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StartseiteBüchermarktEinblick in chinesischen Alltag14.01.2008

Einblick in chinesischen Alltag

Roman von Li Er ist trotz literarischer Schwächen lesenswert

Das Thema Geburtenkontrolle wurde mit den Jahren ein Topos in der chinesischen Literatur. Li Ers Roman "Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt" ist nun auf Deutsch erschienen.

Von Katharina Borchardt

Chinas Bevölkerungszahl steigt rasant. (AP)
Chinas Bevölkerungszahl steigt rasant. (AP)

In Guanzhuang, einem kleinen Dorf in der chinesischen Provinz Henan, stehen Wahlen an. Fanhua ist die Dorfvorsteherin der kleinen Ortschaft und möchte in diesem Amt unbedingt bestätigt werden. Eigentlich stünde ihrer Widerwahl auch nichts im Wege, wenn, ja, wenn der Bauch der jungen Xuedai nicht so seltsam dick geworden wäre. Offensichtlich erwartet die junge Frau ein weiteres Kind - und das, obwohl sie schon Zwillinge hat, also ohnehin schon ein Kind mehr als vorgesehen. Fanhua muss aktiv werden, denn der Landrat ihres Kreises hat kürzlich erst unmissverständlich klar gemacht:

"Die Familienplanung ist nicht nur eine Frage des Unterleibs, sie steht ebenso in Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage unseres Landes und dem Lebensstandard der Bevölkerung. Sie ist für das Versiegen der Ressourcen, für eine diskontinuierliche Entwicklung, für die Erderwärmung und eine ganze Reihe anderer Probleme von großer Bedeutung. Deshalb werden die Dorfkader in Zukunft geschlossen zurücktreten, wenn so etwas noch einmal passiert. Die Hauptverantwortlichen brauchen nicht noch einmal als Kandidaten zur Wahl anzutreten."

Ein einziges Kind zuviel im Bezirk könnte also das Ende von Fanhuas Karriere bedeuten.

Der Autor Li Er weiß, was Geburtenkontrolle in China heißt. Er stammt selbst aus der Provinz Henan, in der auch der kleine Ort Guanzhuang liegt. Henan ist die am dichtesten besiedelte Provinz in China und Geburtenkontrolle ein großes Thema. Die Dorfvorsteherin Fanhua erklärt sie deshalb zur Chefsache. In Gedanken rechnet sie aus:

"Guanzhuang hatte eintausendzweihundertfünfundvierzig Einwohner, von den hundertdreiundvierzig Frauen im gebärfähigen Alter hatten sich achtundsiebzig sterilisieren lassen und konnten somit abgezogen werden, ebenso wie vier weitere, die keine Kinder zur Welt bringen konnten. Demnach gab es einundsechzig Bäuche, die jederzeit anschwellen konnten. Jederzeit. Nur siebenunddreißig von ihnen war es von Gesetzes wegen erlaubt, anzuschwellen. Nach deren Abzug blieben als noch vierundzwanzig ungesicherte. Diese vierundzwanzig Bäuche waren wie vierundzwanzig Lunten am Pulverfaß."

Bei Xuedai brennt die Lunte schon. Fanhua will darum unbedingt, dass die junge Frau abtreibt, und setzt sie gehörig unter Druck. Doch Xuedai lässt sich nicht einschüchtern und taucht einfach unter. Daraufhin setzt Fanhua alles in Bewegung, um die junge Frau aufzuspüren. Soweit die Geschichte, um die es in dem Roman "Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt" geht.

Gestreckt wird die Handlung durch Verwicklungen aller Art, es treten viele, viele Personen auf, und es werden endlose Diskussionen geführt. Das macht den Roman stellenweise langatmig: Die Handlung ist verworren, die Charaktere oft eindimensional, ihr Humor derb. Subtiles oder gar Poetisches findet man kaum - schon gar nicht, wenn es um Erotik geht:

"Im Bett verdiente es Fanhua in der Tat, ein Teufelsweib genannt zu werden. Sie ließ sich einfach nicht gerne besteigen, viel lieber war sie obenauf."

Der Autor Li Er zeichnet seine Figuren so grob, wie diese auch miteinander umgehen. Als Erzähler weiß er kaum mehr über sie als sie selbst. Das liegt daran, dass er sie vor allem von außen betrachtet. Das Buch wirkt dadurch mehr wie ein Drama denn wie ein Roman und erinnert passagenweise an eine zotige Burleske.

Wenn man aus ästhetischem Vergnügen liest, aus Lust an diffizilen Charakteren oder einfach aus Spaß an einer wirklich packenden Geschichte, dann ist Li Ers "Granatapfelbaum, der Kirschen trägt" nicht die richtige Wahl. Wenn man aber liest, weil man sich für China interessiert und für den Stand der Dinge in Sachen Literatur im Reich der Mitte, dann ist man bei Li Er und seinem in China ausgezeichneten Roman genau richtig: Denn in seinen Dialogen streift das Werk zahlreiche Kernthemen der chinesischen Gesellschaft: zuallererst natürlich die Geburtenkontrolle, dann aber auch die Umweltverschmutzung, den Frauenmangel auf dem Land, den Taiwan-Konflikt, die innere Aushöhlung des Kommunismus und das erstarkende Christentum. Auch das Thema Wirtschaft grundiert die Geschichte immer wieder: So arbeitet Fanhuas Ehemann in der Nähe der Megastadt Shenzhen und will auch von der wirtschaftlichen Öffnung des Landes profitieren. Und auch in der Nähe von Guanzhuang werden Ausländer erwartet, die möglicherweise investieren wollen und deretwegen im Dorf nun Englisch-Bücher Verteilt werden. Aufschlussreich ist auch der Umgang mit Konfuzius, der in der letzten Zeit eine wahre Renaissance in China erlebt hat:

"Das Dorfamt von Guanzhuang lag in einem Hof, in dem früher ein kleiner Konfuzius-Tempel seinen Platz gehabt hatte. Der Tempel war so klein gewesen, dass ihn nicht einmal eine Mauer umgab. In seinem Innern hatten die Menschen eine Lehmplastik von Konfuzius verehrt und eine Ahnentafel der Familie Kong aufgestellt, die aus Konfuzius' Heimatort Qufu in der Provinz Shandong stammte."

Da die Kommunisten die konfuzianische Ahnenverehrung aber als feudale Praktik ablehnten, wurde der kleine Tempel später niedergebrannt. Inzwischen kehren Konfuzius' Sinnsprüche aber ins Dorf zurück: Die Bewohner hängen sie sich ganz offen auf kleinen Tafeln an die Haustüren. Von strengem Kommunismus ist nicht einmal bei der Dorfvorsteherin Fanhua noch etwas zu entdecken, und auch so manchen Partei-Kader zeichnet Li Er ziemlich pockennarbig und unattraktiv.

Dieser Blick in den real existierenden Alltag eines 1000-Seelen-Dorfes in der Provinz Henan ist interessant. Die literarischen Schwächen aber wiegt er nicht völlig auf. Mit ihnen steht der Roman "Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt" übrigens nicht allein. Zahlreichen chinesischen Büchern, die in den letzten Jahren ins Deutsche übertragen wurden, fehlt es an Tiefe, Sensibilität und Schärfe. In vielen von ihnen spürt man die Nachwirkungen der Pflicht zum sozialistischen Realismus, der die Charaktere verflacht und Zwischenmenschliches vereinfacht. Diese Tradition lebt trotz aller Zoten, Taiwan-Witze und Kader-Kritik auch im neuen Roman von Li Er fort.


Li Er: Der Granatapfelbaum, der Kirschen trägt
Aus dem Chinesischen von Thekla Chabbi
dtv, 380 Seiten, 15 Euro

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