Die neue Platte / Archiv /

 

Eine Liebeserklärung an die Posaune

Der Klang der Barockposaune im Zentrum

Von Rainer Baumgärtner

Die Posaune gehört auch zu den Instrumenten des Frühbarock
Die Posaune gehört auch zu den Instrumenten des Frühbarock (AP Archiv)

Wer eine Liste beliebter Instrumente des Frühbarock erstellt, der wird bei Laute, Cembalo und Violine beginnen. Auf zwei neu erschienenen CDs mit Musik aus dem 17. Jahrhundert darf nun einmal ein deutlich weniger populäres Instrument im Mittelpunkt stehen, die Posaune.

Auf der CD "Mehrchörige Meisterwerke von den vier Emporen der Klosterkirche Muri" sind bis zu sechs Posaunisten im Einsatz. Im Zusammenwirken mit den anderen Instrumentalisten des Ensembles Les Cornets Noirs und mit den Vokalisten von der Cappella Murensis führen sie klangprächtige Kompositionen von Giovanni Gabrieli und Heinrich Schütz auf. Anders ist der Ansatz der vom Ensemble Oltremontano vorgelegten Neuaufnahme mit dem Titel "Trombone grande": Zwar sind auch hier insgesamt drei Posaunisten beteiligt, doch im Kern geht es um ein einzelnes Mitglied der Posaunenfamilie, um die Bassposaune.

Die Anfänge des Instrumentes liegen weitgehend im Dunkeln. Höchstwahrscheinlich wurde seine charakteristische Bauart mit dem U-förmigen Doppelzug in der Mitte des 15. Jahrhunderts in Burgund erfunden. Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts war die Posaune in ganz Europa verbreitet und wurde an Höfen und in Stadtpfeiferkapellen gespielt.

Zu Beginn existierte sie in nur einer Größe in Tenorlage, doch bald schon wurden auch Alt- und Bassposaunen gebaut, entsprechend der Gepflogenheit in der späten Renaissance, ganze Instrumentenfamilien zu spielen.

Wim Becu, der belgische Leiter des 1993 gegründeten Ensembles Oltremontano, ist einer der weltweit führenden Interpreten auf der Barockposaune. Welch erstaunliche Virtuosität man auf dem Bassinstrument entwickeln kann, das stellt er nun auf der CD "Trombone grande" eindrucksvoll unter Beweis.

"1) Giovanni Martino Cesare, La Hieronyma alla quinta bassa (München/1621)"

Dies war "La Hieronyma" vom Udineser Giovanni Martino Cesare, der 50 Jahre lang als Posaunist und Zinkenist am Münchener Hof diente, mit Wim Becu und der Harfenistin Ellen Schafraet. Das Werk, eine Huldigung an Graf Hieronymus Fugger, ist eine von lediglich zwei bekannten Solokompositionen des 17. Jahrhunderts für Posaune!

Beim Rest der CD "Trombone grande" behalf sich Wim Becu damit, dass er für andere Instrumente vorgesehene Stücke für seine Bassposaune transkribierte; zum Teil begnügte er sich auch mit Werken, in denen er nur eine wichtige Nebenstimme übernahm. Insbesondere der Zink nimmt dabei mehrmals die Hauptrolle ein. Am Ende ist eine Aufnahme herausgekommen, die die diversen Facetten der "großen Pohsaun" mittels abwechslungsreicher Kombinationen von Instrumenten exemplarisch beleuchtet.

Auf ein paar Tracks der CD ist auch die ganze Familie versammelt, Alt-, Tenor- und Bassposaune, beispielsweise bei der folgenden vierstimmigen Motette des Polen Nikołai Zieliński, bei der die Diskantstimme auf einem Zink ausgeführt wird. Die Verzierungen aller Stimmen stammen vom Komponisten selbst, der sie in einer Alternativfassung auch drucken ließ.

"2) Nikołai Zieliński, Viderunt omnes à 4 (Motette, Venedig/1611)"

Dies war eine instrumentale Realisation der Motette "Viderunt omnes" von Nikołai Zieliński mit Mitgliedern des Ensembles Oltremontano unter der Leitung des Bassposaunisten Wim Becu. Ein so renommierter Interpret wie Wim Becu ist natürlich auch als Lehrer gefragt und er unterrichtet in Köln und Bremen. Insgesamt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bei der Qualität der Nachbauten historischer Posaunen und auch bei deren Spielern ein enormer Sprung vollzogen.

Inzwischen kann man in Europa an einer Reihe von Hochschulen Barockposaune studieren, wobei es im Vergleich zu den meisten anderen Instrumenten bei der Posaune viele Musiker gibt, die sowohl auf barocken wie auf modernen Instrumenten spielen.

Die große Zeit der Posaunen war von etwa 1550 bis 1650. Die Komponisten waren damals dabei, eine autonome Instrumentalmusik für Ensembles zu entwickeln und unter anderem schrieben sie für die vorhandenen höfischen und städtischen Bläsergruppen. In denen gaben Zink und Posaune den Ton an, nachdem sie die klanglich weniger flexiblen Instrumente Schalmei und Dulzian an den Rand gedrängt hatten.

Ein herausragendes Zentrum, in dem die Emanzipation von der Vokalmusik vorangetrieben wurde, war Venedig. Am dortigen Markusdom kam noch ein weiteres, klanglich sehr relevantes Phänomen hinzu, die Mehrchörigkeit. Besonders Giovanni Gabrieli brachte dieses Kompositionsprinzip zur Vollendung, indem er Musikergruppen auf den verschiedenen Emporen von San Marco platzierte und in seinen Werken mit den dabei möglichen Raumeffekten experimentierte. Sein deutscher Schüler Heinrich Schütz baute auf Gabrielis Errungenschaften auf und adaptierte sie zusammen mit dem neuen konzertierenden Stil für seine geistliche Vokalmusik.

Auf ihrer neuen CD haben die Cappella Murensis und das Ensemble Les Cornets Noirs mehrchörige Musik von Gabrieli und Schütz kombiniert. Aufgenommen haben sie die Platte in der Klosterkirche Muri im Schweizer Kanton Aargau, dem Sitz des zehn Jahre alten professionellen Vokalensembles Cappella Murensis. Noch fünf Jahre länger existiert die in Basel beheimatete Formation Les Cornets Noirs, die sich inzwischen einen internationalen Ruf erworben hat. Analog zur Situation in San Marco haben die beiden Ensembles bei ihrer Neuaufnahme die vier Emporen der Kirche in Muri genutzt, um eine Einspielung von enormer Klangpracht zu erzeugen.

"3) Giovanni Gabrieli, Canzon primi toni a 8 (Venedig/1597)"

Les Cornets Noir, hier bestehend aus vier Posaunen sowie je zwei Zinken, Violinen und Orgeln, führten die zweichörige "Canzon primi toni" von Giovanni Gabrieli auf. Auch wenn sie nicht die Melodie vorgaben, waren die Posaunen unerlässlich, um eine imposante Klangwirkung zu erzielen. Es ist keine leichte Aufgabe, in einer Kirche aufzunehmen, in der die Musiker in zwei oder in allen vier Ecken platziert sind. Das Aufnahmeteam des Labels audite entschied sich, für seine Super Audio CD ganz auf Stützmikrofone zu verzichten und nur ein Mikrofon vor jeder Empore einzusetzen.

Ziel war es, das Klangbild möglichst unverfälscht abzubilden. Die im Vergleich etwa zum Markusdom geringeren Dimensionen der Klosterkirche Muri erleichterten dieses Vorgehen. Daraus resultierte ein sehr präsenter Sound, in dem die einzelnen Stimmgruppen gut zu unterscheiden sind.
Auf der von Johannes Strobl, Kirchenmusiker in Muri, geleiteten Aufnahme wechselten sich Instrumentalwerke von Gabrieli mit mehrchörigen Vokalkompositionen von Heinrich Schütz ab. In dessen Werk "Saul, Saul, was verfolgst du mich?" aus dem 1650 veröffentlichten dritten Teil der "Symphoniae Sacrae" ist eine ähnliche Instrumentalbesetzung wie bei der gerade erklungenen Canzon im Einsatz. Hinzu kommen der aus sechs Sängern bestehende Favoritchor sowie je zwei Posaunen, Truhenorgeln und Violonen.

"4) Heinrich Schütz, Saul, Saul, was verfolgst du mich? (SWV 415, Dresden/1650)"

Mit der Cappella Murensis und Les Cornets Noirs unter der Leitung von Johannes Strobl und einem Werk von Heinrich Schütz ging die Sendung "Die Neue Platte" im Deutschlandfunk zu Ende, in der heute der Klang der Barockposaune im Zentrum stand. Die CD mit mehrchörigen Meisterwerken von Schütz und Giovanni Gabrieli ist beim Label audite erschienen, die CD "Trombone grande" mit dem Ensemble Oltremontano hat das von Note 1 vertriebene Label Accent herausgebracht.
Am Mikrofon verabschiedet sich Rainer Baumgärtner.

Alte Musik
Trombone Grande – Musik für Bassposaune um 1600
Oltremontano
Leitung: Wim Becu
Accent 24263

Gabrieli & Schütz – Mehrchörige Meisterwerke von den vier Emporen der Klosterkirche Muri
Cappella Murensis
Les Cornets Noirs
audite 92.652

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