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Eine Frage des Gebens und Nehmens

Fanbewegungen im europäischen Ausland nehmen zu

Von Jonas Reese

Hannovers Ultra-Fans spannen vor dem Spiel Transparente auf.
Hannovers Ultra-Fans spannen vor dem Spiel Transparente auf. (Joerg Sarbach/dapd)

Ein eigenes Gipfeltreffen zwischen Fans und Funktionären, wie vor gut einer Woche im Deutschen Fußball zum Thema Gewalt – das wäre in anderen europäischen Ligen kaum denkbar. In Sachen Fanbeteiligung ist Deutschland schon recht weit. Doch so langsam entdecken auch andere europäische Ligen die Wichtigkeit der Fans, um einige Missstände abzuschaffen.

Krise oder keine Krise, Emanuel Medeiros will sich da nicht so recht festlegen. Steigende Ticketpreise, Fan-Gewalt, horrende Handgelder oder auch die Tatsache, dass in den vergangenen Jahren rund die Hälfte der Profivereine in den 53 europäischen Fußballverbänden Verluste erwirtschafteten, all das sind für den Geschäftsführer der Vereinigung aller europäischen Ligen kein Anzeichen einer Krise.
Das sieht die Fanlobbygruppe Supporters Direct ganz anders und hält als Weg aus der Krise auch schon die Lösung parat: Sie fordern mehr Beteiligung und mehr Mitbestimmungsrechte für die Anhänger.

Im Europäischen Parlament in Brüssel stellte die Organisation, finanziert von EU-Kommission und UEFA, ihr Konzept dazu vor. Obwohl auch deren Vorsitzende Antonia Hagemann anerkennen muss, dass gerade Deutschland mit der 50plus1 Regel und den Mitgliederversammlungen in dieser Hinsicht schon recht weit ist:

"Was die Situation in Deutschland angeht, im Vergleich zu einigen anderen Ländern, ist das ein Schlaraffenland selbst für Fans. Wenn man sich die spanischen Ligen sich anguckt oder die italienischen, ist der Anteil von Vereinen, die in der Insolvenz sind, so groß. Es kann so einfach nicht weitergehen."

Sechs Punkte hat Supporters Direct aufgelistet, um den Fußball aus der Krise zu führen: Von Regeln des Good-Governance, der finanziellen Nachhaltigkeit, modifizierten Transferregeln bis hin zum Kampf gegen Wettmanipulation und Gewalt in Stadien. Ließe man die Fans nur mitentscheiden, würde man die Probleme schon in den Griff bekommen, meint Hagemann.

"Es gibt überall andere Bestrebungen. Aber im Idealfall würde es über eine demokratische Struktur, über Wahlen über Repräsentanten im Vorstand mehr Mitsprache geben."

In der Praxis dürfte sich das aber in den ausländischen Ligen schwierig gestalten. Hier besitzen meist Groß-Investoren den gesamten Verein - siehe Chelsea, Manchester City oder Manchester United. Wie sich da eine Fangemeinschaft einbinden lassen kann, ist auch für den Geschäftsführer des FC St. Pauli, Michael Meeske fragwürdig.

"Ich müsste ja dann wenn ich für Mitbestimmung in England sorgen wollte, müsste ich den Eigentümer in Teilen enteignen, und ihm zum Beispiel 25,1 Prozent wegnehmen, oder was auch immer, und sie dann einem Supporters-Trust zuführen."

170 dieser Supporters-Trusts, übersetzt Fan-Genossenschaften, gibt es beispielsweise bereits in Großbritannien. Manche von ihnen führen den gesamten Club oder sind Großaktionäre, wie bei Swansea City oder AFC Wimbledon.

Meesken dürfte sich in St. Pauli ab und zu in ähnlichen Verhältnissen fühlen. Wie viel Kommerz verträgt ein Traditionsverein, ist am Millerntor ein Dauerstreitthema. Neben den Anteilen sieht er auch noch andere Schwierigkeiten, in der hier diskutierten Fan-Beteiligung:

"Man darf dabei nicht vergessen, ein paar Leute in dem Verein haben dann die gesamte Haftung, sind verantwortlich für diesen Verein und so weiter. Und da ist natürlich dann die Frage inwieweit dürfen andere wieder mitreden, die fernab jeder Haftung, jeder Verantwortlichkeit stehen mögen. Trotz alledem allein schon mal die Befassung mit dem Gedanken, wie kann eine Integration sinnvoll, länderspezifisch aussehen von Fans, von Supporters, ist schon mal ein ganz wichtiger erster Schritt."

Das Papier von Supporters Direct richtet sich an EU-Institutionen, nationale Regierungen, Verbände und Vereine. Sie sollen sich dem Thema nun widmen und es weiter vorantreiben, wobei Ivo Belet, flämischer Europaabgeordneter und Schirmherr der Veranstaltung alle möglichen Ängste von Fußball-Funktionären schon im Keim ersticken will.

"Es ist nicht unser Ziel, den Fußball zu regulieren. Das ist nicht unsere Absicht, sondern wir wollen behilflich sein. Was wir machen können ist, zu sagen: Europäischer Profifußball bekommt zahlreiche Vorteile durch die Gesellschaft. Hilfe beim Bau von Infrastruktur, steuerliche Vorteile et cetera. Und wenn du solche Vorteile hast, dann hast Du auch ein paar Pflichten. Und eine dieser Pflichten könnte sein: Die Anhänger in die Entscheidungsgremien eines Vereins zu integrieren, weil wir wissen, dass wenn Du mit den Fans eng zusammenarbeitest ist das gleichbedeutend mit einem besser geführten Club. Es ist also eine Frage des Gebens und Nehmens."

Eine Frage des Gebens und Nehmens. Genau wie in der großen Euro-Krise ist eben auch in der Fußball-Krise die Frage: Wer ist bereit wie viel abzugeben?

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