Kalenderblatt / Archiv /

 

Ein Wiener Publikumsliebling im 19. Jahrhundert

Vor 150 Jahren starb der österreichische Schriftsteller Johann Nestroy

Von Eva Pfister

Zeitgenössisches Porträt des österreichischen Schauspielers und Schriftstellers Johann Nepomuk Nestroy ( 1801-1862).
Zeitgenössisches Porträt des österreichischen Schauspielers und Schriftstellers Johann Nepomuk Nestroy ( 1801-1862). (picture alliance / dpa / Bifab)

Im 19. Jahrhundert blühte das Wiener Volkstheater noch einmal auf und erreichte mit Ferdinand Raimund und Johann Nepomuk Nestroy seinen Höhepunkt. Während Raimund die Feenwelt des Biedermeier herbeizauberte, sprengte Nestroy in seinen Stücken die Idylle und brachte mit bissigem Sprachwitz den Realismus auf die Bühne.

"Bis zum Lorbeer versteig ich mich nicht. Gfallen solln meine Sachen. Unterhalten. Lachen sollen d’Leut. Und mir soll die Gschicht a Geld tragen. Dass i a lach. Das is der ganze Zweck."

Nach seinem Tod am 25. Mai 1862 drohte Johann Nepomuk Nestroy erst einmal vergessen zu werden. Er war ein Dramatiker, der sich die Rollen auf den Leib schneiderte, ein Vollblutschauspieler, der für den täglichen Theaterbedarf schrieb. Mit ihm würden auch seine Stücke sterben, so dachte man, denn zur hohen Literatur wurden sie nicht gezählt. Dann kam Karl Kraus. Zu Nestroys 50. Todestag im Mai 1912 erhob er den Bühnendichter in seiner Zeitschrift "Die Fackel" in den literarischen Satirehimmel:

"Nestroy ist der erste deutsche Satiriker, in dem sich die Sprache Gedanken macht über die Dinge. Er erlöst die Sprache vom Starrkrampf, und sie wirft ihm für jede Redensart einen Gedanken ab. Bezeichnend dafür sind Wendungen wie: ‘Wann ich mir meinen Verdruß net versaufet, ich müßt’ mich g’rad aus Verzweiflung dem Trunke ergeben."

""Ich glaube, dass es Karl Kraus gelungen ist, Nestroy diesem Bann des Regionalen zu entziehen. So hat Nestroy die Sprache als erster zu einem Gegenstand der Reflexion gemacht, und die ganze Sprachreflexion, die in der österreichischen Literatur eine so große Rolle spielt, lässt sich aus diesen Nestroy’schen Sprachspielen, wenn man so will, ableiten. Das ist die Keimzelle der österreichischen Sprachphilosophie.""

Sagt der Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler. Dass Nestroy trotz aller Hochachtung hauptsächlich in Österreich und Bayern gespielt wird, liegt daran, dass man seinen Sprachwitz kaum übersetzen kann. Von seinen 77 Stücken schafften nur wenige den Sprung über den Weißwurstäquator. Etwa "Der Talismann oder Die Schicksalsperücken", in dem Titus Feuerfuchs wegen seiner roten Haare zum Außenseiter gestempelt wird. Oder "Der Zerrissene", eine ungemütliche Posse, die dem Weltekel eines Kapitalisten die Geldgier der Ärmeren gegenüberstellt. Die meisten Stücke bestechen aber weniger durch ihre Handlung, die oft von fremden Vorlagen abgekupfert ist, als durch den funkelnden Witz, den Nestroy jedem Stoff abringen konnte:

"Der Ernst hat eine feierliche, eine schauerliche, überhaupt
viele sehr ernsthafte Seiten, aber ein elektrisches Fleckerl
hat er doch immer, und da fahren bei der gehörigen Reibung
die Funken der Heiterkeit heraus."


Johann Nepomuk Nestroy wurde am 7. Dezember 1801 in Wien als Sohn eines Advokaten geboren und verfolgte zunächst eine Karriere als Sänger. Welch riesiges Pensum ein Bühnenkünstler im 19. Jahrhundert zu bewältigen hatte, zeigt ein Blick auf Nestroys Repertoire: Im Jahr 1826 hatte er 63 Opernpartien bewältigt sowie 49 Sprechrollen. Er rutschte allmählich in sein wahres Fach hinein: die komische Figur in Lokalpossen und Volksstücken. Als solche avancierte er bald zum Wiener Publikumsliebling. Über 30 Jahre lang stand Nestroy fast jeden Abend auf der Bühne, in eigenen wie fremden Stücken. In den beliebten Gesangseinlagen, den Couplets, geißelte er alles, was ihm in die Quere kam.

"Alle Menschen san heit aufgeklärt wie noch nie
und beschäftigen sich mit der Astrologie.
Deshalb wird’s auch ein Aberglauben bald nimmer geben,
denn man hat’s Horoskop jetzt als Leitstern im Leben.
Da wird’s eim erst recht Angst und bang:
Die Welt steht auf kein Fall mehr lang ... "


Das Kometenlied gehört zu Nestroys populärster Rolle. In der Posse "Der böse Geist Lumpazivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt", spielte er einen von drei Handwerkern, die durch Fortuna zu unverhofftem Reichtum kommen: Den saufenden und philosophierenden Schuster Knieriem, der stoisch dem Weltuntergang durch den Aufprall eines Kometen entgegensieht.

Johann Nestroy verspottete die Mächtigen ebenso wie deren Untertanen, und er war auch kein Anhänger der 48er Revolution. Seine Haltung war diejenige eines Menschenfeinds – mit Augenzwinkern:

"Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste, selbst von mir, und ich hab mich noch selten getäuscht."

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kalenderblatt

80. Geburtstag von Sophia LorenVom Pin-Up zur Hollywoodgöttin

Eine undatierte Aufnahme der Schauspielerin Sophia Loren..

In Deutschland wurde Sophia Loren lange nur als Busenstar und südländische Schönheit gehandelt. Dabei überzeugt sie auch mit ihren schauspielerischen Qualitäten. Loren wurde der Thron einer Hollywoodgöttin nicht geschenkt, den sie damals als einzige, nicht anglophone Europäerin nach Ingrid Bergman erklimmen konnte. Heute vor 80 Jahren wurde sie geboren.

Vor 100 JahrenDeutschlands Gelehrte im Dienst der Propaganda

Die zeitgenössisch colorierte Fotografie aus der deutschen Propaganda zeigt eine deutsche Maschinengewehr-Kompanie (M.G.K.) beim Vormarsch an der lettischen Ostseeküste, aufgenommen 1917. 

Heute vor 100 Jahren, kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs, begann die Sammlung von Unterschriften für den "Aufruf an die Kulturwelt". Zahlreiche Künstler und Gelehrte gaben ihren Namen für den ersten Sammelaufruf deutscher Intellektueller im sofort einsetzenden "Propagandakrieg der Geister".

200 Jahre Wiener KongressEine Friedensordnung für das neue Europa

Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Auf dem Wiener Kongress wurde das Europa nach der Niederlage Napoleons neu geordnet. Neun Monate lang tagten und tanzten die Fürsten und Diplomaten. Ihnen ging es dabei vor allem um ihre kleinstaatlichen Partikularinteressen - dennoch gab es einige zukunftsweisende Beschlüsse.