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StartseiteLyrixAuf einen Sprung zu Gottfried Benn09.08.2015

Ein Text von Norbert HummeltAuf einen Sprung zu Gottfried Benn

Der Schriftsteller Norbert Hummelt ist seit der ersten Stunde eng mit »lyrix« verbunden. Auch in diesem Jahr hat er die »lyrix«-Preisträger auf ihrer Berlinreise begleitet und für sie eine Werkstatt im Literarischen Colloquium Berlin geleitet. Abends hat er sie auf einen Spaziergang mitgenommen, der allen in besonderer Erinnerung geblieben ist. Seine Eindrücke hat er schriftlich festgehalten – in einigen Wochen sind sie auch in der neuen »lyrix«-Anthologie nachzulesen.

Norbert Hummelt bei der diesjährigen lyrix-Schreibwerkstatt im Literarischen Colloquium Berlin (Carolin Kramer)
Norbert Hummelt bei der diesjährigen lyrix-Schreibwerkstatt im Literarischen Colloquium Berlin (Carolin Kramer)

Auf einen Sprung zu Gottfried Benn.
Von Norbert Hummelt

Von Anfang an bin ich bei lyrix als Werkstattleiter mit dabei, nie aber hatte ich Gelegenheit gehabt, mit den jungen Lyrikerinnen und Lyrikern außerhalb des Workshops noch Zeit zu verbringen, weil es immer andere Termine gab. In diesem Jahr aber passte es für ein gemeinsames Abendessen im Tomasa, einem Restaurant mit internationaler Küche in der Villa Kreuzberg am Viktoriapark, wo ein künstlicher Wasserfall herabrauscht und einen für den Moment des Vorbeigehens in eine andere Landschaft zieht. Auf der Anhöhe, die heute Kreuzberg, früher aber Tempelhofer Berg hieß, war ich Anfang 2006, kurz nach meinem Berlin-Umzug, einmal gewesen. Grund war ein Gemälde von Adolf Menzel, Gewitter am Tempelhofer Berg, das im Kölner Wallraf-Richartz-Museum hängt; zu diesem Gemälde schrieb ich ein Gedicht und sah mich deshalb vor Ort um. Selten bin ich, in zehn Jahren Berlin, seither in dieser Ecke gewesen, die für mich etwas geheimnisvoll Anziehendes, eben wirklich Großstädtisches behalten hat, das ich am Prenzlauer Berg kaum mehr finde.

An diesem Abend, unter den jungen Leuten, die – so kommt es mir vor – fast alle dasselbe vegetarische Gericht bestellten (nur weiß ich nicht mehr, welches!), fiel mir plötzlich ein, dass wir uns nicht weit von der Wohnung Gottfried Benns befanden. Nicht derjenigen in der Bozener Straße in Schöneberg, wo der Dichter in seinen späten Jahren lebte und abends teilweise heute noch existierende Lokale besuchte, sondern der in der Belle-Alliance-Straße 12, Ecke Yorckstraße, wo er von 1917 bis 1935 seine Arztpraxis hatte, in der er auch wohnte. Die Belle-Alliance-Straße steht allerdings in keinem Stadtplan mehr, ihr Name erinnerte an eine der vielen Schlachten gegen Napoleon, heute heißt sie längst Mehringdamm, aber ich bekam Lust auf einen gemeinsamen Spaziergang dorthin. Immer sind wir ja in den Spuren anderer unterwegs, die vor uns gelebt und vor uns geschrieben haben, manchmal ist es uns bewusst und manchmal nicht – für mich ist der Gedanke aber immer wieder elektrisierend, und noch nie habe ich einen Workshop abgehalten, in dem ich nicht auch versucht hätte, die Stimmen der toten Dichter, im lebendigen Klang ihrer Gedichte, als Wegzehrung an ihre jungen Herausforderer weiterzuleiten. Und weil niemand etwas dagegen hatte, spazierten wir also in dieser warmen Sommernacht zu der verkehrsreichen Ecke Mehringdamm/Yorckstraße, von der aus Benn, der vom Land kam, östlich der Oder, aber in Berlin zum begeisterten Großstadtbewohner wurde, in Versen in das Leben seiner Zeit hineinleuchtete, immer aber auch in das geheimnisvolle Land in seinem Innern.

einstmals sang der Sänger
über die Lerchen lieb,
heute ist er Zersprenger
mittels Gehirnprinzip,
stündlich webt er im Ganzen
drängend zum Traum des Gedichts
seine schweren Substanzen
selten und langsam ins Nichts.

Diese Strophe aus dem 1925 verfassten Gedicht Der Sänger steht auf einer Gedenktafel am Eingang des Hauses, angebracht 2006, am Vorabend von Benns 50. Todestag. Um diese Tafel, um diese Verse versammelten wir uns, ich erzählte, was mir der Augenblick eingab zu Dichter, Leben und Werk, und hatte zudem Ansgar Riedißer in Verdacht, ein Benn-Leser zu sein, was er allerdings bestritt. Also 90 Jahre alte Verse, die man an einer belebten Straßenkreuzung lesen kann, wie viele Berliner, wie viele Durchreisende das täglich tun, wird nirgends festgehalten, und das ist gut so – man kann das Leben ja nicht in Zahlen und Statistiken festhalten, tausend likes können es auch gar nicht aufwiegen, wenn vielleicht für einen, für eine Vorübergehende ein Wort, ein Satz plötzlich zündet.

Ein Wort, ein Satz –: aus Chiffern steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen
und alles ballt sich zu ihm hin.

Das hatte dann jemand unter uns schnell auf dem Smartphone heruntergeholt aus den Datenwolken des Wissens, die eigentlich Wolken des Nichtwissens sind. Man weiß ja eigentlich nur, was man von sich aus weiß und nirgends nachschlagen muss. Aber diese Diskussion ist alt, schon Platon stand der Erfindung der Schrift skeptisch gegenüber, weil er befürchtete, dass sie das Gedächtnis auf ungute Weise entlasten könnte, und doch gibt es bis heute einige, die ganze Gedichte auswendig wissen, nicht, weil sie dazu in der Schule gezwungen worden wären, sondern weil das Gedicht so in ihren innersten Besitz eingeht, ein Teil von ihnen wird, ganz ohne Chip. Benn stand neuen Technologien übrigens aufgeschlossen gegenüber, er war nicht nur passionierter Radiohörer, sondern sah schon 1950 die Bedeutung von Robotern voraus und war nicht der Meinung, dass man diese Entwicklung aufhalten sollte. Kritischer sah Benn dagegen die Erlernbarkeit des Dichtens, der Lyriker als Leiter eines Workshops, das wäre für ihn ein no-go gewesen: Das Verhältnis zum Wort ist primär, diese Beziehung kann man nicht lernen. Sie können Äquilibristik lernen, Seiltanzen, Balanceakte, auf Nägeln laufen, aber das Wort faszinierend ansetzen, das können Sie, oder das können Sie nicht. Bon. Aber wenn eine Begabung da ist, kann man sie fördern und begleiten, und darum ging es auch in diesem Berliner lyrix-Workshop im hellen Juni 2015, der eben noch da war, nun aber unwiederbringlich hinter uns liegt. Wir standen an dieser Straßenecke, die Düfte der benachbarten Currywurst-Bude verlockten uns nicht, denn wir waren ja noch gut gesättigt. Und dann gingen wir noch was trinken, leichte oder schwere Substanzen, je nachdem.

Ein Wort –, ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich –,
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

 

Norbert Hummelt, geb. 1962 in Neuss am Rhein, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Berlin. Veröffentlichungen zuletzt: "Wie Gedichte entstehen" (Essay, mit Klaus Siblewski, Luchterhand Literaturverlag 2009), "Pans Stunde" (Gedichte, Luchterhand Literaturverlag 2011) und T.S. Eliot, "Vier Quartette/Four Quartets" (Übers., Suhrkamp Verlag 2015)

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