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Eine Mutter-Sohn-Hölle

"Die Ruhe" von Attila Bartis

Von Jörg Plath

"Wenn wir uns nicht zuzuschlagen trauen, denken wir gern ans Schreiben wie an die Peitsche oder den Ochsenziemer."
"Wenn wir uns nicht zuzuschlagen trauen, denken wir gern ans Schreiben wie an die Peitsche oder den Ochsenziemer." (Stock.XCHNG / Per Hardestam)

Die Mutter ist tot und der Sohn weder traurig noch froh. Obwohl schon Mitte dreißig, hat er immer zu Hause gelebt. Es war eine Tortur, aber er hatte sich arrangiert. Jetzt ist der Schriftsteller allein, mutterseelenallein, und erinnert sich an sein Leben im Schatten der eben Beigesetzten. Er sorgte für sie und wünschte ihr zugleich den Tod. Er siezte sie ehrerbietig und log sie beständig an. 15 Jahre verstrichen mit hasserfülltem Speichellecken. In dem Roman "Die Ruhe" des Ungarn Attila Bartis rekapituliert ein Überlebender eine Mutter-Sohn-Hölle.

" Ich machte regelmäßig einen Spaziergang, bevor ich irgendwohin ging, und wenn es nur bis zum Laden war, immer drehte ich eine Runde im Museumsgarten oder um den Block, während ich mich auf die Sätze vorbereitete, die nicht auf Mutter enden. (...) Ich musste mich nicht nur auf andere Sätze, einstellen, sondern auch auf andere Gesten, auf andere Atemzüge. Die ersten paar Minuten waren immer eine Art Niemandsland, schließlich hatten sich seit fünfzehn Jahren der Wechsel der Jahreszeiten, die Überschwemmungen der Donau und der Zerfall von Schreckensreichen im Intervall zwischen Wannkommstdu und Wowarstdu abgespielt. Alles war zwischen Wannkommstdu und Wowarstdu geschehen: Broker hatten Religionen gestiftet, Bilanzbuchhalter die Offenbarung des Johannes umgeschrieben, Tornados wurden nach Sängerinnen benannt, Erdbeben nach Politikern, fünfzehn Friedensnobelpreise hatten ihren Besitzer gefunden, und ebensoviele Greisinnen waren im Boot von der letzten Leprainsel der Welt geflohen."

Einmal, vor 15 Jahren, wollte der Sohn ausziehen, doch seine Mutter hatte eben einen Nervenzusammenbruch erlitten, weil ihre Karriere als Theaterschauspielerin plötzlich endete. Die Kommunisten hatten Rebeca Weér mit ihrer Tochter Judit erpresst, die in das "kapitalistische Ausland" geflohen war und unter keinen Umständen zur verhassten Mutter zurückkehren wollte. Wutentbrannt lässt die Mutter alle Hinterlassenschaften Judits beisetzen, als sei es die Tochter selbst, doch das symbolische Begräbnis erfüllt die nicht zimperlichen Machthaber mit Abscheu: Der Theaterdirektor spuckt die schöne Rebeca Weér an. Der Sohn tröstet sie, sie schläft mit ihm und verlässt die Wohnung fortan nicht mehr. Ein Schreckensregiment beginnt, und er fügt sich, anders als seine unnachgiebige Schwester. Manchmal, jedoch nie zu Haus, brüllt er die Erniedrigungen unvermittelt heraus. Mit einer, der ersten einer langen Reihe, erschreckt er eine fürsorgliche Bahnwärtersfrau, bei der er auf der Flucht vor anderen Menschen die Nacht vertrinkt:

" Das ist jetzt der 1 Uhr 20er, der Personenzug, sagte sie und tauchte den Lappen wieder in den Eimer. Und beim Güterzug um 3 Uhr 15 brüllte ich, deine Titten sind salzig, du Schlampe, worauf sie in Tränen ausbrach und ihren Mann anflehte, sich aufs Rad zu setzen und einen Arzt zu holen, aber er sagte, ein Arzt sei völlig überflüssig, denn das ginge niemand etwas an, nur mich und sie, der ich das zugebrüllt hätte."

Der Bahnwärter hat Recht. Doch der Mutter gegenüber buckelt der Sohn. Nur im Schreiben begehrt er auf und behauptet einen Rest an Autonomie,

"(...) denn wenn wir uns nicht zuzuschlagen trauen, denken wir gern ans Schreiben wie an die Peitsche oder den Ochsenziemer."

Der Sohn legt diese Ersatzpeitschenschläge auf dem Schreibtisch ab, damit seine Mutter sie heimlich lesen kann. Die Erzählungen scheinen voll unvermittelt ausbrechender Gewalt zu sein. In dürren Worten wird nur eine einzige wiedergegeben, in der ein Pfarrer mit vergifteten Hostien die ganze Gemeinde ausrottet - ein fiktiver Ausbruchsversuch aus dem inzestuösen Stahlkorsett. "Die Ruhe" ist eine ungarische Variante von Elfriede Jelineks "Klavierspielerin", seine klaustrophobische Enge erinnert auch an Werke von Hermann Ungar, Kafkas Zeitgenossen und Landsmann.

Dass sich Attila Bartis für den Sohn als Ich-Erzähler entschieden hat, lässt den Roman zu einem beängstigenden Kammerspiel der Selbstzerstörung werden. Doch die Erzählperspektive und die besondere Art der "tiefen Beziehung" zwischen Mutter und Sohn bringen es mit sich, dass die wenigen anderen Personen undeutlich bleiben: ein Priester, der so verständnisvoll wie sinister wirkt; die Lektorin des Sohnes, die eine Doppelgängerin seiner Mutter ist und von ihm nach Herzenslust brutal vergewaltigt wird; die Geliebte Eszter, deren immense Seelennöte wohl mühelos für einen zweiten Roman gereicht hätten.

Leider will "Die Ruhe" nicht nur ein psychologischer Roman mit einigen grellen Szenen sein, sondern auch noch die bleibende Zurichtung des Menschen durch den Realsozialismus belegen. Ganz ähnlich wie der Slowake Jiri Kratochvil mit seinem eben auf Deutsch erschienenen Kurzroman "Der traurige Gott" greift Attila Bartis dafür auf das altehrwürdige Institut der Familie zurück. Doch Bartis' psychologischer Roman beginnt mit einem Bruch, der politische über Mentalitäten behauptet dagegen eine Kontinuität, und beides verträgt sich nicht miteinander. Warum der Sohn weiter schreibt, obwohl seine Adressatin tot ist, bleibt unverständlich - befreit ist er jedenfalls nicht und darf es auch nicht sein. Vielleicht nehmen deshalb mit der Seitenzahl die genüsslich ausgemalten Pulp-Fiction-Szenen zu.

Attila Bartis
"Die Ruhe"
(Suhrkamp Verlag)

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