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StartseiteBüchermarkt"Eine Kühle mehr als Schutz"18.08.2006

"Eine Kühle mehr als Schutz"

Anja Frisch und ihr Erzählungsband "Schneehase"

Boy meets Girl in Berlin. Er ist Deutschvietnamese und steht am Blumenstand seiner Tante, während sein Onkel dabei ist, Zigaretten zu verticken. Das Mädchen ist zu jung zum Rauchen. Trotzdem versucht es immer wieder, die illegalen Glimmstängel zu bekommen. Täglich begegnen sich die Teenagerblicke und irgendwann fliehen die beiden gemeinsam aus der Stadt, nur für einen Nachmittag, einfach so. Doch der Ausbruch verläuft alles andere als romantisch. Er endet in der brandenburgischen Tristesse, dort, wo das Mädchen herkommt, zwischen Bügelbrett, Plüschtieren und einer von der Nachtschicht dauermüden Mutter. Hier ist es eine Attraktion, einen "Fidschi" zum Freund zu haben, auch wenn er eigentlich Vietnamese ist und in Dresden geboren wurde. "Was heißt schon nie" heißt diese Geschichte aus Anja Frischs Erzähldebüt "Schneehase", in der Sprachlosigkeit und Gefühlswirrwarr von Jugendlichen in einem in Grautönen skizzierten Umfeld beschrieben werden. Auslöser für die Geschichte war eine Beobachtung auf der Warschauer Brücke in Berlin.

Von Ralph Gerstenberg

Die Geschichte "Was heißt schon nie" beginnt an einem Blumenstand in Berlin. (AP)
Die Geschichte "Was heißt schon nie" beginnt an einem Blumenstand in Berlin. (AP)

" Da gibt's ja die vielen Blumenhändlerinnen und die vietnamesischen Zigarettenschmuggler. Und da hab ich halt gesehen, wie einer dann genau da sein Versteck hatte in den Verstrebungen, seine illegalen Zigarettenstangen rausgeholt und verkauft hat. (…) Und das setzte sich irgendwie fest, ja und dann plötzlich entstand die Stimme des Neffen von ihm. (…) Den Eindruck hatte ich schon viel länger, also vor längerer Zeit, und das kam dann irgendwann wieder hoch, also ich bin nicht nach Hause gegangen und hab mich gleich hingesetzt und geschrieben, sondern es blieb halt und dann kam die Stimme hoch. "

Die Figuren, denen Anja Frisch eine Stimme gibt, sind oft unscheinbare Randgestalten, Menschen, die ihren Frust in sich hineinfressen und ihre Sehnsüchte verdrängen. Da findet man erwachsene Töchter, die Strategien gegen den Einfluss ihrer dominanten Eltern entwickeln - und dafür im Einzelfall sogar bis nach Australien flüchten -, da stößt man auf die Außenseiterin, über die man sich im Provinzkaff das Maul zerreißt, und da gibt es Ausländerinnen - die polnische Kinderfrau, die bulgarische Prostituierte -, die die Hoffnung auf ein besseres Leben hierher getrieben hat. Doch Deutschland ist eben nur "fast ein Paradies" - wie es in einer der Geschichten heißt. Für die Situation von Ausländern begann sich Anja Frisch besonders nach ihrem Umzug nach Berlin zu interessieren.

" Ja, das sind halt Leute, die begegnen einem ständig, die sitzen in der U-Bahn usw. Und dann kommt schon das Interesse bei mir, wo kommen die her, was machen die hier. Gerade in Berlin, finde ich. Ich weiß nicht, da kann man eigentlich gar nicht dran vorbei. Die sind ja überall um einen drum herum. "

Vor vier Jahren ist Anja Frisch nach Berlin gezogen. Damit begann auch die Arbeit an den jetzt vorliegenden Erzählungen. Zuvor hatte die 1976 geborene Autorin am Literaturinstitut in Leipzig studiert. Die Stadt Berlin brachte zwar die für den Schreibprozess notwendigen Eindrücke, in den Geschichten selbst ist sie jedoch kaum zu erkennen.

" Es ist ja auch kein richtiger Berlintext bei meinen Texten dabei, also dass mich so unbedingt ein fester Ort interessiert, das ist eigentlich nicht so. Ich halte ja meine Texte eher so … ich weiß nicht, sie könnten auch überall spielen. Früher war es noch extremer, dass ich mich überhaupt dagegen gesträubt habe, irgendeinen Straßennamen oder so zu nennen, und das ist ja schon ein bisschen aufgebrochen. Das kommt ja schon in einem Text vor, das erkennen dann wahrscheinlich nur Leute, die in Wiesbaden wohnen, dass das Wiesbaden ist, an Straßennamen zum Beispiel, aber sonst ist das nicht so wichtig. "

Eine Großstadt, eine Kleinstadt, ein Urlaubsort, ein Dorf im Moor - was Allgemeingültigkeit vermitteln soll, wirkt manchmal etwas konturlos und verwechselbar. Zum Beispiel die Geschichte der Außenseiterin Rosa, die Schuld sein soll an den Leichen im Dorfmoor. Ein sprachlich wunderbar gestalteter Text mit schönen Bildern und einem gut funktionierenden Rhythmus. Doch die Geschichte, die man da liest, hat man schon hundertmal gelesen, gehört oder gesehen. Ebenso die der bulgarischen Prostituierten Wera, die der Onkel der Ich-Erzählerin heiratet, was natürlich viel Wirbel in einer spießigen Kleinstadt auslöst. Verstärkt werden solche Klischees durch eine kühle Distanz der Autorin, der die Stilistik oft wichtiger zu sein scheint als die Gestaltung von Charakteren oder das Erzählen einer Geschichte. Da liegt der Verdacht nicht fern, dieses Ungleichgewicht zwischen formaler Brillanz und inhaltlicher Belanglosigkeit, könne eine Nachwirkung des Leipziger Literaturstudiums sein.

" Ja, das ist immer so ´ne Sache, wird ja auch immer oft in der Presse wiederholt, dass das so die Leipziger Schule ist oder so - weiß ich nicht! Also Leute, die mich vorher kannten mit meinen Texten, die sagten, man hört immer noch, dass du das bist. Natürlich wurde viel Spracharbeit geleistet, dass man halt im Plenum lektoriert hat und vornehmlich auch den Stil lektoriert hat und gesehen hat, wo zum Beispiel Bilder wackeln oder so ganz banale Dinge, das Sprachgefühl wurde geschärft, aber dass das so ganz arg meinen Stil beeinflusst hat, finde ich eigentlich nicht. (…) Dann ist das vielleicht auch `ne Generationensache. Also wie oft wird auch gesagt: Judith Hermann. Und die hat ja nicht in Leipzig studiert. Dann ist das vielleicht Zeitgefühl, Zeitgeist. (…) Auch so eine Kühle mehr als Schutz, weil die Welt so unübersichtlich ist, dass man gar nicht mehr urteilen kann oder dass man irgendwie Angst hat, sich auf irgendwas einzulassen, (…) dass man halt so eine kleine Distanz einbaut - zu sich und der Welt. "

Leider überträgt sich diese Distanz auch gelegentlich auf den Leser, was nicht heißen soll, dass Anja Frischs Geschichten einen völlig kalt lassen, sie hinterlassen nur hin und wieder den Eindruck, als wären sie mit angezogener Handbremse geschrieben worden, als scheue sich die Autorin noch davor, sich auf ihre Themen wirklich einzulassen. Das Talent Anja Frischs blitzt vor allem in ihrer Motivarbeit auf - zum Beispiel wenn in der Titelerzählung "Schneehase" ein Marmeladenfleck auf einem weißen Pelzmantel zum Bild für den inneren Schmerz über den Verlust eines Menschen wird.

Ich drehe mich um und bleibe stehen. Während ich nach Matti Ausschau halte, muss ich an den Toten denken. Und daran, dass ich auf seiner Beerdigung war, jetzt aber erst und zum ersten Mal wirklich an ihn denken muss. Ich überlege, wie er wohl aussah. Es kommt mir anständig vor, ihm ein Gesicht zu geben. Dann entdecke ich Matti. Schneeweiß läuft er zwischen den Grabsteinen auf mich zu. Ein Schneehase. Der Marmeladenfleck auf dem Pelz wie eine Schusswunde.
Matti sagt: Gehen wir.


Anja Frisch "Schneehase"
Luchterhand Verlag, 287 Seiten, 8,50 Euro

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