Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteBüchermarktEine kokette Briefschreiberin25.01.2007

Eine kokette Briefschreiberin

Die Briefe Virginia Wolffs liefern nicht nur, wie bei so vielen Schriftstellern, biographisches Beiwerk, sondern erweisen sich heute als genuiner Bestandteil ihres Werks. Die deutsche Ausgabe der Briefe fußt auf der sechsbändigen Original-Edition und gewährt tiefe Einblicke.

Von Katharina Rutschky

"Das Briefeschreiben ist für mich wie das Hochwerfen von Omelettes", schrieb Virginia Wolff.  (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
"Das Briefeschreiben ist für mich wie das Hochwerfen von Omelettes", schrieb Virginia Wolff. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)
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"Bitte glaub mir, dass ich besser schreiben könnte, wenn ich mir ein wenig mehr Zeit nehmen würde. Aber das Briefeschreiben ist für mich wie das Hochwerfen von Omelettes: wenn sie zerbrechen und in sich zusammensacken, kann ich es nicht ändern."

So schrieb Virginia Woolf einmal an einen jüngeren Kollegen. Keine flüchtige, eine kokette Briefschreiberin war sie, eine, die ihre Adressaten selten belehren und überzeugen, immer charmieren wollte. Die Absage an eine leidenschaftliche Verehrerin, die Komponistin Ethel Smyth, sie wurde die wichtigste Freundin der späten Jahre - liest sich so:

"Nun, wenn ich täte, was ich tun möchte, würde ich die wie auch immer lautende Nummer anrufen, die die Ihre ist...Aber- oh zum Teufel mit diesen medizinischen Details!- diese Grippe enthält ein besonderes Gift für das, was man das Nervenkostüm nennt; und da meines eins aus zweiter Hand ist, von meinem Vater und seinem Vater dazu benutzt, Meldungen zu diktieren und Bücher zu schreiben- wie ich mir wünschte, sie hätten stattdessen gejagt und geangelt!- muss ich es wie einen verzärtelten Mops behandeln und still liegen, sobald mir der Kopf weh tut.."

Solche Satzgewinde, Gedankenspiele und Metaphern beherrschte Virginia Woolf noch im Krankenstand. Man mag daraus ermessen, welchen Gebrauch sie als Gesunde von ihrer Kunst und ihrem beträchtlichen Verstand machen konnte. Ihre Briefe liefern nicht nur, wie bei so vielen Schriftstellern, biographisches Beiwerk, sondern erweisen sich heute, je länger, je deutlicher, als genuiner Bestandteil ihres Werks. Feministin war Woolf nicht nur aus Überzeuung, sondern gewissermassen vom Temperament her,das sie, ihres persönlichen Genies ungeachtet, an die private, direkte Kommunikation als ihren Grund fesselte.

Zwar bekennt sie, "eitel wie ein "Kakadu" und "Himmel! Himmel" ein Plappermaul zu sein, und nichts so sehr zu lieben als mit Tratsch und Klatsch ihre Briefpartner zu unterhalten. Aber was liefern schließlich Tratsch und Klatsch? Abbreviaturen der menschlichen Komödie, psychologische Vignetten und Schnappschüsse - die um so interessanter sind, wenn sie von einer so hingebungsvollen und gleichzeitig doch auch scharfen Beobachterin wie Woolf stammen. Scheinen die Briefe spontan, dann aber auch einfühlsam auf den Adressaten bezogen, so sind sie doch immer perfekt formuliert, oft witzig und beneidenswert klug über den Anlass und den Adressaten hinaus. Alle, die vor Jahren mit Woolf als feministischer Leidensikone vertraut gemacht wurden, weil Virginia als Kind in der Familie von den Halbbrüdern missbraucht, als Mädchen zurückgesetzt, als Ehefrau bevormundet, als "Joyce für Damen" lange verkannt wurde und schließlich mit dem Selbstmord die klassische weibliche Opferkarriere trotzig -heroisch abzuschließen schien, lernen jetzt in den Briefen was eine wirklich bedeutende Frau ist. So weise wie weiblich.

Die letzten Briefe, in denen sie ihren Selbstmord erklärt, in denen sie Abschied nimmt, schrieb sie an die ältere Schwester Vanessa, neben dem Ehemann Leonard Woolf der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Heute, viele Jahrzehnte, nachdem Virginia Woolf, die Taschen des Mantels mit Steinen beschwert, im eiskalten Wasser den Tod gesucht hat, hat die Bewunderung dafür -jedenfalls bei der Rezensentin- fast die Oberhand gegenüber der Erschütterung gewonnen. Vanessa, die mütterlich idealisierte Schwester, die Malerin und das freie Sexualwesen, das Virginia nie war, hatte sie noch ermahnt, wieder vernünftig selbst in Wahn und Depression zu sein, sich auszuruhen, und den psychotischen Schüben, denen sie seit ihrer Jugend ausgesetzt war, brav zu widersetzen. Woolf antwortet in ihrem Abschiedsbrief:

" Liebste- ich habe das Gefühl, dieses Mal zu weit gegangen zu sein, um noch zurückkommen zu können. Ich bin mir jetzt sicher, dass ich wieder verrückt werde. Ich höre ständig Stimmen, und ich weiß, dass ich es diesmal nicht überwinden werde. Wenn ich könnte, würde ich dir sagen, was du und deine Kinder mir bedeutet haben. Ich kann nicht mehr. Virginia."

Im Abschiedsbrief an den Ehemann Leonard, dem sie für das Glück ihres Lebens dankt, spricht sie auch davon, ihn nicht länger belasten und an seiner Arbeit hindern zu wollen. Nur, wer Woolfs Briefe aus fünf Jahrzehnten liest, sich dieser hypergescheiten Feministin und genialen Autorin mit diesem Teil ihres Oeuvres ausgesetzt hat, ist präpariert, zur Organisation ihres Lebens, ihrer Ehe, ihrer Freundschaften und ihres Sterbens etwas - zu meinen. Ihr Selbstmord war kein Opfertod - eher erinnert man sich an den Stoizismus der Römer und Griechen, zu dem man eine exquisit weibliche Rücksicht addieren muss.

" Liebster ich möchte dir sagen, dass du mir vollkommenes Glück geschenkt hast. Aber ich weiß, dass ich das hier nie überwinden werde und ich vergeude dein Leben. Du kannst arbeiten und es wird dir ohne mich viel besser gehen..."

Nach so viel reflektiertem Altruismus sucht man in den Hinterlassenschaften männlicher Autoren des 20.Jahrhunderts vergeblich. Aber ehe Virginia Woolf einen bewunderungswürdigen Selbstmord im Geist der Stoiker beging, fand sie, nur zum Beispiel, in täglichen Briefen die richtigen Worte, um die Schwester Vanessa, zu der sie selbst lebenslang in einem kindlichen Abhängigkeitsverhältnis stand, zu trösten, nachdem ihr erster Sohn Julian im spanischen Bürgerkrieg gestorben war. Dann beschreibt sie einem jungen Mann die Holpersteine zur wirklichen Autorschaft in einer langen Korrespondenz. Muss man, um zu schreiben, auf das Leben verzichten? Animierend sind die Liebesbriefe an Vita Sackville-West, eine Beziehung, die in die Höhen der Aristokratie und die Nebelfelder des Lesbianismus führt, in der die ansonsten eisern verheiratete und sexuell eigentlich desinteressierte Virginia Träumen von weiblicher Freiheit nachhängen konnte. Ganz frühe Briefe haben die Gründung einer Kommune zum Inhalt. Die Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller, die man bald unter der Sammelüberschrift "Bloomsbury" einordnete, hatten schon die 68er- Idee, progressiv und preiswert in einem Haus zusammen zu wohnen. Man könnte endlos zitieren, ebenso endlos psychologische und politische Anschlüsse von Bloomsbury an die jüngere Gegenwart herstellen.

An der deutschen Ausgabe der Briefe von Virginia Woolf gibt es nichts zu meckern, nur zu loben. Sie fußt auf der sechsbändigen Original-Edition und einer englischen Auswahl aus derselben. Weggelassen wurden, nach Stichproben zu urteilen, nur Höflichkeitsbriefe, kurze und unwichtige Mitteilungen, die in der Originalausgabe viel Platz beanspruchten. An erläuternden Fußnoten wurde bei der deutschen Ausgabe aber nicht gespart. Heute kann zwar angeblich jeder Englisch - für die Übersetzung der Woolf-Briefe müssten aber auch sprachlich sehr Versierte sehr dankbar sein. Woolf und ihrer Briefkunst wird man nämlich nur gerecht, wenn man sie locker lesen kann, wie nebenher.

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