das Finale seines Romans liest – kommt es bei Deserno zum überwältigenden Höhepunkt. Einzelheiten sollen hier nicht genannt werden, nur so viel steht fest: Selten hatten wir einen Roman, der in so unmittelbarer Weise auf aktuelle Krisen und Ereignisse reagiert, der sich durch Anspielungen und Aktualitäten auch angreifbar macht. Doch Kirchhoff macht beides, befolgt auch Regel neun: "Zeitnah erzählen und dabei zeitlos sein." Er nimmt seinen Gegenstand ernst, verwandelt sich ihm so weit wir nötig an, und setzt ihm zugleich etwas Eigenes entgegen. Er plädiert mit der Macht des Wortes, mit Geist, Witz und Komik, für einen etwas ernsthafteren Umgang mit dem Geld, dem Sex und den Körperflüssigkeiten, demonstriert mit dieser absurden, geistvoll, souverän und wirklich komisch erzählten Geschichte, was Literatur jenseits der Moden leisten kann.

Bodo Kirchhoff: Erinnerungen an meinen Porsche
Hoffmann & Campe 2009, 223 Seiten, EUR 17,95

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