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StartseiteEuropa heuteEine Größe in der russischen Menschenrechtsszene03.02.2012

Eine Größe in der russischen Menschenrechtsszene

Bundesverdienstkreuz für Menschenrechtsanwalt Jurij Schmidt

Der russische Anwalt Jurij Schmidt hat er in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Menschenrechtler verteidigt. Zur Zeit leitet er das Anwaltsteam von Michail Chodorkowski. Heute wird Schmid das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Von Gesine Dornblüth

Jurji Schmid wird mit in der deutschen Botschaft in Moskau mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.  (AP)
Jurji Schmid wird mit in der deutschen Botschaft in Moskau mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. (AP)

Jurij Schmidt ist ein schmächtiger Mann. Im Gerichtssaal bestimmt, tritt er ansonsten bescheiden auf. Dabei ist das Bundesverdienstkreuz bei Weitem nicht seine erste Auszeichnung. Viele russische und ausländische Anwalts- und Menschenrechtsorganisationen haben den Juristen aus St. Petersburg bereits geehrt. Nur die russische Regierung nicht.

"Vom russischen Staat habe ich noch nie irgendetwas bekommen außer Verfolgung und verschiedenen Unannehmlichkeiten. Ich bin darüber sehr froh, weil ich von unserer heutigen Regierung auch gar keine Auszeichnung annehmen würde. Sie würde mich beleidigen."

Jurij Schmidt ist es gewohnt, gegen die Mächtigen zu arbeiten. Schon zu Sowjetzeiten half er Dissidenten, wenn sie ins Visier der Staatsmacht gerieten. Damals bestimmte allerdings noch der Staat, wer Dissidenten vor Gericht verteidigen durfte. Jurij Schmidt zählte nicht dazu. Er bekam keine Zulassung zu politischen Prozessen.

"Wenn ich jemandem half, dann geschah das verdeckt, im Untergrund. Unsere Arbeit war lebensgefährlich. Damals wurden wir alle vom KGB überwacht. Der Druck auf uns war in der Sowjetunion allumfassend. Angeklagte hatten überhaupt keine Rechte. Überhaupt war die Arbeit als Verteidiger damals sehr schwierig. Das musste ich die längste Zeit meines Lebens erfahren."

Mit Glasnost’ und Perestrojka änderte sich das. 1991 gründete Schmidt ein Komitee von Menschenrechtsanwälten, die erste Vereinigung dieser Art in seinem Land. Dabei war er eher zufällig zu dem Beruf gekommen.

"Ich wusste nach der Schule nicht, was ich werden sollte. Niemand in meiner Familie oder im Bekanntenkreis war Jurist. Mir schien, man konnte in dem Beruf relativ neutral bleiben. Außerdem habe ich weder technisches Talent noch bin ich besonders sprachbegabt. Aber ich habe dann schon im zweiten Studienjahr begriffen, dass ich Anwalt werden will, und dass diese Berufswahl ein Glücksgriff war. Denn meine Arbeit macht mich sehr glücklich."

Seit Beginn der 90er-Jahre hat Schmidt diverse Prominente verteidigt, die auch im Westen bekannt wurden. Darunter den Umweltjournalisten Alexander Nikitin, der atomare Gefahren in der russischen Nordmeerflotte aufdeckte und dafür wegen Landesverrats und Spionage angeklagt wurde. Schmidt erreichte einen Freispruch für Nikitin.

"Aber der bedeutendste Fall in meinem Leben ist mein letzter, mit dem ich meine Anwaltskarriere beenden werde: Der Fall Chodorkowski."

Der Oligarch Michail Chodorkowski gilt als politischer Gefangener. Derzeit sitzt er in einem Straflager im russischen Karelien.

Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Jurij Schmidt ist auch ein politisches Zeichen. Es fällt in eine Zeit des Umbruchs. Immer mehr Menschen in Russland äußern derzeit offen Kritik an der Regierung. Für Sonnabend haben Oppositionsgruppen zu einer Großdemonstration in Moskau aufgerufen. Jurij Schmidt wird aufgrund gesundheitlicher Probleme zwar nicht mitlaufen, aber zur Abschlusskundgebung will er gehen, unbedingt.

"Wir sind nicht mehr dieselben wie vor einigen Monaten. Ich weiß nicht, wozu die Proteste führen. Ob wir erreichen, dass die derzeitige Regierung abtritt. Aber dass hier etwas begonnen hat, was unumkehrbar ist, steht außer Frage."

Und so sieht sich Jurij Schmidt den Zielen, für die er sich seit so langer Zeit einsetzt – Rechtsstaatlichkeit und Demokratie – in diesen Tagen ein Stück näher.

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