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StartseiteBüchermarktEine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 194511.05.2003

Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945

Eichborn (Die andere Bibliothek), 300 S., EUR 19,90

Die Russen, das hatten die Nazis dem Deutschen Volk eingebleut, die Russen, das sind Untermenschen, Barbaren. Brutale Horden, die über die deuschen Frauen und Mädchen herfallen würden, wenn sie denn die Oberhand gewännen in diesem Krieg, der spätestens von Stalingrad an schon nicht mehr zu gewinnen war. Wehe, so hatte Goebbels geschrieen, wehe die Russen erreichen Berlin...

Angela Gutzeit

Ende April 1945 war es soweit!

"Sie sind da." - "Wer? Die Russen?" Ich bekam kaum die Augen auf. "Ja. Soeben sind sie bei Meyer (dem Spirituosenladen) ins Fenster eingestiegen." - Ich zog mich fertig an, kämmte mich, während drinnen im Luftschutzraum die Frau ihre Neuigkeit kundtat. In ein paar Minuten war der ganze Keller auf den Beinen. - (...) - Zwischendurch krochen wir immer wieder ans Fenster. Draußen fuhr ein endloser Tross auf. Pralle Stuten, Fohlen zwischen den Beinen. Eine Kuh, die dumpf nach dem Melker muhte. Schon schlagen sie in der Garage gegenüber die Feldküche auf. Zum ersten mal erkennen wir Typen, Gesichter: pralle Breitschädel, kurzgeschorenen, wohlgenährt, unbekümmert. Nirgendwo ein Zivilist. Noch sind die Russen auf den Straßen ganz unter sich. Doch unter allen Häusern flüstert es und bebt. Wer das jemals darstellen könnte, diese angstvoll verborgene Unterwelt der großen Stadt.

Die Verfasserin dieser Tagebuchnotizen ist zum Zeitpunkt des Einmarsches der russischen Armee in Berlin knapp über 30. Wie sie heißt, wer sie ist - das alles bleibt im Dunkeln. Ihre Spuren hat sie sorgfältig verwischt. Was durchschimmert, das ist ihre Bildung. Sie war im Verlagswesen tätig, war weit gereist - und sie konnte etwas russisch. Seit dem 20. April schreibt sie. Zumindest beginnt das Buch mit diesem Datum. Ein symbolträchtiges Datum. Es ist "Führers Geburtstag". Aber das interessiert in diesen Tagen keinen mehr. Die Front naht. Die Frauen, die in den Kellern dicht gedrängt zusammenhocken, haben die Bombenangriffe überlebt. Nun fürchten sie die nahenden Sieger. Mitten unter ihnen die Tagebuchschreiberin. Auf dem grauen Kriegspapier von drei Schulheften hält sie fest, was sich nun in den folgenden vier Wochen ereignet - was sie selbst und die anderen Frauen in ihrer Umgebung erleiden.

Gegen 18 Uhr ging es los. Einer kam in den Keller, Bullenkerl, stockbesoffen, fuchtelte mit seinem Revolver herum und nahm Kurs auf die Likörfabrikantin. Die oder keine. Er jagte sie mit dem Revolver quer durch den Keller, stieß sie vor sich her zur Tür. Sie wehrte sich, schlug um sich, heulte - als plötzlich der Revolver losging. Der Schuss haute zwischen die Balken, in die Mauer, ohne Schaden anzurichten. Darob Kellerpanik, alle springen auf, schreien ... Der Revolverheld, offenbar selbst erschrocken, schlug sich seitwärts in die Gänge.

Diese Darstellung mag noch zum Lachen reizen. Aber die Übergriffe häufen sich. Der "Schändungsbetrieb", wie es die Autorin nennt, nimmt seinen Lauf und wird immer brutaler. Reihum trifft es die Frauen. Immer wieder. In dunklen Fluren, Kellern, in ausgebombten Wohnungen. Schließlich geht es auch um sie selbst.

Ich schreie, schreie ... Hinter mir klappt dumpf die Kellertür zu. Der eine zerrt mich an den Handgelenken weiter, den Gang hinauf. Nun zerrt auch der andere, wobei er mir die Hand so an die Kehle legt, dass ich nicht mehr schreien kann, nicht mehr schreien will, in der Angst, erwürgt zu werden. Beide reißen sie an mir, schon liege ich am Boden. Aus der Jackentasche klirrt mir etwas heraus. Es müssen die Hausschlüssel sein, mein Schlüsselbund. Ich komme mit dem Kopf auf der untersten Stufe der Kellertreppe zu liegen, spüre im Rücken nasskühl die Fließen. Oben am Türspalt, durch den etwas Licht fällt, hält der eine Mann Wache, während der andere an meinem Unterzeug reißt, sich gewaltsam den Weg sucht.

Rückzugsmöglichkeiten gibt es für die Frauen nicht. Überall wird ihnen aufgelauert. Die kurzen Besinnungspausen zwischen Essen beschaffen, Schlafen und den sexuellen Übergriffen nutzt die Autoren zum Schreiben. Das Schreiben ist für sie offensichtlich eine Überlebenstechnik. Sie will die Angst bannen und die Gedanken ordnen.

Und nun sitze ich hier am Küchentisch, hab soeben den Füllhalter neu mit Tinte gefüllt und schreibe, schreibe, schreibe mir allen Wirrsinn aus dem Kopf und Herz. Was mag das werden? Was kommt da noch über uns? Mir ist so klebrig, ich mag gar nichts anfassen, mag die eigene Haut nicht anrühren. Jetzt ein Bad oder doch richtige Seife und reichlich Wasser. Schluss, weg mit den Wunschträumen.

Diese Aufzeichnungen sind mehr als ein beklemmendes Zeugnis für die Massenvergewaltigungen der russischen Soldaten im besiegten Berlin und mehr als ein Dokument der Angst ihrer Opfer. Sie sind, von heute aus betrachtet, von großem Wert für die Forschung, aber auch für die deutsche Öffentlichkeit, die über Jahrzehnte nicht bereit war, dieses düstere Kapitel der unmittelbaren Nachkriegszeit offen zu diskutieren. Vielleicht ergeben sich aus der Lektüre dieses Buches jetzt neue Ansätze.

Die Lektüre lohnt sich noch aus einem weiteren Grund: Das Buch ist hervorragend geschrieben. Die Autorin vermag menschliche Verhaltensweisen herauszuarbeiten, das Hilflose, das Komische oder das Verschlagene an ihnen mit wenigen Sätzen kenntlich zu machen. Sie kann Spannung aufbauen und Beobachtungen zu aussagestarken Szenen verdichten. Die Angst der Menschen in den Kellern, ihr Überlebenstrieb, ihr Geducktsein - das alles ist geradezu fühlbar beim Lesen dieses Tagebuchs.

Die Autorin schrieb ganz offensichtlich nicht für sich allein. Noch im Juli 1945 formulierte sie ihre Notizen zu einem Manuskript von 121 engzeiligen Schreibmaschinenseiten aus. Der erste Adressat und Leser war ihr aus dem Krieg heimkehrender Freund. Dann las es der Schriftsteller Kurt W. Marek, der es an einen Verlag gab. Als Buch erschien es zuerst in New York.

Das Tagebuch der jungen Berlinerin war also von vorne herein für eine Öffentlichkeit gedacht. Und das führt zum nächsten Punkt.

Die Autorin schrieb nicht nur Tagebuch, um ihre nachvollziehbare Angst abzureagieren und ein Ventil zu finden für die Demütigungen. Sie wollte vielmehr Chronistin sein. Sie hatte begriffen, dass diese kurze Zeit zwischen dem Zusammenbruch eines Regimes und dem Einmarsch der Sieger so etwas ist wie ein Wimpernschlag der Geschichte, ein Innehalten, ein Luftanhalten, ein Moment des Dunkels und der Auflösung. Sie wollte festhalten, was sich in diesem kurzen Moment, den sie als einzigartig und aufschlussreich erkannte, abspielte.

Sie selbst, so notiert sie, sei nur eine von vielen dieser Frauen, die sie beschreibe, Frauen, mit denen sie das Schicksal, Beute für die Sieger zu sein, teile. Aber sie ist sich auch sehr wohl bewusst, dass sie sich von ihnen abhebt durch ihre Position der distanzierten Beobachtung. Diese Position wird in ihrem Tagebuch immer wieder reflektiert, zum Beispiel nachdem sie stundenlang in einer Schlange stand, um Nahrung zu ergattern.

Ich fühle mich nach solchen Schlangengesprächen, bei denen man unwillkürlich in Form und Inhalt seiner Rede hinabsteigt und sich in Massengefühlen badet, immer klebrig und zuwider. Und doch will ich keine Zäune dagegen setzen, will mich dem Massenmenschlichen hingeben, will es miterleben, will dran teilhaben. Zwiespalt zwischen der hochmütigen Vereinzelung, in der mein Privatleben für gewöhnlich abläuft, und dem Trieb, wie die anderen zu sein, zum Volk zu gehören, Geschichte zu erleiden. (...) Sonderbare Zeit. Man erlebt Geschichte aus erster Hand, Dinge, von denen später zu singen und zu sagen sein wird. Doch in der Nähe lösen sie sich zu Bürden und Ängste auf. Geschichte ist sehr lästig.

Der Blick der Autorin auf das Geschehen um sie herum ist schonungslos, kritisch, oft ironisch, von Einfühlung geprägt, aber ohne viel Mitleid oder Selbstmitleid. Ihm ist eine seltsame den Leser irritierende Abgeklärtheit eigen, ein Blick, der nüchtern registriert, wie es um Menschen und ihre Stadt bestellt ist, wenn der fern geglaubte Krieg, sie schließlich selber einholt. Am 23. April 1945 notiert sie:

Beim Bäcker gab es Brötchen, die letzten. Es waren auch meine letzten Brotmarken. Neue Lebensmittelkarten sind nicht in Sicht. Überhaupt kein Befehl mehr, keine Nachrichten, nichts. Es kümmert sich kein Schwein mehr um uns. Wir sind plötzlich Individuen, keine Volksgenossen mehr. Alle alten Bindungen zwischen Freunden und Kollegen sind tot, soweit Entfernungen zwischen ihnen liegen, die mehr als drei Häuser weit sind. Der Höhlenhaufen, die Familie, wie in Urzeiten. Der Horizont reicht hundert Schritt weit.

Nach und nach kommt das Leben inmitten der Trümmer dann wieder in Gang. Die Russen haben eine provisorische Verwaltung in den Rathäusern eingesetzt, die Menschen kriechen aus den Kellern heraus, das Radio funktioniert wieder. Wer hören will, der kann jetzt erfahren, was in den befreiten Konzentrationslagern vor sich ging.

Seit gestern haben wir wieder elektrischen Strom. Vorbei die Kerzenzeit, vorbei das Klopfen an der Tür, vorbei die Stille. Das Radio wird vom Berliner Sender beschickt. Es bringt meistens Nachrichten und Enthüllungen, Blutgeruch, Leichen und Grausamkeit. In großen Lagern im Osten sollen Millionen Menschen verbrannt worden sein, meistens Juden. Aus ihrer Asche sollen die Kunstdünger hergestellt haben. Und was das Tollste ist: Alles das soll in dicken Büchern säuberlich notiert sein, eine Buchführung des Todes. Wir sind eben ein ordentliches Volk. Spätabends kam Beethoven, und damit kamen die Tränen. Hab abgedreht. Man verträgt das jetzt nicht.

Befremdet beobachtet die Tagebuchschreiberin, wie eilfertig Frauen die Nazifahnen umgestalten: Den roten Grund können sie lassen, nur das Hakenkreuz wird umgenäht in Hammer und Sichel. Auch in den Rathäusern werden eilfertig die Symbole des alten Regimes beseitigt.

Im Vorraum war ein Mann dabei, das Adolf-Relief mit Meißel und Hammer wegzuklopfen. Ich sah, wie die Nase absplitterte. Was ist Stein, was sind Denkmäler? Ein Bildersturm ohnegleichen geht in diesen Tagen durch Deutschland. Ob es nach solcher Götterdämmerung wohl jemals wieder eine Auferstehung der Nazigrößen gibt? Unbedingt muss ich, sobald ich den Kopf freier habe, mich mit Napoleon befassen, den sie auch seinerzeit verbannt und ausgetilgt, doch dann wieder hervorgeholt und erhöht haben.

Eine Frage bleibt: Warum hat die Autorin diese Beobachtungen und Reflexionen nicht unter ihrem Namen veröffentlicht? Musste sie nicht befürchten, dass ihre Aufzeichnungen an Authentizität einbüßen, wenn sie sich nicht mit einer identifizierbaren Person und ihrer Biografie verbinden lassen? Sie hat dieses Risiko in Kauf genommen. Es hat der Rezeption des Buches allerdings nicht geschadet. 1955 erschien eine britische Ausgabe und danach wurde das Tagebuch ins Schwedische, Norwegische und Holländische, ins Dänische, Italienische, ins Japanische und Spanische, ins Französische und Finische übersetzt. 1959 kam die erste deutschsprachige Ausgabe in einem Genfer Kleinverlag heraus. Immer anonym. Diese Verfügung hat sie bis zu ihrem Tode aufrecht erhalten. Warum?

Es sind wohl nicht diese kritischen Passagen über den Wendegeist ihrer Landsleute, die Anbiederungen an die Sieger, die Plünderungen, an denen sie sich selbst beteiligte, die die Autorin dazu veranlassten, ihren Namen nicht preiszugeben. Es ist etwas anderes. Es ist das Thema Massenvergewaltigung. Und damit sind wir wieder am Anfang. Nicht dass sie die Vergewaltigungen schildert, sondern wie sie dieses Geschehen schildert und was sie preisgibt - das kommt durchaus einem Tabubruch nahe. Unsere Mütter und Großmütter haben uns Nachgeborenen die Vergewaltigungen durch russische Soldaten als einen Akt der Demütigung und der Barbarei geschildert. Das tut die Tagebuchschreiberin auch. Aber bei ihr kommt noch eine Dimension hinzu: Sie beschreibt sich selbst und einige andere Frauen als Meisterin des Taktierens im Umgang mit den Russen. Um nicht den wilden Horden ausgesetzt zu sein, so schreibt sie, muss eine feste "Anschlafe" her. Diesen Entschluss fasst sie, als sie gerade wieder von einem völlig betrunkenen Soldaten überwältigt wurde.

Erbrechen. Das grüne Gesicht im Spiegel, die Brocken im Becken. Ich hockte auf der Wannenkante, wagte nicht nachzuspülen, da immer wieder Würgen und das Wasser im Spüleimer so knapp. Sagte dann laut: Verdammt! Und fasste einen Entschluss. Ganz klar: Hier muss ein Wolf her, der mir die Wölfe vom Leib hält. Offizier, so hoch es geht, Kommandant, General, was ich kriegen kann. Wozu hab ich meinen Grips und mein bisschen Kenntnis der Feindsprache? Sobald ich wieder gehen konnte, nahm ich einen Eimer und verzog mich hinunter auf die Straße. Schlenderte auf und ab, spähte in die Höfe, äugte umher, kehrte wieder ins Treppenhaus zurück, gab Obacht. Ich legte mir Sätze zurecht, mit denen ich einen Offizier ansprechen könnte: überlegte, ob ich nicht zu grün und elend aussähe, um zu gefallen. Fühlte mich körperlich wieder besser, nun, da ich etwas plante und wollte, nicht mehr nur stumme Beute sein.

Ja, und dann kommen sie, zuerst der Petka und dann der Anatol und dann - schön nacheinander - noch einige andere. Sie bringen Lebensmittel mit und bieten als Platzhirsche Schutz. Die Tagebuchschreiberin isst, scherzt, unterhält sich, politisiert mit ihnen - und ist ihnen anschließend im Bett zu Diensten. Eine Überlebenstaktik sicherlich, aber sie äußert erstaunlicherweise auch immer wieder Verständnis für die Russen, für ihre sexuelle Gier und auch für ihren naheliegenden Vergeltungsdrang für das, was ihren Familien in Russland durch die Deutschen angetan wurde. Auch von zaghaften freundschaftlichen Gefühlen ist die Rede und einmal sogar von Lust.

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Angst, Demütigungen und Schmerzen sind die Antriebskräfte für ihr Verhalten. Seitenlang reflektiert sie darüber, ob sie nun eine Dirne ist oder nicht, und ob Liebe in ihrem Leben überhaupt noch eine Rolle spielen kann. Aber sie macht auch deutlich, was nach ihren eigenen Worten keiner der damaligen deutschen Männer anschließend begreifen wollte: Der sogenannte "Schändungsbetrieb" stumpfte auch ab, man arrangierte sich damit, ja man nahm ihn sogar auch mal von der humoristischen Seite.

"Mag sein, dass die zu Hause das Neueste an sozialistischer Planwirtschaft haben", meinte Ilse. "In puncto Erotik sind sie jedenfalls bei Adam und Eva stehen geblieben. Das hab' ich auch meinem Mann zum Trost gesagt." Sie kneift ein Auge zu: "Bei dem knappen Futter ist so ein armer Ehemann natürlich nicht viel wert. Meiner kriegt schon Komplexe deswegen und bildet sich ein, dass die Rote Armee mit ihrer Draufgängerei tatsächlich bei uns Frauen Chancen hätte." - Wir lachten sehr und kamen überein, dass unsere werten Feinde auf freier Wildbahn, als normale Bewerber, in 99 von 100 Fällen nicht die geringsten Chancen hätten. Allenfalls den Hundertsten würde man hier einer Vorprüfung für wert erachten. So tratschten wir und rächten uns mit Spott an denen, die uns demütigten.

Überhaupt die Männer! Sie kommen in diesem Tagebuch wahrhaftig nicht gut weg. Von den Russen werden die Frauen vergewaltigt und von den eigenen Männern - sofern noch oder wieder anwesend - aus Angst und Vorsicht nicht verteidigt. Sie äußert Verständnis dafür, notiert aber auch, dass da - Zitat - sicher "ein ungelöster Rest bleibt".

Und geradezu Verachtung ist aus den Zeilen der Autorin zu hören , wenn sie betrachtet, was vom männlichen Macht- und Kriegsgehabe der Nazijahre übriggeblieben ist.

Immer wieder bemerke ich in diesen Tagen, dass sich mein Gefühl, das Gefühl aller Frauen den Männern gegenüber ändert. Sie tun uns leid, erscheinen uns so kümmerlich und kraftlos. Das schwächliche Geschlecht. Eine Art von Kollektiv-Enttäuschung bereitet sich unter der Oberfläche bei den Frauen vor. Die männerbeherrschte, den starken Mann verherrlichende Naziwelt wankt - und mit ihr der Mythos "Mann". In frühen Kriegen konnten die Männer darauf pochen, dass ihnen das Privileg des Tötens und Getötetwerdens fürs Vaterland zustand. Heute haben wir Frauen daran teil. Das formt uns um, macht uns krötig. Am Ende dieses Krieges steht neben vielen anderen Niederlagen auch die Niederlage der Männer als Geschlecht.

Das hat sich in dieser Radikalität zwar nicht bewahrheitet, aber das Soldatentum, das Kriegshandwerk als verherrlichte Männerdomäne hat seit 1945 in unserer Gesellschaft radikal an Bedeutung und Ansehen verloren.

Das Tagebuch Eine Frau in Berlin ist ein bemerkenswertes historisches und literarisches Dokument. Es zeigt den Menschen in Kriegszeiten in seiner ganzen Erbärmlichkeit, aber auch in seinem verständlichen Hunger nach Leben, nach Überleben. Die Notizen dieser unbekannten Autorin löst Mythen auf, wie die, dass die Besiegten an der sogenannten "Heimatfront" nur Leidende und die Sieger aus dem Osten nur Barbaren waren. Nicht auszuschließen, dass diese schonungslos offene und differenzierte Betrachtungsweise nicht nur auf Zustimmung stößt, sondern auch auf Ablehnung und Befremden. Die Autorin wollte sich dem nicht aussetzen.

Ich fühle mich meinem Volk zugehörig, will sein Schicksal teilen, auch jetzt noch. Aber wie? (...) Meine fromme Kinderwiege ging mir verloren, Gott und Jenseits wurden zu Symbolen und Abstracta. Fortschritt? Ja, zu größeren Bomben. Idylle im Winkel? Ja, für die Teppichfransenkämmer. Besitz und Behagen? Dass ich nicht lache, unbehauster Großstadt-Nomade, der ich bin. Liebe? Die liegt zertreten am Boden. (...) Trotzdem reizt das dunkle und wunderliche Abenteuer des Lebens. Ich bleibe schon aus Neugier dabei; und weil es mich freut, zu atmen und meine gesunden Glieder zu spüren.

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