• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 21:05 Uhr JazzFacts
StartseiteBüchermarktEin Universalgelehrter der alten Schule03.11.2008

Ein Universalgelehrter der alten Schule

Michel Serres: "Aufklärungen. Gespräche mit Bruno Latour", übersetzt von Gustav Roßler (Merve Verlag, Berlin)

Michel Serres gilt in Frankreich als eine Mischung aus Peter Sloterdijk und Wolf Singer - einerseits gelehrter Literat und Geisteswissenschaftler andererseits anerkannter Naturwissenschaftler und Mathematiker. Bekannt wurde er hierzulande durch seine fünfbändige Ausgabe über den griechischen Götterboten "Hermes" und Bücher wie "Die fünf Sinne" und "Der Naturvertrag. In diesen Tagen publizierte der Pariser Wissenschaftler sein neues Buch Aufklärungen, das eine ausgezeichnete Summe seiner bisherigen Forschungen bietet.

Rezensiert von Klaus Englert

Der Wissenschaftshistoriker Michel Serres ist in Frankreich selbst vielen Fernsehzuschauern bekannt: denn dort tritt er des öfteren als gefragter Gesprächspartner im Kultursender France Culture auf, um neue wissenschaftliche Erkenntnisse allgemeinverständlich zu kommentieren. In seiner Heimat gilt er als letztes Exemplar einer fast schon ausgestorbenen Spezies - der legendären Enzyklopädisten um Diderot und D'Alembert. Der heute 78-jährige Serres lehrte zwar Wissenschaftsgeschichte an der Sorbonne und der kalifornischen Stanford University, doch bekannt wurde er durch seine Leibniz-Forschung und seine Untersuchungen zur Kommunikationstheorie. Schließlich wählte man ihn in die erlauchte "Académie française", weil er erfolgreich zwischen den unterschiedlichen wissenschaftlichen Fronten vermittelte.
Von Michel Serres sind in Deutschland neben seinem opus magnum Hermes zahlreiche Veröffentlichungen bekannt. Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse publizierte nun auch sein Berliner Stammverlag Merve den Gesprächsband Aufklärungen. Darin kommt Serres immer wieder auf die zu überwindende Kluft zwischen den "harten" und "weichen" Wissenschaften zu sprechen. Erst kürzlich fasste Serres den Ausgangspunkt seiner Publikation zusammen:

"Viele Naturwissenschaftler stellen sich heute überhaupt nicht den ethischen Problemen. Sie verharren innerhalb ihres Forschungshorizonts, ohne an einer Diskussion über diese Probleme interessiert zu sein. Auf der anderen Seite stellen zwar die Philosophen, die ich in Frankreich kenne, Fragen zur Ethik, doch ihr Wissen reicht nicht aus, um gute Fragen zu stellen. Damit will ich sagen: Die Naturwissenschaftler verstehen nichts von der Philosophie, und die Philosophen verstehen nichts von den Naturwissenschaften. Dies führt dazu, dass zwischen beiden Bereichen keinerlei Verbindung, sondern nur blankes Unverständnis herrscht."

Michel Serres verlangt, dass die Wissenschaften ihre einseitigen Blickrichtungen aufgeben müssen: Die Naturwissenschaften ihren Blick auf eine Welt ohne Menschen, die Humanwissenschaften ihren Blick auf die Menschen ohne Welt. Die Naturwissenschaften ignorieren dabei den Menschen und riskieren die Inhumanität. Die Humanwissenschaften ignorieren die Welt und setzen sich der Verantwortungslosigkeit aus. Es dürfte mittlerweile den meisten klar geworden sein, dass diese selbstgenügsame Haltung ausgedient hat. In Aufklärungen kritisiert Serres: Seit der Vormachtstellung der Naturwissenschaften sei sie zu unserer zweiten Natur geworden.
Angesichts der ökologischen Katastrophe - so Serres - dürfen wir nicht damit fortfahren, eine Wissenschaft, die sich mit der Welt, und eine Wissenschaft, die sich mit dem Menschen beschäftigt, weiterhin voneinander zu trennen. Der Pariser Universalgelehrte beharrt stattdessen darauf:

"Eines meiner größten Anliegen besteht darin, den Dialog zwischen den verschiedenen Teilen der Gesellschaft herzustellen."

Michel Serres fordert eine "allgemeine Wissenschaft", die einer "objektiven Moral" gerecht wird. Dabei sieht sich der Franzose als geistiger Erbe von Gottfried Wilhelm Leibniz, der als deutscher Frühaufklärer und Enzyklopädist völlig selbstverständlich naturwissenschaftliche Forschung und philosophische Spekulation vereinigt habe. Später - so Serres - verloren die Spezialisten in der zunehmend arbeitsteilig gewordenen Wissenschaftslandschaft Leibniz' Gesamtsicht auf die Welt und schotteten ihr eigenes Terrain ab. Heute fordert Serres die Rückkehr zu einem ganzheitlichen Wissenschaftsverständnis. Nur so seien die drängenden und komplexer gewordenen Probleme unseres Zusammenlebens und unserer Umwelt zu lösen.

"Die Verantwortung der Wissenschaftler ist von Mal zu Mal größer und umfassender geworden. Zu Beginn des Atomzeitalters waren wir in einer vollkommen anderen Situation. Als man damals von Atomkrieg oder Atombombe sprach, sprach man von der Verantwortlichkeit der Atomphysik, also einer sehr begrenzten Fachrichtung. Heute haben wir es stattdessen mit einer Ausdehnung der Verantwortlichkeit auf alle Wissenschaften zu tun. ( ... ) Für mich ergibt sich daraus, mich mit all diesen Problemen zu beschäftigen, das heißt mit jenen Fragen, die durch die Beziehung zwischen dem Wissenschaftler und der Gesellschaft aufgeworfen werden."

In seinen Gesprächen mit Bruno Latour warnt Serres ausdrücklich: Wenn wir nicht endgültig damit aufhören, die Welt nur bis zu unserem Horizont wahrzunehmen, dann ist das "globale Inferno" (S. 249) unabwendbar. Diese vor 15 Jahren geäußerte Mahnung erscheint mittlerweile wie ein Menetekel. Vielleicht ist es ja schon zu spät, wenn wir uns erst heute bewusst machen, wie sehr sich lokale Ereignisse global auswirken können. Und wie sehr unsere Handlungen möglicherweise zu Naturkatastrophen führen. Serres verlangt eine "neue Weisheit", denn ohne sie gebe es keine wirkliche Einsicht in die komplexen Zusammenhänge.
Ohne diese Weisheit - davon ist Serres überzeugt - ist eine neue Aufklärung nicht zu haben: Nur dann überwinden wir unsere perspektivisch verengte Blickrichtung auf die Welt. Und wir werden uns bewusst, dass sich unser Tun auf die Umwelt, auf die objektiven Gegebenheiten, auswirkt. Die neu gewonnene Verantwortung schärft die Sicht auf die Bedingungen unseres Überlebens. Serres folgert daraus: Wissenschaftler und Techniker dürfen nicht nur auf kurzfristigen Profit und schnellen Ruhm schielen. Sie müssen sich immer auch für das Wohlergehen der nachfolgenden Generationen verantwortlich zeigen. Verantwortlich für die Welt von morgen.
Der Kommunikationswissenschaftler Michel Serres ist sich aber bewusst, dass diese Verantwortung maßgeblich daran scheitert, dass die wichtigsten sozialen Gruppen zu wenig umfassende Sachkenntnis von den drängenden Problemen besitzen. Von Problemen, die Gesellschaft und Umwelt nachhaltig beeinflussen. Serres nennt die maßgeblichen gesellschaftlichen Gruppen: Die Natur- und Geisteswissenschaftler, die Medien und die Politiker:

"Ich bin der Überzeugung, dass die gemeinhin angenommenen Gefahren der Nukleartechnologie - so wie sie von den Politikern, den Medien und der Öffentlichkeit wahrgenommen werden -, nicht von einer wahren Kenntnis der Situation herrühren können. Das Problem besteht heute darin, dass die Information den Adressaten nicht erreicht. ( ... ) Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: Eine deutsch-französische Forschungsgruppe züchtete eine Reissorte, die nach der genetischen Veränderung einen höheren Eisenanteil und einen entsprechend höheren Nährwert besitzt. Dieser Reis soll die Hungerkatastrophen in der Dritten Welt bekämpfen. Natürlich ist das eine gute, aber leider eine zu wenig verbreitete Nachricht. Es ist also ein schwerwiegendes Problem, dass es keinen Austausch der wahren Information gibt."

"Beschützt, befriedigt und nahezu betäubt lebten zwei oder drei Generationen im Westen zweifellos zum ersten Mal in der Geschichte als Götter, mit der glücklichen und unzweifelhaften Gewißheit, dass von nun an alles, wenn nicht sofort, so doch in naher Zukunft, von ihrem Wissen und ihrer technischen Leistung abhängt. Wir sind die tragischen Herrscher über Leben oder Tod geworden."

Erst heute - vielleicht zu spät - kommt das böse Erwachen aus dem schönen Traum: Wir müssen uns einer erdrückenden Verantwortung stellen, die unsere einst erträumte Unabhängigkeit zur Schimäre erblassen lässt. In den neunziger Jahren - zur Zeit der Aufklärungen - war Serres noch davon überzeugt, dass die neuen Kommunikationsmedien dazu beitragen könnten, das kritische Bewusstsein der Menschen zu schärfen. Und er träumte - nicht ganz ohne Grund - von der hehren Aufklärungsrolle des Internet.

"Es kommt darauf an, dass die sachgemäße wissenschaftliche Information - die gute Information - in den Besitz der Philosophen, der Medien und der Öffentlichkeit gelangt. Erst dann wird jeder genug wissen, um eine Ethik zu formulieren, für die sich alle entscheiden können."

Vielleicht kommen die Aufklärungen zu spät auf den Buchmarkt. Denn Anfang der neunziger Jahre konnte dem Pariser Universalgelehrten noch nicht klar sein, dass die wahren Informationen neben den banalen, kommerziellen und gefährlichen Inhalten verschwindend klein sind. Deswegen verherrlichte Michel Serres zu Beginn der Internet-Ära ein Kommunikationsideal, das allzu oft an der harten Realität scheitert.

Michel Serres, Aufklärungen. Gespräche mit Bruno Latour, übersetzt von Gustav Roßler, Merve Verlag, Berlin 2008, 260 S., 24,00Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk