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StartseiteBüchermarktEin Unvollendeter27.10.2004

Ein Unvollendeter

Abbas Kiaromstami: "In Begleitung des Windes"

<em> In Begleitung des Windes

Von Margrit Klingler-Clavijo

Abbas Kiaromstami: "In Begleitung des Windes" (Suhrkamp Verlag)
Abbas Kiaromstami: "In Begleitung des Windes" (Suhrkamp Verlag)
<p>Bin ich gekommen<br />Am ersten Sommertag<br />Der Wind wird mich mit sich tragen<br />Am letzten Herbsttag </em><br /><br />Dieses Gedicht ist dem Gedichtband "In Begleitung des Windes" von Abbas Kiarostami entnommen, dem weltweit bekannten und geschätzten iranischen Filmemacher, der mit Filmen wie <em>Der Wind wird uns tragen</em> überzeugende Alternativen zum Hollywoodfilm entwickelt und Bilder schafft, die sich dem Bewusstsein und Gedächtnis der Zuschauer einschreiben. Obwohl er sich zuallererst mit Lyrik beschäftigte und Zeit seines Lebens Gedichte schrieb, hat er sich mit deren Veröffentlichung Jahrzehnte Zeit gelassen und davor unermüdlich einen Film nach dem anderen gedreht, kontinuierlich fotografiert und gleichsam zur Erholung gemalt. Erst um die Jahrtausendwende ließ sich der 1940 in Teheran geborene Abbas Kiarostami in Tokio zu einer Veröffentlichung seiner Gedichte breit schlagen.<br /><br /><em> Ich war irgendwann an einer Universität in Tokio zu Gast und sollte mich ins Gästebuch eintragen, und da schrieb ich eins meiner Gedichte hinein. Als ich gefragt wurde, von wem dieses Gedicht wäre, entgegnete ich von Basho. Mein Begleiter meinte daraufhin, von Basho könnte das Gedicht unmöglich sein, da er all seine Gedichte kennen würde. Als ich gestand, dass ich es geschrieben hätte, meinte er, falls ich noch mehr Gedichte hätte, sollte ich sie doch veröffentlichen. Ich habe in Gedichten verstreute, vereinzelte Bilder in Worte gefasst, ehe ich Filme gedreht, Fotos gemacht habe. Erst später habe ich zur Form, zu dieser äußersten sprachlichen Reduktion gefunden. </em><br /><br />Dass die Anregung zur Veröffentlichung seiner Gedichte gerade in Japan erfolgte, ist kein<br />Zufall und ist Kiarostamis ästhetischen Vorlieben für poetische Kurzformen wie das Haiku zuzuschreiben; ganz bestimmt jedoch seiner Wahrnehmung des Augenblicks, dessen Flüchtigkeit und Rätselhaftigkeit er so konzis und konzentriert zu evozieren vermag, dass die Lektüre seiner Gedichte unversehens zu einer Schule der Wahrnehmung wird. Das rückt ihn in die Nähe des Zen-Buddhismus; seine Dichtung steht allerdings auch, wie Peter Handke im Nachwort konstatiert, in der Tradition der klassischen persischen Dichtung eines Hafis, Omar Chajjam und Rumis Vierzeilern. <br /><br />Abbas Kiarostami selbst sieht sich als Teil einer Strömung zeitgenössischer Dichter, die nach neuen lyrischen Ausdrucksformen sucht; die – und dies machte er in einer langen Tirade gegen den Roman deutlich – das langatmige Erzählen à la <em> Tausendundeine Nacht </em> längst der Vergangenheit zurechnen und mit minimalistischen Ausdrucksformen spielen und experimentieren. Insgesamt 221 Drei – und Vierzeiler hat Abbas Kiarostami in dem Gedichtband In Begleitung des Windes ohne ein klar erkennbares Ordnungsprinzip aneinandergereiht. Gleich zu Anfang versetzt er uns in Erstaunen mit folgendem Vierzeiler: "Ein weißes Fohlen/ tritt aus dem Nebel/ Und entschwindet/ im Nebel". Im Lauf der Lektüre lernen wir, Kiarostamis Kunst, Konträres konzis auf den Punkt zu bringen zu bewundern, sein raffiniertes Spiel mit Licht und Schatten zu schätzen – als Beispiel führe ich die folgenden Dreizeiler an: "Mein Schatten/ begleitet mich/ in mondheller Nacht. Oder: Der Glühwurm/spendet der mondlosen Nacht/freigiebig Licht." Wieder andere Verse bestechen durch ihre Schönheit und Lebensweisheit.<br /><br /><em> Hundert stämmige Bäume<br />Brachen im Wind<br />Einer kleinen Pflanze gingen<br />Zwei Blätter nur<br />Verloren im Wind</em><br /><br />Und immer wieder der Wind, der wie kein anderes Element das Symbol seiner kreativen<br />Unruhe ist und seiner Suche nach adäquaten Ausdrucksmöglichkeiten, das heißt einer aussagekräftigen Bildsprache.<br /><br /><em> Zu jedem Wort, das in diesen Gedichten vorkommt, fällt mir eine Erinnerung ein, das<br />gilt auch für den Wind. Er kommt nicht nur oft in meinen Gedichten und Filmen vor, sondern eben so oft in der persischen Lyrik. Mit dem Wind verbindet man in der persischen Lyrik ganz besondere Umstände wie Verunsicherung oder gar Umsturz und eine qualitative und quantitative Veränderung. Dafür steht der Wind. In diesem Gedichtband sowie in meinen Filmen steht er als Symbol für unsere innere Aufruhr. Wenn wir Zweifel haben, wenn wir Unruhe verspüren, können wir in unseren Ohren den Wind vernehmen. Meines Erachtens ist der Wind eine der spezifischen Ausdrucksformen für Unordnung und Unruhe und steht für die Unwägbarkeiten des Lebens, denen man schutzlos ausgeliefert ist.</em><br /><br />Abbas Kiarostami hat diese Unruhe in seinen Filmen und Gedichten zu Bildern verdichtet, dabei radikal alles Überflüssige eliminiert und so den Blick auf das ihm Wesentliche freigegeben, ohne Bevormundung oder Belehrung. Er lässt uns teilnehmen an seiner unermüdlichen Suche, seinen Zweifeln und seiner Selbsterkenntnis: "Stets unvollendet/ bleiben meine Gespräche/ mit mir selbst" heißt es in einem seiner Gedichte. Über seine Filmarbeiten bemerkt er: Wir suchen nach der Wahrheit des Lebens. Das Leben ist eine Reise in die Tiefe des Weltalls. Es gibt kein festes Ziel; es liegt immer hinter den Bergen." Und ist man bei Abbas Kiarostami versucht zu sagen, in der kompromisslosen Konzentration auf eine Bildwelt voller Rätsel und Geheimnisse.<br /><br /><em> Wenn der Vollmond aufgeht<br />Im Osten<br />Steigt<br />Mein Liebesgefühl<br />Ein wenig </em><br /><br /><br />Über Five, Abbas Kiarostamis, letzten Film, schreibt Peter Handke im Nachwort<br />zu In Begleitung des Windes:<br /><br /><em> Im letzten Frühjahr oder Winter sah ich einen Kurzfilm von Abbas Kiarostami, gedreht in einer einzigen Einstellung – so kommt es mir jetzt vor -, die vielleicht zwanzig Minuten dauerte, am Ufer des Kaspischen Meeres, hoch im Norden Irans. Zu sehen waren allein die ziemlich sanft anrollenden Wellen, in diesen dann ein Holzstück, vom Meer einmal angeschwemmt an den Ufersand, dann wieder weggetragen ins Wasser, und so weiter, und sofort. Nach einer so langen wie kurzen Zeit brach das Stück Holz – "unversehens" – auseinander, und nun waren es zwei Hölzchen, die miteinander Schaukelten. Und am Ende trieb eins davon weg, auf die Hohe See hinaus. Und das war der ganze Film.</em></p>

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