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"Eine notorische Anprangerung von Juden"

Antisemitismus in Norwegen

Von Marc-Christoph Wagner

Blick in ein jüdischen Zuhause
Blick in ein jüdischen Zuhause (AP Archiv)

Etwa 1300 Norweger sind jüdischer Herkunft, mehr als 90 Prozent von ihnen lebt in Oslo. Dass diese Menschen unter Antisemitismus leiden, davon wollen viele nichts gewusst haben. Doch jetzt haben die Äußerungen von jüdischen Eltern für Aufsehen und Empörung gesorgt.

Ein ganzes Jahr lang arbeitete der öffentlich-rechtliche Rundfunk NRK an dem Bericht. Und die Norweger wollten kaum glauben, als sie hörten, was jüdische Eltern über ihren Alltag berichteten – nicht weit entfernt und irgendwo im Nahen Osten, sondern mitten auf den Straßen Oslos:

"Mein Sohn war auf dem Weg in die Schule, um sich dort mit einem Freund zu treffen. Einige Muslime stoppten ihn, fragten, bist du Jude, was er bejahte. Daraufhin packten sie ihn, wollten ihn aufhängen. Irgendwie konnte er sich losreißen, bis heute weiß er nicht wie, lief nach Hause und schrie panisch. Ab da begann der Albtraum."

Der Junge traut sich seither kaum noch auf die Straße, leidet unter Verfolgungsängsten, meidet Ansammlungen von Menschen. Auch seine jüdische Identität verbirgt er. Kein Einzelfall, wie sich zeigen soll. Viele jüdische Eltern wissen von Schikanen im Alltag zu berichten – Schikanen, vor denen das direkte Umfeld die Augen schließt.

"Mein Kind erhielt Todesdrohungen, seine Mitschüler sagten, er sei ein Judenschwein und solle abgeknallt werden. Die Lehrer aber wollten davon nichts wissen. Sie sagten, ach, das passiert doch jedem mal. Sie wollen über das Thema nicht sprechen, es ist zu prekär."

Doch die Lehrer wissen genau, dass der Antisemitismus an den Schulen existiert. Zwar wollen sie sich – wie auch die Eltern – nur anonym äußern, aus Angst vor Repressalien. Ihre Aussagen aber sind eindeutig.

"Es gibt eine notorische Anprangerung von Juden – von Witzen bis hin zu offenen Todesdrohungen."

Vor allem im Gesellschaftskundeunterricht tritt der Antisemitismus offen hervor. Die Schüler sagen – die Juden sind allmächtig, kontrollieren den gesamten Westen. Viele geben offen zu, sie würden Hitler bewundern, weil er so viele Juden umbrachte.

Nach dem Protestantismus hat sich der Islam mit etwa 150.000 Muslimen in den vergangenen Jahrzehnten zur zweitgrößten Religion Norwegens entwickelt, das Judentum wird in der offiziellen Statistik des Landes noch nicht einmal als eigene Kategorie, sondern unter der Überschrift "Weitere Glaubensrichtungen" geführt. Etwa 1300 Norweger sind jüdischer Herkunft, mehr als 90 Prozent von ihnen lebt in Oslo. Anne Sender, Vorsitzende der jüdischen Glaubensgemeinschaft in Norwegen:

"Viele Zuwanderer bringen den Antisemitismus aus ihren Heimatländern mit. Das Beschämende aber ist, dass ihnen hierzulande niemand entgegentritt."

Doch eben das soll sich nun ändern, zumindest an den Schulen, sagt die zuständige Bildungsministerin Kristin Halvorsen:

"Es ist völlig inakzeptabel. Diese Art des Mobbings und des Rassismus können wir nicht tolerieren. Es ist Verantwortung der Lehrer und Schulleiter, dieses Verhalten zu stoppen."

Halvorsen wie auch andere Politiker wollen vom Antisemitismus inmitten der norwegischen Gesellschaft nichts gewusst haben, weisen jede Mitschuld von sich. Die Tatsache, dass gerade norwegische Politiker seit Jahren zu den schärfsten internationalen Kritikern der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern gehören, habe mit der Intimidierung von norwegischen Juden nichts zu tun. Derlei Zusammenhänge weist Kristin Halvorsen, die zugleich den Vorsitz der Sozialistischen Volkspartei innehat, als eine der zentralen Akteure der norwegischen Regierung gilt und in der Vergangenheit auch schon zum Boykott israelischer Waren aufgerufen hat, entschieden zurück.

"Das sind zwei grundverschiedene Dinge – die Kritik gegenüber der israelischen Politik auf der einen Seite und derartige Einschüchterungen auf der anderen. Das gibt es überhaupt keine Verbindung, das ist ein vorgeschobenes Argument. Rassismus an norwegischen Schulen ist inakzeptabel. Niemand darf aufgrund seiner jüdischen Herkunft gemobbt werden."

Immerhin – nach der Ausstrahlung des Berichtes tut sich etwas, zumindest auf offizieller Ebene. Bildungsministerin Halvorsen hat Ende vergangener Woche eine Arbeitsgruppe berufen, die sich mit dem Antisemitismus an norwegischen Schulen befassen soll. Am Freitag besuchten Vertreter unterschiedlicher Glaubensrichtungen die Synagoge Oslos – darunter auch der Generalsekretär des muslimischen Rates, Shoaib Sultan:

"Ich bin gekommen, um meine Solidarität mit der jüdischen Bevölkerung zu zeigen und gleichzeitig zu unterstreichen, dass wir Hetze gegenüber Minderheiten im Lande nicht tolerieren können."

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