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StartseiteBüchermarktEin unbeschriebenes Blatt20.01.2008

Ein unbeschriebenes Blatt

Buch der Woche: "Ein unauffälliger Mann" von Charles Chadwick

Erst im stattlichen Alter von 72 hat Charles Chadwick seinen ersten Roman veröffentlicht, der jetzt als "Ein unauffälliger Mann" auf Deutsch erschienen ist. Chadwick arbeitete bis 1992 fürs British Council in verschiedenen afrikanischen Staaten, in Südamerika, Kanada und Polen. Dass sein spätes Debüt, an dem er 30 Jahre lang gearbeitet hat, ein Meisterwerk werden würde, konnte niemand wissen.

Von Alain Claude Sulzer

So gut wie auf jeder Seite stehen sich Unernst und Ernst, Tragödie und Komödie spiegelbildlich gegenüber. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
So gut wie auf jeder Seite stehen sich Unernst und Ernst, Tragödie und Komödie spiegelbildlich gegenüber. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Wenn es darum geht, einen Schriftsteller zu nennen, der spät, sehr spät zu schreiben begann, wird gern Theodor Fontane ins Feld geführt, der seinen ersten Roman tatsächlich mit 59 Jahren schrieb. Seine erste Novelle veröffentlichte er allerdings bereits mit 20. Was seiner Zeit als Apotheker folgte (diesen Beruf hatte er erlernt), war ein durchaus literarisches Leben als Journalist und Causeur. Fontane schrieb zwar zunächst jahrzehntelang keine Romane, aber er schrieb. Er lebte vom Schreiben, er war der literarischen Welt also bekannt, auch wenn diese keine literarischen Meisterwerke von ihm erwartete.

Charles Chadwick, um den es hier geht, ist einen anderen Weg gegangen. Sein erster Roman erschien vor zwei Jahren, als der "vielleicht älteste Debütant der britischen Literatur" schon 72 Jahre alt war. Vor diesem Zeitpunkt hatte der Literaturbetrieb weder dies- noch jenseits des Ärmelkanals Anlass gehabt, von diesem stillen Wasser, das 1932 geboren wurde, Kenntnis zu nehmen. Wie auch? Chadwick arbeitete bis 1992 fürs British Council in verschiedenen afrikanischen Staaten, in Südamerika, Kanada und Polen und hatte bis 2005 außer ein paar Gedichten nichts veröffentlicht. Bis zu diesem Augenblick führte er als unbeschriebenes Blatt ein Leben außerhalb der Öffentlichkeit, während er allerdings - was niemand wissen konnte - fleißig schrieb: Dass der Teppich, an dem er dreißig Jahre lang wob, ein Meisterwerk werden würde, konnte niemand wissen (bei Fontane hingegen hatte man es ahnen können).

Charles Chadwicks Roman "It's all right now" - zu deutsch "Ein unauffälliger Mann" - umfasst 926 gnadenlos eng bedruckte Seiten, was für viele zunächst einmal eine eher abschreckende Menge ist. In Zeiten, in denen der Leser gemeinhin kurze Bücher, der Markt junge Autoren fordert und fördert, mag die Lektüre dicker Bücher beschwerlich erscheinen, zumal wenn sie von alten Männern geschrieben wurden. Sofern man sich - sofort, schon von der ersten Seite an - nicht eines besseren belehren lassen kann. Und das geht so:

" Eine Weile waren die Häuser links und rechts von uns leer. Dann wurden ungefähr gleichzeitig die "ZU VERKAUFEN"-Schilder weggenommen, und Leute zogen ein. Wir wohnen dazwischen, in einem freistehenden Haus, von dem ich inzwischen annehme, vielleicht meine Frau ebenfalls, dass wir den Rest unseres Lebens darin verbringen werden ... Na ja, irgendwo muss man ja anfangen, und wenn es nur auf irgendeinem alten Fetzen Papier ist. Ich weiß nicht so recht, was das eigentlich werden soll. Wir werden sehen müssen. Es kann ziemlich lange dauern. "

Mit diesen lakonischen Worten hebt der Roman an und steckt ziemlich genau den Rahmen ab, in dem wir uns fortan bewegen werden, ein "setting", das nur einmal - viele Jahre später - verlassen wird, als Tom Ripple, Hauptperson und Erzähler dessen, was ihn und uns erwartet, eher zufällig eine Shoah-Überlebende nach Polen begleitet (eine der vielen immer wieder ins Zentrum rückenden Randfiguren, die uns noch erwarten und die hier nur flüchtig erwähnt werden können). Das "setting": Ein Haus in der englischen Provinz (später werden es andere Immobilien sein), eine Ehefrau, deren Vornamen wir nicht erfahren (und von der sich Tom nach siebzehn Ehejahren fast schmerzlos trennen wird), Nachbarn, zu denen man freundschaftliche Beziehungen pflegt, bis man merkt, dass einer sich an Jungen vergreift (auch am eigenen), sowie zwei Kinder und das Papier, auf dem von nun an alles festgehalten wird, was Tom - dem Biographen des eigenen Lebens - an kleinen Dingen zustößt.

" Wir haben ein kleines Haus, einen kleinen Garten, ein kleines Auto (alles Folge meines kleinen Jobs), zwei völlig zufrieden stellende Kinder, und wir machen jedes Jahr Urlaub irgendwo am Wasser. (...) Es gibt nichts auch nur annähernd Interessantes oder Wichtiges, was ich meinem Sohn über meine Arbeit erzählen könnte, ohne zu lügen. (...) Meine Chancen auf eine weitere Beförderung sind gering. Ich hoffe, er lernt, sich daran nicht zu stören und sein Bedürfnis, stolz zu sein, gänzlich auf meine Frau zu übertragen. "

Ripple ist nicht der Meinung, ihm widerfahre Nennenswertes, im Gegenteil; er weiß, wie gewöhnlich er und die Welt, in der er lebt, sind. Das hält ihn nicht davon ab, dies alles (mit der Betonung auf alles) festzuhalten. Es ist gerade die unromantische, unspektakuläre Ereignislosigkeit seines Lebens (er ist "Leiter des Informationsdienstes einer großen Handelsgesellschaft mit Niederlassungen in der ganzen Welt"), die ihn zum Schreiben antreibt - aus Langeweile und weil er sich davon verspricht, sie hinter sich zu lassen. Er bildet sich ein, er könnte die Zeit ebenso gut vor dem Fernseher vertrödeln, wenn ihn seine Ehefrau, vor deren sozial engagierten Tiraden er seine Ohren erfolglos zu verschließen sucht, nur ließe. Aber je länger schreibt, desto drängender wird die Sucht, alles festzuhalten, was gewesen ist, Großes und Kleines.

"Wir sind", heißt es zu Beginn, "im Augenblick in den frühen Siebzigern, und die Lage scheint immer schlimmer zu werden, was sie für meine Frau immer besser macht, zum Glück (oder leider)."

" Sie ist die Ehrgeizige in unserer Familie. Manchmal frage ich mich, wie sie damit zurechtkommt, dass sie Karriere macht dank jener, die eben keine machen. Je mehr sie sich mit Versagern herumschlagen muss, desto größeren Erfolg hat sie, vom Geld ganz zu schweigen. Das muss man erst einmal aushalten. Ich bin froh, nicht nützlich zu sein, denn was bringt das, wenn das Gewissen einem verbietet, es zu genießen? Wenn man ein Mensch ist, der viel Wert darauf legt, nützlich zu sein, ist es wahrscheinlich, dass man die eigene Nutzlosigkeit viel stärker empfindet als Leute, die keinem auch nur irgendwie von Nutzen sind. Ich bin meiner Frau von Nutzen (...) insofern, als ich nicht mit Drogen handle, mit Immobilien spekuliere und kein Faschist oder einer von denen bin. Ich bin auch kein männlicher Chauvinist, obwohl ich allerdings (sofern allein) schon verächtlich aufschnaube, wenn ich im Fernsehen eine dieser dominanten, männlich klingenden Frauen sehe, die der männlichen Dominanz einen Riegel vorschieben wollen. (...) "

Der Roman beginnt in den Siebzigern, geht durch Margret Thatchers 80-er und endet nach der Jahrtausendwende irgendwann kürzlich. In welcher Zeit wir uns zu Beginn befinden, spiegelt sich nicht zuletzt in der Art, wie sehr Ripples öffentliches Reden und heimliches Denken auseinanderklaffen. Immer wieder sind seine Gedanken genau dort, wo sie - wenn es nach anderen ginge - nicht sein sollten: Bei den Frauen und ihren Vorzügen oder bei Plaskett, seinem Vorgesetzten und dessen Nachteilen, bei Plaskett, den man "fast keuchen" hören kann, "so sehr strengt er sich an, ganz an die Spitze zu kommen", was er übrigens schafft, nicht ohne Ripple ein Stück weit mitzunehmen, was diesen zwar versöhnlicher stimmt, aber nicht blind macht. Ripple, der Schwamm, der alles aufsaugt und, was er aufgesogen hat, auf dem Papier ausdrückt, bleibt unbestechlich - zumindest in seinem Innersten.

" Mein Privatleben ist Plaskett scheißegal, und ich respektiere ihn dafür. Warum sollte es ihn auch kümmern? Das seine ist mir ja auch scheißegal, interessieren würde es mich allerdings schon. Wie kann irgend jemand, vor allem eine Frau und Kinder, seinen Anblick ertragen? Aber wie gesagt, ich kann es, inzwischen. Es ist offensichtlich möglich, Leute trotz ihrer Fehler oder vielleicht sogar deswegen, zu mögen, ja zu lieben. "

Zeit vergeht, in der Tom Ripple, dank Plaskett, dann doch noch eine beachtliche Karriere macht, die ihn vermehrt ins Ausland führt. "Noch mehr Zeit vergeht", wie es bei Chadwick immer wieder heißt, und in dieser Zeit geschieht es eher bei- als zwangsläufig, dass Ripple, der seine Frau "trotz ihrer Fehler" nicht mehr liebt, eines Tages "keine Familie mehr um sich" hat. Nach siebzehn Jahre trennt er sich von ihr, seine Kinder sieht er nur noch selten. Während diese erwachsen werden und heiraten, während die Tochter ein Kind ums andere kriegt, der Sohn, obwohl er schwul ist, heiratet (und seine Frau keine Kinder kriegt), verschwindet die einstige Gattin fast ganz aus seinem Leben, nicht ganz allerdings aus dem Roman: Wir begegnen der notorischen Nervensäge, die sie einst war, im Lauf der Jahre, in denen sie sanfter geworden ist, noch zwei, drei Male. Im Gegensatz zu ihr, die wieder geheiratet hat und Witwe wird, bleibt Ripple künftig allein. Er verliert seinen Job, wird aber ausreichend abgefunden, um sich frühzeitig aufs Altenteil zu setzen, und da Ehrgeiz ihm ebenso fremd ist wie Hochmut, gibt er sich mit dem zufrieden was er hat - und schreibt es unverdrossen auf. Weibliche Gesellschaft, die er hin und wieder vermisst und manchmal sucht, wird ihm nicht mehr zuteil, also fokussiert er seine Interessen auf unerreichbare Objekte, auf seine Schwiegertochter Jane (eine der anrührendsten Personen des Romans), auf Nachbarinnen, Unternieterinnen oder auf Frauen wie die blasse Büroangestellte und Hobbychoristin Maureen, die unter Chadwicks zauberkräftigen Händen und in Toms blühender Fantasie kurz auflebt und schnell verwelkt.

" Es gab nicht einmal den Versuch eines Abschiedskusses. Sie stieg in den Bus und drehte sich dann, um vom Perron zu winken. Ein großer, kahlköpfiger Mann, der von oben kam und unbedingt noch aussteigen wollte, fluchte, als ihr erhobener Arm ihn am Kinn traf. Mein Winken endete in einer langen Nase, die ich dem Mann in Eile hinterherschickte. Dann warf ich ihr eine Kusshand zu, was sie jedoch nicht sah, weil sie mit dem Schaffner beschäftigt war. Das letzte, was ich von ihr sah, waren ihr Hintern, dann ihre Beine, dann ihre Knöchel, als sie die Treppe hinaufstieg. Und das stelle ich mir jetzt immer wieder vor, als wäre das alles ganz frisch und jung, und ich wüsste nicht, wie es enden wird, wie ein abgebrochener Zweig meines Clematis, und auch nicht, wie sehr ich es verändern werde, wenn ich mich im Lauf der Jahre verändere oder es zumindest hoffe. "

Nach diesem letzten Versuch, eine Beziehung einzugehen, die, wie Ripple ahnt, von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist, richtet er sich endgültig in seinem Alleinsein häuslich (nicht etwa verbittert, eher melancholisch) ein, zunächst in einem Dorf, wo er regen Anteil am Gemeindeleben nimmt. Doch seine Tage auf dem Land, wo er sich als Hobbytischler in einem von Althippies geführten Kunsthandwerkzentrum versucht, sind gezählt.

" Eines Tages - ich betrachtete den Stuhl als beinahe fertig, musste nur noch die Einzelteile endgültig zusammenleimen - trat ich eben einen Schritt zurück, um ihn zu bewundern, als Gwen vorbeikam. Mit einem Aufschrei der Gratulation ließ sie sich darauf fallen, und der Schrei wurde eine Oktave höher, als der Stuhl unter ihr zusammenbrach, und endete abrupt, als sie sich den Kopf an der Kante eines unfertigen Nachtkästchens anschlug, das irgend jemand gehörte, der das Zentrum unter dubiosen Umständen verlassen hatte, und dem ich mich als nächstes widmen wollte. Einige Sekunden lag sie zusammengesunken und bewusstlos an der Wand, und ihre (grauen/braunen?) Iriden sprangen hinter den geschlossenen Lidern hin und her wie gefangene Murmeln, während ich versuchte, ihr wieder auf die Beine zu helfen, ohne sie allzu entschlossen zu umfassen. Als sie schließlich wieder zu sich kam, umklammerte sie mit einem Arm meinen Oberschenkel und hielt sich mit der anderen Hand den Kopf, griff dann nach meinem Kragen, während ich versuchte, ihren Griff um meinen Oberschenkel zu lösen, und das ganze Gegrabsche endete damit, dass ihre Finger in dem schlaffen Bereich zwischen Anus und Hodensack herumfummelten. Geoffrey war inzwischen aufgetaucht, wie auch einige andere, die zusahen, wie er mich mit dem Ellbogen beiseite stieß und ihr aufhalf. Meine Entschuldigungen gingen unter in einem Gemurmel, das alles hätte sein können von Bestürzung bis hin zu zügellosem Vergnügen. "

Der komischen - für dieses Buch keineswegs untypischen - Szene (sie könnte von Alan Ayckbourne stammen), folgt als ihr pures Gegenstück der ernste Augenblick, in dem Ripple die Augen darüber geöffnet werden, wie ihn die anderen sehen; eine Frage, die ihn ständig beschäftigt, auf die die Antwort allerdings nie so deutlich ausfällt wie hier:

" Ich ging hinaus, aber kaum war ich im Gang, merkte ich, dass ich meinen Kamm in der Jackentasche vergessen hatte, und wollte ihn eben holen gehen, als ich die folgende Unterhaltung mithörte, ja sie sogar dabei sah (...), wie sie am Tisch verschwörerisch die Köpfe zusammensteckten.

Gwen war es, die anfing. "Der arme alte Tom Tiddler. Wir kriegen ja einige Trottel, aber so, wie man dauernd über ihn stolpert, und dieser verwirrte, permanent bereitwillige Blick, den er dauernd hat."

"Und diese grässlichen Witze", ergänzte Ruth.

"Ich hoffe nur, dass ihm jetzt die Lust am Tischlern vergangen ist. Als nächstes kommt er zu dir zum Weben, Ruthie, denke ich mal."

Ruth stieß ein ersticktes Kreischen aus. "Aber ich hatte ihn doch schon beim Töpfern. Da war doch dieses absolut erstaunliche Objekt, habt ihr es gesehen, ich dachte erst, es ist eine Teekanne ohne Ausgießer, aber dann sagte er mir, es soll ein kleiner Gockel werden."

(...) Ich hätte dort nicht stehen bleiben sollen, ich weiß, aber sich selber zu sehen, wie die anderen einen sehen, davon bekommt man nie genug. "

Nun ist heraus, was Tom schon immer wissen wollte - und er kann damit leben. Nicht nur an dieser Stelle, sondern so gut wie auf jeder Seite stehen sich Unernst und Ernst, Tragödie und Komödie spiegelbildlich gegenüber; aber nicht als unversöhnliche Feinde, sondern als unzertrennliches Paar, das in seiner Gesamtheit wahrgenommen werden will; das eine ist ohne das andere nicht denkbar, wer nur das eine sieht, betrügt sich um die farbigere Wahrheit. Dass diese Spiegelungen bei Chadwick wie Garben eines Feuerwerks aufleuchten, versöhnt die Gegensätze, die im Gelächter untergehen. Und Ripple, der immer fest entschlossen ist, den Untiefen, die ihm begegnen, mit offenen Augen entgegenzugehen, steht mittendrin in diesem Feuerwerk und lässt sich aufs Spiel seiner Gedanken ein; je älter er wird, desto schneller springen sie von Gegenstand zu Gegenstand; das ist einer der wie nebenbei aus dem Ärmel geschüttelten wohldurchdachten, aber keineswegs artifiziell wirkenden Kunstgriffe, mit denen Chadwick Tom Ripples Altern glaubhaft gestaltet; eine Kunst, die nur wenige beherrschen; ein Experiment, an das sich bislang kaum jemand wagte.

" Auf dem Rückweg den Hügel hoch kam ich ungewöhnlich stark außer Atem. (...) Der Gedanke, den ich nun hatte und den ich jetzt noch am selben Abend niederschreibe, ist der, dass ich meinen letzten Atemzug wohl in einer vergleichbaren Situation tun werde; froh, dass ich einem Freund eine elementare Freundlichkeit nicht erwiesen hatte; denkend, was für grässliche Trottel eine Gruppe harmloser, belgischer Touristen doch waren; von da an dann zur Farce der europäischen Union übergehend; überlegend, was ich mir zum Abendessen machen sollte; was für ein wunderbarer Sonnenuntergang das ist und wie unbedeutend wir sind, wenn wir nur eine Sekunde oder zwei innehalten und über die Unermesslichkeit des Universums nachdenken; muss irgendwann einmal den Treppenteppich saugen; es muss einen Gott geben; wo habe ich eigentlich das Moltofill hingestellt; es kann keinen Gott geben; und so weiter und so fort. Wir hätten es gern, wenn unsere Gedanken beim Sterben weniger albern und bedeutsamer sind als die, die wir zuvor hatten, nur würde uns dann an der Schwelle unseres Todes bewusst werden, wie albern und bedeutungslos unser ganzes Denken gewesen war. Und das würde uns überhaupt nicht gefallen. "

Es vergehen noch einmal hundert Seiten, bis es (vermutlich) soweit ist. Hundert weitere Seiten eines glänzend übersetzten Romans, dessen überragende Größe man erst ermessen kann, wenn man sich in ihn hineinbegeben hat; ein seltenes Vergnügen, ein tiefsinniger Spaß, eine menschliche Komödie aus dem Mund eines unauffälligen Mannes, dem ein großer Schriftsteller souverän und mit viel Ironie die Feder geführt hat, und von dem man gar nicht genug kriegen kann. Auch nach 996 Seiten nicht.

" Damals (...) wurden die "ZU VERKAUFEN"-Schilder weggenommen, und Leute zogen ein. Damit hatte es angefangen. Ich wusste damals nicht, warum ich beschloss, über mein Leben zu schreiben. Ich weiß es jetzt noch weniger. Ich bin froh, dass ich mir die Mühe gemacht habe. Oder nicht? Wenn ich es nicht getan hätte, was wäre dann anders? Natürlich nichts. Absolut nichts. Ein geschriebenes Leben, ein ungeschriebenes Leben. In den kommenden Jahren wird das ziemlich egal sein, oder könnte es vielleicht ...?

(...) muss gleich morgen früh in die Notaufnahme. Morgen. "

Charles Chadwick: "Ein unauffälliger Mann"
(Luchterhand Verlag, München), Aus dem Englischen von Klaus Berr

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