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StartseiteBüchermarktEine aufgeputschte Gesellschaft30.06.2013

Eine aufgeputschte Gesellschaft

Amy Waldman: "Der amerikanische Architekt". Schöffling & Co.

In Amy Waldmans Roman soll eine Gedenkstätte zu Ehren der Opfer des 11. September 2001 entstehen. Ausgerechnet ein Muslim gewinnt die anonyme Ausschreibung und die Diskussion beginnt: Ist der geplante Garten tatsächlich ein Denkmal für die Opfer - oder doch das Paradies für die Attentäter?

Von Dirk Knipphals

Darf ein Muslim eine Gedenkstätte für die Opfer des 11. September 2001 entwerfen? (AP)
Darf ein Muslim eine Gedenkstätte für die Opfer des 11. September 2001 entwerfen? (AP)

Ein einzelner Name spielt eine große Rolle in Amy Waldmans Roman "Der amerikanische Architekt". Dieser Name bringt nicht nur die akribisch vorbereiteten Abläufe einer öffentlichen Architekturausschreibung durcheinander, sondern er verwirbelt zugleich die Debattenkultur der amerikanischen Gesellschaft im Ganzen.

"Der amerikanische Architekt" ist ein Buch, das, ein Jahrzehnt nach den terroristischen Attacken vom 11. September 2001 in New York geschrieben, die Folgen dieser katastrophalen Anschläge auf das Herz der amerikanischen Weltmetropole zum Gravitationszentrum hat. Und ihren mit 500 Seiten ziemlich umfangreichen und noch dazu als ausholendes Gesellschaftspanorama angelegten Roman hängt die Autorin an diesem einzelnen Namen auf. Damit riskiert Amy Waldman viel. Wie schnell könnte diese Konstruktion bloß ausgedacht wirken. Aber das tut sie nicht. In den USA hat der Roman denn auch für viel Furore gesorgt. Nun liegt er, erschienen im Schöffling-Verlag und übertragen von Brigitte Walitzek, in deutscher Übersetzung vor.

Das Buch setzt furios ein; wir nehmen als Leser teil an der abschließenden Jurysitzung in New York, auf der entschieden wird, wie die Gedenkstätte zu Ehren der Opfer des 11. September 2001 gestaltet werden soll. Amy Waldman macht das geschickt. Eine der Hauptfiguren wird eingeführt. Claire Burwell heißt sie, sie ist die Witwe eines Mannes, der im Inferno der brennenden Zwillingstürme ums Leben kam; und sie ist es auch, die, als Vertreterin der Angehörigen in die Jury entsandt, denjenigen Entwurf durchkämpft, der sich schließlich durchsetzen wird.

Dieser Entwurf ist, so ein Detail muss stimmen, von Amy Waldman überzeugend ausgedacht.

"Das Konzept des Gartens war denkbar einfach: ein von Mauern eingefasster quadratischer, streng geometrisch untergliederter Raum. In der Mitte lud ein etwas erhöhter Pavillon zur Besinnung ein. Zwei breite, rechtwinklig aufeinandertreffende Kanäle viertelten das sechs Hektar große Gelände. Gehwege innerhalb der vier Quadranten bildeten zusammen mit den Bäumen, den echten und denen aus Stahl, die wie in einer Baumschule in Reih und Glied ausgerichtet waren, ein Raster. Die Namen der Opfer sollten auf den Innenflächen der weißen, neun Meter hohen Umfassungsmauer aufgelistet werden, so angeordnet, dass das Textfeld den Umriss der zerstörten Gebäude ergab. Die stählernen Bäume riefen die Türme noch buchstäblicher in Erinnerung: Sie würden aus den gefundenen Metallüberresten hergestellt werden."

Der Name des Architekten wird bekannt: Mohammad

Im Kern besteht der Roman aus Dialogen. Wenn es Beschreibungen gibt, dann sind sie, wie in dieser Szene, kurz und prägnant. Und nachvollziehbar. Ein strenger, aber auch einladender Ort der Besinnung. Wasser. Stählerne Bäume, hergestellt aus den Metallüberresten des World Trade Centers. So in dieser Art könnte man sich als Leser tatsächlich eine Gedenkstätte für die Opfer von 9/11 vorstellen. Und genauso nachvollziehbar erscheint, dass dieser Entwurf innerhalb der Jury bis zum Schluss umstritten ist. Haupteinwand seiner Gegner: Er sei zu schön. Aber schließlich setzt Claire Burwell sich eben mit dem von ihr favorisierten Gartenentwurf durch. Und dann kommt der Moment, in dem in der bis dahin anonym vorgenommenen Ausschreibung der Name des Architekten bekannt wird. Auch diese Stelle ist gut gemacht.

"Das Formblatt mit dem Namen des Gewinners wurde wie ein kostbares altes Schriftstück von Hand zu Hand gereicht. Ein paar der Juroren hielten hörbar die Luft an, es gab das ein oder andere 'Hmmm', ein 'Interessant' und ein 'Ach du meine Güte!' Dann: 'Was für eine gottverdammte Scheiße ist das denn? Es ist ein Muslim!' Das Papier war beim Vertreter der Gouverneurin angekommen."

Mohammad, so lautet der Name des Siegerarchitekten, Mohammad Khan. Und man kann bereits an dieser Stelle etwas von dem Witz dieser Autorin erkennen, die den derbsten Fluch dem Vertreter der Politik unterschiebt. Vor allem aber kann man sehen, wie geschickt Amy Waldman die Brisanz so einer Situation erkannt hat. Denn dass der Architekt des Siegerentwurfs ausgerechnet Mohammad heißt, ändert natürlich alles. Die Gedenkstätte für die Opfer von 9/11 von einem Muslim entworfen? Das ist das zentrale Gedankenspiel, das dieser Roman konsequent durchspielt. Für die US-amerikanische Öffentlichkeit bedeutet es eine große Herausforderung. Sofort steht etwa der Verdacht im Raum, dass mit dem Garten ein muslimischer Paradiesgarten gemeint sein könnte, der sogar als eine Gedenkstätte nicht für die Opfer, sondern für die Attentäter verstanden werden kann - für Spekulationen gibt es in dem nach 9/11 aufgeladenen Umfeld bald kein Halten mehr.

Ein Detail, das nicht zu einem zunächst gut ausgedachten Plan passt, vermag alles zu ändern, in einem Leben und in einer Gesellschaft. Hier besteht dieses Detail in einem Namen. Man kann sich an Tom Wolfes fast schon klassischen Gesellschaftsroman "Fegefeuer der Eitelkeiten" erinnern fühlen, auf den Amy Waldman direkt anspielt und an dem sie sich einiges abgeschaut hat. Der Name Mohammad hat bei ihr die Funktion, die bei Tom Wolfe der Autounfall der Hauptfigur hatte. Den Unfall eines Börsenbrokers mit anschließender Fahrerflucht benutzt Wolfe als Ausgangspunkt, um von den Mechanismen einer unmoralischen Finanzwelt zu erzählen. Amy Waldman wiederum braucht nur diesen Namen, um von ihm aus die Mechanismen einer nach den Anschlägen auf das World Trade Center verhärteten gesellschaftlichen Debatte darzustellen. Allein schon, dass der Architekt diesen Namen trägt, ist hier der Unfall - für die Debatte um die Gedenkstätte und auch für Mohammad Khan selbst.

Sein Name macht ihn verdächtig

Der Träger des Namens ist ein junger, aufstrebender Architekt, Sohn von Einwanderern aus Indien und ein liberaler, säkularer Mann, dessen Lebensgewohnheiten sich von der Mehrheitsgesellschaft der USA in nicht dem Geringsten unterscheiden. Hilflos muss er nun mit ansehen, wie ihm etwas übergestülpt wird, was er bislang keineswegs besaß: eine muslimische Identität. Sein Name bewirkt, dass er bei Kontrollen an Flughäfen besonders sorgfältig durchsucht wird. Er macht ihn auch sonst verdächtig. Bei den Angehörigen der Anschlagsopfer, weil sie sich verhöhnt vorkommen. Sowie bei den antimuslimischen Organisationen in den USA, die den Islam pauschal mit Freiheitsberaubung und Unterdrückung gleichsetzen und nun einen geeigneten Angriffspunkt für ihre Polemiken haben.

Zum Muslim gemacht wird Mohammad Khan aber auch von den liberalen promuslimischen Verbänden, die ihn für sich vereinnahmen wollen. Auch diese Vereinnahmung schildert Amy Waldman geschickt. Als Mohammad Khan für eine Werbekampagne einer dieser muslimischen Organisationen, des MACC, auf Fotos posieren soll, lässt die Autorin ihn reflektieren:

"... vor allem bin ich einfach nicht der Typ, der auf den Fotos zu sehen ist. Das bin nicht ich! Ich habe eine ganz bestimmte Art, Dinge zu tun - das ist mit ein Grund dafür, dass ich mich an der Ausschreibung für die Gedenkstätte beteiligt habe, statt große politische Worte zu machen. Und ich weiß, ich hätte mir das überlegen sollen, bevor ich mich zu der Kampagne bereit erklärt habe, aber wenn ich das Gesicht dieser MACC-Kampagne bin, sieht man mich nur noch als Muslim, und das, wo ich die ganze Zeit argumentiert habe, dass es nicht richtig ist, mich darüber zu definieren."

Das bin nicht ich - die ersten Opfer der gesellschaftlichen Debatten, so wie Amy Waldman sie schildert, sind die Differenzierung und die Freiheit, sich selbst zu definieren. Niemand entkommt den Schubladen, in die er von den Medien gesteckt wird, schon gar nicht ein Architekt mit muslimischem Hintergrund, der sich an einem Wettbewerb rund um 9/11 beteiligt. Amy Waldman gewinnt diesen Mechanismen eine interessante politische Ebene ab, indem sie detailliert die Verengung des gesellschaftlichen Diskurses in den USA hin zu einem grassierenden Freund-Feind-Denken nachzeichnet.

Religion und Herkunft können auch in den USA hinderlich sein

Bitter klingt denn auch das Fazit, das Amy Waldman die Eltern von Mohammad Khan ziehen lässt:

"Wir glaubten so fest an Amerika, dass wir keinen Augenblick dachten, dein Name könne in irgendeiner Weise hinderlich für dich sein."

Darin haben sich die Eltern getäuscht. Ihr Glaube war allerdings verständlich, schließlich gehört es zum amerikanischen Selbstverständnis, dass jeder Mensch sein Glück machen könne, unabhängig von seiner Religion und seiner Herkunft. Wie sehr Religion und Herkunft dann aber doch zählen und vor allem, wie hinderlich sie sein können - auch das zeichnet dieser Roman detailliert nach.

Amy Waldman wurde 1969 geboren und ist von Hause aus Journalistin. Die Idee zu diesem Roman kam ihr, so erzählte sie es in einem Interview der britischen Zeitung "Guardian", während eines Gespräches über die Architektin Maya Lin. Von Maya Lin, einer Amerikanerin chinesischer Abstammung, stammt der Entwurf für das Vietnam Veterans Memorial in Washington; als damals 21-jährige Architekturstudentin sandte sie die Skizzen zu der bekannten Mauer ein, in der die Namen der in Vietnam getöteten US-Soldaten eingraviert sind. Der chinesische Hintergrund der Architektin wurde damals von Gegnern ausgenutzt, um ihren ungewöhnlich strengen und abstrakten Entwurf zu diskreditieren. Diesen historischen Fall hat Amy Waldman nun auf die Situation nach dem 11. September 2001 übertragen.

Den journalistischen Hintergrund der Autorin erkennt man an der Sprache. Sie ist geschmeidig, zupackend, direkt und der Erzählerin dienstbar untertan. Diese Sprache transportiert stets, was sie soll, nicht mehr, nicht weniger. Manchmal gerät der Roman damit an seine Grenzen, vor allem dann, wenn es darum geht, Gefühle zwischen den einzelnen Figuren zu beschreiben. Aber dafür hat der Roman andere Stärken. Er spannt ein beeindruckendes Panorama unterschiedlicher Perspektiven auf - vom zynischen Politiker bis zum glühenden Antiamerikaner, von der Hinterbliebenen, die ernsthaft mit ihrer Trauer ringt, bis zu jemandem, der sich, wie der Architekt Mohammad Khan, allen Zuschreibungen zu entziehen sucht.

Dass es ihm nicht gelingt, liegt auch an den Mechanismen einer Mediengesellschaft, die Amy Waldman mit vielen Insiderkenntnissen ausbreitet; auch daran erkennt man ihren journalistischen Hintergrund. Die Autorin kennt sich einfach aus mit dem Zwang zur Zuspitzung und zur Personalisierung, der in den Medien herrscht. Anhand der Figur der Reporterin Alyssa Spier zeichnet sie das Porträt einer Journalistin, die - halb vom eigenen Ehrgeiz, halb von den Umständen getrieben - dazu übergeht, die Privatsphäre zu verletzen und Details tendenziös auszuwählen, um ihre Stories aufzupeppen. Das trägt zur Eskalation der Ereignisse genauso bei wie die Fernsehbilder von amerikanischen Männern, die - in einer Art Übersprungreaktion nach Bekanntwerden der muslimischen Hintergründe des Architekten - muslimischen Frauen ihre Kopftücher von den Haaren reißen. In der Realität mag es sich um Einzelfälle handeln; aber in den Endlosschleifen der Nachrichtenkanäle immer wieder gesendet, vermitteln sie das Bild einer aufgeputschten Gesellschaft.

Wo ist die Gedenkstätte für 500.000 tote irakische Kinder?

Amerika, das ist in diesem Roman das Land der ungebremst aufeinanderprallenden Meinungen. Ein Teil des Gewinns, den man aus seiner Lektüre ziehen kann, besteht deshalb darin, dabei alle nur denkbaren Argumente im amerikanisch-muslimischen Verhältnis kennenzulernen. Auch hier geht Amy Waldman konsequent vor.

"'Aber will Amerika friedlich mit den Muslimen leben?', fragte ein Mann namens Ansar, ein außenpolitischer Lobbyist, in herausforderndem Ton. 'Wenn wir schon von Gedenkstätten reden - wo ist die Gedenkstätte für die halbe Million irakischer Kinder, die durch US-Sanktionen ums Leben kamen? Für Tausende unschuldiger Afghanen, die in der Folge der Anschläge getötet wurden, oder für die Irakis, die unter dem Vorwand einer Reaktion auf die Anschläge den Tod fanden? Für alle Muslime, die in Tschetschenien, Kaschmir oder Palästina abgeschlachtet wurden, während die USA tatenlos zusahen? Wir hören ständig, dass es drei Stunden dauern wird, die Namen derer zu verlesen, die bei den Anschlägen starben. Wissen Sie, wie lange es dauern würde, die Namen einer halben Million toter irakischer Kinder zu verlesen? Einundzwanzig Tage!'"

Keine Perspektive ist dieser Erzählerin fremd. Man kann an dieser Stelle gut sehen, worum es Amy Waldman in diesem Roman geht: darum, die Möglichkeiten eines Gesellschaftsromans zu nutzen, um alle Aspekte des Verhältnisses der USA zu ihren muslimischen Mitgliedern zu beleuchten. Siehe immer auch die andere Seite! Diesen journalistischen Grundsatz hat Amy Waldman zu einer differenzierten und lebendigen Collage der nach dem 11. September 2001 aufgeheizten Öffentlichkeit umgesetzt.

Bei alledem schält sich neben Mohammad Khan, dem amerikanischen Architekten, aus der Vielzahl der Perspektiven allmählich eine zweite Zentralfigur heraus. Sie heißt Asma Anwar, ist eine illegale Einwanderin aus Bangladesh, Muslimin und hat ihren Mann am 11. September verloren. Er gehörte zu den Putzmännern, die im World Trade Center arbeiteten. Mit dieser Figur gewinnt der Roman in seiner zweiten Hälfte noch einmal an tragischer Fallhöhe.

"Sie alle verwechseln die schlechten Muslime, die die Anschläge verübt haben, diese schlechten Menschen, mit dem Islam. Millionen von Menschen auf der ganzen Welt tun Gutes, weil der Islam es ihnen aufträgt. Es gibt viele, viele Muslime, die niemals daran denken würden, ein Leben auszulöschen. Aber Sie sprechen über das Paradies, als wäre es ein Ort für schlechte Menschen. Doch das ist nicht das, was wir glauben. Der Garten ist nicht für sie da. Die Gärten des Paradieses sind für Männer wie meinen Mann, der niemals einem anderen ein Leid getan hat.' Sie holte Luft. 'Wir sagen Ihnen doch auch nicht, was es bedeutet, Christ zu sein oder welche Regeln in Ihrem Himmel gelten. Ich finde, ein Garten als Gedenkstätte ist genau das Richtige', fuhr sie fort. 'Denn Amerika ist ein Garten, in dem alle Menschen, Muslime und Nicht-Muslime, zusammenwachsen können. Wie können Sie so tun, als seien wir und unsere Traditionen nicht Teil dieses Landes?"

Das klingt, als wolle Amy Waldman noch eine Stimme der Vernunft in ihr Buch integrieren, aber man würde diesen Roman unterschätzen, wenn man in diesen Sätzen so etwas wie seine Botschaft identifizieren würde. Diese Asma Anwar ist hier eben auch nur eine Stimme von vielen. Und auch in diesem Fall geht es Amy Waldman darum, Mechanismen durchzuspielen. Mit solchen Sätzen wird man bei ihr zu einem Star der liberalen Öffentlichkeit, eine Einladung der amerikanischen Talkshow-Queen Oprah Winfrey inklusive, aber auch zur Zielscheibe von Hassäußerungen.

Die Freiheit in den USA ist nicht grenzenlos

Zum Glück ist der Autorin mit dieser Asma Anwar ihre von der ganzen Anlage her überzeugendste Figur gelungen. Während die Reporterin Alyssa Spier etwa über ihre dramaturgische Funktion hinaus, Karrierestreben zu verkörpern, blass bleibt, ist diese Witwe aus Bangladesh, die der amerikanischen Öffentlichkeit ihre eigenen Ideale vorhält, in vielen Facetten gezeichnet. Nachvollziehbar auch die grundlegende Erfahrung, die sie in New York macht und die sie auf den Punkt bringt, wenn sie die enge Sozialkontrolle in Bangladesh mit der Verhaltens- und Meinungskontrolle durch die Öffentlichkeit in den USA vergleicht:

"Sie hatte gedacht, ihre Freiheit hier sei grenzenlos, aber in Wahrheit war sie eingeschränkt - von einem zwar größeren Kreis als dem zu Hause, aber dennoch einem Kreis. Wenn sie offen sprach, dagegen anrannte, ihn überschritt, erregte sie Anstoß. Es war völlig anders als zu Hause, und doch dasselbe."

Von dieser Einsicht aus beleuchtet Amy Waldman schließlich noch einmal das Schicksal des Architekten Mohammad Khan. Schon die Frage, ob er sich vor einer öffentlichen Anhörung rasieren soll, kann für ihn in dieser Atmosphäre des Verdachts zum unlösbaren Problem werden. Trägt er einen Bart, könnte das als Parteinahme für strenggläubige Muslime aufgefasst werden. Rasiert er sich den Bart aber ab, könnte das sogar als Täuschungsversuch gewertet werden. Zwickmühle nennt man so etwas.

Außerdem bringt Mohammad Khan schließlich alle Seiten gegen sich auf. Die Angehörigen der 9/11-Opfer, weil er sich nicht von der Lesart distanzieren will, sein Garten könne als muslimisches Paradies aufgefasst werden. Die liberalen Muslime, weil er sich nicht für eine Werbekampagne hergeben möchte. Die liberale Öffentlichkeit, weil er seine muslimische Herkunft nicht verraten möchte. Und schließlich noch die strenggläubigen Muslime, weil er nebenbei die Bemerkung fallen lässt, der Koran sei von Menschenhand geschrieben worden.

Den Amerikanern ist Mohammad Khan zu muslimisch und den Muslimen zu amerikanisch. Indem der Roman dieses Dilemma konsequent durchspielt, wird er zu einem überzeugenden Stück US-amerikanischer literarischer Selbstreflexion nach dem 11. September.

Der Roman endet mit einem Rückblick auf die Ereignisse aus einem Abstand von zwanzig Jahren heraus. Dieser Zeitsprung wirkt zunächst wie ein billiger erzählerischer Trick. Als wolle sich die Autorin davor drücken, die widerstreitenden Perspektiven noch einmal in einem großen Finale aufeinanderprallen zu lassen. Aber tatsächlich ist auch dieses Ende, wie so vieles an diesem Roman, sehr konsequent. Er führt noch einmal vor, worauf dieser literarische Ansatz zielt: darauf, Abstand zu gewinnen. Amy Waldman glaubt an die Fähigkeit, sich in unterschiedliche Perspektiven hineindenken zu können. Und sie glaubt daran, dass, wenn es schon die aktuellen öffentlichen Debatten es nicht tun, die Literatur der passende Ort dafür ist, diese Fähigkeit zu demonstrieren. Das Ergebnis ist eine überzeugende literarische Momentaufnahme der amerikanischen Gesellschaft.

Amy Waldman: "Der amerikanische Architekt".
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Walitzek, 504 Seiten, 24,95 Euro, Schöffling, Frankfurt am Main, 2013


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