Montag, 20.11.2017
StartseiteKultur heuteEin Werk, das über alle Werke hinaus will16.10.2010

Ein Werk, das über alle Werke hinaus will

Christian Thielemann dirigiert Mahlers 8. Symphonie in München

Gustav Mahler orchestrierte nicht gerade kleinlich, doch bei seiner achten Sinfonie langt er noch mal besonders zu, als wollte er allen Widersachern der Schöpfung musikalisch die Stirn bieten. Vor hundert Jahren dirigierte Mahler in München selber. 100 Jahre später stand Christian Thielemann am Pult der Münchner Philharmoniker.

Von Christoph Schmitz

Christian Thielemann, Dirigent (wildundleise.de)
Christian Thielemann, Dirigent (wildundleise.de)
Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Münchner Philharmoniker

Gustav Mahler war ja vom Judentum zum katholischen Glauben konvertiert, nicht nur um seine Karrierechancen im grassierenden Antisemitismus zu verbessern, sondern vor allem weil er sich durch seine mystische Weltsicht von den Erlösungs- und Auferstehungsvorstellungen des Christentums magisch angezogen fühlte. Sein Werk ist geradezu durchdrungen von Jenseitsahnungen, vor allem seine achte Symphonie, die mit der hymnischen Anrufung des Creator Spiritus beginnt, "Komm, Schöpfer Geist! Kehre ein bei den Deinen."

Christian Thielemann, der ja Tempi immer gerne etwas zurücknimmt, um in der Entschleunigung die innere Spannkraft eines Werkes hörbar zu machen, gab gestern Abend das partiturgemäße "Allegro impetuoso" vor, energetisch, strahlend, fast gleißend hell. Spannend war die Frage, wie sich der Großdirigent zu dem Riesenwerk verhalten würde, dem er sich erstmals widmete, zumal er seine Reserviertheit gegenüber dem Komponisten einmal damit begründete, dass Mahler schon so viel sei und er selbst, Thielemann, ebenfalls so viel, dass das alles gar nicht zusammenpasse. Überraschend bietet er dem Mahlerschen Großklang nicht nur am Anfang, sondern auch im entscheidenden Moment der Durchführung erstaunlich viel, wenn nicht zu viel Raum. Beim Accende lumen sensibus, "Entzünde dein Licht unseren Sinnen. Erfülle unsere Herzen mit Liebe", wenn also das zentrale Liebesthema erstmals erklingt, das den ganzen Faust-Teil musikalische Substanz verleihen wird, dann entfaltet Thielemann eine triumphalistische Schärfe, die dem Liebesthema eigentlich fremd ist. Fast manieriert wirkt die Luftholpause nach der Auftaktachtel.

Heikel wird es im Anschluss an das Accende-Thema. In der Anrufung des Schöpfergeistes um Frieden, Fürsorge und Stärke im Kampf gegen alles Böse, wenn sich die Dutzenden Stimmen der gigantischen Klangmaschinerie in einer aberwitzigen Doppelfuge verkeilen, dann kann ein Dirigent im besten Fall dafür sorgen, dass er die Energien in kontrollierte Wellenbrecher überführt. Das aber glückt Thielemann nicht.

Aus Angst vor Einsturzgefahr achtet er vor allem auf die Statik des Klanggebäudes und weniger auf die Kunst am Bau, um es salopp zu formulieren. Zu viel Ingenieurswesen, zu wenig organisches Labor. Die sogenannten "Himmelfahrts"-Melismen des Gloria Patri am Ende des ersten Teils gehen dabei fast unter. So gibt der Dirigent an diesem Abend Mahler letztlich doch zu wenig Raum und kann die Aura der Achten nur selten aktivieren. Thielemann und Mahler müssen sich noch finden. Das gilt auch für den zweiten Teil. Die Weihe und der Zauber, wenn Goethes Mater Gloriosa, die Himmelskönigin Maria, herabschwebt, stellt sich nur ein, wenn die Musiker an dieser Stelle keine Angst vor sphärischem Kitsch haben. Bei den Klängen der Einöde in den Bergschluchten zu Beginn dürfen die Holzbläser mit ihrem b-ces-b-Motiv nicht zu laut sein, der Chor muss die erdenschwere Naturbeschreibung im Staccato singen, die Solopartien von Tenor, Bariton und Bass sollten im Orchestergetöse noch hörbar bleiben – das alles und mehr bleibt Wunsch.

Vor allem aber müssen die thematischen und motivischen Bezüge zwischen dem lateinischen Hymnus und der Faust-Szene viel deutlicher sein, um den semantischen Gehalt des Werkes, die Vorstellung eines von der Schöpferliebe durchwirkten Weltganzen erfahrbar zu machen. Daran, dass Christian Thielemann dazu in der Lage ist, besteht kein Zweifel, zumal es ihm im Schlussgesang des Chorus Mysticus gelungen ist. In den letzten sechs Minuten spannt er einen dynamischen Bogen von ergreifender Spannung, der am Ende wie in einem Urknall eine ganze Welt ins Dasein ruft und damit Mahlers eigenem Wort entspricht, der die Achte als ein "Gleichnis der Welt in Tönen" bezeichnete.

"Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; / Das Unzulängliche, / Hier wird's Ereignis; /Das Unbeschreibliche, / Hier ist's getan. / Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk