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Eine 2000 Jahre alte Scherbe aus Ägypten

Ausstellung "ZeitTunnel" mit archäologischen Funden der U-Bahn-Grabungen in Köln

Stefan Koldehoff im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Römisch-Germanisches Museum in Köln (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Römisch-Germanisches Museum in Köln (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Eine Ausstellung des Römisch-Germanischen Museums in Köln zeigt archäologische Funde aus den U-Bahn-Grabungen. Rund 2,5 Millionen Einzelfunde wurden im Kölner Untergrund gefunden von denen nun eine Auswahl präsentiert wird. Stücke aus zwei Jahrtausenden sind zu bewundern, darunter eine 2000 Jahre alte Scherbe aus Ägypten.

Burkhard Müller-Ullrich: Und jetzt steigen wir hinab in die Unterwelt. Stefan Koldehoff: U-Bahnen sind ja immer ein bisschen was Aufregendes, es gibt immer was zu entdecken. In der Pariser Metro zum Beispiel wohnen Grillen, darüber gibt es sogar Literatur und eine Gesellschaft zum Schutz der Grillen in der Pariser Metro. Aber jetzt reden wir von der Kölner U-Bahn, und da hat die "Bild"-Zeitung eine Weltsensation verkündet. "Scherbenfund belegt: Kölner kauften schon vor 2000 Jahren beim Pharao ein." – Was ist da los und wo kann man es sehen? Es gibt eine Ausstellung …

Stefan Koldehoff: Na ja, wenn Sie zunächst mal über diese Scherbe sprechen möchten: Man hat tatsächlich eine kleine Scherbe gefunden mit einem Blattmotiv, nicht viel größer, als ein Fünf-Mark-Stück früher gewesen ist, und dieses Blattmotiv kann man ziemlich genau zuordnen: Das stammt tatsächlich aus Ägypten. Es gibt nämlich in Berlin im Ägyptischen Museum eine Vase, die genau so ein Blattmotiv hat, und daraus hat man geschlossen, dass irgendwann die römischen Herrscher in Köln, wahrscheinlich so um das Jahr null bis zehn, sich Leckereien, Datteln nämlich, aus Ägypten haben liefern lassen in solchen Gefäßen. Also Köln war offenbar schon damals Weltstadt.
Das Ganze – darauf spielen Sie ja an – ist Teil einer großen Ausstellung, die heute Abend eröffnet wird und die wirklich großartig ist, die nämlich dokumentiert, dass diese U-Bahn, über die man sich in Köln immer noch nicht so ganz einig ist, mal abgesehen von der Katastrophe, die dort passiert ist und zwei Todesopfer gekostet hat, dass die zumindest für die Archäologen wunderbare Möglichkeiten beinhaltet hat. Überall dort nämlich, wo auf dieser Strecke die acht Bahnhöfe entstehen beziehungsweise inzwischen entstanden sind, da durften zunächst mal die Archäologen rein vom Rheinischen Denkmalamt für Bodenpflege und durften gucken, was sie da finden.
Jetzt könnten wir ein Ratespiel daraus machen, wie viel die da wohl gefunden haben: 2,5 Millionen Einzelstücke. Da sind natürlich winzig kleine Scherben bei, da sind Unmengen von Kämmen, offenbar aus einer Kamm-Manufaktur, Unmengen von Eisenbeschlägen dabei. Wir reden ja über Funde über zwei Jahrtausende hin, es geht bis hin zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Und das ist nun in dieser Ausstellung alles wunderbar präsentiert.

Müller-Ullrich: Es ist ja bekannt, dass, wenn man in Köln auch nur ein paar Meter kratzt, man auf Unmengen von römischen und anderen Zeugnissen trifft, vielleicht mehr als in jeder anderen europäischen Großstadt. Ich weiß es nicht, aber jedenfalls ein Superlativ ist angebracht. Und daraus folgt automatisch: Es gibt natürlich ein Interessensgegensatz zwischen Bauherren, die irgendwo in Köln anfangen zu kratzen – in dem Fall ist es die Stadt selbst, die diese U-Bahn bauen möchte -, und den Archäologen. Also die Archäologen dürfen inzwischen zuerst rein, oder sind vorher schnell noch städtische Bedienstete da und räumen das weg?

Koldehoff: Man muss sich das offenbar, so jedenfalls die offizielle Darstellung – und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln -, man muss sich das wohl so vorstellen, dass es einen symbolischen roten Knopf gibt an diesen unterirdischen Baustellen, und wann immer ein Archäologe, die tatsächlich zeitgleich zu den Bauarbeitern dort rein dürfen, sagt, ich habe was gefunden, haut er auf diesen imaginären Knopf, und danach darf nichts mehr passieren, danach stehen alle Maschinen still. Das ist natürlich, da haben Sie recht, für den Bauherrn nicht immer ganz einfach, auch weil es die ganze Angelegenheit noch mal teurer macht, aber, so hat es heute in der Pressekonferenz geheißen, man ist sich in den meisten Fällen sehr gut einig geworden. Und so kann man jetzt tatsächlich wunderbare Dinge sehen wie eine Edelstein-, eine Bergkristall-Schleiferei aus dem 12. Jahrhundert, ganz in der Nähe des Doms, wo 64.000 Bergkristall-Splitter allein gesichert werden konnten, aber auch kleine Hämmerchen und Sandsteine zum Schleifen, und man vermutet, dass dort tatsächlich Reliquienkästchen, aber auch Zeremonienstäbe oder andere Dinge für die Kirche entstanden sind.

Müller-Ullrich: So einen roten Knopf würden wir uns in manchen Lebenszusammenhängen wünschen. Aber Spaß beiseite: Gestoppt werden kann ja nur im Rahmen der Baustelle. Das heißt, man weiß ganz genau, bis dahin wird gegraben, aber die Fundstücke, die liegen ja irgendwo, die können also auch ins Nachbargrundstück übergreifen. Was passiert dann?

Koldehoff: Auf den Zentimeter genau muss man sich sogar daran halten. Es gibt einen konkreten Fall, der mit einem Foto dokumentiert ist: Es werden erst sogenannte Schlitzwände in die Erde abgesenkt, um die Baustelle zu begrenzen und dafür zu sorgen, dass möglichst kein Geröll in diese Baugrube hineinrutscht, und eine dieser Schlitzwände hat ein altes Holzschiff aus römischer Zeit, mit dem offensichtlich über den Rhein damals Güter nach Köln transportiert wurden, fast halbiert, steht also genau auf der Mitte des Schiffes. An die eine Hälfte kamen die Archäologen heran. Sie wären natürlich sehr, sehr gerne auch an die andere Hälfte gekommen, um zu gucken, was denn dort möglicherweise geladen war, aber das geht nicht, der Raum ist begrenzt.

Müller-Ullrich: Bauherr ist die KVB. Sind die KVB, die Kölner Verkehrsbetriebe, die ein bisschen in der Kritik standen wegen allem, was sonst noch so passiert ist auf dieser Baustelle, ist das Ganze eine Art Wiedergutmachung oder Good-Will-PR?

Koldehoff: Also es ringt sicherlich dem Thema, dem in Köln durchaus kontrovers diskutierten Thema Nord-Süd-Stadtbahn positive Aspekte ab. Und wie gesagt: Es ist eine großartige, von unabhängigen Archäologen nach wissenschaftlichen Kriterien erarbeitete und sehr gut präsentierte Ausstellung. Aber dass dort auch Werbematerial der KVB für die U-Bahn ausliegt, das, ehrlich gesagt, geht mir ein Stück zu weit.

Müller-Ullrich: Mit Stefan Koldehoff hinabgefahren in die Unterwelt sind wir durch die Ausstellung "ZeitTunnel". Schönen Dank für die Auskünfte.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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