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StartseiteBüchermarktEine Hommage an Indien15.11.2010

Eine Hommage an Indien

Anna Katharina Fröhlich: "Kream Korner", Berlin Verlag 2010

Anna Katharina Fröhlich zaubert in ihrem Buch mit allen Sinnen einen Traum von Indien. Ihre Sprache ist so betörend wie anmutig. Sie spielt bewusst mit dem Duktus einer vornehm verquasten und doch eleganten englischen Lady.

Von Claudia Kramatschek

Buchcover Anna Katharina Fröhlich: Kream Korner (Berlinverlag)
Buchcover Anna Katharina Fröhlich: Kream Korner (Berlinverlag)

Die Tür öffnete sich in den widerhallenden Flur des alten Stadtpalastes, aus dessen schattigen, hohen Seitenräumen eine muffige Kühle wehte, eine stark nach Dunkelheit, nach nassem Dackelfell und Mottenkugeln riechende Kühle, die zugleich aus den schwarz-weißen Marmorböden, aus den allsommerlich mit der Feuchtigkeit des Monsunregens voll gesogenen Kalkmauern und aus Wassereimern stieg, mit denen die Dienerinnen barfuß über die gewischten Böden gingen, Abdrücke ihrer schmalen Fußsohlen mit den auseinanderliegenden Zehen hinterlassend.

Willkommen in Indien, genauer gesagt im herrschaftlichen Stadtpalast von Mr. Maripal Bill, seines Zeichens verwitweter Sikh und ein Mann von Rang und Namen. Seinen ersten Auftritt hat er daher auch in einem elefantengrauen Morgenmantel aus Seide, die Füße mit Pantoffeln in Form venezianischer Gondeln versehen, um das Kinn eine kirschrote Bartbinde – den Kopf dagegen gekrönt von einer gelbblauen Baseballmütze. Eigentlich keine Aufmachung, um Gäste, allemal weibliche, zu erwarten. Und doch sind soeben zwei Frauen im Palast eingetroffen: Es ist die Icherzählerin in Anna Katharina Fröhlichs famosem Indien-Roman, sowie ihre eigenwillige Tante Leslie, deren verstorbener Mann ein Lord und mit den Bills befreundet gewesen war.

Mein Onkel und meine Tante versäumten keine Gelegenheit, die Bills maßloser Readers Digest-Dummheit, zügelloser Ausbeutung ihrer Diener, Land- und Fabrikarbeiter, sie ihrer die Lächerlichkeit übersteigenden Konversationskunst zu bezichtigen. Doch beide wollten auf die Gunst der Bills nicht verzichten. Der Clan zählte Onkel und Tante zu seinen family members, eine Nominierung, die Lord und Lady Leslie natürlich ehrte.

Denn der Reichtum der Bills ist sagenhaft; der Stammbaum der Familie verzweigt sich weit zurück in die Geschichte Indiens; Nichtstun gilt den Bills als Zeichen der Noblesse; Arbeiten als eine Schande. Sprich: Die Bills sind der Inbegriff des alten Indiens. Auch die Icherzählerin, die als erfolglose Schriftstellerin nach einem gescheiterten Studium erneut mit Onkel und Tante in einem einsamen und verfallenden Landhaus in der südfranzösischen Provinz lebt, kennt die Familie und ihre zwei Söhne seit ihren Kindheitstagen. Jahr für Jahr reist sie mit Tante und Onkel nach Indien – das sie als berauschende Gegenwelt erlebt zu der bewussten Askese eines kontemplativen Lebens, wie es ihre botanisierende und gärtnernde Tante führt.

Man hatte mich in einem Raum einquartiert, der stark an einen Vogelkäfig erinnerte. Unter der hohen Zimmerdecke gelegene Gitterfenster öffneten sich in das Geäst eines Peepalbaumes, der unter dem Anflug grüner, rotschnabeliger Papageien bebte, leise knackte und krachte. Blätterklänge, Flügelflattern, darin lag mein Bett, hoch im Schatten des Laubes. Aus dem Kleiderschrank von Ms. Moina drang Naphthalingeruch. Als ich damals diesen Vogelraum betrat, befiel mich mit Macht das Gefühl an, mit allen Fasern meines Herzens am Ziel meiner Reise angekommen zu sein.

Kein Wunder, dass ihr der jüngere Sohn wie ein Froschkönig erscheint, den sie nur küssen muss, um ins Reich ihrer Träume zu gelangen. Doch die versuchte Verführung schlägt kläglich fehl – Inder, das ahnt sie da schon, haben keine romantische Ader, sondern kleben an ihrer Tradition. Und nun, ein Jahr später, steht sie mit ihrer Tante erneut im Haus der Bills, um die Hochzeit dieses Sohnes zu feiern, die sie sich in üppigsten Farben ebenso ausmalt wie die betörende Schönheit der Braut. Doch dann kommt alles ganz anders. Denn Fröhlich, die diesen Traum von Indien mit allen Sinnen vor uns hinzaubert, und das mit einer so betörenden wie anmutigen Sprache, die bewusst mit dem Duktus einer vornehm verquasten und doch eleganten englischen Lady spielt, wird diesen Traum mit ebensolch sublimer Raffinesse Stück für Stück wieder dekonstruieren.

Das von dem Stretchstoff der Hose festgehaltene und leicht in die Höhe gedrückte Hinterteil, das in seiner auf diese Weise unterstrichenen Zurschaustellung die Rolle des Charmes oder der Schönheit übernehmen musste, dieses Hinterteil verriet, so wie ein Hinterhof das Wesen der Concierge, das Wesen von Manjithias Braut. Ich erkannte auf einen Blick, dass sich in diese engen Jeans die verkappte und hilflose Erotik einer Frau presste, die glaubte, sich der westlichen Vorstellung von erotischer Kleidung beugen zu müssen, ohne den entsprechenden Körper zu besitzen.

Das aber – so scheint Fröhlich uns sagen zu wollen – gilt für das Ganze alte Indien, das sie mit dem spitzfindigen Blick der liebenden aber unbestechlichen Kennerin letztlich als ebenso degeneriert wie sich selbst entfremdet enttarnt. Da hilft auch nicht der zur Schau getragene neu erwachte Stolz der jungen Generation, die – wie Fröhlich schreibt – über den Umweg von Amerika genau den Inder in sich wiederentdecken, den ihre Väter unter den Briten stets loszuwerden versuchten. Einen letzten Funken Hoffnung lässt Fröhlich allerdings am Horizont der desillusionierten Icherzählerin aufblitzen, und dafür zaubert sie noch einmal eine neue Gegenwelt aufs Tablett: Ausgerechnet in Gestalt eines so armen wie ausgemergelten Rikschafahrers, der entzückt ob seiner Fracht sie und ihre Tante zum Bahnhof kutschiert, meint ihre Heldin das Tor zum Glück zu sehen:

Die Kraft, mit der er seinen Kopf in den Nacken warf, war unbändig und herausfordernd, und als er sich wieder umwandte, lenkte er meinen Geist plötzlich dorthin, wo er bisher keinen Zugang gehabt hatte: in die Dimension des Glückes. War sein offenes, freies, leuchtendes Lachen nicht einer jener Stere, an die wir den Wagen unseres Lebens spannen sollten?

Was es mit dieser weiteren Fährte auf sich hat, die Fröhlich auch für uns als Leser wie in einer indischen Schnitzeljagd auslegt, und wohin diese Fährte die beiden Heldinnen führt – das sei nicht verraten. Aber eins ist sicher: Anna Katharina Fröhlich hat mit "Kream Korner" eine klug komponierte, trotz des thematischen Reichtums organisch sich entfaltende und so urkomische wie liebevolle Indien-Hommage verfasst, die das Land in seinem ganzen Zauber und seiner ganzen Spleenigkeit auf den Punkt trifft. Dass sie dabei in so unaufdringlicher Weise über die philosophischen Kraftfelder von östlicher und westlicher Welt, Bohemetum und Dekadenz, handelndem Leben und Kontemplation sinniert und somit das Gewicht der Existenz befragt, ist nur einer von vielen angenehmen Nebeneffekten dieses erfrischend unzeitgemäßen Romans.

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