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Eine Autobiographie für zwei Stimmen

Imre Kertész erklärt, warum er sich selbst interviewte

Von Jörg Plath

Der ungarische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz
Der ungarische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz (AP)

"Dossier K. Eine Ermittlung" heißt das neue Buch des ungarischen Schriftstellers Imre Kertész, und die Ermittlung gegen sich führt niemand anders als - er selbst. Geplant war eigentlich ein langes Gespräch, das die zahlreichen fehlerhaften Veröffentlichungen in Ungarn nach der Entgegennahme des Literaturnobelpreises 2002 korrigieren sollte. Über Monate hinweg hatte sich Kertész von einem Freund befragen lassen und erhielt eines Tages die Tonbandabschriften.

" Diese Interviews sind in einem Jahr oder in eineinhalb Jahren mit sehr großen Pausen gemacht, und da, in diesen Pausen lebte ich und arbeitete und war überhaupt nicht immer authentisch, nicht immer in Form, also ich sagte: diese Bänder beinhalteten überhaupt nicht, was ich wollte eigentlich sagen, was ich zu sagen habe. Das habe ich sofort bei dem ersten Satz gesehen. Ich habe einfach dieses große Manuskript beiseite gelegen und habe angefangen zu schreiben. Es hatte mir auf einmal irgendwie die Lust zu diesem Dialog vor allem gebracht, und daran hätte ich nie gedacht, dass der Dialogform so schön und so, wie soll ich sagen, so inspirierend ist eigentlich. Das ist, wie ich das nenne, eine Autobiographie auf zwei Stimmen. "

Eine antwortet, die andere fragt, immer wieder zitierend aus diesem Werk: Ist das wahr? War das so wie in "Fiasko", wie in "Liquidation", wie im "Roman eines Schicksallosen"? Der Fragesteller ist ein intimer Kenner des Kertészschen Werkes, Kertész dagegen nicht: "Ich weiß schon nicht mehr", antwortet er einmal, "was ich geschrieben habe, wenn ich fertig bin." Wie aber kann der Fragende, der ja auch Kertész ist, dann so präzis fragen, Herr Kertész?

"(Lacht) Ja, das ist der andere Ich, der weiß alles. Es gibt auch ein drittes Ich. Wissen Sie, wenn ich diese Dialogen angefangen habe, zu schreiben, also es war so, zwei Pingpong-Spieler, die den Ball hinlegen. Ich konnte ganz ruhig zurücktreten und sehen, wie sie spielen und aufpassen, ob alles in Ordnung ist, der Ball springt, ist nicht kaputt, die Schläger ist in Ordnung, und alles bewegt sich, wie sie bewegen sollen. Also, dieser alltägliche Mensch, der ich bin, der ist nicht im Bewusstsein, was in diesen Romanen - nicht ganz - was diese Romane bedeuten, beschreiben usw."

Fremd sind sich fast alle Romanfiguren von Imre Kertész, eines seiner Bücher trägt den Titel "Ich - ein anderer". Schon das Debüt, der "Roman eines Schicksallosen", bezieht aus der völligen Ahnungslosigkeit und Anpassungsbereitschaft des nach Auschwitz deportierten Jungen seine verstörende Kraft. "Dossier K." wirkt einfach und direkt, ist aber ebenso durchdacht wie die bisherigen Bücher. Diese handeln sämtlich vom Überleben im Konzentrationslager und dem Stalinismus, die nichts als die Vernichtung des Individuums wollen - und "Dossier K." ermittelt, wie der Schriftsteller überlebt hat. Das kann er nicht wissen, sagt Kertész, der dritte Kertész, im Gespräch, nicht anders als jener zweite in "Dossier K.":

" Wenn ich überleben will, dann muss ich die Logik, also in diesem Fall der Konzentrationslagers, folgen. Und diese Logik nimmt man auf, nimmt man in sich auf. Das ist eine Willens- oder nicht Willens- ... , eine Kollaboration, und diese Kollaboration ist die größte Schande des Überlebenden, diese Kollaboration einzugestehen. Wenn ich das als literarische Form schreibe, geht das. Weil, als literarische Form habe ich eine ganz besondere Aufrichtigkeit in mir gefunden. Das sind einfach gute Sätze, wissen Sie. Das ist vielleicht nicht schön zu gestehen, aber gute Sätze sind in diesem Fall viel wichtiger als meine eigene Schande oder meine eigene schlechter Erlebnis. Und das ist für mich als Schriftsteller ein erfreulicher Prozess. Das ist eben das Paradoxon. Den "Roman eines Schicksallosen" zum Beispiel, der überhaupt keine heiterer Roman ist, hat mir sehr viel Freude gebracht, also mit dem Schreiben. Und man kann nichts anders schreiben: nur wenn man frei ist, wenn man daran Freude hat. Das ist eine tödliche Paradoxon, aber dieses Paradoxon liebe ich."

In "Dossier K." spricht Imre Kertész so genau wie nie zuvor über den Prozess des Schreibens - und über seine befreiende Wirkung. Es ist eine Befreiung zur Aufrichtigkeit, zur Wahrhaftigkeit, wie es sie im Stalinismus nicht gab, und sie ist nicht ohne Fiktion denkbar. Furchtlos steuert das Gespräch auf die Frage zu, ob er denn auch Auschwitz erfunden habe - "Natürlich, in einem gewissen Sinn", antwortet sein Alter ego. Nämlich im Sinne der Wahrhaftigkeit der Literatur. Sie verbannt sogar Kertész' Überleben in der Krankenstation des KZ Buchenwald, ohne das es den Schriftsteller nicht gäbe, in das Reich des Märchenhaften, der Anekdote.

" Jeder Überlebende hat seine eigene Anekdote, wie ich auch habe, diese Krankenhausgeschichte. Ohne diese Krankenhaus wäre ich nicht da und könnte ich Ihnen kein Interview geben. Aber was war diese Krankenhaus im Konzentrationslager? Niemand wusste was von diesem Krankenhaus, und am Ende könnte ich das fast für eine Phantasie von mir zu sehen, solange ich nicht angerufen bin in Stockholm von einer Kamerade, der über mich wohnte, also lag, dort, und in Australien lebte und wollte den frischen Nobelpreisroman lesen und da stieß er auf sich selbst. Er hat mir sofort angerufen, aber ich spreche kein Polnisch, ich spreche kein Englisch, und er sprach kein Deutsch und natürlich kein Ungarisch. Einige deutsche Worte haben wir gewechselt, aber es war sicher, dass der der Kucharski war, den ich beschrieben habe, und ich war, der mit Kucharski zusammen war in diesem Krankenhaus. Das ist der einzige Beweis. Die Anekdoten verschwinden und sind überhaupt nicht typisch. Was typisch und gesetzmäßig ist, sind natürlich der Tod im Gaskammer oder andere Weise."

Dieser bei aller Freundlichkeit und Zugewandtheit klare und unmissverständliche Tonfall zeichnet auch das Gespräch im "Dossier K." aus. Es hält sich weitgehend an die Chronologie. Die Porträts von Großeltern und Eltern zu Anfang fasst Kertész so zusammen:

" Ich hatte als Kind keine guten Erfahrungen mit dieser so genannten Familie. Es fing so an, sofort, dass meine Eltern sich geschieden lassen haben. Man ist gequält durch diese Scheidung, man ist gequält durch diese Spannung. Also, ich hatte diese ganze Familie, auf der eigentlich die Gesellschaft baut, das habe ich als zerstörerisch, Individuum-zerstörerisch erlebt ... "

Die Familie als Einübung in die Diktatur. In konzentrierten Miniaturen erzählt Kertész von 60 Jahren Verzweiflung in der Diktatur und der Selbstbefreiung durch das Schreiben. Er verschweigt die kurze Phase des Glücks nach dem Krieg nicht, nicht die Mitgliedschaft in der KP Ungarns, die Arbeiten als Journalist und die Komödien, die er, ein Kollaborateur aus Geldnot, mit Freunden verfasste. Diskret stellt er die erste Ehefrau vor und die zweite, die ihm spät das Glück schenkt. Zornig ist von der Ablehnung in Ungarn die Rede, die ihn und seine Frau einen Zweitwohnsitz in Berlin nehmen lassen. Es ist alles da, in äußerster Knappheit und Prägnanz - bis auf die Fotos aus Kindheit und Jugend, die die Zeitschrift DU abdruckte. Erst am Ende von "Dossier K." kommt Kertész auf den Erfolg zu sprechen. Rechtfertigt der Nobelpreis "post festum", im Blick zurück, nicht alles, so wie in jeder Autobiographie?

" Es gibt auch eine Erfolgsgeschichte, wenn ich so will. Der Schriftsteller Imre Kertész, der das und das geschrieben hat, hat dafür den Nobelpreis bekommen. Also, das so zu sehen, ist ganz falsch, es in der Retrospektive so zu sehen, das wäre eine ganz phantastische Lüge. Meine Literatur war immer eine außerliterarische Literatur. Es war nie eine Literatur für Preise und Nobelpreis, keine offizielle. Ich habe mich sehr gefreut. (lacht) Aber auch: Völlig absurd!"

Heftiger als im Buch wehrt sich Kertész im Gespräch gegen den Versuch einer Harmonisierung. Er rettet die Zerrissenheit seines Lebens, dessen Glück und dessen Wahrheit zuallererst gegen die eigene Existenz und ihre Kollaboration mit der Zeit erkämpft, ersonnen, erdichtet wurde. Diese Zerrissenheit ist ganz in die umgängliche Form des Buches eingegangen: als Selbstgespräch.


Imre Kertész: Dossier K. Eine Ermittlung
(Rowohlt Verlag)

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