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Eine Lehrstunde in Sachen Italien-Klischee

Von der Heydt-Museum Wuppertal mit "Bella Italia - Fotografien und Gemälde 1815-1900"

Christiane Vielhaber im Gespräch mit Karin Fischer

Oswald Achenbach: Blick auf Capri (1884), Öl auf Leinwand (Von der Heydt-Museum Wuppertal)
Oswald Achenbach: Blick auf Capri (1884), Öl auf Leinwand (Von der Heydt-Museum Wuppertal)

Das Von der Heydt-Museum in Wuppertal feiert mit Fotos und Gemälden die Süd-Sehnsucht der Deutschen vor dem Massentourismus. Die Ausstellung "fängt gleich am Anfang an, dieses Klischee zu unterwandern", beschreibt Christiane Vielhaber.

Karin Fischer: Die Nachricht einer Kollegen gestern aus Italien: "als du anriefst, bin ich gerade mit Sammy durch die Wellen gehüpft!" – Neid! Hochsommerliche Temperaturen sind im Moment aber auch das einzig Positive, das aus Italien zu uns kommt, sieht man mal von der Produktion von Biowein und Olivenöl ab. Das war früher ganz anders: "Bella Italia" steht seit jeher für die Sehnsucht nach dem Süden, nach dem anderen Licht, dem reichen Kulturerbe. Rom, Venedig, Neapel, Florenz – klingende Namen. Dieser Traum vom Süden wurde tausendfach gemalt und millionenfach fotografiert. Eine Auswahl mit Fotos und Gemälden von 1815 bis 1900 zeigt jetzt das Wuppertaler von der Heydt-Museum.

- Christiane Vielhaber, welches Italien-Bild haben Sie dort gesehen?

Christiane Vielhaber: Also ich muss sagen, es war für mich eine Lehrstunde in Sachen Geschichte der Fotografie, eine Lehrstunde in Sachen Italien-Klischee. Und letztlich – was habe ich noch gelernt? Eigentlich die Schönheit der Fotografie und die Schönheit der Malerei und die Wahrheit.

Fischer: Wieso sagen Sie "Italien-Klischee"? Von welchen Klischees spricht diese Ausstellung?

Vielhaber: Sie fängt gleich am Anfang an, dieses Klischee zu unterwandern, indem sie uns erst mal politisch auf die Fährte schickt, was eigentlich mit Italien – das war ja nicht viel anders als Deutschland; Deutschland war kein Vielvölkerstaat, aber eine kleinteilige Angelegenheit mit Fürsten und Fürstentümern und so was alles -, das wird erst mal erklärt, was Italien zu dem Zeitpunkt war, dass es nämlich keine Einheit war. Und dann gleich daneben, was ich sehr schön finde, wenn man sich vorstellt, wie die Leute heute mit den Fotoapparaten reisen: Die holen sich ja das Handy aus der Tasche und machen einmal Klick. Da sind zwei große Plattenkameras, die bis an die 30 Kilo wiegen, die stehen dann da mitten drin. Und Sie sehen große Fotos aus dem Italien dieser Zeit. Sie haben, wie gesagt, die Angaben zur politischen Geschichte, Sie sehen Garibaldi, Sie sehen das alles, bevor Sie anfangen, mit auch diesem Klischee der Grand Tour, wo eigentlich die betuchten Europäer, ihre Söhne oder die Eltern, auf Grand Tour gingen und fingen dann in Norditalien an. Und haben sich aber nicht ganz herunter bis nach Sizilien gewagt.

Fischer: Das war sozusagen Bildungsurlaub und auch zum Erwachsenwerden und Kulturgeschichte und natürlich lebenswert.

Vielhaber: Erwachsen werden eher vielleicht nicht, Kulturgeschichte, aber auch Rekonvaleszenz, denn ich meine, wenn ich an diesen Sommer hier denke, würde ich auch denken, man kann oder konnte in Italien besser durchatmen. Aber was diese Ausstellung dann macht: sie geht diese Schritte von der Grand Tour, also von Norditalien bis nach Neapel, aber es wird immer begleitet. Also unsere Klischeevorstellung in den Fotografien, die die Fotografen ja auch gemacht haben für diese Touristen, damit die das mit nach Hause nehmen konnten, "guck mal, so trocknen die ihre Makkaroni auf der Straße" oder "so leben die". Also, das haben sie mitgenommen. Und auf der anderen Seite, wo die Maler dann kamen, ich hätte gerne Motiv Nummer 15, das ist so eine Genreszene mit "dolce far niente", so heißt das, also mit jungen Knaben, die da unten nichts tun und auf der Straßenecke liegen. Also auch das, wie das dann in die Malerei reingekommen ist. Aber – und das fand ich das Allerschönste -, dass Sie zum Beispiel Reiseberichte von Leuten wie Fontane lesen können. Sie sehen also eine Genreszene: Da ist ein Schuhputzer, und hintendran steht ein Junge, der dem Touristen das Taschentuch aus der Hosentasche zieht. Ich weiß nicht, was an so Taschentüchern was Teures oder Besonderes war, Tempos gab es ja damals noch nicht. Aber dann haben Sie dazu eine Beschreibung von Fontane, wie er sagt, "Venedig ist ja ganz schön, aber es stinkt und es ist alles so furchtbar. Und dann haben sie meiner Frau natürlich das Taschentuch aus der Hosentasche gezogen." Solche Sachen, dass das also konterkariert wird von Erlebnissen von Menschen, die da wirklich waren, wo es gestunken hat, wo es geschimmelt hat, wo die auf Stroh geschlafen haben. Und auf der anderen Seite eigentlich diese Fotos, dass das das Eldorado für Kultur war, das Forum Romanum. Dann aber kommt es an einer Stelle doch, da wird es dann ganz wissenschaftlich: Pompeji, wo die Bourbonen vorher einfach nach unten gegraben haben. Und dann kamen die neuen Wissenschaftler und haben Schicht für Schicht. Und dann finden Sie die ersten Fotografien von diesen Leichen da unten. Und das sind unheimlich beeindruckende Fotografien, wissenschaftlich, und da sind die Fotografen dann auch schon weiter, dass sie einfach nicht so lange Belichtungszeiten brauchen.

Fischer: Ganz kurz zum Schluss, Frau Vielhaber: Welche Maler stehen im Mittelpunkt?

Vielhaber: Es sind romantische Maler. Es ist Achenbach, es ist Overbeck, es ist Feuerbach dabei. Und dann sehen Sie zum Beispiel, wenn Sie Vorbild und Nachbild sehen, italienische Frauen im Profil. Und dann sehen Sie ganz genau, was Feuerbach gemacht hat, und dann haben Sie diese italienische Frau mit diesem wunderbaren Profil. Dann hat sie auch diese Kopfbedeckung, die es nur in Italien gab, und so sehen Sie eigentlich, wie das übernommen wurde, ohne dass die Künstler in Italien haben gewesen sein müssen.

Fischer: Dank an Christiane Vielhaber für diesen Blick nach "Bella Italia", jetzt im von der Heydt-Museum in Wuppertal.

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