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StartseiteBüchermarktEine Messe für die Toten01.05.2003

Eine Messe für die Toten

Zsolnay, 396 S., EUR 21,50

Die Roman-Trilogie schildert in einer Mischung aus Familiensaga und Psychothriller das Leben der Familien Appleyard und Byfield im Zeitraum eines halben Jahrhunderts. Der Autor zäumt das Pferd gewissermaßen chronologisch von hinten auf. Die ersten beiden Bände spielen in den 90er und 70er Jahren, der nun erschienene dritte Band geht zurück in die fünfziger Jahre in Rosington, einer Bischofsstadt im Süden Englands. Ein Städtchen, das alle topografischen Ingredienzien für einen englischen Krimi aufweist: Den Dom mit dem düsteren Pfarrhaus,"dunkle Herberge" genannt, im verwunschenen Garten, die verstaubte Dombibliothek, heruntergekommene Herrenhäuser im viktorianischen Stil, Pubs und einen trüben Dorfteich. Wendy Appleyard kommt nach Rosington, nachdem sie ihren Mann verlassen hat, der sie mit einer anderen Frau betrog, und sucht vorübergehend Unterschlupf bei ihrer Jugendfreundin.

Cornelia Staudacher

Janet Byfield hat das, was Wendy vermisst, einen gut aussehenden, erfolgreichen, treu sorgenden Mann - David ist Pfarrer der Domgemeinde und lehrt außerdem an der Universität -und eine reizende Tochter, die vierjährige Rosie. Aber was aussieht wie die perfekte Idylle, gerät durch die Schatten der Vergangenheit, die auf verstörende Weise in die Gegenwart hineinreichen, allmählich aus dem Gleichgewicht; Es schwelt unter der vermeintlich glatten Oberfläche. Zunächst nimmt das nur Wendy wahr, deren Außenseiterrolle ihr eine größere Freiheit einräumt. Bei ihrer Arbeit in der Dombibliothek, die darin besteht, alte Bücher und Dokumente zu katalogisieren, stößt sie auf Briefe eines Vorgängers von David Byfield, der unter dem Verdacht der Blasphemie zur Amtsniederlegung gezwungen wurde. Um Francis Youlgreave, der auch Gedichte schrieb und Autor eines Buches mit dem Titel The judgement of Strangers ist - "Das Recht der Fremden" ist der Titel des vorhergehenden Bandes der Romantrilogie -, ranken sich unheimliche Geschichten. Sein schreckliches Ende - er war opiumsüchtig und nahm sich das Leben - geistert in den Köpfen der Gemeindemitglieder herum, die sich im übrigen gegenseitig bespitzeln und wenig Verständnis füreinander aufbringen. Mißgunst, Gefühlskälte und Bigotterie bestimmen das soziale Klima in dem Städtchen. Die Auseinandersetzung mit der Religion und der Kirche, vor allem aber die Frage, wie das Böse in die Welt kommt, steht im Zentrum aller drei Romane.

Ein Grund, die Roth-Trilogie zu schreiben, war herauszufinden, was ich von der Institution Kirche und von der Religion halte. Mein Vater war Geistlicher, ich bin also vor diesem Hintergrund aufgewachsen. Ich glaube an Gott, bin aber kein Kirchengänger, darauf läuft es hinaus. Was mich fasziniert hat, war die Idee, dass, wenn sich so unterschiedliche Wertesysteme wie das religiöse und das weltliche überlappen und sogar konkurrieren, interessante Dinge geschehen können. Das war es, was ich herausfinden wollte. Viele Personen in der Roth-Trilogie und in "Eine Messe für die Toten" haben ihren Blick auf die Ewigkeit gerichtet. Die Morde aber geschehen innerhalb der Zeit, in der Geschichte. Was mich interessiert, ist die Frage nach Gut und Böse, ich kann nicht sagen, jemand ist total böse, ein anderer total gut, denn je genauer man hinschaut, umso deutlicher werden die Grautöne. Autorin: In der Figur des Engels manifestiert sich diese Spannung zwischen Diesseits und Jenseits. Nicht zufällig nennt Rosie ihre Lieblingspuppe Angel. Auch in den Gedichten des Domkapitulars taucht das Motiv des Engels wiederholt auf. Angel heißt die Entführerin der kleinen Lucy im zweiten Band der Trilogie und "Requiem for an angel" ist der Titel der im vorigen Jahr bei Harper Collins in einem Band erschienenen Trilogie.

Das Engel-Motiv, das durch die ganze Trilogie geht, hat zwei Seiten. Zum einen ist der Engel Ausdruck eines menschlichen Perfektionismus. Die Hauptfiguren wollen in jeder Beziehung perfekt sein. Andererseits benutze ich Engel, ich weiß nicht, ob Sie mir zustimmen, aber oft kann man die Geräusche der Flügel oder etwas ähnliches hören, das man nicht erklären kann; das Leben ist so, daß wir nicht alles erklären können, wo wir hinschauen, gibt es Sachen, die wir nicht verstehen, von der Nuklearphysik bis zur Mikrobiologie. Die Religion ist eine dieser Dinge. Es ist unmöglich, philosophisch die Existenz eines Gottes zu wegdiskutieren, noch ist das Gegenteil möglich. Also irgendwie steht der Engel für das, was wir nicht wissen und vielleicht auch nie wissen werden, was wir uns aber eingestehen müssen, weil wir sonst intellektuell unredlich sind.

Zwei Zeitebenen laufen in dem Roman parallel nebeneinander, die auf rätselhafte Weise miteinander verkoppelt sind. Janets Vater, der an Altersdemenz litt, liegt eines Tages erstochen im Bett, und Janet nimmt sich aus dem Gefühl heraus, schuld zu sein am Tod ihres Vaters, das Leben. Nach und nach erkennt Wendy das ganze Ausmaß der Verbrechen, die sich um die Figur des verurteilten Domkapitulars und Dichters Francis Youlgreave ranken und zurückreichen bis in die viktorianische Zeit. Die Skala der zutage tretenden Verbrechen reicht von Kindesentführung und Verrat bis zu Mord und Missbrauch.

Die Idee zur Roth-Trilogie geht auf die Cromwellstreet-Morde zurück, einem abscheulichen Verbrechen in unserer Nachbarstadt, das war 1995 und man fand heraus, daß ein Mann namens Frederic West und seine Frau systematisch junge Leute in ihr Haus entführten, sie sexuell mißbrauchten und ermordeten und dann beseitigten, indem sie sie in Zementböden einmauerten. Der Mann war Baumeister. Er beseitigte die Leichen, indem er sie in die Fußböden der Häuser seiner Kunden einzementierte. Wir wissen nicht, wie viele Menschen der Mann und seine Frau töteten, oder wie sie starben, obwohl sie, ob Sie es glauben oder nicht, Videos machten von ihren Verbrechen. Autorin: Im Gegensatz zu den beiden ersten Bänden geht es in "Eine Messe für die Toten" relativ moderat zu. Es gibt keine spektakulären Paukenschläge, keine Schockeffekte. Ganz langsam schraubt sich das Geschehen vorwärts, eskaliert die alltägliche Situation dieser eher durchschnittlichen englischen Familie und läßt die Seelenqualen erahnen, die auf die vorausgegangenen Bände verweisen. Hartgesottenen Krimilesem, die einen Krimi nach der Anzahl der Leichen oder der Intensität der Gänsehaut, die er verursacht, beurteilen, dürfte "Eine Messe für die Toten" vielleicht ein wenig zu harmlos erscheinen. Und doch bekennt sich Andrew Tayior, der auch Kriminalromane für Jugendliche schreibt, zum Krimi und Schauerroman als dem Genre, das ihn von Anfang an am meisten interessiert habe.

Es ist wirklich mein Lieblingsgenre, obwohl ich eher sagen würde, ich bin eher ein Romanschriftsteller, der Verbrechen in seine Romane einarbeitet, als ein reiner Krimischriftsteller. Ich benutze das Genre nicht, weil ich Krimis schreiben will, sondern weil Romane, in denen Verbrechen vorkommen, besonders geeignet sind, Charaktere zu zeichnen und ihre Motive zu enthüllen. Ich glaube, das Verbrechen hat die hervorragende Wirkung, die Leute ihr Selbst entwickeln zu lassen, es legt frei, was auch immer unter der Oberfläche der Normalität, der Routine liegt. Ich schreibe Kriminalromane, weil sie wie ein Kurzschluß der Seele sind.

Als erfahrener, routinierter und scharfsinniger Schriftsteller versteht es Taylor, aus Andeutungen, Mutmaßungen und Anschuldigungen ein dichtes Netz zu weben und die Spannung zum Ende hin kontinuierlich zu steigern. Psychologisches Raffinement, emotionale Intensität und seine eindringliche Sprache machen Eine Messe für die Toten zu einem gleichermaßen intelligenten und unterhaltsamen Leseerlebnis. Als Krimiautor par excellence will sich Taylor, der nach eigener Aussage zwar mit Sherlock Holmes und Miss Mapple aufgewachsen ist, dessen literarische Vorbilder aber unter anderen Dickens, Tolstoi und Dostojewski sind, dennoch nicht verstanden wissen. Obwohl Leichen seinen Weg als Schriftsteller von Anfang gepflastert haben.

Das Komische ist, dass schon in meinen ersten Schreibversuchen als Amateur von Vornherein eine Leiche war. Immer schien da eine Leiche zu sein. Ich glaube, aus irgendwelchen dunklen, undurchschaubaren Gründen mag ich Leichen in meinen Geschichten, und sogar wenn ich ohne Leiche anfinge, würde auf Seite 3 eine sein. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber irgendwie war die Leiche immer da und ich merkte, es ist immer eine Art Krimi. Und als es ans Veröffentlichen ging und ich den ersten Roman einer Verlegerin zeigte, die ihn publizieren wollte, sagte sie, ich weiß nicht, ob wir ihn als normalen, als literarischen oder als Kriminal-Roman veröffentlichen. Und dann sagte sie, aber ich denke, wir bringen ihn als Krimi, so können Sie möglicherweise mehr dran verdienen. So bin ich zum Kriminalautor geworden.

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