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StartseiteKultur heuteEin zur Ruhe gekommenes Klanguniversum11.04.2011

Ein zur Ruhe gekommenes Klanguniversum

Szenische Uraufführung des letzten Teils von Karlheinz Stockhausens Opernzyklus "Licht" an der Kölner Oper

Carlus Padrissas Inszenierung von Stockhausens "Licht" tappt in die esoterische Falle. Sie rückt den musikalischen und gedanklichen Kosmos dieser Oper ins sektiererische Abseits. Das ist mehr als ein Wermutstropfen. Der aber die Programmtat der Kölner Oper nicht schmälert.

Von Christoph Schmitz

Proben für Karl-Heinz Stockhausens "Sonntag aus Licht" an der Oper Köln. 4. Szene "Düfte - Zeichen". Csilla Csövári (Hoher Sopran) (Klaus Lefebvre/Oper Köln)
Proben für Karl-Heinz Stockhausens "Sonntag aus Licht" an der Oper Köln. 4. Szene "Düfte - Zeichen". Csilla Csövári (Hoher Sopran) (Klaus Lefebvre/Oper Köln)
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Sonntag aus Licht

Zuerst einmal muss man die Kölner Oper loben. Für den Mut, dieses höchst anspruchsvolle Großwerk szenisch uraufgeführt zu haben. Für die Kraftanstrengung, die es bedarf, diesen Schlussstein der siebenteiligen Klangkathedrale von Stockhausen hörbar und sichtbar gemacht zu haben.

Unter spielplanerischem Aspekt ist das Unterfangen in gewisser Hinsicht vergleichbar mit der Vollendung des Kölner Doms im 19. Jahrhundert. Nur dass diesmal nicht die Preußen, sondern die Kölner selbst eine in ihrer Mitte geborene Idee von weltkulturellem Rang materialisiert haben. Wenn die Kölner Kultur will, ist sie zu Großtaten in der Lage!

Welchen Eindruck hinterlassen nun die auf zwei Abende verteilten gute sechs Stunden Musik? So komplex, vielgestaltig und bis ins kleinste Detail konstruiert die fünf Szenen plus Abschiedskomposition in sich sind und darüber hinaus unablässig auf die sechs vorausgehenden Opern des Licht-Zyklus verweisen, so erhebt sich doch ein eigenständiger, organischer und pulsierender Klangkörper.

In großer Regelmäßigkeit durchzucken ihn Impulse ähnlich einem Herzschlag, der das sonore Grundrauschen des Blutkreislaufs der Tutti-Chöre und ostinaten Orchesterflächen in Schwung hält. Man könnte von einem gleichmäßigen, fast meditativen Klanggewebe sprechen, durchsetzt von musikalischen Ereignisinseln. Hier sprudeln Gesangs- und Instrumental-Soli hervor, mal monologisch, mal dialogisch, selten eruptiv und nie gewaltsam. "Sonntag aus Licht" ist ein zur Ruhe gekommenes Klanguniversum. Die technische und musikalische Leistung der beteiligten Klangkörper kann man nur bewundern: das Orchester und die Solisten der Kölner musikFabrik, die Cappella Amsterdam, der Estonian Philharmonic Chamber Choir und der Chor der Kölner Oper unter der musikalischen Gesamtleitung von Kathinka Pasveer und Peter Rundel. Makellos gelingen kann ein solches Projekt kaum. Was jedoch in Köln gelungen ist, lässt alles andere als Petitesse erscheinen.

Wie nun hat Carlus Padrissa von der katalanischen Regie- und Theatertruppe La Fura dels Baus den "Sonntag aus Licht" inszeniert? Zwei Räume im Staatenhaus der Kölner Messe lässt er bespielen. Die erste Szene in Raum A - Beginn der mystischen Vereinigung zweier Kerngestalten des gesamten Zyklus, Eva und Michael, verwoben mit einem Lobgesang auf das Sonnensystem – diese erste Szene zeigt eine Raumstation im Weltall, kreisrundes Areal, Planetenprojektionen auf den Außenwänden, unter der Saaldecke über einer Achse in der Mitte die sich drehenden Sonnensegel, die auch Engelsflügel sein könnten; Michael im futuristischen Astronautenoutfit an der Spitze einer Teleskopstange schwebend; Eva ein vielköpfiges und vielarmiges Fantasy-Wesen über den Boden zwischen den Zuschauern in Liegestühlen gleitend. Und dazwischen, weitläufig verteilt, in weißen Plastik-Overalls die Instrumentalisten.

Dann Raum B: Beim litaneiartigen Lobgesang auf die Schöpfung, vom Stein, über Flora und Fauna bis zu den Heiligen, sieht man durch die 3D-Brille die in einem schwarzen Wasserbecken agierenden Solisten im psychedelischen Lichterglanz der tanzenden Dingwelt - Überwältigungstheater. Anschließend Nebel, Wasser, Weihrauchdüfte. So bezaubernd das nicht nur für Momente ist, so bleibt aber die Inszenierung insgesamt im Aseptischen und in der bizarren Fremdheit einer Weltraumodyssee stecken.

Die künstlerische Volte, nämlich über eine zur Spitze getriebenen Künstlichkeit, zum Augenblick wahrer Empfindung zu kommen, gelingt leider nicht. Schlimmer noch: Die Inszenierung tappt in die esoterische Falle. Sie rückt den musikalischen und gedanklichen Kosmos dieser Oper ins sektiererische Abseits. Das ist mehr als ein Wermutstropfen. Der aber die Programmtat der Kölner Oper nicht schmälert.

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