Interview / Archiv /

 

"Eine ganz straff organisierte Vereinigung"

Innenministerkonferenz diskutiert Verbot der Rockerbanden Hells Angels und Bandidos

Christine Kröger im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Rockerhandschlag: "Eine reine Inszenierung für die Medien"
Rockerhandschlag: "Eine reine Inszenierung für die Medien" (AP)

Christine Kröger, Chefreporterin des "Weser-Kuriers", hält den sogenannten Friedensschluss zwischen den Rockerbanden Hells Angels und Bandidos für eine reine Medieninszenierung. Die Banden kämpften nicht um Ehre und Respekt, sondern um ihre Reviere im Rotlichtmilieu.

Tobias Armbrüster: Die Hells Angels sind vermutlich die bekannteste Organisation von Motorradfahrern weltweit. Aber immer mehr Polizeiermittler und Politiker sehen in diesen Männern mit den Lederjacken und dem Hells-Angels-Schriftzug auf dem Rücken mehr als Zweiradfanatiker. Seit einigen Monaten liefern sich in Deutschland die Hells Angels einen Bandenkrieg mit einer anderen Gruppe von Motorradfahrern, mit den sogenannten Bandidos. Ein Polizist ist bei Auseinandersetzungen zwischen Hells Angels und Bandidos bereits ums Leben gekommen, immer wieder gab es in den vergangenen Monaten Schlägereien in deutschen Städten. Heute nun wollen die Innenminister der Länder und des Bundes über ein Verbot der Hells Angels und der Bandidos beraten.

Was treibt diese Männer an, die seit Jahrzehnten immer auch als Rocker bezeichnet werden? Darüber wollen wir jetzt etwas ausführlicher sprechen. Am Telefon bin ich verbunden mit der Journalistin Christine Kröger. Sie ist Chefreporterin beim "Weser-Kurier" in Bremen und wurde mehrfach ausgezeichnet für investigative Berichte über die Hells Angels in Deutschland. Schönen guten Morgen, Frau Kröger.

Christine Kröger: Guten Morgen!

Armbrüster: Frau Kröger, was sind die Hells Angels, Motorradromantiker oder Kriminelle?

Kröger: Als Motorradromantiker stellen sie sich selber gerne dar. Gerade die Hells Angels machen eine hoch professionelle PR und Pressearbeit. Dahinter verbirgt sich aber eine ganz straff organisierte Vereinigung, die die Landeskriminalämter allesamt der organisierten Kriminalität für verdächtig halten.

Armbrüster: Welche Delikte sind das genau, die man den Hells Angels vorwirft?

Kröger: Vor allem typische Rotlichtdelikte, Menschenhandel, Zwangsprostitution, aber auch Drogenhandel, Waffenhandel, Schutzgelderpressung, eben typische Delikte, die in den OK-Bereich fallen.

Armbrüster: OK heißt organisierte Kriminalität. - Wie können die Hells Angels in diesem Bereich ihre Macht ausbauen? Reicht es da einfach, dass man sich als schwerer Junge mit schwerer Lederjacke und schwerer Harley Davidson präsentiert?

Kröger: Das reicht natürlich nicht, aber dahinter steckt Strategie und das hat eben ganz viel mit der Kutte zu tun. Wenn die Hells Angels sich aufbauen mit diesen Klubdevotionalien, dann ist das natürlich Furcht einflößend - nicht nur für Sie und mich auf der Straße, sondern auch beispielsweise für Gastronomen, für andere, für Bordellbetreiber -, und da überlegt man sich schon, ob man nicht einschlägt, wenn die Hells Angels anbieten, dass ihre Firma da jetzt die Security übernimmt.

Armbrüster: Heißt das jetzt, wenn ich auf der Autobahn von einer Gruppe Motorradfahrer überholt werde, alle mit Hells-Angels-Abzeichen auf der Lederjacke hinten drauf, dann handelt es sich dabei um Kriminelle?

Kröger: So kann man das natürlich nicht sagen. Es gibt auch Hells Angels, die nichts auf dem Kerbholz haben. Das ist sicherlich richtig. Man darf aber nie vergessen, dass jeder Hells Angel, auch wenn er einen ganz normalen bürgerlichen Beruf hat, auch wenn ihm nie eine Straftat nachgewiesen wurde, schon allein qua Klubmitgliedschaft sich der sogenannten Omertà, dem Gesetz des Schweigens, verpflichtet hat. Das heißt, er würde niemals einen sogenannten Klubbruder bei der Polizei verpfeifen oder auch nur gegen ihn aussagen, egal was der getan hat und wie schwer das Verbrechen ist. Das muss man immer sehen, auch bei den unbescholtenen Mitgliedern.

Armbrüster: Das heißt, diese Gruppe hält völlig still, deshalb gelangen so wenige Informationen an die Außenwelt?

Kröger: Das ist richtig.

Armbrüster: Wie wird denn ein Mann Mitglied bei den Hells Angels?

Kröger: Das dauert im Allgemeinen mehrere Jahre. Man muss sich bei den Hells Angels richtig hocharbeiten, vom sogenannten Hang-around, also Anhänger, über den Prospect-Status, Anwärter, bis man schließlich "full member" ist, also Vollmitglied.

Armbrüster: Und was sind das für Männer, die dort Mitglied werden?

Kröger: Das ist ganz verschieden. Wie gesagt, die Hells Angels haben auch ganz unbescholtene Mitglieder, viele Handwerker, aber auch Akademiker. Aber ganz viele sind eben auch beruflich im Rotlichtbereich tätig, sprich sie betreiben vielfach Bordelle oder Sicherheitsfirmen.

Armbrüster: Das heißt, es kann durchaus sein, dass da auch ein Bankangestellter nach Feierabend seine Hells-Angels-Lederjacke anzieht und sich anschließend im Rotlichtmilieu betätigt?

Kröger: Ja, das ist richtig. Man sieht das ja immer, wenn die mal tatsächlich auf der Anklagebank landen, weil die Omertà mal nicht funktioniert hat und die Polizei einen Kronzeugen gefunden hat. Dann kommen da Berufsangaben wie Aushilfsfahrer, oder eben arbeitslos, Lagerarbeiter. Wer sich dann aber in der jeweiligen Region auskennt, weiß genau: Der Angel betreibt das Bordell, die beiden haben die Kneipe. Also es ist einfach dieser Bereich hauptsächlich.

Armbrüster: Sind die Hells Angels denn eigentlich bundesweit organisiert?

Kröger: Juristisch sind die einzelnen Charter sozusagen nach Vereinsrecht regional organisiert. Das macht eben ein bundesweites Verbot auch so schwierig, weil man ihnen bundesweite Strukturen schwerlich nachweisen kann. Nichtsdestotrotz gibt es auch bundesweite Ämter, zum Beispiel einen Bundesgeschäftsführer. Unter der Hand sind die Hells Angels sicherlich auch bundesweit sehr straff organisiert, aber diese bundesweiten Strukturen sind eben schwer nachzuweisen.

Armbrüster: In den letzten Monaten haben wir jetzt viel gehört von einem offenen Kampf zwischen den Hells Angels und den sogenannten Bandidos, einer anderen Rockergruppe. Da gab es in mehreren deutschen Städten auch regelrechte Schießereien. Gestern hat man nun Bilder gesehen, da haben beide Gruppen in einer Anwaltskanzlei in Hannover vor laufender Kamera Frieden geschlossen. Wie glaubhaft, meinen Sie, ist das?

Kröger: Es ist ein Friedensschluss mehr. Es gab schon mehrere davon, Waffenstillstandsabkommen, Friedensabkommen, wie auch immer die Rocker das genannt haben. Gehalten hat das nie lange. Das gestern war meines Erachtens eine reine Inszenierung für die Medien. Es ist fraglich, wie lange das hält. Die Polizei hat da große Zweifel. Aber selbst wenn es eine Weile halten sollte, ist das Problem der Rockerkriminalität damit nicht beseitigt, denn worum kämpfen Bandidos und Hells Angels denn? Sie kämpfen ja nicht um Ehre und Respekt, wie sie selber sagen, sondern das sind Revierkämpfe im Rotlichtmilieu, im Bereich des illegalen Glücksspiels, des Waffen-, des Drogenhandels, des Türstehermilieus.

Armbrüster: Die Innenminister der Länder beraten ab heute in Hamburg auch über ein Verbot der Hells Angels. Wir sprachen darüber mit Christine Kröger, sie ist Chefreporterin beim "Weser-Kurier" und mehrfach ausgezeichnet für ihre investigative Berichterstattung über die Hells Angels. Vielen Dank, Frau Kröger, für dieses Gespräch.

Kröger: Bitte schön!

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Massenproteste in Hongkong"Angst vor einem Einschreiten der sogenannten Ordnungskräfte"

Der Publizist Tilman Spengler bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises 2011 für Fernsehjournalismus.

Die Demonstranten in Hongkong sprechen mit ihren Forderungen für einen großen Teil der Bevölkerung, sagte der Sinologe und Autor Tilman Spengler im DLF. Derzeit gehe aber die Angst um, dass die chinesische Regierung die Proteste noch in dieser Nacht beenden wolle. Man müsse den Menschen, aber auch dem Zentralkomitee raten, äußerste Vorsicht an den Tag zu legen.

Sperrvermerke für Dschihadisten"Nach derzeitiger Gesetzeslage nicht möglich"

Ein Mann hält am 16.10.2009 auf dem Flughafen in Frankfurt am Main seinen Reisepass in den Prototypen einer automatischen Passkontrolle, genannt "easy Pass".

Um zu verhindern, dass gewaltbereite Dschihadisten über die Türkei nach Syrien oder den Irak ausreisen, ist ein Sperrvermerk im Personalausweis im Gespräch. Ein juristisch absolut problematisches Unterfangen, sagte Nikolaos Gazeas, Experte für internationales Strafrecht, im Deutschlandfunk. Ein Sichtvermerk hätte eine stigmatisierende Wirkung.

Massenprotest in Hongkong"Der Funke könnte auf Festlandchina überspringen"

Zwei junge Frauen verteilen Essen an Pro-Demokratie-Demonstranten in Hongkong

Was in Hongkong passiert, lässt sich nicht mehr wegzensieren, ist der chinesische Publizist Shi Ming überzeugt. Durch die starke ökonomische Verflechtung wisse man in Südchina über die Proteste in Hongkong genau Bescheid, sagte Shi Ming im DLF. Dies sei eine Herausforderung für Peking.

 

Interview der Woche

Sigmar Gabriel zu Ceta"Wir wollen Nachverhandlungen"

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) fotografiert am 19.05.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen).

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wirft der EU eine schlechte Verhandlungsführung beim Freihandelsabkommen Ceta vor. Sie habe "Geheimverhandlungen" geführt und damit Ängste in der Bevölkerung geweckt, sagte er im DLF. Er fordert Nachverhandlungen, vor allem beim Investitionsschutz.

Bayerns Finanzminister Söder"Der Länderfinanzausgleich belohnt das Nichtstun"

Der bayerische Finanz- und Heimatminister Markus Söder (CSU), aufgenommen am 05.12.2013 auf einer Pressekonferenz in München.

Ähnlich wie für Griechenland in der Eurokrise müsse es für schwache Bundesländer in Deutschland Anreize und Druck geben, ihren Haushalt in Ordnung zu bringen und Strukturreformen anzustoßen, forderte Bayerns Finanzminister Markus Söder im Interview der Woche des DLF. Das bisherige System schädige starke wie schwache Länder.

McAllister über Schottland-Referendum"Das ist eine sehr emotionale Debatte"

David McAllister, CDU-Abgeordneter im Europäischen Parlament

Der CDU-Europaabgeordnete David McAllister ist Sohn eines schottischen Vaters. Das bevorstehende Unabhängigkeitsreferendum habe in der schottischen Gesellschaft zu tiefen Rissen geführt, sagte McAllister im DLF. Nach der Abstimmung sei es enorm wichtig, wieder Brücken zwischen den Lagern zu bauen.