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Ein Staatsbesuch, der keiner sein durfte

Vor 25 Jahren: Erich Honecker in der Bundesrepublik

Von Marcus Heumann

Erich Honecker, ehemaliger Staatschef der DDR
Erich Honecker, ehemaliger Staatschef der DDR (AP Archiv)

Als Erich Honecker vor 25 Jahren zum Arbeitsbesuch in Bonn erschien, wähnte er sich einen wichtigen Schritt weiter hin in Richtung einer Anerkennung der Zweistaatlichkeit der deutschen Staaten. Bundeskanzler Kohl sah das ganz anders.

"Zum ersten Mal erklang die Staatshymne der DDR in Bonn; der Staatsflagge wurde die ihr zukommende Ehre erwiesen." (Erich Honecker, Moabiter Notizen, Seite 52)

Helmut Kohl, Erinnerungen 1982 – 1990, Seite 557: "Es war mir zutiefst zuwider, dass ich mir die DDR-Hymne anhören musste und die DDR-Fahne mit Hammer und Zirkel aufgezogen wurde. Seit Wochen hatte es mir vor diesem Moment gegraut, doch ich musste es über mich ergehen lassen."

Des einen Freud, des anderen Leid – zwei deutsche Staatenlenker auf einem roten Sisalteppich vor dem Bonner Kanzleramt am 7. September 1987. Der eine von ihnen, SED-Generalsekretär Erich Honecker, muss diese Szene als Triumph erlebt haben. Der andere, Bundeskanzler Helmut Kohl, als eine Erniedrigung, die es im Interesse der Menschen im geteilten Deutschland zu ertragen galt.

"Für manch einen war das hier so etwas wie der Schmerz, auf den man beim Zahnarzt wartet und der dann auch tatsächlich kommt."

Kommentierte der Deutschlandfunk damals die Intonation der DDR-Hymne durch die Kapelle des Bundeswehr-Wachbataillons. Immerhin: Der Regierung Kohl war ein halbes Jahrzehnt Zeit vergönnt, um sich auf diesen Schmerz vorzubereiten. Die Einladung an Honecker hatte noch Kanzler Helmut Schmidt ausgesprochen – bei seinem geradezu surreal anmutenden DDR-Besuch im Dezember 1981. Nachdem die Bürger Erfurts 1970 das erste deutsch-deutsche Spitzentreffen zwischen Willy Brandt und DDR-Ministerpräsident Willi Stoph durch ihren frenetischen Jubel für den Bundeskanzler in eine böse Propagandaschlappe für die SED verwandelt hatten, war beim Schmidt-Besuch im mecklenburgischen Güstrow elf Jahre später Vorsorge getroffen worden.

"Hier in der Innenstadt steht die Polizei im Abstand von zehn Metern. Und hinter der Polizei stehen einige Hundert Bürger. Aber es sind keine Bürger Güstrows, sondern es sind herangefahrene Gäste. Man sieht eine im Grunde menschenleere Stadt mit einem relativ vollen Marktplatz, aber das sind Menschen, die ständig nicht hier leben."

Berichtete Günter Lincke vom Berliner DLF-Studio im Dezember 1981 über das Treffen Honecker - Schmidt im potemkinschen Dorf Güstrow. Auch zeitlich stand der Besuch des Bundeskanzlers unter keinem guten Stern: Just am Tag seiner Ankunft war in Polen das Kriegsrecht ausgerufen worden. Und auch, dass sich der SED-Generalsekretär mit seinem Gegenbesuch im Westen fast sechs Jahre Zeit ließ, ist der Verschärfung des Ost-West-Konflikts in der ersten Hälfte der 80er-Jahre geschuldet.

"Das war das Veto aus Moskau."

So der Historiker und SED-Experte Manfred Wilke.

"Zwischen 1982 und 1983 ging überhaupt nichts wegen der Raketenkrise und der Auseinandersetzung um den NATO-Doppelbeschluss. Dann hat er 1984 die Einladung von Kohl noch mal gekriegt und dann wollte er fahren. Und dann haben ihm die Moskauer erklärt, dass das überhaupt nicht ginge angesichts der zugespitzten Lage. Das letzte Verbot kam von Gorbatschow 1986. Und bei dem Besuch, der dann stattfand, hat Moskau nicht mehr eingegriffen."

Was keineswegs bedeutete, dass Honeckers Reisewünsche im sowjetischen Politbüro keine Aktivitäten ausgelöst hätten: Wenige Tage nach der Wiederwahl Helmut Kohls und noch vor dessen erneuter Einladung an Honecker wies Gorbatschow im Februar 1987 sein Außenministerium an:

"BRD nicht Honecker überlassen."

Und ergänzte an die Adresse des sowjetischen Botschafters in Bonn gerichtet:

"Besuch Weizsäckers in Moskau sicherstellen."

Schon 1986 waren Gorbatschow und Honecker in Moskau ideologisch aneinander geraten, vor allem wegen der sich bereits abzeichnenden Reformpolitik des neuen KPdSU-Generalsekretärs. Dass der sowjetische Schriftsteller Jewgeni Jewtuschenko bei einem Interview im West-Fernsehen den Deutschen offenherzig die Wiedervereinigung gewünscht hatte, brachte Honecker derart in Rage, dass er von Gorbatschow verlangte, fortan nur noch ideologisch standhafte Sowjetkünstler vor westliche Mikrofone und Kameras zu lassen. Dem Reformer im Kreml muss sehr schnell klar geworden sein, dass sich der Altstalinist Honecker vor kaum etwas mehr fürchtete als vor einer Perestroika in der DDR und unkontrollierten Gedankenspielen zum Thema Wiedervereinigung. Spätestens mit dem Besuch des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in Moskau im Juli 1987 musste auch Bonn realisiert haben, dass sich eine Schere zwischen der Deutschlandpolitik Ost-Berlins und Moskaus auftat – Gorbatschow ließ dem Kanzler ausrichten:

"Bei uns in der sowjetischen Führung ist das Gefühl herangereift, es sei unerlässlich, die Beziehung zwischen der UdSSR und der BRD zu überdenken und sie durch gemeinsame Anstrengungen auf ein neues Niveau zu heben."

Unterdessen war man in Bonn vollauf damit beschäftigt, die inzwischen terminierte Honecker-Visite mittels allerlei protokollarischer Verrenkungen politisch ein wenig tiefer zu hängen:

"Es war nach amtlicher Formulierung kein Staatsbesuch. Die äußeren Formalitäten ähnelten sehr einem Staatsbesuch, das ist richtig, aber: Das war uns doch sehr wichtig, dass wir die DDR insoweit nicht als gleichberechtigten Staat anerkannt haben."

Erinnert sich Dorothee Wilms, von 1987 bis 1990 letzte Ministerin für innerdeutsche Beziehungen im Kabinett Kohl:

"Es war auch immer vom Generalsekretär Honecker die Rede und nicht vom Staatsratsvorsitzenden. Nur einige Ministerpräsidenten haben diese Feinheiten nicht so mitbekommen, aber in Bonn - immer alle Anreden: "Der Generalsekretär" Honecker!"

"Ich könnte mir vorstellen, dass in westlichen Hauptstädten Psychologen beauftragt werden, beispielsweise aus dem verkürzten, verknautschten Sprechstil Honeckers auf seine Seelenfalten zu schließen, seine Ängste und Wünsche. Er sagt "deutschekratsche Replik", wenn er seinen Staat meint. "Sozialismus" rutscht ihm zu "Soschlmus" oder "Solismus" zusammen."

Sinnierte der 1981 in den Westen übergesiedelte Leipziger Schriftsteller Erich Loest anlässlich Honeckers 75. Geburtstag im August 1987. Doch der Generalsekretär schwebte ohnehin nicht als Solist mit einer Interflug-Iljuschin auf dem Köln-Bonner Flughafen ein. Seine Entourage bestand aus rund 200 Spitzenfunktionären, Journalisten der DDR-Medien und Managern wichtiger volkseigener Kombinate. Bei ihrem "Arbeitsbesuch" sollten drei Abkommen unterschrieben werden: zur wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit, zum Informationsaustausch in Sachen Strahlenschutz und zum Umweltschutz.

"Diese Abkommen waren lange vor dem Honecker-Besuch schon verhandelt worden. Das war sozusagen das "Äußerliche", weil es sich so gehörte, dass man etwas unterschrieb."

Als halbwegs überraschendes "Gastgeschenk" brachte der Generalsekretär indes die Information mit, dass die DDR in den ersten acht Monaten des Jahres 1987 ihren Bürgern rund 3,2 Millionen Besuche in der Bundesrepublik gewährt habe, davon 876.000 in dringenden Familienangelegenheiten. Damit Honeckers Westreise nicht von dramatischen Ereignissen an der deutsch-deutschen Grenze überschattet wurde, hatte die DDR für deren Dauer – so wissen wir heute – zudem den Schießbefehl an der Demarkationslinie aussetzen lassen.

Vorfahrt der schwarzen Staatskarossen hier vor dem abgeriegelten Rokkokoschlösschen. Hier gerade um die Ecke stehen vielleicht 100 meist junge Menschen mit Spruchbändern mit Plakaten, auf denen wird gefordert: Die Mauer, der Schießbefehl müssen weg. Drinnen ist festlich die Tafel gedeckt, dort, in der Redoute erlebt Erich Honecker jetzt ein endloses Defilee von dunklen Anzügen und feierlichen Damenroben, ein kapitalistisches Spalier de luxe.

Dass die Tischreden in der Godesberger Redoute live und unzensiert auch im DDR-Fernsehen übertragen wurden, war dabei eine conditio sine qua non, im Vorfeld des Besuchs ausgehandelt von Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble in Ost-Berlin. Dorothee Wilms:

"Das war ja eine der Grundbedingungen für diesen Arbeitsbesuch, damit Kohl noch mal vor aller Welt, vor allem vor allen Deutschen, deutlich machen konnte: Wir halten an der Idee der deutschen Einheit fest, wie immer sich die Dinge entwickeln werden."

Helmut Kohl: "Das Bewusstsein für die Einheit der Nation ist wach wie eh und je. Und ungebrochen ist der Wille, sie zu bewahren."

Keine 60 Sekunden brauchte der Kanzler, um nach den Begrüßungsfloskeln bei seiner Tischrede in der Redoute zur Sache zu kommen.

"An den unterschiedlichen Auffassungen der beiden Staaten zu grundsätzlichen Fragen, darunter zur nationalen Frage, kann und wird dieser Besuch nichts ändern. Für die Bundesregierung wiederhole ich: Die Präambel unseres Grundgesetzes steht nicht zur Disposition, weil sie unserer Überzeugung entspricht. Sie will das vereinte Europa, und sie fordert das gesamte deutsche Volk auf, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden. Das ist unser Ziel."

Und Honecker erwiderte:

"Angesichts der Lage der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland im Zentrum Europas und der Lehren der Geschichte reicht die Bedeutung ihres Verhältnisses weit über ihre Grenzen hinaus. Die Entwicklung unserer Beziehungen, dessen sind wir uns bewusst, ist von den Realitäten dieser Welt gekennzeichnet. Und sie bedeuten, dass Sozialismus und Kapitalismus sich ebenso wenig vereinigen lassen, wie Feuer und Wasser."

Am darauf folgenden Abend lud die DDR-Delegation ins Bonner Hotel Bristol ein – unter anderen auch Vertreter der "Grünen", die Helmut Kohl in der Redoute offenbar nicht dabei haben wollte. Petra Kelly hatte dem Generalsekretär ein paar pikante Geschenke mitgebracht:

"Darunter zwei Wolf-Biermann-Platten und eine Grafik von Bärbel Bohley, eine DDR-Künstlerin und Friedensfrau, die immer noch sehr unterdrückt wird. Und das sind Menschen, die wie wir denken."

Bohley-Grafiken und Biermann-Platten sollten nicht die einzigen Präsente bleiben, die Honecker mit nach Hause nehmen konnte. Schon am nächsten Tag, beim Besuch des NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau, der nächsten Station auf Honeckers West-Tournee, geriet der Generalsekretär in Wuppertal an einen alten Bekannten, der wiederum auf eine Ost-Tournee hoffte:

Udo Lindenberg: "Als Symbol unserer gemeinsamen Friedensbemühungen habe ich ihnen eine Gitarre mitgebracht mit einem Slogan drauf, "Gitarren statt Knarren – für eine atomwaffenfreie Welt im Jahre 2000", und diese Gitarre möchte ich ihnen, lieber Erich Honecker, gerne überreichen."

Erich Honecker: "Danke ihnen recht herzlich – Gitarren statt Knarren, vollkommen richtig – weiterhin viel Erfolg und auf Wiedersehen in der Deutschen Demokratischen Republik!"

Udo Lindenberg: "Nicht zuviel Protokoll und zuwenig Rock 'n Roll!"

Erich Honecker: "Etwas Protokoll ist da, aber mehr Rock'n'Roll werden wir noch später haben."

Zwar revanchierte sich der Generalsekretär gegenüber Udo Lindenberg später mit einer Schalmei – aber mit dem Rock 'n Roll auf Honeckers BRD-Tour, die ihn noch nach Rheinland-Pfalz, ins Saarland und nach Bayern führte, wurde es dann doch nichts mehr. Auch wenn - allegorisch betrachtet - mancher westdeutsche Landesfürst mit Honecker ein bisschen enger tanzte, als es das Protokoll vorgeschrieben hätte. Im Kanzleramt sah man das gar nicht gern. Und auch Historiker wie Manfred Wilke fühlten sich damals eher abgestoßen vom Fraternisieren mit dem Mann, der Mauer und Schießbefehl mitzuverantworten hatte:

"Ich fand das, was die politische Klasse der Bundesrepublik in dieser Beziehung abgeliefert hat – und da nehme ich den Bundeskanzler ausdrücklich aus – ziemlich zweifelhaft und teilweise widerlich. Aber man muss den Zeitgeist in Rechnung stellen und den kollektiven Irrtum, dem die Mehrheit der Medienbeobachter damals unterlag. Denn dieser Besuch wurde als die endgültige Anerkennung der deutschen Zweistaatlichkeit durch die Bundesrepublik aufgefasst."

Umso irritierender und rätselhafter wirkte jene Äußerung, die Erich Honecker am 10.September in seiner saarländischen Heimatstadt Neunkirchen über die schmalen Lippen kam. Sichtlich bewegt vom Empfang durch die Wiebelskirchener Schalmeienkapelle, dem Besuch am Grab seiner Eltern und der Wiederbegegnung mit seiner Schwester und alten saarländischen KP-Genossen, ließ er sein vorgefertigtes Redemanuskript sinken und sprach, nachdem er ein weiteres Mal die Verankerung beider deutscher Staaten in ihren jeweiligen militärischen Bündnissen betont hatte:

"Dass unter diesen Bedingungen die Grenzen nicht so sind, wie sie sein sollten, ist nur allzu verständlich. Aber ich glaube, wenn wir gemeinsam eine weitere friedliche Zusammenarbeit erreichen, dann wird auch der Tag kommen, an dem Grenzen uns nicht mehr trennen, sondern Grenzen uns vereinen – so wie uns die Grenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen vereint."

"Das Vergleichsbeispiel polnische Grenze war ja nun besonders sinnig! Die war damals für die DDR-Bevölkerung nicht ohne Visa passierbar. Denn diese visafreien Polenbesuche wurden 1981 nach Solidarnosc von der DDR abgeschafft."

Konstatiert Manfred Wilke. Interpretationen von Historikerkollegen, Honecker habe mit seiner Äußerung die Möglichkeit einer deutschen Konföderation angedeutet, wie sie – unter sozialistischen Vorzeichen – in den 50er- und 60er-Jahren von Walter Ulbricht des Öfteren ins Spiel gebracht worden war, hält er für abwegig.

"In den Auswertungspapieren nach dem Besuch steht ausdrücklich drin, dass das nächste Ziel der SED-Westpolitik ist: die Anerkennung der Staatsbürgerschaft der DDR und die Aufhebung des gesamtdeutschen Staatsbürgerrechts in der Bundesrepublik."

Und um zu erkennen, dass sich Derartiges nie ohne weitreichende Zugeständnisse beim verhassten Grenzregime und der Freizügigkeit erreichen ließe, dafür war Honecker Realpolitiker genug. Während sich also Ost-Berlin durch Reiseerleichterungen gerade eine Zementierung der Zweistaatlichkeit erhoffte, war das Kalkül in Bonn genau umgekehrt. Dorothee Wilms:

"Unser Ziel war, und so war es auch von Bundeskanzler Kohl vorgegeben: Die Menschen in Deutschland müssen in großer Zahl zueinander kommen, damit die deutsche Einheit in den Köpfen und in den Herzen erhalten bleibt. Mehr konnten wir im Moment ja nicht erreichen."

Die deutschlandpolitische Bilanz des innerdeutschen Ministeriums wies für 1988 jeweils gut fünf Millionen Reisen von Bundesbürgern in die DDR und von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik aus. Etwa 1,2 Millionen DDR-Bürgern unterhalb des Rentenalters wurde in jenem Jahr ein West-Besuch gestattet, zudem 25.000 Menschen die Übersiedlung in den Westen. Hinzu kamen rund 50 deutsch-deutsche Städtepartnerschaften und die Anfänge eines Kultur- und Wissenschaftsaustauschs. Doch genau dieser Kontrast zwischen deutschlandpolitischer Flexibilität und nach innen gerichteter Repression wurde der SED zum Verhängnis, so beispielsweise der Journalist und Historiker Peter Bender:

Bender: Die "Neue Ostpolitik" und ihre Folgen, Seite 256: "Die Führung reagierte auf demonstrierten Unmut und Opposition, wie sie es gewohnt war, doch nach Honeckers Verständigungsreise durch die Bundesrepublik bekamen die alten Methoden eine neue Bedeutung. Was früher als unabänderlich hingenommen wurde, erschien nun nicht mehr hinnehmbar."
"Die Mauer wird in 50 und auch 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind."

Orakelte der SED-Generalsekretär noch im Januar 1989. Weder Honecker noch sonst irgendjemand konnte damals ahnen, wann und aus welchem Anlass er das nächste Mal mit einem Düsenjet auf bundesdeutschem Territorium einfliegen würde: am 29.Juli 1992 – diesmal ohne Musikkorps und roten Sisalteppich.

"Nach der Landung um 20.05 Uhr hatte es noch genau 35 Minuten gedauert, bis Honecker in einem Wagen zur Haftanstalt Moabit gefahren wurde. Honecker war mit Betreten deutschen Bodens praktisch verhaftet.""

Schon im Dezember 1991 hatte Boris Jelzin als Nachfolger Gorbatschows betont, Honecker, der sich im März 1991 aus Furcht vor einer Strafverfolgung als mutmaßlich Verantwortlicher für den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze mitsamt seiner Frau Margot nach Moskau abgesetzt hatte, müsse nach Deutschland zurückkehren. Darauf suchten die Honeckers in der chilenischen Botschaft in Moskau Zuflucht – vergebens.

"Dass er noch erleben musste, dieses Moskau, das für die Kommunisten das Zentrum der Welt war, ihn an den Klassenfeind ausliefert, das ist doch auch eine nachträgliche Demütigung gewesen, die sich die Regierung Jelzin da geleistet hat."

Doch der Mann, der durch seine persönliche Intervention beim chilenischen Präsidenten die Auslieferung des schwer krebskranken Honecker endgültig durchsetzte, war eben jener, der fünf Jahre zuvor neben dem Generalsekretär in Bonn auf dem roten Teppich gestanden hatte: Helmut Kohl. Des einen Freud, des anderen Leid...

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