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StartseiteBüchermarktEine Porzellanscherbe im Graben. Eine deutsche Flüchtlingskindheit30.05.2003

Eine Porzellanscherbe im Graben. Eine deutsche Flüchtlingskindheit

Aus dem Englischen von Klaus Kochmann

Martha Kent, 1939 in dem deutsch-polnischen Dorf Ulaski geboren, lebt in Phoenix, Arizona, in den USA und arbeitet dort seit vielen Jahren als Neuropsychologin mit Menschen, die unter Kriegs-Traumata leiden, einem Schicksal, das sie gut nachvollziehen kann. Denn gerade einmal fünf Jahre alt, geriet sie als Kind von sogenannten Volksdeutschen zusammen mit ihrer Mutter und den älteren Geschwistern unmittelbar nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Polen in Gefangenschaft. Vier Jahre lang lebte sie, meist getrennt von ihrer Mutter, in den Lagerbaracken des damaligen Potulitz, dem heutigen Potulice, einem kleinen Ort in der Nähe des ehemaligen Bromberg. 1949 kam die Familie frei, floh aus der sowjetisch besetzten Zone in den Westen und verbrachte zwei Jahre in einem Interniertenlager in Hessen, bevor sie nach Kanada auswanderte. Über ihre Kindheit hinter Stacheldraht, ihr Heranwachsen in einem fernen Land, ihre Karriere als Psychologin und die Überwindung ihres Nachkriegstraumas hat Martha Kent ein Buch geschrieben, auf Englisch. Sie arbeitete fast fünfzehn Jahre daran, doch in den USA wollte es kein Verlag publizieren.

Martin Grzimek

Nachdem durch einen Zeitungsartikel in der FAZ ein deutschsprachiger Verlag auf Martha Kent aufmerksam wurde, liegt ihr Buch nun in Übersetzung unter dem Titel "Eine Porzellanscherbe im Graben" vor. Es liest sich wie ein Roman. Dabei liegt die Spannung dieses Berichts nicht in spektakulären Ereignissen während Gefangenschaft, Flucht und Vertreibung, sondern in der Umkehrung eines Musters, das wir normalerweise mit diesem Thema verbinden. Martha Kent, alias Marta Schulz, das kleine Mädchen, litt nicht unter den Repressalien in der Gefangenschaft, sie litt vielmehr unter der plötzlich erlangten Freiheit jenseits des Stacheldrahts. Dazu meint sie in vorsichtig artikuliertem Deutsch, das sie, obwohl sie nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert in Amerika lebt, nicht verlernt hat: -- Für mich war es immer wichtig zu erkennen, dass die Gefangenschaft mich nicht verwundet hatte, ich kam heraus als ein geliebtes, geschätztes Kind, und die Freiheit empfand ich dann schließlich als Trauma.

Gefangenschaft als Geborgenheit – Freiheit als Trauma: wie ist das möglich? Wohl nur deshalb, weil ein Kind keine Fragen nach Zusammenhängen stellt, nicht das Problematische sieht, sondern, mit Verwunderung und Neugier, das, was gerade vor seinen Augen geschieht. Diesen unbefangenen Blick nimmt Martha Kent noch einmal ein, wenn sie von ihrer Kindheit in polnischer Gefangenschaft erzählt. Wenn etwa Frauen von einem Gefangenen zwischen den Beinen rasiert wurden, registriert sie nicht deren Gefühl der Erniedrigung und Pein, sondern das Gelächter der umherstehenden Soldaten. Sie beobachtet, dass Gefangene geschlagen werden, sie hat Hunger, vermisst ihre Mutter, aber sie nimmt das alles lediglich staunend wahr und sucht sich für die fehlende Mutterliebe Ersatz in der Zuneigung durch andere Gefangene. Das Lager, die Baracken, die graue trostlose Umgebung sind ihr Spielplatz, es gibt keine Pflanzen, keine Bäume, nicht einmal das Grün und den Duft eines Grashalms kennt sie. "Wir sahen", schreibt sie, "was wir in Potulice sehen konnten". Sie schreibt es aus ihrer Erinnerung auf in knappen schmucklosen Sätzen, ohne Sentimentalität und Schnörkel, so dass diese ersten hundert Seiten ihres Berichts eine überzeugende Klarheit der Darstellung besitzen und gerade in der Beschränkung auf Details und wenige Begebenheiten die Lageratmosphäre abbilden wie Kinderzeichnungen, die mit simplen Strichen komplexe Verhältnisse ebenso verharmlosen wie desavouieren können. Nirgendwo wird dies deutlicher als in den Namen, die sie den Mitgefangenen wie den Aufsehern gibt. Letztere nennt sie die "Wetterposten", weil die Mutter sie zur Tarnung vor dem "Wetter" warnte, wenn sich ein Wächter näherte, der ja auch jederzeit das Geweht auf sie richten und schießen konnte. "Alles war verboten. Nur das Stillstehen war erlaubt." – Solch knappe Feststellungen militärischer Macht und ohnmächtiger Gefangenschaft sind nicht angelesen oder ausgedacht, sie prägen ein ganzes Leben. Martha Kents Sätze im Anfangskapitel ihres Buches haben etwas Unumstößliches. Sie sind aber auch – und das unterscheidet sie von den meisten Büchern, die sich mit der Nachkriegszeit auseinandersetzen – ohne Groll, Bitterkeit und ohne Übertreibungen oder Wehklage. Die prägenden Ereignisse ihrer Kindheit, Trennung und Liebesentzug, sitzen zu tief in ihr, als dass sie sich durch Worte im Nachhinein darüber erheben könnte.

Zum Beispiel das eine Ereignis, in der die Miliz meinen Vater behalten wollte, und wir wussten, so kamen Männer um, sie wurden von der Familie getrennt und dann getötet. Und die Mutter, 7 Kinder, die Großmutter, die polnische Arbeiterin, die ein ganzes Jahr bei uns blieb, Mutter erklärte einfach, bestand darauf: wir gehen ohne ihn nicht, ihr könnt uns erschießen! Und tatsächlich warteten wir alle auf das Erschießen, und ich kann das noch heute ganz gut sehen, das Warten und die Wand vor mir, die Ziegelsteine, die fühle ich heute noch wie Vaters Gesicht, und ich wartete mit lieben Gefühlen für den Vater, es war in Ordnung, für ihn zu warten, für die Schüsse zu warten. So war dies ein erstes, ganz ganz wichtiges Erlebnis, das mir zeigte, wie kostbar andere sind.

"Wie kostbar andere sind" – wie kostbar Bindungen sind, wie kostbar die Freiheit sein kann – genau diese Vorstellungen erfahren in der heranwachsenden Martha, nachdem sie mit ihren Eltern aus Polen ausreisen durfte, eine jähe Enttäuschung. Der erste Deutschlehrer im Flüchtlingslager in Deutschland schlug sie mit einer Rute auf die Hände, obwohl sie gar nichts getan hatte; ihr Bruder wurde in Kanada, in der neuen Heimat, mit Schlägen bestraft, als wäre er für die Untaten der Deutschen im Krieg verantwortlich; und ein Professor an der Universität von Michigan begrüßt die Studentin Martha Schulz mit "Sieg Heil" – all diese kleinen Verletzungen treffen eine Person, die sich dagegen wehrt, mit den Übeltaten der Nationalsozialisten, mit der Schande des Holocaust identifiziert zu werden. Winzige Schnitte sind es in einer gebrochenen Persönlichkeit, die sich plötzlich als tiefer Graben auftun, in den eine unbewältigte Geschichte einsinkt und das Individuum in seiner psychischen Existenz bedroht. Martha Kent, längst eine erfolgreiche Neuropsychologin, erfährt angesichts eines Patienten, dem die Beine fehlen, weil er in einer brennenden Mülltonne steckte, einen Schock und versinkt in ihr Kindheitstrauma: Gefangenschaft, Schläge, Trennung, Entzug. Sie bricht zusammen und kommt in therapeutische Behandlung. Die bösen Geister der Kindheit sind erwacht.

Und tatsächlich hatte ich Alpträume, jahrelang, denselben Alptraum: er fing immer an, ich laufe durch ein matschiges Feld, das voller Bombenlöcher ist, in dem Wasser steht, und ein bewölkter Himmel spiegelt sich in dem Wasser, an einer Hand schleppe ich meine kleine Schwester, an der anderen meinen kleinen Bruder, die Füße sind schwer, und wenn einer von uns stolpert, fallen wir in eines der Löcher, und im selben Augenblick wird das matschige Feld zur ganz dünnen Kruste Erde, hat sogar eine Rundung, die Löcher sind jetzt Löcher in dieser Kruste, in diesen Löchern wälzen sich die Wolken des Himmels, es ist ein unterirdischer Himmel, und wieder, wenn einer von uns stolpert, fallen wir durch diese Erde, durch diese Kruste in unendliche Wolken und kurz bevor ich tatsächlich falle, wache ich im kalten Schweiß auf.

1985 beginnt Martha Kent damit, ihre Geschichte aufzuschreiben, um sich in der Wiederfindung ihrer verschütteten Kindheit von ihrem Trauma zu befreien. Ein mühevolles Unterfangen. Monatelang versucht sie, zumindest eine kleine Szene aus der Gefangenschaft aufzuschreiben. Anfangs fehlen ihr die Worte.

Das Schlimme war, dass ich tatsächlich meine Sprache verloren hatte. Und ich konnte sie nur finden mit einer lyrischen Stimme, meine Gefühle innen mußten singen. Ich konnte sie nur finden durch Themen, die sich mit Empathie und Liebe beschäftigten zuerst, und dann konnte ich in die schlimmen Szenen geraten. Ich hatte keine Sprache für das Schlimme und ich konnte nicht einfach sitzen und aufzählen, das Aufzählen war nicht da.

Martha Kents jahrelange Bemühungen haben sich gelohnt: das Ergebnis ist ein außergewöhnliches Buch, ein ungewöhnlicher Lebensbericht, die Umwandlung eines schweren Traumas in ein äußerst produktives Leben, um anderen zu helfen, die unter einem eben solchen Trauma leiden. Dem Buch fehlt jegliche theoretische Auseinandersetzung mit den Ursachen des Krieges, mit den Fragen nach dem Warum und "Wer hat Schuld". Der Blick ist begrenzt und deshalb vielleicht um so intensiver. Er fokussiert erzählend das Erleben des Krieges und seiner Folgen aus den Blickwinkeln eines Kindes und gibt gerade deshalb Hoffnung, weil die Unschuld des Erlebens im vorurteilslosen Sich-erinnern die Schuld an der Herkunft des Erlebten entwaffnen kann.

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