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"Ein ziemliches Schrottpapier"

Sozialethiker kritisiert Enzyklika des Papstes

Friedhelm Hengsbach im Gespräch mit Jürgen Zurheide

Papst Bendedikt XVI. (AP)
Papst Bendedikt XVI. (AP)

Für den Sozialethiker Friedhelm Hengsbach ist die päpstliche Sozial-Enzyklika "Liebe in Wahrheit" im Hinblick auf eine Regulierung der Wirtschafts- und Finanzwelt nicht deutlich genug ausgefallen. Hier sei "theoretisch am Schreibtisch das Panorama der Welt" betrachtet worden, ohne die Interessenpluralität und sozialen Kämpfe ausreichend zu berücksichtigen.

Jürgen Zurheide: Der G8-Gipfel ist zu Ende und man fragt sich: Was ist eigentlich dabei herausgekommen? Über die Klimadiskussionen und über die Klimabeschlüsse haben wir hier im Deutschlandfunk in den vergangenen Tagen mehr als einmal diskutiert. Wir wollen uns heute etwas näher mit den wirtschaftlichen Auswirkungen beschäftigen und wollen uns fragen: Ist da wirklich etwas bei herausgekommen für die Armen auf der einen Seite, aber auch für die Entwicklung an den Finanzmärkten auf der anderen Seite? Das ist das große Thema, was uns beschäftigt. Darüber wollen wir reden mit Friedhelm Hengsbach, den ich am Telefon begrüße, den Sozialethiker. Guten Morgen, Herr Hengsbach!

Friedhelm Hengsbach: Guten Morgen, Herr Zurheide, ich grüße Sie!

Zurheide: Zunächst einmal: Wie berührt Sie eigentlich diese Gipfelinszenierung in einem Erdbebengebiet vor Häusern, die kaputt sind, die zerstört sind, wo Menschen eigentlich immer noch darauf warten, dass man ihnen hilft? Was berührt Sie, wenn Sie diese Bilder sehen?

Hengsbach: Ich denke etwas seltsamerweise an das Rundschreiben, das aus dem Vatikan jetzt gekommen ist. Da wird ja gerade gesagt: Politische, technische und wirtschaftliche Fragen sind eben nicht ein Naturereignis wie beispielsweise das Erdbeben oder der Tsunami, sondern sie gehen – die wirtschaftlichen und technischen und politischen Fragen –, gehen zurück auf menschliche Entscheidungen. Und insofern, so etwas abwegig das vielleicht klingen kann: Auf der einen Seite der Hintergrund eines Naturereignisses und auf der anderen Seite gleichsam, Sie sagen, die Inszenierung, aber ich würde sagen, die Präsenz politischer Macht und Gestaltungsmacht – das ist irgendwie paradox aber zeigt trotzdem, dass also der G8-Gipfel an der Vorstellung festhält, dass die politisch Verantwortlichen die Welt, in der wir leben, nicht einfach so lassen müssen, wie sie ist, sondern verändern können.

Zurheide: Die entscheidende Frage ist: Wird ihnen das gelingen? Fangen wir vielleicht mit Armut mal kurz an. Da hat man wieder bestimmte Programme beschlossen, da sagen die meisten, das ist nicht falsch, was da beschlossen worden ist, aber häufig fehlt ja der Glaube, dass das, was da beschlossen wird, dann auch wirklich umgesetzt wird. Wie sehen Sie das?

Hengsbach: Ich würde es auch so sehen, denn gleichzeitig mit der restriktiven Handelspolitik, die die Industriestaaten ja weiterhin verfolgen, lässt sich die Armut in den Entwicklungsländern nicht beheben. Es ist eher Sanitätsdienst oder es ist Lazarettarbeit. Man versucht, irgendwelche Schäden, deren Ursachen ja in den Industrieländern liegen, zu beseitigen, abgesehen davon, dass eben diese Ankündigung einer unmittelbaren Hilfe, Armutsbekämpfung, schon jeden Gipfel zieren, aber die eigentliche Frage ist: Wie können die Entwicklungsländer aus eigener Kraft ihre Entwicklung steuern, das heißt, die Entwicklung des ganzen Menschen und aller Menschen, der Gleichstellung der Frauen, und wirklich heraus aus diesem Teufelskreis von Armut und Bevölkerungsentwicklung beispielsweise herauskommen?

Zurheide: Kommen wir mal auf die Finanzkrise und auf das, was da folgt. Eigentlich sagen ja viele, und auch das ist auf Gipfeln schon gesagt worden: Wir brauchen andere, wir brauchen bessere Regeln für die Finanzmärkte, damit sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt. Nun stand das hier jetzt nicht im Mittelpunkt, das soll beim nächsten Gipfel passieren, aber haben Sie eigentlich noch Zutrauen, dass diesen Worten da Taten folgen werden?

Hengsbach: Ich bin einerseits sehr skeptisch, weil die Banken, nachdem sie also Milliardenbeträge zugeschoben bekommen haben – auf der einen Seite durch die Hilfe des Staates und auf der anderen Seite auch noch mal durch die jeweiligen Zentralbanken –, dass sie da etwas anderes tun als gleichsam das weiter zu verfolgen, was sie vorher getan haben und was natürlich auch die Ursache der Krise war. Andererseits ist ja der politische Wille – und zwar … damit wird der Rahmen der G8 gesprengt – im Kontext der G20 doch ernstzunehmen, dass beispielsweise die Aufsicht und Kontrolle über die verschiedenen Finanzunternehmen, über die Finanzprodukte und dann auch über die Finanzplätze verschärft werden soll.

Zurheide: Gehen Sie denn davon aus, dass das wirklich gelingen wird, denn noch mal: Gesagt worden ist es, aber haben die die Macht, das dann auch durchzusetzen? Man hört bei den Briten zum Beispiel schon wieder, dass sie natürlich nichts zugeben wollen, was am Ende dazu führt, dass ihre Wirtschaftskraft, die stark auf Banken beruht, dass die natürlich beeinträchtigt wird.

Hengsbach: Der politische Wille, gemeinsam vorzugehen, ist da, aber die Realität ist genau fast, würde ich sagen, das Gegenteil. Jedes Land versucht, mit den entsprechenden Prioritäten, die sie sich gesetzt haben, jetzt also der Krise Herr zu werden. Man sieht in Deutschland ganz andere Akzente, da wird sehr viel auf die Steueroasen gedrängt oder auf die Regelung der Steueroasen und die Aufsichtenkontrolle zu zentralisieren. Aber wie kompliziert das hier in Deutschland schon ist, wo wir also zwei sogenannten Behörden für die Aufsicht und Kontrolle haben – das erschwert natürlich ein gemeinsames Vorgehen. Und die Engländer, die Briten und auch die US-Amerikaner haben natürlich andere, vor allen Dingen auch andere Prioritäten. Die Briten wollen natürlich den Finanzbereich möglichst so offen halten wie es bisher der Fall war und die US-Amerikaner, das konnte man auf diesem Gipfel auch sehen, drängen viel stärker auf die realwirtschaftliche Belebung. Grundsätzlich ist es ja so, dass die Kontrolle und die Aufsicht, wenn sie stark aus dem öffentlichen Bereich her konfrontativ gegenüber dem privaten Sektor durchgeführt wird, dazu führt, dass sie dauernd unterlaufen wird. Eine echte Aufsicht und Kontrolle, die wirksam sein soll, kann anscheinend nur in der Kooperation mit den jeweiligen Finanzunternehmen geschehen, und das ist das Regelungs- und Regulierungsparadox: Je schärfer die öffentliche Aufsicht, umso ohnmächtiger wird sie, und je stärker sie auf die privaten Unternehmen zugeht, umso größer ist die Gefahr, dass sie über den Tisch gezogen wird.

Zurheide: Kommen wir noch mal auf die Sozial-Enzyklika des Papstes, die ja auch in diese Richtung geht, da steht auch vieles drin, was heute eigentlich Allgemeingut ist, was wir jetzt die ganze Zeit besprechen. Ist der Papst aus Ihrer Sicht eigentlich deutlich genug geworden bei der Finanzwelt?

Hengsbach: Nein. Ich habe den Eindruck, dass erst mal sehr viele Autoren an diesem Papier gearbeitet haben, sodass das formal gesehen, meine ich jedenfalls, ein ziemliches Schrottpapier ist. Aber das andere ist, dass eben halt theoretisch am Schreibtisch das Panorama der Welt betrachtet wird, gleichsam aus der Perspektive eines wohlwollenden Beobachters oder aus der Perspektive wohlwollender mehrerer Beobachter. Das Denken, der Verstand, wie der Titel ja auch sagt, "Caritas in veritate", das heißt "die Liebe in der Wahrheit". Die Orientierung an der Wahrheit spielt die größere Rolle, und das wird zum Teil aus einer wolkigen Abstraktheit heraus beschrieben und immer wieder wie mit dem Salzstreuer in die ganz konkreten Beschreibungen, Analysen und entsprechenden Lösungsvorschläge eingearbeitet. Insofern steht das Rundschreiben sich selbst im Weg mit dieser Methodik, dass man das nicht übersetzt hat. Die Liebe in der Wahrheit wird nicht übersetzt in die Frage der Interessenpluralität und auch der Kämpfe, eigene Interessen in der Welt durchzusetzen, und auf der anderen Seite der Frage nach der Gerechtigkeit und dem Gemeinwohl, das heißt, nach dem allgemeinen Interesse der Weltgesellschaft.

Zurheide: Das war Friedhelm Hengsbach, Jesuitenpater, ich bedanke mich sehr für das Gespräch, danke schön, Herr Hengsbach!

Hengsbach: Bitte schön, auf Wiederhören!

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