Interview / Archiv /

 

"Eine besonders glückliche Entscheidung"

Hans-Dietrich Genscher freut sich über den Nobelpreis für die EU

Hans-Dietrich Genscher im Gespräch mit Peter Kapern

Von ganzem Herzen habe er sich gefreut, "dass hier die friedensstiftende Wirkung der Europäischen Union gewürdigt wird", sagt der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) zur Auszeichnung der Europäischen Union mit dem Friedensnobelpreis. Nach den Weltkriegen sei in Europa "eine neue Kultur des Zusammenlebens der Völker entstanden".

Peter Kapern: Mitgehört hat der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. Guten Tag, Herr Genscher!

Hans-Dietrich Genscher: Guten Tag.

Kapern: Herr Genscher, wie haben Sie reagiert, als Sie von der Entscheidung aus Oslo gehört haben?

Genscher: Ich habe mich von ganzem Herzen gefreut, weil ich das wirklich für eine besonders glückliche Entscheidung halte, dass hier die friedensstiftende Wirkung der Europäischen Union gewürdigt wird. In Europa ist nach dem Zweiten Weltkrieg als Konsequenz aus den europäischen Bruderkriegen, als Konsequenz vor allen Dingen natürlich aus den schrecklichen Weltkriegen und dem besonders schrecklichen Zweiten Weltkrieg eine vollkommen neue Kultur des Zusammenlebens der Völker entstanden, und das ist die Zukunft Europas, aber hat natürlich auch beispielgebende Wirkung für andere Regionen der Welt.

Kapern: Man hat den Eindruck, Herr Genscher, dass die Europäische Union den Friedensnobelpreis ganz gut gebrauchen kann, um ihr Ansehen zu polieren. Das hat ja unter den Europäern in den letzten Jahren deutlich gelitten. Woran liegt das?

Genscher: Es liegt wohl daran, dass Frieden als etwas Selbstverständliches, sozusagen Gottgegebenes betrachtet wurde, und nun wird anerkannt, hier hat eine richtige Grundhaltung der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg etwas bewirkt, was man sich vorher wahrscheinlich hat gar nicht vorstellen können. Das meine ich eben mit der neuen Kultur des Zusammenlebens, nämlich dass die Völker unabhängig von ihrer Größe nicht nur gleichberechtigt, sondern auch ebenbürtig miteinander umgehen. Es war ein Glücksfall, dass bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft drei größere und drei kleinere sich zusammengetan haben, und das geht, das hat man dann gesehen. Es ist nicht mehr so, dass die kleinen nach der Pfeife der großen tanzen müssen und die großen durch Rivalität ständig neue Kriege vom Zaune brechen. Aber heute wissen wir ja, dass in Wahrheit diese Europäische Union auch ein Zukunftsmodell ist, denn die Welt von morgen wird von großen Ländern bestimmt sein und dann von regionalen Zusammenschlüssen, wie die Europäische Union eine ist, von mittleren und kleineren Staaten, die gemeinsam ihr Schicksal in die Hand nehmen und die zusammenarbeiten und diese Friedensidee nach außen, aber eben auch nach innen verwirklichen. Vielleicht ist es diese Selbstverständlichkeit eine Art Abnutzung des Wissens um die wirkliche Bedeutung Europas gewesen, und ein bisschen auch manchmal Leichtfertigkeit und auch neue Nationalismen, die plötzlich aufkamen, also nationale Egoismen, ohne zu erkennen, dass wir als Europäer gemeinsam eine große Chance haben und gegeneinander einen Rückfall in die Vergangenheit.

Kapern: Man hat ja, Herr Genscher, ein wenig den Eindruck, dass in diesen Zeiten der Schuldenkrise sich nur noch relativ wenige Menschen fulminant für die EU in die Bresche werfen. Die Zahl derjenigen, die dies tun, ist relativ klein geworden. Man hat den Eindruck, es regieren die Zauderer, die Bedenkenträger und die Kassenwarte. Stimmt dieser Eindruck? Warum gibt es so wenige fulminante Proeuropäer in diesen Tagen?

Genscher: Ich habe den Eindruck, dass es mehr gibt. Vielleicht lassen sie sich nicht so verlauten, wie das diejenigen tun, die als Bedenkenträger und "Es-schon-immer-gewusst-Habende" auftreten. Natürlich haben wir eine schwierige Phase zu bestehen, aber dass wir sie bestehen können, zeigt sich ja gerade, und ich finde, dass die Bundesregierung hier auch mit einer ganz klaren Konzeption und mit großer Beharrlichkeit mit den anderen zusammenwirkt, dass wir die Probleme in anderen Teilen der Europäischen Union überwinden werden. Diese Europäische Union ist natürlich auch darauf angewiesen, dass alle ihren Vorteil finden können. Wer in dieser Europäischen Union glaubt, einseitige Vorteile zementieren zu können, hat ihren Grundcharakter nicht verstanden. Das versteht man ja unter Solidarität, dass man dort, wo in der Vergangenheit manches unterlassen worden ist, daran geht, durch Reformen, die jetzt angestoßen werden und zum Teil mit schwierigen Wirkungen für die Menschen, dass diese Reformen unterstützt werden, weil wir daran interessiert sind, dass diese Europäische Union das verwirklicht, was in unserem Grundgesetz für unser Land steht, nämlich dass wir auch nicht nur ein freiheitlicher Rechtsstaat sind, Grundrechte von Freiheit und Menschenwürde gewahrt werden, sondern auch ein sozialer Rechtsstaat.

Kapern: Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher heute Mittag bei uns im Deutschlandfunk. Herr Genscher, danke, dass Sie sich ein paar Minuten Zeit für uns genommen haben.

Genscher: Auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

EU-Gipfel"Der Schlendrian in Europa geht weiter"

Blick auf eine deutsche und eine EU-Flagge.

Aus Sicht des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Frank Schaeffler (FDP) ist die Euro-Krise noch lange nicht vorbei. Statt durch neue Schulden kurzfristig das Wachstum fördern zu wollen, müssten die Mitgliedsstaaten ihre Arbeitsmärkte reformieren. Andernfalls zahlten die Steuerzahler und Sparer die Zeche.

Flüchtlingspolitik"Die Erstaufnahmestellen sind überfüllt"

Ein Kleinkind steht am 21.11.2013 in Eisenberg (Thüringen) auf dem Gelände der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge und Asylbewerber vor Wohncontainern. Die Suche nach einer neuen Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Thüringen gestaltet sich weiterhin schwierig. Es sei noch keine Entscheidung gefallen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums der Nachrichtenagentur dpa in Erfurt.

Die Bevölkerung stehe der Aufnahme von Flüchtlingen positiv gegenüber, die Politik hingegen habe nur "sehr wenige Konzepte" erarbeitet, bemängelt der stellvertretende Geschäftsführer von Pro Asyl Bernd Mesovic im Deutschlandfunk. Es gebe einen Verfahrensrückstau von 140.000 Fällen, deshalb müsse dringend gehandelt werden.

Klimapolitik"Europa ruht sich auf der Vorreiterrolle aus"

Eine Satellitenaufnahme der Erde zeigt den Verbleib der Ozonschicht über der Arktis (Foto vom Winter 1999/2000).

Die Klima-Beschlüsse der EU bieten Schlupflöcher, sagte Brigitte Knopf, EU-Expertin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, im DLF. Etwa beim Emissionshandel, wo es Kompensationszahlungen für Osteuropa gibt. Damit werde das EU-Parlament ausgehebelt, sagte Knopf.

 

Interview der Woche

Maria KrautzbergerAuf Fracking sollte verzichtet werden

Die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, hat sich gegen das umstrittene Fracking ausgesprochen. Die Erdgas-Fördermethode berge insbesondere für das Grundwasser Risiken, die man nicht wirklich in den Griff bekommen könne, sagte sie im DLF. Deshalb sollte man am besten ganz darauf verzichten.

Interview der Woche"Wir sind reich, wir müssen auch geben"

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Deutschen Bundestag

Syrien, Irak, Westafrika, Ukraine: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat angesichts der "Krisen um uns herum" mehr Solidarität mit den Flüchtlingen und Notleidenden angemahnt. Müller sagte im Deutschlandfunk, nicht nur der Staat, jeder Einzelne müsse "in einer solchen Notlage auch ein Stück geben".

Katja Kipping"Türkei muss Kooperation mit dem IS beenden"

Linke-Parteichefin Katja Kipping spricht im Rahmen der Haushaltsdebatte im Bundestag in Berlin.

Katja Kipping hält das geplante militärische Vorgehen der Türkei gegen die Terrormiliz IS für vorgetäuscht. "Die Türkei hatte eine jahrelange Zusammenarbeit mit dem IS," sagte die Vorsitzende der Linken im Interview der Woche im DLF. Ankara gehe es nicht darum, den IS zu bekämpfen, sondern kurdische Autonomiebestrebungen zu verhindern.