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StartseiteEuropa heuteEin Türke gründet weltweit Privatschulen13.03.2008

Ein Türke gründet weltweit Privatschulen

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan sprach bei seinem jüngsten Besuch auch laut über türkische Schulen in Deutschland nach. Dieser Vorschlag gibt Vorwürfen Nahrung, dass nämlich die deutsche Integrationsdebatte von der Türkei aus beeinflusst wird. Auch an Männer wie Fetullah Gülen richtet sich dieser Vorwurf. Der einflussreiche Prediger gründet weltweit türkische Privatschulen - auch in Deutschland. Gunnar Köhne in Istanbul stellt Gülen, seine Organisation und ihre Motive vor:

Blick von der Galata-Brücke auf die Yeni Cami (Neue Moschee) in Istanbul (AP Archiv)
Blick von der Galata-Brücke auf die Yeni Cami (Neue Moschee) in Istanbul (AP Archiv)
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Islamische Religion soll Schulfach werden

Helle Wandfarben, Parkett und ausnehmende Freundlichkeit - wer sich in die Räume der Istanbuler "Stiftung für Journalisten und Autoren" begibt, den erwartet keine im dunklen agierende islamistische Sekte. Die Sekretärinnen tragen nicht einmal ein Kopftuch. Der Vorsitzende der Stiftung ist Kolumnist einer gemäßigt religiösen Zeitung, sein Stellvertreter schreibt für ein linkes Blatt. Das ist hier nichts Ungewöhnliches, denn die Autorenstiftung ist Teil der von dem Prediger Fethullah Gülen ins Leben gerufenen weltweiten islamischen Bildungsbewegung - und die strebt nach Toleranz, sagt der Stiftungsvorsitzende Harun Tokak:

"Fetullah Gülen hat sein ganzes Leben für Liebe und Toleranz gearbeitet - ganz in der Tradition des islamischen Philosophen Mevlana. Die Botschaft: Niemand darf wegen seiner Herkunft, seiner Hautfarbe oder seiner Religion diskriminiert werden. Denn Allah hat uns die Verschiedenheit der Menschen als kulturellen Reichtum geschenkt."

Solcher sanften Botschaften zum Trotz sitzt das Misstrauen gegen die Anhänger Fethullah Gülens in der Türkei tief. Der Prediger, von manchen auch Prophet genannt, gleicht mit seiner Halbglatze, Schnurrbart und sanften Gesichtsausdruck einem Kinderbuch-Opa. Er lebt seit 1999 in den USA, weil er in einem Gerichtsverfahren wegen "umstürzlerischer Absichten" verurteilt worden war. Damals, 1999, kamen Videoaufnahmen ans Licht, die nahe legten, dass Gülen eine andere als die säkulare Ordnung der Türkei anstrebt. Mit Blick auf Republikgründer Atatürk sagte der eloquente Redner auf einer der Kassetten:

"Die Türen der Derwischklöster und Moscheen wurden geschlossen und versiegelt. Man konnte sie nicht betreten. Aber die Gläubigen haben ihre Häuser geöffnet und zu Moscheen und Koranschulen gemacht, damit dort der Islam gelehrt werden konnte. Allah hat diese Häuser im Zeichen der Scharia gesegnet."

Gülen hat die Aufnahmen als manipuliert bezeichnet und die Vorwürfe bestritten. Vergangene Woche hob ein Gericht in Ankara das Urteil auf - Gülen könnte also in die Türkei zurückkehren. Doch auch ohne die Anwesenheit des Führers wächst seine Bewegung - ein früherer Innenminister behauptete, die Polizei des Landes bestehe zu 70 Prozent aus Gülen-Anhängern. Sie können sich auf ein machtvolles Mediennetzwerk stützen, zu dem ein Fernsehsender, eine Nachrichtenagentur, eine Tageszeitung und mehrerer Verlage gehören. Eifernde Journalisten finden sich in diesen Medien nicht - nur vorsichtig wird etwa im Kopftuchstreit Partei genommen für das Bildungsrecht religiöser Studentinnen.

Die Fethullahci, wie die Gülen-Anhänger genannt werden, werden in den rund 200 Privatschulen und zahlreiche Wohnheimen für Schüler und Studenten großgezogen. Viele Jugendliche dürfen die Schulen mit Hilfe eines Stipendiums besuchen - lebenslange Treue zur Bewegung als Gegenleistung vorausgesetzt. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile fünf Gülen nahe stehende Privatschulen - betrieben von einem so genannten "Deutsch-Türkischen Bildungsverein". Die deutschen Schulbehörden haben an den Gymnasien nichts auszusetzen, heißt es, statt Religion wird dort Ethik unterrichtet. Die Gülen-Bewegung betreibt mittlerweile hunderte Schulen weltweit - von Russland bis Äthiopien. Grundprinzip ist, dass diese Schulen sich an die gesetzlichen Vorgaben des Gastlandes halten - da wird zur Not auch hingenommen, dass im Biologie-Unterricht die Evolutionstheorie gelehrt wird, obgleich die Bewegung gegen Darwins Lehren weltweit Front macht. Harun Tokak sagt, dass in den Schulen seiner Bewegung bloß auf eine Botschaft besonderen Wert gelegt werde:

"Gülen hat der türkischen Regierung immer wieder nahe gelegt, die alten Feindbilder aus den Schulbüchern zu streichen. Warum zeigt ihr, 80 Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges, Russen und Griechen immer noch als Gegner? Sollen sich auch die Enkel gegenseitig hassen? Der Erziehungsminister hat nun tatsächlich diese Passagen in den Schulbüchern ändern lassen."

Neben dem Thema Frieden und Verständigung, macht sich Gülen für den interreligiösen Dialog stark. Regelmäßig trifft er mit katholischen und orthodoxen Würdenträgern zusammen. Dass er selbst bisweilen als "islamischer Reformer" vorgestellt wird, ist Gülen nicht recht. Harun Tokak erläutert, worum es ihm geht:

"Wir nennen es nicht Reform, sondern Renaissance des Islam. Gülen geht es um den wahren Kern des Islam, der im Laufe der Jahrhunderte verschüttet worden ist. Gülen will die traditionellen Werte des Islam mit den Idealen einer modernen Gesellschaft versöhnen."

Kritiker sagen, Gülen sei ein orthodoxer Gelehrter, der den Islam bloß modernisieren wolle, um ihn hinterher umso erfolgreicher verbreiten zu können. Doch wer solches behauptet, muss damit rechnen, dass die Gülen-Anhänger Liebe und Toleranz für einen Augenblick vergessen. Die Fethullahci gelten bei Gerichten weltweit als klagefreudig.

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