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StartseiteKommentare und Themen der WocheTrump und die unbewältigte US-Geschichte19.08.2017

Ein Zündler im Weißen HausTrump und die unbewältigte US-Geschichte

Der Geschichtsbanause Donald Trump sei mitten in eine Geschichtsdebatte geraten, kommentiert Georg Peter Schmitz im Dlf. Er heize die Rassenfrage in den USA mit seinen Bemerkungen weiter an. Bei keinem anderen Thema sei dieses Zündeln aber so gefährlich.

Von Gregor Peter Schmitz, "WirtschaftsWoche"

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Donald Trump während einer Pressekonferenz in Charlottesville. (imago stock&people)
Trup sei unfähig, Fehler einzugestehen, kommentierte Georg Peter Schmitz im Dlf. (imago stock&people)
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Barack Obama hat Donald Trump gezeigt, wie es richtig geht. Als der Ex-Präsident kurz nach Trumps wirren Verharmlosungen zur rechten Gewalt in Charlottesville auf Twitter ein Foto von sich mit einem jungen schwarzen Mädchen postete - versehen mit dem Satz von Nelson Mandela, niemand hasse von Geburt an jemanden aufgrund seiner Hautfarbe - spielte das Netz verrückt, ausnahmsweise im positiven Sinne. Binnen weniger Stunden avancierte Obamas Tweet zum meistgelikten Eintrag in der Geschichte des Kurznachrichtendienstes.

Dass Obama viel mehr zum Miteinander von Hautfarben zu sagen hat als sein Nachfolger – keine Überraschung. Überraschend aber ist, dass niemand sich über Obamas Tweet mehr Gedanken machte. Warum wohl teilte der ehemalige Präsident ausgerechnet die Worte von Mandela – einem Mann also, der ein weltweites Idol wurde, aber eben doch vor allem in seinem Heimatland Südafrika wirkte, mehr als 14.000 Kilometer von den USA entfernt?

Eine seltsam verlaufende Debatte

Das mag zufällig gewählt sein. Es drückt aber auch aus, wie seltsam die aktuelle Debatte in den USA verläuft. Offenbar ist es in dieser Frage selbst für einen tiefen Denker wie Obama naheliegender – und treffender –, sich auf die Apartheid und Südafrika zu berufen, statt den Dämonen im eigenen Land nachzugehen.

Kaum ein modernes Land schleppt eine so unbewältigte Geschichtsdebatte mit sich herum wie ausgerechnet das modernste von allen, die Vereinigten Staaten von Amerika.

Auch wenn die Amerikaner immer als geschichtsvergessen gelten, befassen sie sich in Wahrheit regelrecht obsessiv mit ihrer eigenen Geschichte, mit Symbolen, Jahrestagen, Gedächtnisfeiern. Und trotzdem – oder deswegen – gilt für sie mit Blick auf die Rassenfrage immer noch der Satz von William Faulkner, dass die Vergangenheit nicht tot sei, sie sei nicht einmal Vergangenheit.

Trump hat keine Ahnung

Trump, so darf man getrost annehmen, hat davon natürlich keine Ahnung. Man muss zu seinen Gunsten auch annehmen, dass er kein Rassist ist. Als er noch als TV-Star tätig war, war er vor allem unter schwarzen Zuschauern ein Hit. Trump hat aber Leute ins Weiße Haus – von Sklaven erbaut – gebracht, die rassistisch-ultranationalistischem Gedankengut nahestehen. Auch damit knüpfen sie an amerikanische Geschichte und Traditionen an. Denn die Rassenfrage ist immer höchst politisch gewesen, am symbolischsten natürlich im Bürgerkrieg, dem blutigsten Krieg auf amerikanischen Boden – und um dessen Erinnerung auch in Charlottesville wieder gerungen wurde.

Das Spiel mit der Rassen-Karte

Immer wieder haben US-Präsidenten mit dem Thema gespielt. Richard Nixon appellierte in den Jahren nach der Bürgerrechtsbewegung an die silent majority, die schweigende Mehrheit, das war auch ein Flirten mit den Rassisten. Ronald Reagan erklärte seine Kandidatur in einem Ort in Mississippi, in dem Wahlhelfer für Schwarze vom rechten Mob umgebracht worden waren und schimpfte vor seinen Anhängern über dunkelhäutige Welfare Queens, die Cadillac fahren, Pelzmantel tragen und das Sozialamt ausraubten (die Beispiele waren so gut wie erfunden).

Selbst die Bush-Familie, die sich nun öffentlich gegen Trump wendet, verdankt zumindest die Wahl des ersten Bush-Präsidenten auch dem Spiel mit dem rassistischen Vorurteil. Dessen Wahlkampfspot über einen schwarzen Straftäter, den der demokratische Rivale begnadigt habe, war nichts anderes als extrem rechte Propaganda.

Umgekehrt haben manche Präsidenten die "race card", wie es die Amerikaner nennen, zu ihren Gunsten ausgespielt: Bill Clinton etwa, der aus dem Süden kam, Gospel sang und sich als erster "black president" vermarktete. Und natürlich sein Nachfolger Obama, der es war und den auch die fast einstimmige Zustimmung der Afro-Amerikaner ins Weiße Haus trug.

Aber ob sie es ausnutzten oder geschickt gebrauchten - gelöst hat niemand diesen Konflikt, leider auch Obama selber nicht. Am Ende seiner Amtszeit waren die Gräben vielleicht größer denn je, materiell (denn er scheute auch davor, als jemand dazustehen, der vor allem für die Schwarzen Gutes tue), aber auch politkulturell.

Viele ärmere weiße Amerikaner haben das Gefühl, im eigenen Land abgehängt zu sein und projizieren diesen Hass auf ihre schwarzen Mitbürger. Umgekehrt ist bei zahlreichen Afro-Amerikanern die Verbitterung gewachsen, dass selbst ein schwarzer US-Präsident ihre Lage nicht nachhaltig verbessern konnte. Der blanke Zorn, der in Charlottesville zu besichtigen war, legte die Gefühle auf beiden Seiten offen.

Die schlichte Unfähigkeit, Fehler einzugestehen

Der Geschichtsbanause Trump ist also mitten in eine Geschichtsdebatte geraten. Er heizt diese mit seinen Bemerkungen weiter an - befeuert wohl auch von seiner schlichten Unfähigkeit, Fehler einzugestehen. Bei keinem anderen Thema ist dieses Zündeln aber so gefährlich wie beim Thema Rasse. Denn das ist für die Amerikaner die Vergangenheit, die nicht gehen will.

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