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Ein umstrittenes religiöses Ritual

Pro und Kontra Beschneidung in Israel

Von Igal Avidan

Menachem Fleischman ist Beschneider von Beruf.
Menachem Fleischman ist Beschneider von Beruf. (Igal Avidan)

Bei Juden gilt die Beschneidung von Jungen am achten Tag nach der Geburt als sichtbares Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel. Etwa 98 Prozent aller männlichen jüdischen Israelis sind beschnitten. Doch in den letzten Jahren wächst auch in Israel die Kritik an diesem religiösen Ritual.

"Die Brit ist eine seit 3.500 Jahren währende goldene Kette, die man immer wieder zu zerreißen versuchte: Die Römer zu Zeiten des zweiten Tempels, die Deutschen während der Shoah, und jetzt deutsche Linke, die dafür den Fehler eines muslimischen Arztes in Köln ausnutzen. Das wird ihnen aber nicht gelingen, denn die Mila ist unser Bund mit dem Gott Israels, mit unserem Schöpfer."

Wir stehen an diesem heißen Nachmittag vor einem großen Festsaal in der Stadt Rishon Letzion südöstlich von Tel Aviv. Gastgeber Eli Kalderon hat viele Gäste eingeladen und empfängt gerade Menachem Fleishman, den Beschneider seines Sohnes. Auf seine Anweisung hin hat er alles vorbereitet: zwei Gebetsschals, zwei Babyunterhosen aus Stoff, ein Kopfkissen, eine antiseptische Salbe zur Heilung der Wunde. Die großen Ballons in Form von Schnullern, die von der Decke hängen, künden von der bevorstehenden Brit Mila.

Im Festsaal dröhnt orientalische Musik, manche Gäste klatschen, während Fleischman auf einem Tisch seine rituellen Werkzeuge vorbereitet.

Seit Beginn der Einwanderung aus der Sowjetunion konkurrieren immer mehr Ärzte mit traditionellen Beschneidern wie Fleischman, der nur Babys bis zum Alter von drei Monaten beschneidet. In israelischen Krankenhäusern werden jährlich Hunderte von Erwachsenen durch Ärzte beschnitten. Das sind Konvertiten und ältere Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, wo die Beschneidung verpönt war.

Das Oberrabbinat hat 400 Beschneidern in Israel die Zulassung erteilt – alle sind religiöse Juden, 20 von ihnen Ärzte, der Chirurg Ran Avidan zum Beispiel. Bereits als junger Mann träumte er immer davon, eines Tages Beschneider – Hebräisch "Mohel" zu werden, erzählt Avidan:

"Am Ende meines Medizinstudiums war ich zu Gast bei einer Beschneidung von Freunden und bat den Mohel, mir dies beizubringen. Er sagte sofort zu, und ich begann zu studieren. Meine Frau war damals gerade schwanger geworden – mit einem Jungen – und ich wollte meinen ersten Sohn selbst beschneiden. Sie stimmte begeistert zu. Sie auch. Sechs Monate lang studierte ich alle Vorschriften und begleitete ihn und auch einen weiteren berühmten Beschneider und Rabbiner, der rund sieben Eingriffe pro Tag durchführte, bei Beschneidungen. Ich bin Chirurg und hatte schon operiert, war auch als Assistent bei Beschneidungen im Krankenhaus, sodass ich die medizinische Praxis gut kannte."

Nach der Geburt wollte Ran Avidan das wichtige Gebot, das die Bibel jüdischen Vätern vorschreibt, selbst erfüllen. Seine Schwiegereltern waren zuerst sehr aufgeregt und meinten, er solle seine praktische Erfahrung bei anderen Kindern sammeln. Er blieb aber dabei und seine Hände zitterten bei der allerersten Brit, der Beschneidung seines ersten Sohnes nicht, sagt Avidan:

"Mein Lehrer, Rabbiner Naftali Tovim, kam zur Brit. Viele Gäste dachten, er würde beschneiden. Als sie jedoch sahen, dass ich das persönlich mache, ging ein Raunen durch den Saal und meine Schwägerin entfernte sich. Meine Frau und meine Eltern standen aber vertrauensvoll neben mir. Ich habe seelisch ganz abgeschaltet und so vor mir nur das Baby und mich."

Inzwischen hat Doktor Avidan in seiner Freizeit Hunderte von Kindern beschnitten, sogar vier muslimische. Einige Male gab es Nachblutungen. Er eilte sofort dorthin und wechselte den Verband. Ein einziges Mal musste das Kind in die Notaufnahme, wo es eine Blutspende erhielt und nach zwei Tagen entlassen wurde.

In den letzten Jahren wächst die Kritik gegen die Beschneider, vor allem nach jeder publizierten Komplikation. Ein Forum im Internet und drei kleine Vereine informieren zudem im Internet über Fehleingriffe. So zwang das Oberste Gericht 2001 den Mohel und Parlamentarier Nissim Zeev den Eltern eines Kindes eine Entschädigung von umgerechnet 160.000 Euro wegen eines Kunstfehlers mit ernsthaften verbleibenden Schäden für den Neugeborenen zu zahlen sei, so die Richter.

Eines Tages las die Computer-Ingenieurin Ronit Tamir in der Zeitung, dass die Beschneidung schmerzhaft aber unvermeidlich sei. Zur gleichen Zeit war sie schwanger mit ihrem Sohn. Sie beschloss zusammen mit ihrem damaligen Mann, den Jungen nicht zu beschneiden und gemeinsam mit vier Familien die Organisation "Kahal" zu gründen, eine Abkürzung für "Eltern vollständiger Kinder". Warum ließ sie ihren Sohn nicht beschneiden?

"Weil ich keinen guten Grund dafür fand. Ich bin ungläubig und lehne die religiöse Argumentation ab. Die Beschneidung beeinträchtigt später die Sexualität des Jungen. Es ist zudem ein Verstoß gegen das Recht des Kindes auf seinen Körper. Das ist doch kein medizinisch lebensrettender Eingriff! Diese schreckliche Beschneidung ist grundlos und wird in Israel zudem vor allem von Beschneidern und nicht von Ärzten durchgeführt."

Die Gruppe "Kahal" wollte ursprünglich die Eltern von unbeschnittenen Söhnen unterstützen. Nach zwei Jahren stellte Ronit Tamir jedoch fest, dass diejenigen, die sich bei "Kahal" meldeten, nicht Eltern von Unbeschnittenen waren, sondern Eltern, die einen Jungen erwarteten und überlegten, ob sie ihn beschneiden lassen sollten. Seitdem treffen sich alle zwei Monate Eltern, die unsicher sind, mit Eltern unbeschnittener Kinder.

Diese seien überwiegend säkular und gebildet und etwa 30 Jahre alt. Am meisten befürchten sie den Protest ihrer Familien, aber auch eine spätere Diskriminierung ihrer unbeschnittenen Söhne, berichtet Tamir. Im Jahr 2000 sammelte Tamir mit Mühe die Namen von 40 Familien unbeschnittener Jungen. Seit vier Jahren aktualisiert sie diese Liste nicht mehr, denn immer mehr Israelis verzichteten auf die Brit Mila, ohne sich bei Kahal zu melden; es seien Zehntausende schätzt Tamir, sogar Ärzte, aber diese blieben anonym.

Für die Ausbildung und Kontrolle der jüdischen Beschneider ist das Oberrabbinat zuständig, genauer gesagt, der Kontrollausschuss, in dem auch Vertreter des Gesundheitsministeriums sitzen. Vorsitzender des Ausschusses ist der Chirurg und Mohel Eli Schussheim:

"Vor über 30 Jahren forderte ich das Gesundheitsministerium auf, alle Krankenhäuser zu verpflichten, über alle Fälle von Fehlbeschneidungen zu berichten. All diese Fälle überprüfen wir im Ausschuss. Im Jahr 2011 tauchten bei rund 60.000 Beschneidungen lediglich 54 Probleme auf. Über 90 Prozent dieser Fälle waren Nachblutungen, die mit einem Verband behandelt wurden. Nur wenige wurden eingeliefert, nur einer brauchte eine Blutspende, und nur in einem Fall wurde der Penis beschädigt."

Zwei bis drei Beschneider verlieren jedes Jahr ihre Autorisierung. Bei Ärzten wiederum, die nur jede sechste Beschneidung durchführten, zählte man 19 Komplikationen.

Der Journalist Ari Libsker, ein prominenter Gegner der Beschneidungen, wirft Ärzten vor, sie würden Komplikationen verschweigen, um ihre Nebenbeschäftigung nicht zu gefährden. Libskers kritische TV-Dokumentation "Brit Mila", die seit Jahren im Internet zu sehen ist, hat viele Israelis umgestimmt.

"Um die Beschneidungen entwickelte sich eine ganze Industrie – Festhallen und Catering zum Beispiel. Weil immer mehr Israelis einen traditionellen Mohel ablehnen, gehen sie zu einem Chirurg, damit ihr Sohn weniger leidet. Einige Ärzte haben sich in dieser Nische etabliert, auf Kosten der Beschneider. Sie tun das nicht aus moralischen Gründen, sondern weil sie damit viel Geld verdienen."

Zurück zum Beschneidungsfest. Ein Onkel des Babys hält es auf dem Schoss, Fleischmann vollzieht dann die Beschneidung, die etwa eine Minute dauert. Jetzt gießt er Rotwein in ein Glas, segnet das Baby und verkündet zum ersten Mal seinen Namen: Itamar.

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