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StartseiteEuropa heuteEin Tabu-Thema gebrochen04.05.2009

Ein Tabu-Thema gebrochen

Die Diskussion um Sterbehilfe in der Türkei

Sterbehilfe wird in Europa heiß diskutiert. In muslimisch geprägten Ländern, wie zum Beispiel der Türkei, war Sterbehilfe bislang kein Thema, denn laut Koran ist gläubigen Moslems jede Form von Selbstmord verboten. Doch nun hat ein schwer behinderte Mann aus Ankara öffentlich angekündigt, seinem Leben ein Ende bereiten zu wollen - und hierdurch eine heftige Debatte ausgelöst.

Von Gunnar Köhne

Darf man seinem Leben ein Ende bereiten? - Die Freitod-Entscheidung eines Mannes aus Ankara beschäftigt die Türkei. (AP)
Darf man seinem Leben ein Ende bereiten? - Die Freitod-Entscheidung eines Mannes aus Ankara beschäftigt die Türkei. (AP)

Ein Tabu wird heute gebrochen, verspricht der Fernsehmoderator. Denn in seiner Sendung gehe es um eine Frage, über die in der Türkei bislang kaum gesprochen worden sei: Es geht um das Recht zu sterben. Bislang hatte die türkische Öffentlichkeit die Debatte um Sterbehilfe als ein Problem des westlichen Auslands wahrgenommen - etwa wenn die Medien reißerisch darüber berichteten, wie sich ein Mann in England vor laufender Kamera das Leben nimmt.

Doch nun hat die Türkei selbst eine Euthanasie-Debatte: Es geht dabei um Tugrul Cankurt, einen pensionierter Lehrer aus Ankara, der öffentlich ankündigte, seinem Leben mit Hilfe der Schweizer Organisation Dignitas ein Ende bereiten zu wollen. Seit einem Unfall vor fünf Jahren ist Cankurt vom Hals ab gelähmt - und in der Fernsehsendung des Kanals Show TV live aus Ankara zugeschaltet

"Mein Wunsch zu sterben hat viele Gründe. Da ist einerseits die Tatsache, dass es außer Atmen und Denken nichts mehr gibt was ich selbst machen kann. Und dann habe ich das Gefühl, die Familie um mich herum durch meine totale Hilflosigkeit zu zerstören. Denken Sie nur, ich muss mindestens zwei Mal in der Stunde in eine andere Position gedreht werden."

Die türkische Regierung musste sich in der Debatte um den Fall Cankurt den Vorwurf gefallen lassen, dass es im türkischen Gesundheitssystem kaum Betreuungs- und Beratungsangebote für Schwerstbehinderte gebe. Auch die Ehefrau des Lehrers betonte in Interviews immer wieder, dass der Staat die Familien allein lasse. Häusliche Pflege müsse selbst bezahlt werden, für Rollstuhlfahrer gebe es nicht einmal abgesenkte Bordsteinkanten.

Gläubigen Moslems ist jede Form von Selbstmord verboten - auch das ein Grund, warum es bislang über diese Frage keine größeren öffentlichen Debatten in der Türkei gab. Das Leben sei von Gott gegeben, also könne es auch nur Gott wieder genommen werden, betont der Istanbuler Theologe Abdulaziz Bayindir:

"Der Koran ist beim Thema Tod eindeutig: Du darfst ein von Allah geschaffenes Leben nicht beenden, heißt es dort. Das betrifft das eigene Leben wie das anderer. Schwerkranken in ihrer Verzweiflung zu helfen ist eine Aufgabe der Gesellschaft. Denn wenn man es einem Schwerbehinderten erlaubt, sich das Leben nehmen, wie will man es dann einem von Liebeskummer Verzweifelten verwehren?"

Das habe der Theologe auch dem Schwerbehinderten Tugrul Cankurt und seiner Frau gesagt als diese ihn in ihrer Verzweifelung um Rat baten. Detaillierte Regelungen wie mit dem Willen von Schwerkranken zu verfahren sei - vergleichbar der deutschen Patientenverfügung - gibt es in der Türkei nicht. Rechtlich ist Sterbehilfe bislang strafbar. Doch auch darüber ist die Debatte in der Türkei nun eröffnet: Die renommierte Jura-Professorin Sibel Inceoglu etwa streitet öffentlich für das Recht zu sterben:

"Seit den 80er-Jahren ist das Recht zu sterben in zahlreichen Ländern als Grundrecht debattiert worden. Etliche Staaten haben es auch gesetzlich erlaubt. Nur die Türkei hinkt da hinterher. Ich bin der festen Meinung, dass das Recht zu sterben zu den persönlichen Grundrechten jedes Einzelnen gehört."

Auch die Theologen des Landes kamen durch die Debatte unter Druck, bekennt Abdulaziz Bayindir, der der Istanbuler Süleymaniye Stiftung vorsteht, einer Art Infocenter in religiösen Fragen. Für den Gelehrten gibt es nur eine Ausnahme vom religiösen Sterbehilfeverbot:

"Wenn jemand nur noch von Apparaten am Leben gehalten wird, dann können diese abgeschaltet werden. Denn der betreffende kann ja nicht mehr aus eigener Kraft am Leben bleiben. Diese Position ist unter islamischen Theologen unumstritten. Wenn wir von betroffenen Verwandten gefragt werden, dann antworten wir auch in der Regel: Ja, sie können in einem solchen Fall den Stecker herausziehen."

Während die Freitod-Entscheidung des schwer behinderten Kunsterziehers aus Ankara nach wie vor die Diskussionsforen des Internets beschäftigt, lässt sich der von seiner Entscheidung nicht abbringen. Demnächst will Tugrul Cankurt seine Koffer für Zürich packen - für seine letzte Reise.

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