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StartseiteBüchermarktEine Entdeckung20.11.2005

Eine Entdeckung

Irène Némirovskys Roman "Suite française"

Der Roman "Suite française" von Irène Némirovsky ist eine Entdeckung. Er ist Fragment geblieben: Die Autorin wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet, ein Schicksal, das kurz darauf auch ihren Mann Michel Epstein traf. Die beiden Töchter wurden gerettet, das Romanskript auch, was eine eigene Geschichte um den Roman lagert; auch sie will erzählt sein. Irène Némirovsky war 1903 in Kiew geboren worden. Beide Familien, ihre und die ihres Mannes, waren führend im russischen Bankwesen tätig und sind mit knapper Not den russischen Revolutionären entkommen. Die Russen hatten selbst ein Kopfgeld auf den Vater Némirovsky ausgesetzt. Michel Epstein wird 1942 geltend machen, dass man ihnen glauben könne, keine Sympathien für den Bolschewismus zu hegen. Aber das trug nichts aus, auch nicht der Einsatz hochgestellter Freunde für das angesehene Paar jüdischer Herkunft - sie fielen dem Ausrottungswahn und seiner Maschinerie zum Opfer. - Über Finnland und Schweden waren die Familien nach Paris gekommen und dort wieder vermögend geworden. 1929 erschien Irène Némirovskys erster Roman "David Golder". Er wurde ein großer Erfolg, machte sie zu einem literarischen Star. Mehrere nicht weniger erfolgreiche Romane folgten. Wie wenig das nach der Besetzung 1940 durch die deutsche Wehrmacht zählte, ist die Grunderfahrung, von der dieser Roman ausgeht. Dabei wird nicht privat erzählt, die Autorin beobachtet gut und genau, begreift zunächst ihr eigenes Schicksal als Teilhabe an dem von allen Franzosen, die vor der Besetzung von Paris zu fliehen versuchen, den Krieg fürchten.

Von Alexander von Bormann

Die Befreiung von der deutschen Besatzung 1944 kam für Irène Némirovskys zu spät. (AP Archiv)
Die Befreiung von der deutschen Besatzung 1944 kam für Irène Némirovskys zu spät. (AP Archiv)

" Paris verströmte seinen süßesten Duft, den Duft der blühenden Kastanien und Essenzen, vermischt mit ein paar Staubkörnern, die wie Pfeffer zwischen den Zähnen knirschten. Im Dunkeln wuchs die Gefahr. Man atmete die Angst in der Luft, im Schweigen, auch die üblicherweise kaltblütigsten, ruhigsten Leute konnten sich dieses unheimlichen, tödlichen Grauens nicht erwehren. Ein jeder betrachtete beklommenen Herzens sein Haus und dachte: 'Morgen wird es in Trümmern liegen, morgen werde ich nichts mehr besitzen. Wir haben doch keinem etwas Böses getan. Warum?' und auch eine gewisse Gleichgültigkeit erfasste ihre Seele: 'Was macht das schon! Es sind doch nur Steine, Holz, leblose Dinge! Hauptsache, wir retten unser Leben!' Wer dachte an die Missgeschicke des Vaterlands? Nicht diese Leute, nicht diejenigen, die an diesem Abend wegfuhren. Die Panik löschte alles aus, was nicht Instinkt war, animalisches Erschauern des Fleisches. An sich nehmen, was einem das Kostbarste im Leben war! - Und in jener Nacht hatte allein das, was lebte, atmete, weinte, liebte, einen Wert! Nur wenige Menschen trauerten ihren Reichtümern nach; man schloss eine Frau oder ein Kind fest in seine Arme, alles andere zählte nicht; es mochte in Flammen aufgehen. "

Irène Némirovsky hatte ihren Roman fünfteilig geplant und angelegt. Er sollte eine zeitgenössische Variation auf Leo Tolstois "Krieg und Frieden" werden. Nur die ersten zwei Teile konnte sie vollenden, immerhin reichlich 400 Seiten, ein Meisterwerk, das mit seinem großen Vorbild durchaus wetteifern kann. Der Anhang gibt ihre sehr kritischen "Notizen über den Zustand Frankreichs" wieder, dazu die Skizzen zum Gesamtprojekt der "Suite française". Außerdem enthält er eine Reihe von Briefen, die beklemmend zeigen, wie sich das Fangnetz um die Familie, die in die Provinz ausgewichen war, zusammenzieht. Dem Verleger Michel Albin ist es zu danken, dass die beiden Töchter überlebt haben und eine Ausbildung erhielten. Die Eltern hatten sie rechtzeitig, am Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939, ihrer Amme Cécile Michaud mitgegeben. Die brachte sie in ihr Heimatdorf im Departement Saone-et-Loire und hat sie dort durch Kriegszeit und Verfolgung gebracht. Der Verleger zahlte den Unterhalt für alle drei, ohne das mit dem Autorenkonto für die Mutter zu verrechnen. Spät erst schaute sich die heute 75jährige Denise das gerettete Album der Mutter an und entdeckte, dass es mehr als bloße Notizen, nämlich deren letztes Werk enthielt. Um das im Kriege kostbare Papier zu sparen, hatte Irène Némirovsky klein und engzeilig geschrieben. Und für die Töchter war es lange Zeit nicht möglich, "zu schmerzhaft", sich dieser Hinterlassenschaft zuzuwenden. Denise widmete die Ausgabe des mit der Lupe entzifferten Romanfragments ihrer Schwester, ihren Kindern und Enkeln und allen, "die das Drama der Intoleranz erlebt haben und noch heute erleben". Damit trifft sie die Intention ihrer Mutter, deren Notizen mit dem Stoßseufzer beginnen:

" Mein Gott! Was tut dieses Land mir an? Da es mich von sich stößt, betrachten wir es kalten Bluts und schauen wir zu, wie es seine Ehre und sein Leben verliert. Und was bedeuten mir die anderen? Die Reiche vergehen. Nichts ist wichtig. Ob man es nun aus mystischer oder persönlicher Sicht betrachtet, es ist alles eins. Bewahren wir einen kühlen Kopf. Verhärten wir unser Herz. Warten wir. "

Nun ist die Besonderheit des Romans freilich darin gelegen, dass die Autorin sehr genau und beinahe kühl die Vorgänge der Flucht aus Paris und der alsbaldigen Besatzung beschreibt, dass aber aus jeder Zeile deutlich wird, dass ihr der Vorsatz, das Herz zu verhärten, nicht gelungen ist. Ihre Erzählweise, ihr Roman trifft uns heute besonders stark, da die Fremden in Europa oft sehr unbarmherzig ausgegrenzt werden: in gefängnisähnlichen Heimen in Holland, wo sie gegen einen Brand wehrlos sind, in den Ghettos der Peripherien französischer Großstädte, und die Beispiele ließen sich vermehren. Irène Némirovsky zeigt, "wie Frankreich seine Ehre verliert", indem es seine Juden widerstandslos, ja ohne ein Zeichen des Protestes preisgibt.

Die "Suite" ist ein Zeitroman, die Form ist klug gewählt: Sie ist locker genug, um offen für die jeweiligen Erfahrungen zu sein, stringent genug, um dies erzählerisch zu organisieren. Zwei Bücher des Werks konnte Irène Némirovsky noch vollenden, bevor sie 1942 nach Auschwitz transportiert wurde; sie starb dort an Entkräftung am 17. August 1942. Der Erzählton bezeugt ihre große poetische Kraft. Die Sätze sind nichts weniger als gehetzt, während sie ihre Tage doch schon gezählt wusste. "Sturm im Juni" heißt der erste Teil. Er schildert plastisch und mit reichen Einzelheiten die Flucht der Pariser aufs Land, um dem Krieg und der Besetzung auszuweichen. Am 5. Juni 1940 hatten deutsche Truppen Dünkirchen eingenommen, und die Eroberung von Paris schien nur noch eine Formsache; sie erfolgte knapp vierzehn Tage später. Am 22. Juni kam es zum Waffenstillstand, der Frankreich aufteilte: Es wurde nördlich und westlich der Linie Genf-Tours-spanische Grenze besetzt; Elsaß-Lothringen und einige Departements wurden vom Staatsgebiet abgetrennt; die unbesetzten Landesteile blieben in der Verwaltung der französischen Regierung. Dorthin hatten die Flüchtlinge gezielt, ohne es zunächst besser zu treffen als im besetzten Teil. Es ist diese Zeitspanne, die das erste Buch einzufangen sucht, ein Chaos, das man unbeschreiblich nennen würde, wenn es Irène Némirovsky nicht doch gelungen wäre, es für uns in Bildern festzuhalten. Sie hat im wesentlichen zwei Erzähleinstellungen, die einander aufs schönste ergänzen: die Totale und die genauestens durchgebildete Einzelszene, fast ein Genrebild mit sorgsamer Charakterzeichnung. Ein Beispiel für den Realismus, mit dem das große Thema der Besetzung konkretisiert wird:

" Es war Abend, eine köstliche Dämmerung, eine durchsichtige Luft, ein blauer Schatten, ein letzter Lichtschein liebkoste die Rosen, und die Glocke der Kirche rief die Gläubigen zum Gebet, als auf der Straße ein Geräusch auftauchte und anschwoll, das ganz anders klang als das der letzten Tage, ein dumpfes, stetes Grollen, das sich ohne Hast, schwerfällig und unerbittlich zu nähern schien. Lastwagen rollten auf das Dorf zu. Diesmal waren es wirklich die Deutschen. Aus den Lastwagen, die auf dem Platz anhielten, stiegen Männer; weitere Lastwagen kamen nach den ersten, und weitere und noch weitere. In wenigen Augenblicken war der alte graue Platz von der Kirche bis zum Rathaus eine einzige regungslose dunkle Masse von eisenfarbenen Fahrzeugen, auf denen noch ein paar welke Zweige hingen, Überreste der Tarnung.

Wie viele Männer! Die Leute, die wieder auf die Schwelle ihrer Haustür getreten waren, betrachteten sie schweigend, aufmerksam, hörten ihnen zu, versuchten vergeblich, diesen Strom zu zählen. Die Deutschen quollen überall hervor, überschwemmten Plätze und Straßen, unablässig tauchten weitere auf. Seit September war es das Dorf nicht mehr gewohnt, Schritte, Gelächter, junge Stimmen zu hören. Es war betäubt von dem Getöse, das dieser Flut grüner Uniformen entstieg, erstickte an diesem Geruch gesunder Menschen, einem Geruch von frischem Fleisch, und vor allem unter den Klängen dieser fremden Sprache. Die Deutschen überfluteten die Häuser, die Geschäfte, die Cafés. Ihre Stiefel knallten auf den roten Fliesen der Küchen. Sie verlangten zu essen, zu trinken. Sie streichelten im Vorbeigehen die Kinder. Sie gestikulierten, sie sangen, sie lachten die Frauen an. Ihre glücklichen Mienen, ihre Trunkenheit von Eroberern, ihre fieberhafte Erregung, ihre Verrücktheit, ihre Seligkeit, unter die sich eine Art Ungläubigkeit mischte, als hätten sie selber Mühe, an ihr Abenteuer zu glauben - das alles war so spannungsgeladen, von solchem Brausen erfüllt, dass die Besiegten für einige Augenblicke ihren Kummer und ihren Groll vergaßen. Mit offenem Mund schauten sie zu. "

In Frankreich waren die deutschen Truppen fast unbehelligt nach schweren Verlusten in Belgien eingezogen, und die entsprechende Erleichterung ist selten genauer in Bilder gefaßt worden als von dieser Autorin, die gleich nach dem Einmarsch der Deutschen als Sorgen notiert: "drohendes Konzentrationslager, Status der Juden usw." Sie nimmt die Soldaten als große Kinder wahr und fühlt mit ihnen mit, wenn sie so schnell wieder weiter müssen, traurig sind, dass "die glücklichen Zeiten vorbei" sind:

" Sie sind übererregt, das sieht man. Wunderbare Disziplin und, wie ich glaube, im Grunde ihres Herzens keine Auflehnung. Hiermit schwöre ich, dass ich meinen Groll, so gerechtfertigt er sein mag, nie mehr auf eine Masse von Menschen übertragen werde, unabhängig von Rasse, Religion, Überzeugung, Vorurteilen, Irrtümern. Ich bedaure diese armen Kinder. Individuen hingegen kann ich nicht verzeihen, denjenigen, die mich verstoßen, denjenigen, die uns kaltblütig fallenlassen, denjenigen, die bereit sind, dir gegenüber jede Gemeinheit zu begehen. "

Irène Némirovsky hat sowohl durch eine genaue Beobachtung der Wirklichkeit ihres Zeitalters wie von den großen Realisten des 19. Jahrhunderts gelernt, dass eine Flucht, bei der fast alles zurückgelassen werden muss, und die sie begleitenden Gefühle in den verschiedenen Ständen sehr unterschiedlich aussehen. Schließlich hatte sie schon die Flucht aus dem kommunistischen Rußland hinter sich. Die einen reisen in vollgepackten Equipagen, andere ziehen einen Handwagen hinter sich her. Sie entwickelt uns die Mühsal des Aufbruchs am Beispiel von fünf Familien bzw. Gruppen und Personen. Alle deutschen Leser, die 1944/45 die Flucht aus dem Osten miterlebt haben, werden sich erinnert fühlen. Es ist eine besondere Leistung, wie gekonnt Irène Némirovsky die Erzähldistanz einstellt - nirgends einen Anflug von Larmoyanz, welche die deutschen Berichte meistens dominiert; sondern ein so reicher Fächer von Haltungen und Reaktionen, dass wir eine "Comédie humaine" anderer Art vorgeführt zu bekommen meinen. Die poetische Darstellung steht oft in einer gewissen Spannung zur Aufgeregtheit der Ereignisse. Es ist fast der Blick eines Malers oder Filmers, der den Bewegungen der Menschen bei einem Fliegeralarm in Paris folgt:

" In den volkstümlichen Vierteln wimmelte es in den Metros, in den übelriechenden Schutzräumen immer von Menschen, während die Reichen sich damit begnügten, bei ihren Pförtnern zu bleiben, auf die Einschläge und Explosionen horchend, die das Fallen der Bomben verkünden würden, aufmerksam, die Körper aufgerichtet wie unruhige Tiere in den Wäldern, wenn die Nacht der Jagd naht. Die Armen waren nicht furchtsamer als die Reichen; sie hingen nicht stärker am Leben, aber sie folgten dem Herdentrieb in größerem Maße als sie, sie brauchten einander, hatten das Bedürfnis, einander beizustehen, gemeinsam zu stöhnen oder zu lachen. Bald würde es Tag werden; ein silbergrüner Schimmer legte sich auf die Pflastersteine, auf die Brüstungen der Kaimauern, auf die Türme von Notre-Dame. Sandsäcke umschlossen die wichtigsten Gebäude bis zur halben Höhe, verhüllten die Tänzerinnen von Carpeaux auf der Fassade der Oper, erstickten den Schrei der Marseillaise auf dem Arc de Triomphe. "

Auf der Landstraße wird der Flüchtlingszug von deutschen Fliegern beschossen, eines der vielen sozusagen selbstverständlichen Kriegsverbrechen, die uns 1944/45 zurückerstattet wurden. Ganz offensichtlich erzählt Irène Némirovsky aus eigenem Erleben, hält sich aber an die Perspektive ihrer Figur Jeanne, einer Frau aus dem Mittelstand. Es ist eine Szene, wie sie anscheinend unverlierbar zum 20. und 21. Jahrhundert gehört:

" Sie waren noch nicht beschossen worden. Als es passierte, begriffen sie zuerst nicht. Sie hörten das Geräusch einer Explosion und noch einer, dann Schreie: 'Rette sich, wer kann! Auf die Erde! Hinlegen!' Augenblicklich warfen sie sich mit dem Gesicht auf den Boden, und Jeanne dachte undeutlich: 'Wie grotesk müssen wir aussehen!' (...) Schließlich hörte sie eine Stimme ihr ins Ohr sagen: 'Es ist vorbei, sie sind weg.' Sie stand auf und klopfte mechanisch den Staub aus ihrem Rock. Wie ihr schien, war niemand getroffen worden. Aber nach ein paar Schritten sahen sie die ersten Toten: zwei Männer und eine Frau. Ihre Körper waren zerfetzt, ihre Gesichter jedoch durch Zufall unversehrt, so düstere, so gewöhnliche Gesichter mit einem erstaunten, beflissenen, törichten Ausdruck, als versuchten sie vergeblich zu verstehen, was ihnen widerfuhr, so wenig für einen kriegerischen Tod bestimmt, mein Gott, so wenig für den Tod bestimmt." "

Reich dimensioniert, einfühlsam und genau sind die Personenzeichnungen, ob es nun Bankangestellte, einen exzentrischen Kunstsammler oder einen 'reinen Jüngling' betrifft: Hubert, der sein Vaterland verteidigen möchte, aber zu seinem Glück die Gelegenheit verschläft und von einer lebensklugen Tänzerin mit seiner ersten Liebe belohnt wird.

Sehr gekonnt ist auch die Szenengestaltung, man merkt etwa an der Schnitt-Technik und am Wechsel der Einstellungen, dass die Autorin eine Filmliebhaberin war. In ihren Aufzeichnungen zum Plan des Romans notiert sie: "Meine Vorstellung ist, dass alles wie ein Film abrollt." Kritisch, sarkastisch, so farbig und subtil wie böse stellt Irène Némirovsky die Rückkehr ihrer Protagonisten nach Paris dar; weitgehend sind es Leute, die sich schnell in die Umstände der Besetzung schicken. Andere bleiben im unbesetzten Teil Frankreichs. Die Überleitung zum Zweiten Teil wird vom Blick auf eine Mutter mit drei Kindern bestimmt, deren Mann als Gefangener in Deutschland war - es ist eine Bäuerin am Ende ihrer Kräfte:

" Soviel Arbeit ... der Kleine, der so kräftig war und sie mit seinem Appetit und Geschrei erschöpfte... die Kuh, die wegen der Kälte fast keine Milch mehr gab... Hühner, die keine Körner mehr hatten und keine Eier legen wollten... das Eis, das man im Waschhaus aufschlagen musste... Es war zuviel... Sie konnte nicht mehr... ihre Gesundheit war angegriffen... sie wollte nicht einmal mehr leben... wozu leben? Sie würde ihren Mann nicht wiedersehen, sie sehnten sich zu sehr nacheinander, er würde in Deutschland sterben. "

Irène Némirovsky leistet sich in dieser Beschreibung ausnahmsweise die Andeutung eines glücklichen Ausgangs und nimmt dazu eine Tolstoi-Anleihe auf. Die Natur als letzte Zuflucht versagt sich nicht ganz denen, die am Ende sind. So lassen die Windstöße, denen beinahe auch die Ziegel zum Opfer gefallen wären, nach, und in einem Naturbild werden wir daran gemahnt, dem Leben zu vertrauen:

" Louise setzte sich halb in ihrem Bett auf, lauschte eine Weile, und plötzlich erschien auf dem tränennassen, schmerzverzerrten Gesicht ein milder, ungläubiger Ausdruck. Der Wind war verstummt; irgendwie entstanden, war er irgendwohin verschwunden. Er hatte Äste abgebrochen, in seiner blinden Raserei an Dächern gerüttelt; er hatte die letzten Schneespuren auf dem Hügel hinweggeweht, und jetzt fiel aus einem dunklen, vom Sturm aufgewühlten Himmel der erste zwar noch kalte, aber rieselnde, hastige Frühlingsregen und bahnte sich einen Weg zu den dunklen Wurzeln der Bäume, in den Schoß der schwarzen, tiefen Erde. "

Das zweite Buch trägt einen musikalischen Titel: "Dolce". Es führt uns in ein französisches Dorf, Bussy, das die Besatzung, die dritte im Krieg, halt dörflich nimmt: wie ein widriges Wetter, das irgendwann vorüber sein wird. Die Erwartungen der Deutschen aber gehen weiter: Sie wollen die Erkenntnis und Anerkennung der Bewohner, dass sie es nur gut meinen und zu ihrem Besten im Lande sind. Némirovsky spielt das Thema mehrstimmig durch. Sie zeigt zunächst die langsame Annäherung der feindlichen Parteien, die in der Wahrnehmung des Menschlichen im Andern ihren Grund hat. Lucile Angellier, die mit ihrer Schwiegermutter im schönsten Hause des Ortes wohnt, bekommt einen jungen deutschen Offizier als Einquartierung und hat Mühe, ihn als Person zu sehen:

" Sie erinnerte sich an die besiegten Soldaten der französischen Armee, die im Jahr zuvor auf der Flucht durch die Ortschaft gekommen waren, verdreckt, erschöpft, ihr grobes Schuhwerk durch den Staub schleifend. O mein Gott, genau das war der Krieg... Ein feindlicher Soldat schien nie allein zu sein - ein einzelnes menschliches Wesen einem anderen gegenüber - , sondern schien auf allen Seiten von einem Volk unzähliger Phantome aus Abwesenden und Toten umringt und bedrängt zu werden. Man wandte sich nicht an einen Menschen, sondern an eine unsichtbare Menge. Kein Wort, das man sprach, wurde daher einfach nur gesagt und vernommen; stets hatte man den merkwürdigen Eindruck, lediglich ein Mund zu sein, der für viele andere, stumme Münder sprach. "

Die Entfremdung in der Wahrnehmung des Soldaten als des Anderen ist hier besonders eindringlich gefaßt. Abgehoben von der jungen Frau, Lucile, werden die Bauern. Deren Einstellung ist durchaus pragmatisch. Sie einigen sich darauf: "Das sind keine bösen Menschen, wenn man sie zu nehmen weiß, und sie zahlen gut." Und Lucile erkennt bald, dass 'ihr' Offizier nichts weniger als ein Gegner ist. Das Frühjahr 1941 führt zunächst die Menschen zusammen, und Némirovsky greift selbst zum ehrwürdig-alten Bild des "hierós gámos", der heiligen Hochzeit von Himmel und Erde, um eine mögliche Versöhnung zu beschwören oder wenigstens anzudeuten:

" Ein fröhlicher Lärm drang von außen herein. Das Gelächter, das Waffengeklirr, die Schritte und die Stimmen der Soldaten bildeten ein heiteres Getöse. Man wußte nicht warum, aber es wurde einem leicht ums Herz. Vielleicht wegen des schönen Wetters? Dieser so blaue Himmel schien sich am Horizont sanft herabzuneigen und die Erde zu liebkosen. Hühner kauerten im Staub: Hin und wieder bewegten sie ihre Federn mit einem schläfrigen Gackern. Strohhalme, Flaum, Blütenstaub schwebten in der Luft. Es war die Jahreszeit der Nester. "

Die Naturbilder und die fast idyllischen Dorfszenen widersprechen der Ideologie dieses Krieges, dass es eine Rangfolge und eine natürliche bzw. angestammte Feindschaft zwischen den Völkern gebe. Der Krieg scheint in diesem Dorf für einen Moment angehalten, ja unnötig und barbarisch, gegen die Natur, selbst wenn Némirovsky schnell nachträgt, dass auch diese Züge den Menschen charakterisieren. Am Beispiel der jungen Lucile, die naiv und gutgläubig eine konventionelle Ehe ohne Liebe eingegangen war, zeigt Irène Némirovsky - einigermaßen unbotmäßig - , was die unverhoffte Begegnung mit einem sensiblen Mann, dem deutschen Offizier, in einer Frau wachzurufen vermag. Gleichwohl bleiben sie an getrennten Ufern. Die deutschen Soldaten werden von Frankreich nach Rußland kommandiert, und die Franzosen begreifen: "Sie alle würden dem Feuer, den Kugeln, dem Tod ausgesetzt sein." Auch Lucile muss sich von ihrem edlen Offizier Bruno verabschieden und tut es mit schön gedrechselten Sätzen, die eine gewisse Distanz einhalten:

""Wie die chinesische Mutter, die ihren Sohn in den Krieg schickte und ihm riet, vorsichtig zu sein, 'weil der Krieg nicht ohne Gefahren ist', bitte ich Sie, zur Erinnerung an mich soweit irgend möglich Ihr Leben zu schonen."

"Weil es Ihnen teuer ist?" fragte er ängstlich.

"Ja. Weil es mir teuer ist.."

Langsam gaben sie sich die Hand. Sie begleitete ihn bis zur Freitreppe. Dort wartete eine Ordonnanz, Brunos Pferd am Zügel haltend. Es war spät, aber niemand dachte an Schlaf. Alle wollten den Abzug der Deutschen sehen. In diesen letzten Stunden verband eine Art Melancholie, eine Art menschliche Sanftmut die Besiegten mit den Siegern (...) - sie alle würden dem Feuer, den Kugeln, dem Tod ausgesetzt sein. Wie viele würden in den russischen Ebenen ihr Grab finden? "

Ganz parallel dazu sind die Sätze, die Irène Némirovsky ans Ende ihres vorläufig gemeinten Schlusses stellt, von prophetischer Weitsicht und poetischer Kraft:

" Die Männer begannen zu singen, ein ernstes, getragenes Lied, das sich in der Nacht verlor.´Bald blieb auf der Straße an der Stelle des deutschen Regiments nur noch ein wenig Staub. "

Es ist nicht leicht zu verstehen, dass dieses Meisterwerk der Erzählkunst und hochbedeutende Zeitzeugnis so lange unter Verschluss gelegen hat. Wie schon angedeutet, hat es eine abenteuerliche Geschichte. Auf ihrer Flucht vor der Gestapo nahmen die Kinderfrau Cécile Michaud und die beiden Töchter, Elisabeth und Denise, einen Koffer mit, in dem sich neben Fotos und Familienpapieren auch dieses letzte Manuskript von Irène Némirovsky befand. Immer wieder mussten die Kinder und ihre Pflegemutter neue Verstecke, neue Unterkommen suchen, sobald die Polizei ihnen auf die Spur kam. Dass sie überlebt haben, ist das Verdienst ihrer Pflegemutter, die bis zur Volljährigkeit bei ihnen blieb, mancher Helfer, besonders Nonnen, und vor allem auch des Verlegers Albin Michel, der die drei uneigennützig ebenso lange unterstützte. Die Tochter Denise wollte das kostbare Album ihrer Mutter schließlich einem Institut anvertrauen, las es dann doch zuerst und entdeckte, viele Jahrzehnte später nun, den nachgelassenen letzten Roman statt erwarteter Notizen und Tagebücher. Auf die Frage, warum sie das Material nicht eher angesehen habe, antwortete sie: Es war zu schmerzhaft.

Weiterhin sind der Ausgabe auch die Notizen der Autorin beigegeben. Sie erlauben einige Rückschlüsse auf den Gesamtplan, so undeutlich der war: ein solcher Zeitroman entwickelt sich mit den Umständen, und die sorgten ja für ein vorzeitiges Ende. Der Anspruch einer filmtechnisch und musikalisch inspirierten Schreibweise und Organisation wird daraus gleichwohl deutlich:

" Achten auf die Form...auf den Rhythmus, sollte ich eher sagen, den Rhythmus im kinematographischen Sinn... Beziehungen der Teile untereinander. Der "Sturm", Dolce, Sanftmut und Tragödie. "Gefangenschaft"? Etwas Dumpfes, Stickiges, so böse wie möglich. Danach weiß ich nicht. - Das Wichtige - die Beziehungen zwischen den Teilen des Werks. Wenn ich mich mit Musik besser auskennte, würde mir das vermutlich helfen. In Ermangelung von Musik das, was man im Kino Rhythmus nennt. Kurz, Sorge um Vielfalt einerseits und um Harmonie andererseits. "

Ich nähere mich dem Diktat der Wirklichkeit, hat Irène Némirovsky auch notiert. Dass die Wirklichkeit so viel härter und perfider war, als sie es sich vorstellen konnte, spricht nicht gegen den Roman. Ihre unvollendete "Suite française" wird durch die Notizen, den Nachwort-Bericht, die beigegebenen Briefe ergänzt. Der verzweifelte Kampf ihres Mannes Michel Epstein um die Freilassung seiner Frau geht aus diesen anrührend hervor. Ranghohe und -höchste Persönlichkeiten wurden eingeschaltet, und Epstein wurde beruhigt: "Man wird das Unmögliche tun." Es sollte nicht glücken, Irène kam ins Lager Birkenau und starb dort sehr schnell am 17. August 1942. Ihr Mann ging immer noch von ihrer Rückkehr aus, schrieb schließlich an den Marschall Pétain, dass seine Frau von zarter Gesundheit sei, und bat um die Erlaubnis, in einem Arbeitslager ihren Platz einzunehmen. Die Antwort der Vichy-Regierung war zynisch: Man ging auf den Vorschlag ein, obwohl der Tod seiner Frau schon bekannt sein musste. Michel Epstein wurde im Oktober 1942 verhaftet, am 6. November nach Auschwitz deportiert und bei seiner Ankunft vergast. Irène Némirovsky hatte ihrem Verlagsleiter vorausgesagt: "Ich denke, es wird ein postumes Werk werden." Beinahe wäre nicht einmal diese Prophezeiung eingetroffen und wäre die "Suite française" mit der Ermordung der Kinder verschollen, und damit einer der klügsten und ergreifendsten Romane des 20. Jahrhunderts.

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