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StartseiteEuropa heuteEine Gesetzesänderung mit Folgen27.09.2013

Eine Gesetzesänderung mit Folgen

Russische Waisenkinder leiden unter Adoptionsverbot für ausländische Paare

Paare aus den USA dürfen seit Anfang 2013 keine Waisen aus Russland mehr adoptieren. Beobachter befürchten nun, dass auch Paaren aus Europa die Adoption erschwert werden könnte. Aktuell setzt man in Russland darum vermehrt auf Pflegefamilien.

Von Andrea Rehmsmeier

Mehr als 600.000 Kinder wachsen in Russland ohne Eltern auf. (picture alliance / dpa / Tass Belousov)
Mehr als 600.000 Kinder wachsen in Russland ohne Eltern auf. (picture alliance / dpa / Tass Belousov)
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Politische Vergeltung auf dem Rücken von Waisenkindern

Katja ist zwölf Jahre alt, Nadja ist elf, Anja und Ira sind beide zehn Jahre alt: Die Fotos auf dem Regal im Kinderzimmer zeigen die Mädchen lachend im Sommerferienlager: Urlaub auf Staatskosten, der ihnen als Waisenkindern zusteht. Doch auch zu Hause, verraten die Vier, gibt es eine Attraktion: Die Schäferhündin Laila hat drei Welpen bekommen. Das Schicksal der Mädchen scheint sich zum Guten gewendet zu haben, nachdem das Sozialamt ihren leiblichen Eltern wegen Vernachlässigung das Sorgerecht entzogen hat. Heute leben sie zusammen in dem kleinen Haus der Lehrerin Lina Naumova, in einer Vorstadt von Perm. Diese hat ihre Berufstätigkeit aufgegeben, um sich ganz ihren Pflegekindern widmen zu können.

"Ich komme aus einem Dorf, in dem es damals keine ordentlichen Männer gab – alle waren Alkoholiker. 2001 habe ich mich entschlossen, ein Mädchen aus dem Waisenhaus bei mir aufzunehmen. So kam zuerst Katja zu mir, und danach habe ich Nadja geholt. Aber auch zu dritt ist uns bald langweilig geworden, wir haben also zwei weitere Mädchen bei uns aufgenommen. Und jetzt haben wir hier unser eigenes, weibliches Zarenreich: Sogar unsere Hunde sind alle Weibchen!"

"Mama", so nennen die vier Mädchen Lina Naumova. Das Sozialamt zahlt ihr allmonatlich umgerechnet 70 Euro Unterhalt für jedes Pflegekind. Zusammen mit der Rente der Großmutter, die ebenfalls in dem Haus wohnt, kommt die sechsköpfige Patchwork-Familie gut über die Runden.

Das Modell Pflegefamilie macht gerade Schule in Russland: Denn für 128.000 Kinder wird akut eine Adoptivfamilie gesucht – aber seit Anfang des Jahres verbietet die russische Gesetzgebung Auslandsadoptionen in die USA, und in Russland selbst gibt es nur 18000 adoptionsbereite Paare. Da ist eine Pflegevormundschaft - als unbürokratisches Versorgungsmodell auf Zeit – eine gute Kompromisslösung für die Kinder und für Leute wie Lina Naumova.

"Ich musste meine Meldebescheinigung vorlegen, ein ärztliches Attest und ein polizeiliches Führungszeugnis – das wars! Die Mädchen in Pflege zu nehmen, das lief ohne jede Komplikation durch die Behörden, die Formalitäten waren schnell erledigt."

Doch die forcierte Familieneinbindung hat auch Kritiker. Diese kommen unter anderem aus einem Berufsstand, der in den vergangenen Monaten unter Beschuss der staatsgelenkten Medien geraten ist: zwischenstaatliche Agenturen, die Auslandsadoptionen vermitteln. Interviews wollen die meisten nicht geben: Die Stimmung im Land ist zu aufgeheizt. Eine Vermittlerin aber ist zu einer anonymen Stellungnahme in einem Café bereit. Sie arbeitet im aufrag des Staates Italien.

"Viele Leute nehmen Pflegekinder auf, um selbst nicht arbeiten gehen zu müssen. Und nur sehr wenige verfolgen das Ziel, die Kinder zu erziehen wie ihre eigenen. Warum sollten sie eine Adoption in Betracht ziehen, wenn sie dann auf das Unterhaltsgeld verzichten müssen? Als Pflegeeltern können sie das Kind anprobieren wie einen Stiefel – und wenn es nicht passt, dann geben sie es zurück -- das Gesetz erlaubt so etwas! Und das ist schrecklich."

Gesund, möglichst jung und am liebsten weiblich - so sieht das Kind aus, von dem kinderlose Paare in Russland träumen, berichtet die Vermittlerin. Tatsächlich aber hätten viele Waisen durch den Alkohol- oder Drogenmissbrauch ihrer Eltern körperliche oder psychische Schäden davongetragen. In Russland, sagt sie, hätten sie damit so gut wie keine Vermittlungschancen - nicht, solange der russische Staat den Eltern behinderter Kinder keine bessere Unterstützung bietet. Ihnen bleibt die Hoffnung auf Eltern aus Europa - solche, die sich auch durch verlängerte Wartezeiten und erhöhte Bürokratie nicht schrecken lassen.

"Die Kinder, die unser Büro vermittelt, haben Tuberkulose, genetische Erkrankungen und teilweise schwere Entwicklungsverzögerungen. Doch jetzt heißt es ja bei uns, dass Auslandsadoptionen eine nationale Schande sind – und das, obwohl russische Familien solche Kinder nie und nimmer aufnehmen würden! Im Ausland ist die medizinische Versorgung besser, darum haben die Paare weniger Berührungsängste: Die Amerikaner nehmen Kinder mit HIV und Hepatitis C. Auch die Deutschen nehmen Kinder mit Hepatitis C, die hier keiner haben will. Und die Italiener, das weiß ich aus Erfahrung, nehmen jedes einzelne Kind an wie ihr eigenes: Sie machen eine weite Anreise, und dann nehmen sie jedes Kind, das ihnen angeboten wird."

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