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Ein Tabubruch und seine Relevanz

"Stern"-Reporterin wirft Rainer Brüderle Sexismus vor

Von Brigitte Baetz, freie Journalistin

FDP-Politiker Rainer Brüderle und der Vorwurf einer "Stern"-Redakteurin
FDP-Politiker Rainer Brüderle und der Vorwurf einer "Stern"-Redakteurin (picture alliance / dpa)

Der Bericht einer "Stern"-Journalistin über Rainer Brüderles Verhalten ihr gegenüber hätte vor seiner Nominierung zum FDP-Spitzenkandidaten veröffentlicht werden können. Denn der Fall liegt ein Jahr zurück. So bleibt ein unguter Nachgeschmack, meint Brigitte Baetz.

Kaum eine Journalistin dürfte es geben, die so etwas nicht kennt: den etwas zu intensiven Blick auf den Ausschnitt oder die Beine beispielsweise oder den vertraulichen Arm auf der Schulter oder um die Hüften. Journalismus ist ein Kommunikationsberuf, und da bleibt es nicht aus, dass der ein oder andere Gesprächspartner den Begriff Kommunikation sehr weit auslegt.

Kommunikation bedeutet Nähe - und gerade Politiker, die schon von Berufs wegen zu einer gewissen Jovialität neigen, sind dafür prädestiniert, Volksnähe mit körperlicher Nähe zu verwechseln. Rainer Brüderle, den man bestimmt nicht beleidigt, wenn man ihm einen Hang zu Jovialität und Volksnähe bescheinigt, ist in vielerlei Hinsicht ein Politiker alten Schlages. Er gehört phänotypisch zu einer Riege Männer, wie sie schon die Bonner Republik kannte: leutselig, auch mal trinkfreudig und mit einem Hang zu Scherzen, die vor allem Frauen nicht immer lustig finden.

Die junge "Stern"-Redakteurin Laura Himmelreich hat diese spezielle Art im Wortsinn am eigenen Leib erfahren und ihre Eindrücke unter der Schlagzeile "Der Herrenwitz" in einem Artikel niedergeschrieben. Der 67-jährige Brüderle, der Spitzenmann der FDP für die Bundestagswahl, wird dort porträtiert als werbend-herablassend, distanzlos und sexistisch. Der Artikel erinnert an ein Buch, das die ehemalige "Spiegel"-Reporterin Ursula Kosser im letzten Jahr veröffentlicht hat. "Hammelsprünge", so der Titel, gab einen unschönen Einblick in den Politikbetrieb des ehemaligen Bundesdorfes Bonn in den 80er- und 90er-Jahren. Ursula Kosser beschrieb das Regierungsviertel am Rhein als Treibhaus für Chauvinismus und sexuelle Übergriffe. Dabei taten sich nicht nur bekannte Politiker mit dummen Sprüchen und unangebrachten Avancen hervor, sondern auch die lieben Journalistenkollegen.

Seit dieser Zeit hat sich allerdings Einiges im Bewusstsein von Männern und Frauen getan, und das hatte nicht mit dem Umzug des Regierungstrosses nach Berlin zu tun. Journalismus und Politik sind "weiblicher" geworden, will heißen: Die Zahl der Frauen in beiden Berufsgruppen ist extrem angestiegen. Sexuelle Belästigung gilt schon lange nicht mehr als Kavaliersdelikt. Und es gibt immer mehr weibliches Führungspersonal. Deutschland hat eine Bundeskanzlerin und der Deutschlandfunk eine Chefredakteurin. Doch mit dem eingeebneten Machtgefälle zwischen Mann und Frau haben Aufdringlich- und Zweideutigkeiten zwar abgenommen, eine männliche Tendenz zur Herablassung gibt es gleichwohl immer noch.

Vor knapp zwei Wochen berichtete beispielsweise Annett Meiritz, Redakteurin bei "Spiegel Online", über frauenfeindliche Sprüche und Verleumdungen aus den Reihen der männerdominierten Piratenpartei. Und Doris Buchholz, Bundesvorsitzende der Liberalen Frauen, hatte die FDP schon vor einem Jahr als einen "Männerverein" kritisiert, in dem sich Parteifreunde schon einmal weigerten, Kandidatinnen zu plakatieren, die ihnen zu wenig attraktiv erschienen. Junge Journalistinnen seien kein Freiwild, "weder für Piraten noch für ältere Herren aus der Politik", so hat "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn den Artikel über die mutmaßlichen Annäherungsversuche Brüderles verteidigt.

Der erste Eindruck, den die Autorin vor gut einem Jahr vom Umgang des Politikers mit Frauen gewonnen hatte, sei "im Laufe der Zeit bei weiteren Beobachtungen und Begegnungen" bestätigt worden. Mit diesem Bericht hat der "Stern" durchaus ein Tabu gebrochen - und zwar zu Recht: Es geht nicht an, dass Belästigungen als unbedeutend unter den Teppich gekehrt werden, gerade wenn es um einen hochrangigen Politiker geht. Lange Jahre wäre das Usus gewesen, wie die bis heute unter vorgehaltener Hand kolportierten Geschichten über aufdringliche Minister, aber auch offenherzige Journalistinnen belegen. Das Privatleben von Politikern galt in Deutschland als nicht berichtenswert, es sei denn, der Betroffene hatte es selbst anders bestimmt. Und der Umgang mit weiblichen Mitarbeitern oder Journalistinnen galt als Teil des Privatlebens, als Teil dieser ungeschriebenen Abmachung zwischen Politik und Presse, die Übergriffe bagatellisierte.

Gleichwohl bleibt ein unguter Nachgeschmack, was den Zeitpunkt der "Stern"-Veröffentlichung betrifft: Das Erlebnis der Journalistin mit Brüderle liegt ein Jahr zurück, man hätte auch vorher schon berichten können, als der Politiker noch nicht zum Gesicht seiner Partei für den Bundestagswahlkampf bestimmt worden war. Genug Relevanz hätte die Geschichte, wenn sie sich wie beschrieben auch zugetragen hat, schon früher gehabt.

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